Club der Geprellten - DER SPIEGEL
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AFFÄREN Club der Geprellten

Beim italienischen Nahrungsmittelkonzern Parmalat verschwanden rund zehn Milliarden Euro. Betroffen sind Tausende Kleinanleger - und die Deutsche Bank.
• aus DER SPIEGEL 1/2004
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Neun Monate lang hielt ein wertloses Blatt Papier die Katastrophe auf. Die Chefs des italienischen Molkereikonzerns Parmalat, mit über 36 000 Beschäftigten und 7,6 Milliarden Euro Umsatz der viertgrößte Lebensmittelproduzent Europas, zeigten es vor, sobald jemand nach der finanziellen Situation des Unternehmens fragte. Es hatte sich herumgesprochen, dass die Firma auf einem gewaltigen Schuldenberg saß.

Das Schriftstück vom 6. März 2003 testierte Parmalat ein Guthaben von 3,9 Milliarden Euro bei der Bank of America und beruhigte alle Zweifler - jedenfalls bis Freitag vorvergangener Woche. An jenem Tag teilte die US-Bank den Mailänder Wirtschaftsprüfern von Grant Thornton auf deren Anfrage mit, Parmalat habe bei ihr kein Guthaben. Das Papier sei schlicht eine Fälschung.

Die Parmalat-Aktie, am 1. Dezember noch 2,29 Euro wert, brach völlig ein. Kleinanleger, die Anleihen des Unternehmens für insgesamt knapp sieben Milliarden Euro gekauft hatten, verloren an jenem Schwarzen Freitag vier Fünftel ihrer Einlagen. Bis vergangenen Mittwoch war der theoretische Wert der Aktie auf zehn Cent gestürzt - praktisch ein Totalverlust.

Denn inzwischen hatten sich weitere Löcher in der Parmalat-Bilanz aufgetan. So erwies sich ein Posten von 2,9 Milliarden Euro an zurückgekauften Schuldverschreibungen als Luftbuchung: Die Obligationen wurden in Wahrheit nie zurückgekauft. Statt auf die Haben- gehören sie auf die Soll-Seite der Buchhaltung. Jetzt summieren sich Schulden von mindestens sieben Milliarden Euro. Es könnten aber auch zehn Milliarden werden, sollten sich weitere Einnahmen als fiktiv herausstellen.

Ein Fiasko in dieser Dimension kannte Europas Wirtschaft bislang nicht. Als jüngst etwa die holländische Ahold-Gruppe den alten Kontinent mit einem Bilanzskandal erschütterte, ging es gerade einmal um eine Milliarde Euro.

Italiens Wirtschaftsminister Giulio Tremonti und EU-Kommissionspräsident Romano Prodi - sonst nur selten einer Meinung - verglichen den Parmalat-Crash bereits mit der Skandalpleite des US-Energiekonzerns Enron vor zwei Jahren. Damals verpufften etwa 65 Milliarden Dollar.

Ob die verschwundenen Milliarden indes aus Unfähigkeit verbraten, aus Leichtsinn verbrannt oder aus Raffgier beiseite geschafft wurden, müssen nun Staatsanwälte klären. Aber schon jetzt scheint ziemlich klar: Bei Parmalat wurden systematisch die Bilanzen frisiert, Dokumente per Scanner und Kopierer selbst gebastelt. Es droht der größte Betrugsfall der europäischen Wirtschaftsgeschichte.

Wieder einmal haben hoch dotierte Wirtschaftsprüfer und Bänker eine klägliche Rolle gespielt. Die Bank of America und die Citibank sollen mit rund 500 Millionen Euro auf der Gläubigerliste stehen. Die Deutsche Bank hatte noch im September eine 300-Millionen-Euro-Anleihe des Milch-, Käse- und Fruchtsaftproduzenten auf den Markt gebracht - und ist selbst mit über 5 Prozent des Parmalat-Kapitals im Club der Geprellten vertreten. Dabei seien allerdings nur 0,81 Prozent Bank-Eigentum, der Rest - so heißt es - werde nur verwaltet.

Mit dem Parmalat-Debakel jedenfalls endet eine beispiellose Erfolgsgeschichte des italienischen Familien-Kapitalismus. Calisto Tanzi übernahm den mittelständischen Salami- und Schinken-Betrieb im kleinen Collecchio nahe Parma 1961 vom Vater, setzte als Erster im Lande auf pasteurisierte Milch im Tetrapak und machte die Wurstküche aus der Provinz allmählich zum Weltkonzern. Die Finanzierung des Wachstums aber, vor allem über Anleihen von Tochtergesellschaften in Holland oder im Steuersparparadies der Cayman-Inseln, machte zunehmend Probleme.

Anfang dieses Jahres war zum ersten Mal ein 300-Millionen-Euro-Bond nicht absetzbar. Die Anleger wurden misstrauisch, der Kurs begann zu bröckeln. Im Dezember musste Tanzi die letzten Reserven mobilisieren, um eine fällige 150-Millionen-Euro-Anleihe zurückzuzahlen.

Am 15. Dezember übergaben Tanzi und sein Team das Ruder dem Firmensanierer Enrico Bondi. Die Kurse erholten sich aber nur für vier Tage: Dann hatte Bondi eine erste Überschlagsrechnung zum Ausmaß des Desasters erstellt.

Denkbar ist nun, dass die Produktion des Konzerns - oder Teile davon - weiterarbeiten, ohne dass die Gläubiger zugreifen dürfen. Nach italienischem Konkursrecht ist das für zwei Jahre möglich.

Um den Vertrauensschaden für den Wirtschaftsstandort Italien will sich die römische Regierung kümmern. Sie versprach bereits strenge Regeln, eine aufmerksamere Marktaufsicht und einen parlamentarischen Untersuchungsausschuss.

Ministerpräsident Silvio Berlusconi, dessen Koalition das Delikt Bilanzfälschung kürzlich als nicht so schlimm abstufte, riet den geprellten Anlegern, sie sollten das Risiko ihrer Investitionen in Zukunft eben besser prüfen. HANS-JÜRGEN SCHLAMP

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