Der illegale Glanz von Berlin - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 24 / 117

SCHWARZARBEIT Der illegale Glanz von Berlin

Etwa 30 000 polnische Putzfrauen und Kleinhandwerker sorgen dafür, dass die Hauptstadt sauber ist. Sie sehen keinen Grund, in die Legalität zu wechseln.
• aus DER SPIEGEL 7/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Regionalbahnhof Berlin-Lichtenberg, 8.28 Uhr an einem nasskalten Wintermorgen. Der Zug aus Kostrzyn, Polen, entlässt seine Fahrgäste auf den Bahnsteig: Menschen mit kleinen Rucksäcken über der Schulter oder einer Plastiktüte als Handgepäck. Arbeiter auf dem Weg zum täglichen Geldverdienen: grau, abwesend, verschlossen.

Kein Wort fällt, als die Polen an den drei Zöllnern in olivgrünen Overalls vorbeihasten, die auf die mitgebrachten Taschen schauen. Doch gegen das wirkliche Schmuggelgut, das jeden Morgen unter ihren Augen in die Hauptstadt läuft, sind die Torwächter der Europäischen Union machtlos: illegale Arbeitskräfte. »Wenn mich einer fragt, was ich hier will, behaupte ich immer, ich fahre zu meiner Familie oder gehe einkaufen, das ist ja erlaubt«, sagt Janek*, seit sechs Jahren Hausmeister in Neukölln. »Nie ma problemu.«

Er ist einer von etwa 30 000 Polen, die seit Mitte der neunziger Jahre für den Glanz von Berlin sorgen, indem sie die Wohnungen putzen, Altbauten sanieren, Anbauten hochziehen, Tapeten kleben oder Unkraut jäten. Für sechs bis acht Euro die Stunde - und illegal natürlich.

Zwei Drittel von ihnen pendeln wie Hausmeister Janek P. täglich, wöchentlich oder monatlich in die Hauptstadt, manche kommen sogar von der ostpolnischen Grenze mehrmals im Jahr herübergefahren.

Auch Barbara, 32, arbeitet seit 13 Jahren illegal in Berlin. Der Abstieg in die Welt der

Schwarzarbeiter war für die junge Frau so einfach wie Untergrundbahnfahren. Zusammen mit ihrer Freundin Gabriela saß sie am Bahnhof Zoo in einem schmuddeligen Schnellimbiss und blätterte in Kleinanzeigen, die sie nicht verstand. Die beiden jungen Frauen aus dem Kreis Torun} (Arbeitslosenquote: 28 Prozent) wollten als Putzfrauen Geld fürs Studium in Polen verdienen. Ein Türke erklärte ihnen schließlich, wo sie Landsleute finden konnten.

Noch am selben Abend führte sie ein Pole in eine dunkle 25-Quadratmeter-Wohnung in der vierten Etage eines unauffälligen Hochhauses im Stadtteil Wedding, in der schon zwei polnische Ehepaare lebten. Klingelschild und Briefkasten trugen seinen Namen, in dem Zimmer standen vier schwarze Sofas. Die beiden, erklärte der Vermieter, dürften sich das vierte Sofa teilen - wenn jede 150 Euro im Monat für die illegale Bleibe zahle, und das zwei Jahre lang. Er suche ihnen dann auch Putzjobs.

Von da an waren die beiden Teil der vielen polnischen Netzwerke, die über die Hauptstadt gespannt sind. Einer der Hauptknotenpunkte ist die St.-Johannes-Capistran-Kirche in Tempelhof, im Volksmund »polnische Kirche« genannt. 5000 Polen besuchen regelmäßig die Messen in dem schiffsförmigen Bau aus den neunziger Jahren; auf dem Rasen davor wird jeden Sonntag der illegale Alltag organisiert.

Hier ist immer jemand, der weiß, welche Ärzte Menschen ohne Krankenversicherung behandeln, gültige Versicherungskarten gibt es leihweise gegen ordentlich Cash, Wohnungsadressen werden ebenso gehandelt wie Schulen und Kindertagesstätten, die die Kleinen trotz fehlender Aufenthaltserlaubnis aufnehmen. Und wer von seinem Arbeitgeber betrogen wurde, kann sich aussuchen, ob er zu teuren polnischen Anwälten geht oder sich kostenlos vom Polnischen Sozialrat helfen lässt.

»Diese Menschen«, erklärt Erich Steiner vom Caritas-Migrationsdienst, »sind fest entschlossen, hier in Deutschland ihr Geld zu verdienen. Sie werden nicht verschwinden, auch nicht durch stärkere Kontrollen.« Und die Hoffnung der Bundesregierung, die in »haushaltsnahen Dienstleistungen« wirkenden Polen könnten die Legalität wählen, wenn ihnen nach dem EU-Beitritt die Anmeldung eines Betriebs leichter gemacht werde, ist schiere Illusion. Das Schwarzarbeiterheer ist auch so relativ sicher vor der Staatsmacht. Die Ausrede, man sei bloß zu Besuch, ist kaum zu widerlegen. Und wer erwischt wird, kommt eben mit dem nächsten Zug zurück.

Dennoch gab es in den Zügen nach Berlin-Lichtenberg wochenlang kein anderes Thema als die Regierungskampagne gegen Schwarzarbeit. Jeder kennt eine Putzfrau, die einen ihrer Jobs verloren hat, weil der Arbeitgeber das Risiko nicht mehr eingehen mochte. Berichte über Denunziationen, die - wie die von Finanzminister Hans Eichel zu Jahresbeginn auf 7000 Fahnder aufgestockte »Finanzkontrolle Schwarzarbeit« bestätigt - derzeit häufig sind, schürten die Unsicherheit.

Weil aber nur die wenigsten als Selb- ständige ein regelmäßiges Einkommen über dem Existenzminimum nachweisen könnten und nahezu keiner bereit ist, Steuern und Privatversicherung zu zahlen, richten sich die Illegalen darauf ein, weitere Jahre in ihrer Schattenwelt durchzuhalten - ein harter Job neben dem Job.

Schon der Aufbau eines Kundenstamms fordert jeder Putzfrau ein hohes Maß an Durchhaltevermögen, Hartnäckigkeit, Flexibilität und Zuverlässigkeit ab. Ewa, 23, kam 1998 von Torun} nach Berlin. Schon bald, der Wirtschaftsabschwung deutete sich erst an, wurde es aber auch hier für Putzfrauen schwerer, Arbeit zu finden. »Das hat sich wohl herumgesprochen«, sagt der Migrationsexperte Norbert Cyrus, »seit ein paar Jahren kommen deshalb auch weniger polnische Schwarzarbeiter nach Deutschland.«

Ewa quartierte sich bei einer Verwandten ein und bot ihre Arbeitskraft in Kleinanzeigen an. Viele riefen an, die meisten wollten aber Sex, keine Putzfrau ("Dabei stand die Rubrik ganz groß über der Anzeige, ich verstehe das nicht"). Ewa musste von etwa 200 Euro im Monat leben.

Fast drei Jahre dauerte es, ehe sie sich schließlich über Empfehlungen einen festen Kundenkreis erarbeitet hatte. Zurzeit putzt sie in sieben Haushalten und verdient 600 Euro im Monat. »Wichtig ist«, sagt sie, »dass du pünktlich bist und Zeit findest, wenn deine Arbeitgeber dich brauchen. Auf die muss man sich richtig einstellen.« Was angesichts der Sprachprobleme nicht immer gelingt. Eine Kollegin machte den Fehler, im Arbeitszimmer eines Professors immer den Schreibtisch aufzuräumen. Sie räumte nicht lange.

Ewa wie Barbara würden niemals ihren Ruf aufs Spiel setzen, indem sie eine Putzfrau empfehlen, die stiehlt. Nur wer für immer die Stadt verlässt, bietet seine Stellen auf dem Rasen vor der polnischen Kirche an - die Adressen kosten Neuankömmlinge ein Monatsgehalt.

Auch im Arbeitgeberlager gibt es so etwas wie eine interne soziale Kontrolle. Barbara, die mit derzeit sechs Stellen 900 Euro im Monat verdient, hat gelernt, dass sie ihren Lohn zur Not mit Hilfe anderer Kunden eintreiben kann. »Eine Frau«, erzählt sie, »wollte mir einmal 100 Euro Lohn nicht mehr geben. Ich verständigte ihre Freundin, bei der ich auch putze. Kurz darauf hatte ich mein Geld.«

Je dichter diese Netze gespannt sind, desto sicherer sind die Putzfrauen. Wer sich allerdings in den Villen reicher russischer Einwanderer als Hausmädchen verdingt, läuft nicht selten Gefahr, in Berlin wie eine moderne Sklavin behandelt zu werden. »Solange sie dort arbeiten«, sagt Caritas-Mann Steiner, »verschwindet ihr Pass in der Regel im hauseigenen Safe, und ihre Freizeit beschränkt sich auf einen Sonntagnachmittag im Monat.«

Doch alle Netzwerke können eine Angst nicht nehmen: »Wenn du einen Polizisten auf der anderen Straßenseite siehst, fängt dein Herz an zu klopfen«, sagt Barbara. Also bemüht sie sich, so unauffällig wie möglich durch den illegalen Alltag zu kommen. »Ich fahre nicht schwarz, nehme nachts keine Männer mit nach Hause, meine Musik ist nie laut, ich bin ganz brav.«

Krzysztof, 25, aus Lodz verdient seit einem halben Jahr als Kleinhandwerker manchmal 200 Euro im Monat, manchmal erheblich mehr. Aus Vorsicht fährt er nur mit dem Fahrrad in die Wohnungen und Häuser, die er renovieren soll. Die wenigen Arbeitsutensilien, die er selbst mitbringt, transportiert er in einem Rucksack.

Ein Bauzeichner, der kürzlich ein Einfamilienhaus erwarb, lässt dieses von zwei Polen von Grund auf sanieren. Seit Wochen hausen die beiden dort auf Matratzen. Solange sie wach sind, malern, mauern und schreinern die Vielseitigen, selbst am Sonntag. Die Jalousien sind immer heruntergelassen, Licht spenden zwei transportable Scheinwerfer. Deutsche Arbeiter, sagt der Mann vom Bau, seien eben unbezahlbar.

Barbara hielt dieses Leben zehn Jahre lang aus. Als sie schwanger wurde, entschied sie sich, ihr Kind nicht in der Illegalität aufwachsen zu lassen. Die Familie zog in ein kleines Dorf in Grenznähe, wo sie für 40 Quadratmeter nur 150 Euro Miete zahlen muss. Ein Jahr reichten ihre Ersparnisse für das bescheidene Leben.

Jetzt gehört sie wieder zu den Pendlern, die sich vom Bahnhof Lichtenberg aus über ganz Berlin verteilen und den schönen Schein der Hauptstadt polieren - ihr Mann kümmert sich derweil in Polen um den Haushalt. Dass sie putzt statt studiert, stört Barbara nicht: »Die Freunde, die studiert haben, sind alle arbeitslos.«

Manchmal kauft sie vor der Rückreise noch schnell hochwertiges Kindershampoo ein. Das ist in Berlin billiger als in Polen. CAROLINE SCHMIDT

* Alle polnischen Vornamen von der Redaktion geändert.

Zur Ausgabe
Artikel 24 / 117

Mehr lesen über