Bedrohte Paare und Paradiese - DER SPIEGEL
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LITERATUR Bedrohte Paare und Paradiese

Die literarischen Neuerscheinungen dieses Frühjahrs: Beziehungs- und Naturkatastrophen, Abschiede von den Eltern, intime Briefwechsel und wüste Storys vom Erwachsenwerden
• aus DER SPIEGEL 13/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Drogen, die Russen, die Liebe

In ihrem großartigen Debütroman entwirft die junge Polin Dorota Maslowska das atemlose Porträt eines Außenseiters. -------------------------------------------------------------------

Während der Lektüre regt sich Unglauben: Diesen Debütroman soll eine Abiturientin geschrieben haben? Noch dazu in wenigen Wochen, wie es die Legende will, und ganz nebenher auf ihrem Computer, während sie sich auf ihre Prüfungen vorbereitete?

Dorota Maslowska (sprich: Maswuowska) heißt die junge Polin, mittlerweile 21 Jahre alt, und die Perfektion ihres Erstlings »Schneeweiß und Russenrot« lässt zumindest einen Moment lang daran zweifeln, ob dieser verrückt-vulgäre Monolog eines drogensüchtigen, national gesinnten und soeben von seiner Freundin verlassenen jungen Mannes namens Andrzej tatsächlich dem Kopf eines bürgerlichen Mädchens entsprungen ist. Spielt da vielleicht nur jemand die Autorin - und Literaturprofis haben sich einen gekonnten Spaß erlaubt?

In Polen ist der Roman, 2002 erschienen, schnell ein Bestseller geworden, in zehn Sprachen ist er bisher übersetzt worden, die Debütantin ein Star, ihr Porträt auf dem Illustriertentitel - und Kollegen äußern sich höchst respektvoll, wie etwa Andrzej Stasiuk: »So ein Talent erscheint nur einmal in einer Generation.«

Und dann tritt da in Warschau diese schüchterne junge Frau in das Buchcafé »Czuly Barbarzyn}ca« (etwa: zärtlicher Barbar), wo sie sich gelegentlich mit Journalisten trifft, und ist sofort von großer Präsenz: Auch wenn Dorota Maslowska am liebsten gar keine Interviews mehr geben, keinem Unbekannten Rede und Antwort stehen würde, tut sie es doch klug, nachdenklich, kurzum: überzeugend.

Ja, sie habe das Buch hintereinander weggeschrieben, ohne Pause, ohne Bruch, »in einem Monat«, sagt sie. »Ich weiß, dass viele mir das alles nicht zutrauen und dass ich nicht übermäßig intelligent wirke. Aber wenn ich schreibe, weiß ich plötzlich Sachen, von denen ich vor dem Schreiben gar nicht wusste, dass ich sie weiß.«

Und so hat sie sich in die Denk- und Sprechweise dieses Helden Andrzej, den alle nur den »Starken« nennen, eingefühlt und hineinversetzt. Der meist bekiffte und zugedröhnte Brutalo leidet darunter, dass seine Freundin Magda ihn verlassen hat - was er nicht verstehen will, auch wenn er doch weiß, »dass ich in meiner Vergangenheit, die gar nicht so lange her ist, ziemlich aufbrausend war, was übrigens seine Flecken in meiner Beziehung zu Magda hinterlassen hat«.

Seinen Groll lenkt er aber nicht gegen sich, sondern am liebsten gegen die Russen vor Ort ("Putin, hol deine Schmuddelkinder heim"), jene »russischen Diebe«, die den »rasseechten« Polen Konkurrenz beim Zigarettenschmuggel machen: »Entweder ist man polnisch, oder man ist russisch. Mit Schmackes gesagt, entweder man ist Mensch oder Arschloch.«

Das hindert ihn nicht, auch gegen die Segnungen des Westens allergisch zu sein. Und Familienväter hasst er sowieso; einem schlägt er an der Würstchenbude das Essen aus der Hand: vor den Augen der Kinder ("Wozu produziert so ein Wichser massenweise Luschen, wozu verseucht er die Gesellschaft mit solchen Ladenhütern").

Kein besonders freundlicher Geselle, der uns da seine Sicht der Dinge auftischt. Aber wenn er dann noch im Drogenrausch ein Mädchen entjungfert, wird immerhin spürbar, dass er sich eigentlich nach seiner Magda sehnt, nach jemand, der ihm Grenzen setzt. Am Ende kommt die Polizei und setzt den Helden fest. Auf dem Revier sitzt ihm eine junge Dame gegenüber, die das Protokoll aufnimmt und ihn zu seinem Erstaunen sehr gut zu kennen scheint - ihr Name: Dorota Maslowska.

Es habe ihr Spaß gemacht, selbst als Nebenfigur und Polizeischreibkraft im Roman zu erscheinen, sagt die Autorin, »ein Experiment«. Woher sie die Idee dazu hatte? »Keine Ahnung. Ich wollte die Fiktion des Romans erschüttern.«

Seit einem halben Jahr wohnt sie jetzt in Warschau, und gerade hat sie sich entschlossen, doch noch zu studieren, Kulturwissenschaften. Am liebsten würde sie nur lesen und schreiben. Aber nun muss sie erst mal auf internationale Tournee für ihr Buch gehen: »Auf den Westen habe ich gar keine große Lust. Aber nach Russland will ich unbedingt.« VOLKER HAGE

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