Auf der Suche nach dem eigenen Ich
An seinem 15. Geburtstag packt Kafka Tamura seine Sachen: ein goldenes Feuerzeug, ein Klappmesser, eine dunkelblaue Sonnenbrille, ein Kinderfoto von sich und seiner älteren Schwester. Außerdem leichte dünne Sachen zum Anziehen, denn er will in den Süden Japans fahren. Zwei Jahre lang hat sich der Junge auf diesen Tag vorbereitet: daheim in Tokio, wo er mit seinem Vater, einem berühmten Bildhauer, lebt. Die Mutter und die Schwester sind schon lange fort - so lange, dass Kafka sich nicht mehr an sie erinnern kann.
Die Flucht des Teenagers ist in Wahrheit eine Reise zu sich selbst, und sie ist lang und labyrinthisch: 640 Seiten dick ist der neue, so packende wie ungeheuer phantasievolle Roman »Kafka am Strand« des japanischen Bestsellerautors Haruki Murakami, 55 - eine schwer durchschaubare Reise in die Unterwelt des menschlichen Bewusstseins. Der junge Held muss jede Menge Abenteuer in einer geheimnisvollen Welt bestehen, um erwachsen zu werden.
Kafka, der Protagonist der fernöstlichen Odyssee, gelangt nach Takamatsu, wo er seine Tage in einer Privatbibliothek verbringt und deren oberste Chefin Saeki - eine mysteriöse, elegante Dame Mitte fünfzig - kennen und lieben lernt. Ist sie möglicherweise seine Mutter? Und stimmt es, dass sein Vater ermordet worden ist?
Im komplizierten Labyrinth des Romans gibt es diverse Sackgassen; hinter beinahe jeder Ecke lauert eine neue Überraschung; das Wenigste ist mit Logik zu erklären.
Zum Glück ist da noch Nakata, ein alter Mann, der während des Zweiten Weltkriegs seinen Verstand verloren hat, dafür aber mit Katzen sprechen kann und weitere übersinnliche Fähigkeiten besitzt. Er ist es, der Kafka schließlich den rechten Weg aus seiner Not weist. Ein furioses, modernes Märchen, in dem auch schon mal Sardinen und Blutegel vom Himmel regnen. MARIANNE WELLERSHOFF
Haruki Murakami
Kafka am Strand
Aus dem Japanischen von Ursula Gräfe.
DuMont Literatur und Kunst Verlag, Köln; 640 Seiten; 24,90 Euro.