Schnäppchen Scheidung - DER SPIEGEL
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JURISTEN Schnäppchen Scheidung

Anwälte kassieren bald deutlich höhere Gebühren. Trotzdem droht vielen die Pleite - manche werben im Supermarkt um Kunden.
• aus DER SPIEGEL 16/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Famila-Supermarkt in Nienburg an der Weser bietet mehr als die üblichen Schnäppchen. Die »Bierzelt-Garnitur« für 44,99 Euro und die Wäschespinne für 7,99 Euro fehlen zwar nicht. Rechts hinter der Kasse aber stehen drei Schreibtische, daneben dicke Gesetzessammlungen und eine leuchtende Reklametafel: »Rechtsberatung günstig. Rechtsberatung schnell. Rechtsberatung hier!«

Es ist der erste deutsche Anwaltsshop. Die Kanzlei-Kette Müller-Dieckert, das McDonald's der Anwaltszunft, hat ihn im letzten Sommer eröffnet. Eine Broschüre verspricht der Laufkundschaft mit Einkaufswagen: »Ihr gutes Recht muss nicht teuer sein!« Nicht teurer als einen Euro pro Minute jedenfalls - wer die Bierzelt-Ausstattung liegen lässt, bekommt zum selben Preis eine Dreiviertelstunde Rechtsrat.

Dass Anwälte schon im Supermarkt um Kunden werben, hat einen einfachen Grund: Auf dem Anwaltsmarkt kämpfen viele ums Überleben. Die Not macht selbst Juristen erfinderisch, Werbebeschränkungen gibt es nur noch wenige. Die Anwaltschaft, geprägt von Traditionsbewusstsein und Standesdünkel, muss erleben, wie zuletzt ein Berliner Kollege seine »Beratung eines Fachanwalts für Familienrecht« im Internet versteigerte. Und wie jetzt Kanzleien, statt auf Mandanten zu warten, lautstark um Marktanteile kämpfen.

»Recht geht auch anders«, droht die Dortmunder Firma »juraXX«. Neben dem Werbespruch zeigt das Plakat ein Foto von Ché Guevara - solche Methoden müssen auf alte Advokaten wahrhaft revolutionär wirken. Die GmbH hat drei Shops eröffnet, 80 sollen es Ende 2006 sein. Alle in Innenstädten, alle in gleicher Aufmachung: im Schaufenster eine große Preistafel wie beim Friseur. Auch wenn das Werbeverbot schon lange gekippt ist, hätten es früher viele Anwälte abgelehnt, in solcher Umgebung zu arbeiten. Heute sagt Geschäftsführer Andreas Hagenkötter: »Wir können uns vor Bewerbungen kaum retten.«

Vor zehn Jahren gab es rund 70 000 Anwälte, heute sind es 127 000: ein Anstieg um mehr als 80 Prozent. In Frankfurt am Main kommt auf 104 Einwohner ein Anwalt. Und die Bundesrechtsanwaltskammer prophezeite im vergangenen Jahr düster: »Die Spitze ist noch nicht erreicht.« Die Zahl der Jura-Erstsemester steige weiter. Wer die Ausbildung nicht mit Bestnoten abschließt, hat schlechte Aussichten und rackert schon mal für 200 Euro Monatslohn - nur um Praxis zu gewinnen.

Umso ungeduldiger hat der Anwaltsstand zehn Jahre lang auf eine Gebührenerhöhung gewartet. Ab Juli kassieren Anwälte nun, so will es der Gesetzgeber, höhere Honorare. Der Abschlag für Ostdeutschland entfällt. Im Übrigen wird die Gebührenordnung flexibler. Die Vorhersagen variieren, wie viel mehr der Gang zum Anwalt durchschnittlich kosten wird: zwischen 14 Prozent (Bundesjustizministerium) und 21 Prozent (Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft).

Die neuen Tarife gelten etwa dann, wenn es vor Gericht geht; frei verhandelbar sind schon jetzt die Honorare für die außergerichtliche Beratung, wie sie die Supermarkt-Anwälte zum Minutenpreis anbieten. Aber auch die neuen Tarife werden so manchen Rechtsanwalt nicht vor dem Ruin retten. Selbst Computer sind zu Konkurrenten geworden und können angeblich bereits Verträge entwerfen. Im Internet bietet »Janolaw« die Computer-Simulation eines Anwaltsgesprächs, an deren Ende maßgeschneiderte Lösungen stehen sollen: für 9,90 Euro eine Mahnung, für 14,90 Euro ein Testament. Das fertige Beratungspaket Scheidung ist für 175 Euro zu haben.

Jetzt arbeitet das Bundesjustizministerium auch noch an einem Entwurf für ein neues Rechtsberatungsgesetz. Das alte sichert seit Jahrzehnten ein Monopol: Rechtsrat darf nur erteilen, wer die juristischen Examen bestanden hat. Künftig könnten andere Berufsgruppen, etwa Steuer- und Unternehmensberater, stärker zum Zug kommen - der Konkurrenzkampf würde weiter verschärft.

Auf diesem engen Markt versucht sich die Müller-Dieckert-Kette mit ihrem Supermarktkonzept. An fünf Standorten beraten ihre Anwälte, darunter in einem Karstadt-Warenhaus in Berlin. Die Rechtsanwaltskammer schimpfte prompt über einen »dramatischen Niedergang der Rechtskultur«, insbesondere weil die Diskretion nicht gewährleistet sei. Ein Kammervertreter erkannte einen Rückfall ins Mittelalter, als »man sich bekanntlich auf Jahrmärkten vor den Augen der Zuschauer die Zähne ziehen lassen konnte«.

Auch anderenorts gibt es Streit um Müller-Dieckert. Ein Mitarbeiter, der glaubt, zu wenig Geld bekommen zu haben, hat beim Hamburger Amtsgericht einen Insolvenzantrag gegen das Unternehmen eingereicht. Der Anwalt schrieb gleich noch eine Strafanzeige und eine Beschwerde an die Rechtsanwaltskammer. Die Firma, die keine Zahlungsverpflichtung sieht, konterte mit einer Strafanzeige wegen Betrugs.

Der Ausgang der Streitereien ist offen. Doch immerhin tut sich auf dem engen Markt ein Tätigkeitsfeld auf: Anwälte streiten mit Anwälten und am besten noch mit der Anwaltskammer. Dann haben wenigstens alle zu tun. MARKUS VERBEET

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