Fieber im Tal der Tränen - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 37 / 105

NEW ECONOMY Fieber im Tal der Tränen

Die Gründer der Internet-Suchmaschine Google sammeln Milliarden an der Börse ein, das Online-Auktionshaus Ebay verteilt fette Prämien, und mehr als zwei Dutzend Hightech-Firmen drängen in den USA auf den Aktienmarkt. Kehrt die alte Hysterie zurück?
Von Marco Evers und Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 32/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Zeitmaschine steht mitten im Silicon Valley. In einem edlen Bürokomplex im kalifornischen Städtchen Mountain View zelebriert eine rasant wachsende Schar junger Leute den fröhlichen Büroalltag der Zukunft. Gut 1600 waren es Ende 2003, inzwischen sind es schon rund 2300.

Sie kommen in Sandalen und T-Shirt und bringen ihre Kinder und Hunde mit. Sie spielen Flipper und Tischtennis während der Arbeitszeit. Sie entspannen bei Gratis-Massagen und lassen sich in der Edelkantine mit Gratis-Speisen versorgen. Auch Kaffee, Eis und Süßigkeiten gibt es umsonst und unbegrenzt. Einmal in der Woche fährt sogar der Zahnarzt mit dem Bus vor - zur kostenlosen Visite.

Im Schnitt 29 Jahre jung sind die Angestellten im »revolutionärsten Arbeitsumfeld der Welt«, wie die Firma in ihren Stellenanzeigen schwärmt. Neuerdings blättern viele von ihnen begehrlich in den Katalogen der Sportwagen- und Yachthersteller oder haben einen Termin beim Immobilienmakler. Denn dank üppiger Aktienoptionen könnten sie bald über ein ansehnliches Vermögen verfügen.

Willkommen bei Google Inc., der weltberühmten Internet-Suchmaschine: Hier, am Amphitheatre Parkway in Mountain View, lebt die New Economy weiter, als hätte es den Zusammenbruch nie gegeben, der Tausende Internet-Firmen in den Ruin stürzte und Millionen Kleinanleger um ihr Vermögen brachte.

Vergangene Woche erreichte die Stimmung in der Google-Zentrale einen neuen Höhepunkt. Da gaben die beiden Firmengründer Larry Page, 31, und Sergej Brin, 30, die Aktien-Preisspanne des für Spätsommer geplanten Börsengangs bekannt: Zwischen 108 und 135 Dollar sollen Anleger für das Papier zahlen.

Mindestens 2,7 Milliarden Dollar wollen die als »Google boys« prominent gewordenen Turnschuh-Unternehmer an der Wall Street einsammeln. Und vielleicht kommen bei dem von Brin und Page gewählten Auktionsverfahren sogar 3,5 Milliarden Dollar zusammen - für gerade mal neun Prozent der Google-Anteile.

Wie in den Hoch-Zeiten der New-Economy-Blase wird die nur sechs Jahre alte Internet-Firma dann mit einem Schlag 36 Milliarden Dollar wert sein. Nicht einmal in den besten Zeiten des Internet-Booms war ein junges Unternehmen mit einer derart hohen Bewertung gestartet.

Die Firma mit einem Umsatz von rund einer Milliarde Dollar hätte etwa den gleichen Börsenwert wie der deutsche Versicherungsgigant Allianz. Dabei machten die Münchner 2003 fast doppelt so viel Gewinn, wie Google an Umsatz erzielte.

Google würde an der Börse höher taxiert als der Chemiekonzern BASF, höher als Multis wie McDonald's oder General Motors und wäre doppelt so teuer wie das von Web-Pionier Jeff Bezos, 40, gegründete Online-Versandhaus Amazon.

Über Nacht werden dann nicht nur Brin und Page, die zusammen knapp ein Drittel der Google-Aktien besitzen, zu Dollar-Milliardären. Goldener Regen geht auch nieder auf Vorstandschef Eric Schmidt (sechs

Prozent), einige hundert andere Googler, aber auch auf die wenigen, die dank ihrer Instinkte oder Kontakte früh in die Internet-Suchmaschine investiert haben - allen voran auf Andreas von Bechtolsheim, 48, aus Lindau am Bodensee.

Der Mitbegründer von Sun Microsystems und einiger anderer erfolgreicher Technologiefirmen hat den Google-Jungs 1998 den ersten Scheck geschrieben, als die ihr Unternehmen noch nicht einmal gegründet hatten. Bechtolsheim spendierte insgesamt 200 000 Dollar. Das beschert ihm jetzt ein Aktiendepot von annähernd einer halben Milliarde Dollar.

Über einen Risikokapital-Fonds ist auch Kaliforniens Gouverneur Arnold Schwarzenegger an der Geldorgie beteiligt, ebenso die Golf-Ikone Tiger Woods. Auf viele Extramillionen darf sich überdies die Stanford University freuen, wo die Google-Gründer sich einst kennen gelernt und auf einer Studentenbude ihre damals als bahnbrechend geltende Such-Technologie entwickelt haben.

Champagner-Korken knallen jetzt auch andernorts in der heftig gebeutelten Internet-Branche. Das Getöse ist - zumindest in den USA - so laut, dass manche schon von einer neuen Ära sprechen und andere vor neuen Spekulationsblasen warnen.

Nach dem harten Crash im Jahr 2000 waren bis Ende 2003 gerade mal 14 Internet-Firmen an die US-Börsen gegangen. Nun scheint der Katzenjammer vergessen. 5 Internet-Firmen wagten in den ersten fünf Monaten dieses Jahres den Sprung aufs Parkett. Weitere 23, so der Informationsdienst Thomson Financial, haben die nötigen Unterlagen bei der amerikanischen Finanzaufsicht SEC eingereicht und wollen bald nachziehen.

Auf den ersten Blick scheint sich die Geschichte des New-Economy-Booms im Zeitraffer zu wiederholen. Als etwa Mitte Juni die Internet-Firma Salesforce.com aus San Francisco ihr Debüt an der Börse gab, trieben Spekulanten wie früher den Anteilspreis am ersten Tag gewaltig nach oben - um 56 Prozent. Als Firmengründer Marc Benioff wenige Tage später in New York von Analysten ins Kreuzverhör genommen wurde, stürzte der Wert wieder steil ab.

Ähnlich erging es der Aktie des Software-Herstellers Blackboard Inc., der Computerprogramme für Schulen und Universitäten entwickelt. Nach einem furiosen Start fiel der Kurs in den vergangenen Wochen wieder deutlich in Richtung des Ausgabepreises von 14 Dollar ab.

Zur Reminiszenz an vergangene Zeiten könnte auch der Börsengang der Firma Nanosys geraten. Viele freuen sich zwar darauf und vergleichen eine der ersten Nanotechnologie-Aktien mit dem Börsengang von Netscape, der 1995 den Internet-Boom auslöste. Anderen graut davor, denn Nanosys, kaum drei Jahre alt, hat bislang weder ein Produkt noch Einnahmen. Der Börsengang einer solchen Firma, sagt der Silicon-Valley-Investor Vinod Khosla, »ist eine Schande«.

Exoten wie Nanosys oder Alibris Inc., ein Online-Versand für antiquarische Bücher, und PlanetOut Inc., ein Web-Portal für Schwule, sind jedoch Ausnahmen unter den Börsenaspiranten. Anders als in den neunziger Jahren, als die Börsenneulinge scheinbar die betriebswirtschaftlichen Grundlagen außer Kraft setzten und von den Anlegern vor allem Phantasie verlangten, sind heute wieder nüchterne Zahlen gefragt.

So können immerhin 20 der 28 Börsenaspiranten des laufenden Jahres laut Thomson Financial schwarze Zahlen vorweisen. Ende der Neunziger dagegen schrieben 96 Prozent der Hightech-Firmen bei ihrem Börsengang Verluste.

Unterstützt wird der Stimmungswandel durch

die Internet-Pioniere, die den Crash überlebt haben und jetzt florieren. Das Web-Portal Yahoo kommt bereits auf 1,6 Milliarden Dollar Umsatz und erwirtschaftet eine Rendite von fast 15 Prozent. Versandhändler Amazon erzielt sogar mehr als fünf Milliarden Dollar Umsatz und schreibt ebenfalls schwarze Zahlen.

Der Star unter den Dotcom-Firmen ist das Auktionshaus Ebay. Schon 2003 hatte das von der ehemaligen Spielzeugmanagerin Meg Whitman, 46, geführte Unternehmen mehr als 440 Millionen Dollar Reingewinn eingefahren - bei einem Umsatz von 2,2 Milliarden Dollar, der im ersten Halbjahr 2004 noch einmal um 55 Prozent kletterte. Der Gewinn verdoppelte sich sogar. Nun belohnt Whitman mehrere tausend Mitarbeiter mit fetten Aktienoptionen: Im Schnitt soll jeder ein Paket im Wert von 318 000 Dollar erhalten.

Neues Leben regt sich nach einigen mauen Jahren auch bei den Risikokapitalgebern. Und inzwischen mischt sich sogar Promi-Glanz in die Kapitalistenszene: Bono, Sänger der Rockband U2, hat früher Geld für Afrika gesammelt. Jetzt trommelt er für das Silicon Valley.

Der Rockstar ist in die neue Investment-Firma Elevation Partners in Palo Alto eingestiegen. Dass er in Schlips und Sakko an Geschäftssitzungen teilnimmt, ist unwahrscheinlich. Aber sein Name allein dürfte reichen, um neues Wagniskapital einzutreiben. Eine Milliarde Dollar will das Unternehmen zusammenbekommen, um das Geld in Firmen aus dem Bereich Neue Medien und Unterhaltung zu investieren.

Illustre Vorzeige-Finanziers haben die Google-Gründer nicht mehr nötig. Das Unternehmen gilt bei vielen als Kultfirma mit bislang ähnlich loyalen Kunden, wie sie die Computerfirma Apple hat. Und alles deutet darauf hin, dass in den nächsten Wochen ein gewaltiger Ansturm von Kleinanlegern auf die Google-Aktie beginnen wird.

Dabei mangelt es nicht an Warnungen. Die Aktie sei hoffnungslos überteuert, heißt es. Der Preis von 135 Dollar entspreche dem 340fachen des Jahresgewinns. Zum Vergleich: Die Aktie des Software-Riesen Microsoft entspricht gerade mal dem 31fachen des Gewinns. Ebay kommt auf ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 118. Selbst Googles direkter Konkurrent Yahoo wirkt mit einem Wert von 173 fast billig.

Diese Kennzahl könnte bei Google noch verrückter werden. Denn Brin und Page lassen den Wert ihrer Aktie nicht wie üblich von Banken ermitteln, sondern vergeben das Papier in einer Art Auktion, an der sich praktisch nur Amerikaner beteiligen können. Auch nach dem Börsengang dürfte für die Aktionäre vieles anders werden. Es wird keine Quartalsberichte geben, die Anleger haben kaum Mitspracherecht - eine Haltung, die nach Ansicht von John Battelle von der Universität in Berkeley »an Arroganz kaum zu überbieten« ist.

Page und Brin, die sich bislang mit einem Salär von 350 000 Dollar im Jahr begnügt haben, kümmert die Kritik wenig: Google, behaupten sie vollmundig, sei »keine konventionelle Firma, und wir wollen auch keine werden«.

Dabei ist das Unternehmen in Wahrheit längst eine gigantische Werbeagentur. 98 Prozent der Umsätze stammen aus Reklame-Einblendungen von mehr als 150 000 Firmen, die - passend zu den Suchworten, die der Kunde eingibt - in einer Extraspalte neben der normalen Ergebnisliste präsentiert werden. Jedes Mal, wenn der Surfer darauf klickt, klingeln bei Google ein paar Cent in der Kasse. Bei täglich rund 220 Millionen Suchanfragen kamen so im ersten Halbjahr 2004 rund 1,3 Milliarden Dollar Umsatz und gut 140 Millionen Dollar Reingewinn zusammen.

Aber wie sieht die Zukunft aus? Einst revolutionierte Google die Suche im Labyrinth des World Wide Web. Das Internet wurde nicht nur einfach nach den eingegebenen Suchbegriffen durchforscht, sondern ordnete die Ergebnisse auch nach der vermutlichen Bedeutung. Dahinter steckte die Erkenntnis, dass Seiten, auf die viele andere per Link hinweisen, wichtiger sein müssten als jene mit wenigen oder keinen Querverweisen. Das funktionierte lange Zeit erstaunlich gut.

Inzwischen aber haben Konkurrenten wie Yahoo oder Ask Jeeves mächtig aufgeholt. Unabhängige Tester sehen häufig schon einen technologischen Gleichstand. Denn die einst so präzisen Trefferlisten, die Google den Ratsuchenden präsentiert, werden immer öfter von Werbemüll überschwemmt oder führen zu undurchsichtigen Angeboten im Dschungel des Ebay-Netzwerks.

Längst arbeiten Konkurrenten wie die von den deutschen Forschern Thomas Hofmann und Jan Puzicha gegründete US-Firma Recommind an Suchmaschinen, die der Google-Technik überlegen sind, aber vorerst nur für interne Aufgaben bei Großunternehmen wie Bertelsmann eingesetzt werden. Als womöglich größte Bedrohung für die selbstsicheren Googler tritt demnächst Microsoft aufs Feld.

Eine erste Testversion seiner neuen Suchmaschine, deren Layout der von Google verblüffend ähnlich sieht, hat Microsoft vor einigen Tagen ins Netz gestellt. In der nächsten Windows-Version soll die neue Funktion fest ins Betriebssystem eingebaut werden.

Und dann, so glauben nicht wenige Kenner der Branche, könnte es Google ergehen wie einst Netscape. Nachdem Microsoft seinen Internet-Explorer ins Windows-Betriebssystem integriert hatte, stand Netscape nach wenigen Jahren vor dem Aus. Die schiere Marktmacht von Microsoft drängte den Konkurrenten an den Rand.

Für die Skeptiker im Silicon Valley ist deshalb trotz Google, Glamour und Börsenfieber die Krise im Tal der Träume und Tränen längst nicht vorüber. Mehr als 200 000 Arbeitsplätze sind seit dem Jahr 2000 verschwunden. Das entspricht fast jedem fünften Job. Tausende Menschen mussten fortziehen, viele Bürogebäude stehen leer.

Doch erste Anzeichen, dass mit dem Google-Fieber ein neuer Aufschwung naht, sind erkennbar. So sind die Preise für Einfamilienhäuser in den letzten Monaten wieder deutlich gestiegen und liegen heute um 25 Prozent höher als vor zwei Jahren. Im gediegenen Palo Alto kosten sie im Schnitt fast 700 000 Dollar - genauso viel wie in den guten alten Zeiten des großen Geld- und Goldrauschs. MARCO EVERS,

KLAUS-PETER KERBUSK

Zur Ausgabe
Artikel 37 / 105