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NAHOST »Tabus können fallen«

Der frühere Uno-Generalsekretär Butros Butros Ghali über die verhärteten Fronten im Friedensprozess
• aus DER SPIEGEL 42/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ghali, 81, ein ägyptischer Christ, der mit einer Jüdin verheiratet ist, war unter den Präsidenten Anwar al-Sadat und Husni Mubarak in Kairo Staatsminister. In den siebziger Jahren wirkte er als maßgeblicher Architekt eines Ausgleichs mit Israel, von 1992 bis 1996 amtierte er als Generalsekretär der Vereinten Nationen.

SPIEGEL: Herr Ghali, die wiederholten Terrorangriffe auf israelisches Territorium beantwortet Israels Armee gegenwärtig mit einer Offensive im Gaza-Streifen, bei der bereits über 80 Palästinenser getötet wurden. Dreht sich die Spirale der Gewalt unaufhaltsam weiter?

Ghali: Was in Gaza läuft, ist Wahnsinn. Israels Premier Scharon glaubt immer noch, dass man die Palästinenser auf ewig mit militärischer Gewalt unterjochen kann. Er hat in Gaza eine wesentliche Chance vertan, einen großen Schritt in Richtung Frieden zu tun. Der ist jetzt wieder in weite Ferne gerückt, vielleicht für Jahre.

SPIEGEL: Sie meinen, der angekündigte Abzug der Israelis kommt nicht zu Stande?

Ghali: Scharon hat Probleme mit seinen rechtslastigen Koalitionspartnern, er will deswegen im Grunde doch nicht abziehen. Das ist klein kariertes Denken. Dabei hätte er im Fall Gaza ein Exempel statuieren und Zauderer wie Feinde beeindrucken können, in Israel wie im arabischen Lager. Denn Gaza ist eine palästinensisch besiedelte Region. Dort leben höchstens 4000 jüdische Siedler, auch wenn sich weit mehr als »Ansässige« eintragen ließen.

Ägypten lag im Krieg mit Israel, als Präsident Sadat nach Jerusalem flog und sein Leben für den Frieden riskierte. Solch ein Format hat Scharon bislang nicht erkennen lassen.

SPIEGEL: 27 Jahre nach Sadats Geste im November 1977 hält Israel immer noch Jerusalem, das Westjordanland und den Gaza-Streifen besetzt. Die Politik der Stärke hat sich durchgesetzt ...

Ghali: ... überhaupt nicht. Israel unterschrieb 1979 einen Friedensvertrag mit Ägypten, räumte sang- und klanglos die ganze Sinai-Halbinsel und hat seitdem auch keinen Krieg mehr gegen ein arabisches Land geführt, von nutzlosen Abenteuern wie im Libanon abgesehen.

SPIEGEL: Dennoch liegt die nahöstliche Friedenspolitik heute in Scherben.

Ghali: Der Besuch Sadats war der größte diplomatische Erfolg des 20. Jahrhunderts, weltweit. Sadat war ein Visionär, er hat Recht behalten.

SPIEGEL: Palästinenser und Syrer haben noch am Camp-David-Abkommen von 1978 mitgewirkt. Heute zeigen sie wenig Kompromissfähigkeit.

Ghali: Der Vertrag sollte die ganze Region gerecht befrieden. Drei Jahre lang haben wir noch mit den Israelis verhandelt, um den Palästinensern zunächst einen Autonomiestatus und später den eigenen Staat zu sichern. Hätten alle mitgezogen, wären wir heute viel weiter. Jordanien und Marokko waren bereit, unsere Initiative zu unterstützen, zogen es aber vor, auf einen Sinneswandel anderer arabischer Staaten zu warten.

SPIEGEL: Glauben Sie, dass Israel die besetzten Gebiete räumen wird?

Ghali: Ich habe es immer geglaubt und glaube es auch heute.

SPIEGEL: Auch die israelisch-palästinensischen Geheimverhandlungen in Oslo 1993 haben nichts genützt.

Ghali: Oslo war ein vernünftiger Schritt. Aber die de facto gemeinsame Front der Extremisten auf beiden Seiten zögert Fortschritte hinaus. Viel Zeit ist ungenutzt vergangen, viel Blut geflossen, echte Verhandlungen kommen nicht zu Stande.

SPIEGEL: Woher nehmen Sie dann Ihren Optimismus? Allein das Problem der inzwischen über 200 000 jüdischen Siedler in den besetzten Gebieten ist kaum noch in den Griff zu bekommen. Zu Sadats Zeiten waren es gerade mal 5000.

Ghali: Auch das ist verhandelbar. Erst im letzten Dezember haben in Genf einflussreiche Israelis und Palästinenser einen Friedensplan vorgelegt, der auch für das Siedlungsproblem Lösungen bot ...

SPIEGEL: ... aber nur von einer Minderheit in beiden Lagern mitgetragen wurde. Weder die israelische Regierung noch die palästinensische Autonomieregierung haben sich dafür erwärmen lassen.

Ghali: Ja, aber eine neue Generation kommt in beiden Gesellschaften an die Macht.

SPIEGEL: Was wird mit den 200 000 Siedlern, was soll mit der Mauer geschehen?

Ghali: Tabus können fallen. Außerdem wollen die Juden nicht in einem Staat leben, in dem Araber die Mehrheit bilden. Genau das dürfte aber nach Berechnungen der Universität Haifa schon bald der Fall sein, wenn nichts geschieht.

SPIEGEL: Also eine demografische Lösung?

Ghali: Früher schon wird sich die Einsicht durchsetzen, dass ein echter Frieden besser für die Zukunft beider Völker ist. Wenn Israels Regierung den sehenden Auges verhindert, wird der jüdische Staat über kurz oder lang zur Kopie des südafrikanischen Apartheid-Regimes. Dann wird der Terror so lange nicht aufhören, bis ein israelischer de Klerk die geschichtlichen Konsequenzen zieht. Aber ich weiß, dass jetzt auf beiden Seiten bereits hart und intensiv diskutiert wird. Der Frieden kommt, mit oder ohne Scharon. Es gibt keine andere Lösung.

INTERVIEW: VOLKHARD WINDFUHR

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