»Das Peinliche bewegt mich« - DER SPIEGEL
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AUSZEICHNUNGEN »Das Peinliche bewegt mich«

Der Schriftsteller Wilhelm Genazino über Bettszenen, den Siegeszug des Kleinbürgertums und den Georg-Büchner-Preis, der ihm am Samstag in Darmstadt verliehen wird
• aus DER SPIEGEL 43/2004
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Genazino, wie sehr hat es Sie überrascht, dass Sie nun die wichtigste Auszeichnung der deutschsprachigen Literatur bekommen?

Genazino: Jedes Interesse an meiner Arbeit kommt für mich überraschend. Ich denke beim Schreiben nicht an ein Publikum. Gertrude Stein sagte auf die Frage, für wen sie schreibe: »Für mich und ein paar Fremde.« Das gefällt mir. Und dass diese paar Fremden derzeit mehr werden, erstaunt niemanden mehr als mich. Denn der einzige Grund, aus dem ich schreibe, ist die Lust: Ich muss mich amüsieren dabei.

SPIEGEL: Heißt das, Sie lachen über Ihre eigenen Einfälle, wenn Sie an Ihrer mechanischen Olympia-Schreibmaschine sitzen?

Genazino: Ja, das passiert mir zuweilen. Wenn sich Einfälle in eine Geschichte, in den Witz von drei Zeilen verwandeln - das ist Glück für mich.

SPIEGEL: Die Missgeschicke Ihrer Helden aus der »Abschaffel«-Romantrilogie oder dem Buch »Ein Regenschirm für diesen Tag« scheinen nicht nur den Autor, sondern auch die Figuren selbst zu amüsieren - gehört das zum literarischen Programm?

Genazino: Ich habe kein Programm. Das einzige Kalkül, das meinem Schreiben zu Grunde liegt, besteht darin, dass ich mir in den siebziger Jahren gesagt habe: Ich will über etwas schreiben, was es noch nicht gibt. Ich wollte also die Welt der Angestellten beschreiben, in der ich mich ein bisschen auskannte. Die Leute sollten sagen: Da ist tatsächlich eine Lücke. Erst später habe ich gelernt, dass es doch einige bedeutende Vorläufer gab. Ich kannte zu dieser Zeit nur die Angestelltenromane von Martin Walser, aber der war mir nicht rabiat genug.

SPIEGEL: Inwiefern?

Genazino: Weil Walser eine Berührungsangst gegenüber der Peinlichkeit hat. Mir dagegen ist das Peinliche wichtig, es bewegt mich. Walser will seinen Figuren zum Beispiel nie die Einzelheiten von Bettszenen zufügen, ich möchte das absolut.

SPIEGEL: Und deshalb lassen Sie Ihre Leser in allen erbärmlichen Details miterleben, wie etwa der Held des »Regenschirm«-Romans mit Erektionsproblemen kämpft, bis ihn der von einer nackten Frau verströmte »Brotgeruch« dann doch scharf macht?

Genazino: Mir geht es nicht darum, meine Figuren zu schützen. Sie sehen ihre Unzulänglichkeiten, das Hässliche im Detail - aber sie transformieren das, was sie sehen, zu einer Art innerer Belustigung. Bei Martin Walser, den ich sehr schätze, haben die Figuren dagegen immer den Gedanken der Vergeltung: Sie möchten zurückschlagen gegen das, was ihnen widerfährt.

SPIEGEL: Finden Sie auch die Schrecken des Alters und des körperlichen Verfalls komisch, die Sie in Ihrem noch unaufgeführten Theaterstück »Lieber Gott mach mich blind« so gnadenlos schildern?

Genazino: Unbedingt. Das Thema des Stücks ist nicht so sehr das Alter und der Verfall, sondern der Kampf gegen den Körper überhaupt. Der Nahkampf vieler Menschen gegen ihr eigenes Gesicht, gegen ihre Figur, gegen ihre Transpiration. Dafür muss der Körper gar nicht alt sein. Der Kosmetiksalon ist ja nicht für Alte, die Schönheitschirurgie auch nicht. Und dort werden psychische und physische Massaker am Körper angerichtet - im Glauben, dass irgendwas am eigenen Körper einem besseren Leben im Weg steht. Das ist es, was mich interessiert: dass der Körper angeklagt wird, weil einen ein dicker Hintern oder eine kleine Brust angeblich an der sexuellen Erfüllung oder am Lebensglück hindert.

SPIEGEL: Sie haben geschrieben, dass Sie auf viele gar nicht wie ein Schriftsteller wirken. Sind Sie denn mit Ihrem Körper, mit Ihrem Aussehen zufrieden?

Genazino: Ich höre das oft, dass auch Frauen sagen: Der sieht ja gar nicht wie ein Schriftsteller aus. Aber ich bin zufrieden mit mir - also damit, wie ich aussehe.

SPIEGEL: Ihre Begabung fürs Komische haben Sie schon als Redakteur bei der legendären Frankfurter Satirezeitschrift »Pardon« ausgelebt. Warum flogen Sie dort 1971 raus?

Genazino: Ich war zwei Jahre lang bei »Pardon«. Dann wurden dort alle jungen Redakteure gefeuert, auch Eckhard Henscheid war dabei: Wir wollten Mitbestimmung und ein Redaktionsstatut. Das war damals gerade aktuell.

SPIEGEL: War die Kündigung für Sie ein schwerer Schlag?

Genazino: Ich hatte zu kämpfen. Ich war Familienvater und hatte ein Kind zu versorgen. Und plötzlich war ich arbeitslos, meine Frau war auch Journalistin, ohne feste Anstellung. So kam ich dann zum Radio. Lange Jahre habe ich für das Radio gearbeitet und davon leben können.

SPIEGEL: Waren Sie, der da im Streit für Mitbestimmung seinen Job verloren hatte, in den siebziger Jahren generell ein linker Gesellschaftskritiker?

Genazino: Selbstverständlich. Ich habe zumindest die »Abschaffel«-Romane als engagierter Schriftsteller geschrieben. Ich hatte sehr ernsthaft die Idee, dass man aus meinen Büchern gar nichts anderes folgern konnte, als dass es mit der Gesellschaft so nicht mehr weitergeht.

SPIEGEL: Wann kam die Desillusion?

Genazino: Das war eine allmähliche Selbstaufklärung Ende der siebziger Jahre. Ich habe gemerkt, dass die Literatur nicht in die Gesellschaft wirkt, sondern auf den, der sie geschrieben hat. Das ist mir schmerzhaft klar geworden. Ich war so politisch engagiert, fast wie ein DDR-Autor, auch wenn ich dort als Abweichler ohne Klassenstandpunkt durchgefallen wäre. Dann habe ich gemerkt, wie vermessen es ist, wenn ein Autor auf die Gesellschaft einwirken möchte. Ich hatte von 1984 bis 1989 fünf harte Krisenjahre, auch buchlose Jahre, da dachte ich: Das ist es jetzt gewesen mit dem Schreiben. Dann habe ich lauter ganz kurze Sachen geschrieben und sie in einem Buch veröffentlicht. Die andere mögliche Richtung wäre die totale Kloake gewesen, der Abstieg in die Bordellkloake, in die Arbeitslosen- und Alkoholikerkloake, da liegt noch ein halber Roman in meiner Schublade.

SPIEGEL: Was hätten Sie getan ohne Schriftstellerei?

Genazino: Ich dachte ja, es sei vorbei. Also habe ich voller Panik ein Studium nachgeholt. Germanistik, Philosophie und Soziologie. Das habe ich mit über vierzig mit dem Magister abgeschlossen, mit Note eins. Ich wusste, das muss sein, wenn ich einen Job haben will in diesem Alter. Ich habe von diesem Studium sehr profitiert. Ich bin dadurch ein anderer Autor geworden.

SPIEGEL: Glauben Sie heute überhaupt noch an die Erziehbarkeit des Menschen, zumindest die ästhetische?

Genazino: Die Leser sind nicht die breite Masse. Den Geschmack geben andere vor, das Fernsehen und die Massenmedien. Wir leben im Weltkleinbürgertum. Die Kleinbürger haben das Sagen.

SPIEGEL: Und doch sammeln Sie ihre Beobachtungen aus dem Alltag. Arbeiten Sie nur aus der Erinnerung?

Genazino: Nein. Ich habe zwar ein sehr gutes Gedächtnis und erinnere mich zum Beispiel noch genau an den braunen Woolworth-BH einer Frau, die ich vergangene Woche nach 30 Jahren wiedergesehen habe - genau so einen hat sie vor 30 Jahren getragen. Aber ich mache mir auch im Café, im Kaufhaus fortwährend Notizen auf kleinen Zettelchen, die ich bei mir trage. Zu Hause arbeite ich die aus und lege sie nach einem ausgeklügelten System in Ordnern ab. Mit Nummern und

Überschriften, etwa: »Hund im Café« oder »Alter Mann im Pissoir«. Ich habe immer noch die Übersicht, auch wenn es mittlerweile gut 30 Leitz-Ordner sind. Die Hauptarbeit ist das Verknüpfen der Teile, das Verschmelzen.

SPIEGEL: Heißt das, es kommt beim Schreiben wenig Neues dazu?

Genazino: In der Hauptsache bestehen meine Bücher aus diesem Material. Das darf der Leser aber natürlich nicht merken.

SPIEGEL: Es fällt auf, dass Ihre Bücher an Umfang abnehmen und oft nur 150 Seiten dick sind. Woran liegt das?

Genazino: Ich muss Ihnen gestehen, dass ich eine Art Todespanik davor habe, etwas nicht rechtzeitig fertig zu bekommen. Ich finde es schlimm mir vorzustellen, ich könnte tot umfallen und ein Fragment hinterlassen. Selbst bei diesen kurzen Romanen geht mir das gegen Ende so. Ich bekomme Schweißausbrüche. Das ist irrational - und auch wieder nicht: Ich bin schließlich 61.

SPIEGEL: Die Kritiker loben Sie meist als den großen Unpathetischen unter den deutschen Autoren. Ist diese Scheu vor dem Pathos auch Angst vor dem Risiko, sich zu blamieren?

Genazino: Ich glaube es ist Klugheit, die mich da zur Zurückhaltung zwingt. Es gibt doch ganz wenig gelungenes Pathos. In der Lyrik da und dort bei Stefan George, bei Rilke und Ingeborg Bachmann, im Roman in Camus' »Der Fremde«. Gelungenes Pathos ist sehr, sehr selten. Ich glaube jedenfalls nicht, dass ich's hinkriege. Und wenn ich es versuche, gefällt es mir nicht. Plötzlich wird der Kitsch sichtbar. Oder eine heroische Weinerlichkeit, die auch merkwürdig ist. Man muss den Ton genau treffen. Ich kann es nicht.

SPIEGEL: Warum kommen die Schrecken des Dritten Reichs kaum vor in Ihren Büchern?

Genazino: Ich schrecke davor zurück. Man muss diesen winzigen, schmalen Pfad treffen. Ich habe es in meinem Buch »Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman« so angedeutet, wie ich es kann. Dort habe ich geschrieben, dass in den fünfziger Jahren das Entsetzen der Menschen noch in den Gesichtern abzulesen war.

SPIEGEL: Dort heißt es: »Es gab weit und breit niemanden, der von ihnen verlangte, dass sie fröhlich, erfolgreich, lustig, optimistisch oder sonstwie sein sollten.« Aber waren die Deutschen damals nicht weniger über die deutsche Schuld an den Nazi-Gräueln entsetzt als über Trümmer und Zerstörung?

Genazino: Nein, die waren schon über die KZ und das Morden dort entsetzt. Es gab nicht diese Entsetzenskultur, die wir heute haben, diese Denkmale, Filme, Artikel, die jetzt fortwährend zu sehen sind. Heute gibt es statt der privaten Gedächtniskultur eine allgemeine Entsetzenskultur.

SPIEGEL: Stört Sie die?

Genazino: Nein: Der Umgang mit diesem Thema ist immer bizarr. Meine private Bizarrerie besteht darin, dass ich seit meinem 16. Lebensjahr Holocaust-Bücher lese. Ich war zweimal in Auschwitz. Mein Gedächtnis ist übereifrig und überpräzise. Ich träume nachts davon, und ich träume mich als Täter - das ist eine Folge von 40 Jahren KZ-Literatur. Ich muss aus Gründen meiner eigenen Lebensfreude etwas dagegen haben, dass ich mich als KZ-Mann träume.

SPIEGEL: Heißt das, Sie lehnen sich, ähnlich wie Martin Walser, gegen die immer gleichen Erinnerungs- und Schuldreflexe auf?

Genazino: Nein, denn es ist sinnlos, dagegen zu polemisieren. Es gibt ja tatsächlich einen Verlust des Weltvertrauens durch den Holocaust, durch den Massenmord der Nazis. Das ist eine Kulturlast, die wir mit uns herumschleppen.

SPIEGEL: Was wird das Thema Ihrer Büchnerpreis-Rede sein?

Genazino: Ich werde über Langeweile reden, dieses in »Leonce und Lena« zum ersten Mal im großen Stil behandelte moderne Thema: Die mehr und mehr um sich greifende Langeweile, die vollständige Ratlosigkeit der Gesellschaft angesichts der Freizeitkatastrophe.

INTERVIEW: VOLKER HAGE, WOLFGANG HÖBEL

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