MANAGER Briefkasten in der Schweiz
Im Kreis seiner meist älteren Kollegen wirkte Ernst Dieter Berninghaus stets wie ein Paradiesvogel. Und als der Mann mit den bunten Krawatten und der vergleichsweise langen Haarpracht im Mai dieses Jahres zum neuen Chef der Kölner Handelsgruppe Rewe aufrückte, schien in der traditionsreichen Genossenschaft eine neue Zeit zu beginnen.
Völlig überraschend hatte Berninghaus, 39, einen monatelangen Machtkampf mit seinem Vorgänger Hans Reischl, 64, gewonnen, der die Genossenschaft mehr als 25 Jahre wie ein Autokrat regiert hatte. Vom Aufsichtsrat wurde der promovierte Diplomkaufmann als »Hoffnungsträger« gefeiert, das »Handelsblatt« beschrieb ihn als »jungen Wilden, der oft schon morgens um sechs durch den Kölner Stadtwald joggt«, und Metro-Chef Hans-Joachim Körber gratulierte dem Manager, der 1999 von der Metro zur Rewe gewechselt war, mit den Worten: »Qualität setzt sich durch.«
Zielstrebig versuchte der neue Chef, seinem Ruf gerecht zu werden. Innerhalb kurzer Zeit verschlankte er die Strukturen der verschachtelten Genossenschaftsgruppe, die mit Ladenketten wie Toom, Minimal oder Penny und einem Umsatz von fast 40 Milliarden Euro zu den größten Handelskonzernen in Europa zählt. Vollmundig versprach Berninghaus: »Es wird künftig keinen Ansatz für den Vorwurf der Intransparenz geben.«
Doch nach nicht einmal sechs Monaten auf dem Chefsessel unterschrieb der Neuling Mitte Oktober plötzlich einen Aufhebungsvertrag. Wegen »einer schwerwiegenden Erkrankung«, teilte die Rewe mit, sei Berninghaus »für einen derzeit nicht absehbaren Zeitraum nicht mehr in der Lage, seinen Ämtern nachzugehen«.
Die Krankheit des Rewe-Chefs, der sich auf Anraten der Ärzte völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen hat und derzeit in einer Schweizer Klinik behandelt wird, war aber nur ein Teil der Wahrheit. Der andere bedroht nicht seine Gesundheit, sondern rückt den bislang tadellosen Ruf des Managers ins Zwielicht.
Seit Anfang Oktober nämlich ermittelt die Kölner Staatsanwaltschaft unter dem Aktenzeichen 115 js 225/04 gegen den ehemaligen Rewe-Chef. Der Verdacht, so die Ermittler, richte sich auf »Betrug und Steuerhinterziehung«.
Im Kern geht es um eine kleine Internet-Firma namens Nexum AG, die im Jahre 2000 von der Rewe gekauft wurde. Dabei soll sich Berninghaus, der damals in der Rewe-Unternehmensleitung für »Internationalisierung und E-Technologie« zu-
ständig war, nicht ohne Eigennutz für die Übernahme stark gemacht haben.
Berninghaus, so der Verdacht der Ermittler, könnte damals ohne Wissen der Rewe an Nexum privat beteiligt gewesen sein. Inzwischen durchsuchten Steuerfahnder das ehemalige Büro des Handelsmanagers. Neben Berninghaus wird auch gegen einen der Nexum-Gründer sowie einen ehemaligen Aufsichtsrat wegen Steuerhinterziehung ermittelt.
Mit der Nexum, die von der Rewe seinerzeit für rund 25 Millionen Euro übernommen wurde, wollte der Handelskonzern groß ins Internet-Geschäft einsteigen und diverse Online-Shops einrichten. Auch die Internet-Präsenz der zum Konzern gehörenden Touristiksparte - mit Firmen wie LTU, ITS, Dertour und Tjaereborg der drittgrößte Reiseveranstalter Deutschlands - sollte von Nexum ausgebaut werden.
Doch mit dem Platzen der New-Economy-Blase verflüchtigten sich auch die Internet-Träume der Rewe. Selbst innerhalb der Handelsgruppe gab es offenbar bald Vorbehalte - vor allem die Preise, die Nexum den Genossen für ihre Dienstleistungen in Rechnung stellte, empfanden einige Manager als zu hoch.
Da die Firma die großen Erwartungen nicht erfüllte, sahen sich die Genossen schon im Jahr 2000 gezwungen, den Wert der Neuanschaffung in der Bilanz deutlich zu reduzieren. Im folgenden Jahr wurde die Nexum AG dann »komplett abgeschrieben«, bestätigte die Rewe vergangene Woche.
Bei den Genossen schlug die Millionenabschreibung zunächst keine großen Wellen. Doch die Finanzbehörde wurde bei einer routinemäßigen Betriebsprüfung stutzig. Und bei ihren weiteren Ermittlungen stießen die Steuerfahnder auf ein fein gewobenes Firmengeflecht, das offenbar nur einem Zweck dienen sollte: der Verschleierung.
Über eine Firma Rösrath führt die Spur von der Internet-Firma, die in Hürth mit 23 Mitarbeitern das eigentliche Geschäft betreibt, nämlich zu einer Briefkastenfirma namens Omikron Finanz Holding AG in der Schweiz. Verwaltet wird die in der Zürcher Löwenstraße domizilierte Firma von dem Multi-Treuhänder Peter Salvisberg.
Nun gehen die Ermittler der Frage nach, ob das Geflecht, zu dem womöglich auch noch eine im Steuerparadies Zug gemeldete Nexum AG gehört, nur als Tarnung für Berninghaus und seine mitbeschuldigten Kollegen diente. Offenbar gibt es dafür handfeste Indizien - bewiesen ist freilich noch nichts.
Weder von Berninghaus noch von seinem Anwalt war eine Stellungnahme zu den Vorwürfen zu erhalten.
KLAUS-PETER KERBUSK, JÖRG SCHMITT
* Am 19. Mai vor der Rewe-Unternehmenszentrale in Köln.