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TV-KONZERNE Ganz oder gar nicht

Der Axel-Springer-Verlag will bei ProSiebenSat.1 die Mehrheit übernehmen - und könnte sogar Chancen haben. Steht die deutsche Fernsehlandschaft vor einer grundlegenden Neuordnung?
• aus DER SPIEGEL 5/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Wo immer Haim Saban in den vergangenen anderthalb Jahren nach seiner Übernahme der ProSiebenSat.1 Media AG in Deutschland auftrat, traf er aus seiner Sicht auf eine typisch deutsche Gattung: Bedenkenträger.

Schon in den Verkaufsverhandlungen rund um die Überreste des maroden Medienreichs von Leo Kirch sah der braungebrannte Strahlemann aus Kalifornien bei seinen Gesprächspartnern immer wieder tiefe Sorgenfalten: Kann man einem Händler wie ihm trauen, der mit der Zeichentrickserie »Power Rangers« groß wurde und mit dem Verkauf seiner Sendergruppe Fox Family auch noch 1,5 Milliarden Dollar reicher? Kann man also einem gewieften Geschäftemacher wie Saban mit ProSieben und Sat.1, Kabel 1 und N24 die Hälfte des deutschen Privatfernsehmarktes überantworten?

Das fragten sich nicht nur die Insolvenzverwalter, die ihm das Erbe des Medienpleitiers im Sommer 2003 schließlich zuschlugen. Das fragte sich vor allem die deutsche Politik. Immerhin geht es bei einem Medien-Deal dieser Größe nicht nur um Monetäres, sondern auch um Meinungsmacht.

Saban versuchte von Beginn an, die Bedenken zu zerstreuen: Quer durch seine ersten Gespräche mit dem Bundeskanzler und Ministerpräsidenten wie Edmund Stoiber, durch seine ersten öffentlichen Auftritte als Gast-Star der Medientage München und seine ersten Interviews (SPIEGEL 7/2003) zog sich wie in bonbonfarbener Neonschrift immer wieder die Beruhigungsbotschaft: »Wir glauben fest an Deutschland und die langfristigen Perspektiven von ProSiebenSat.1.«

Ein schneller Händler? Er? Was für eine unglaubliche, haltlose Unterstellung!

Vielleicht lagen die Bedenkenträger indes nicht so falsch. Was schon seit Monaten immer wieder als Gerücht durch die Branche wabert, ist spätestens seit diesem Wochenende mehr als bloße Spekulation: Bei der furiosen Saban-Show, die mit einem starken Auftritt des schillernden Investors begann, könnte schon bald der Vorhang fallen.

An verschiedenen Szenarien für einen möglichst eleganten und vor allem einträglichen Bühnenabgang wird jedenfalls heftigst gewerkelt: Verkaufssondierungen um die Senderfamilie, die nach einem turbulenten und langwierigen Bietergefecht mit Sabans Inthronisation erst im August 2003 endgültig beendet schienen, sind längst wieder in vollem Gang.

Ende vergangener Woche reiste eine hochrangige deutsche Mediendelegation zum Stammsitz der Saban Capital Group nach Los Angeles - auf Einladung des Hausherrn: Und wie Medienunternehmer es üblicherweise machen, wenn sie auf Einkaufstour gehen und dabei vor großen Schaufenstern stehen, nahm der Leiter der streng vertraulichen Mission, Springer-Vorstandsvorsitzender Mathias Döpfner, seinen Finanzvorstand Steffen Naumann gleich mit nach Übersee.

Offenkundig ging es um mehr als nur einen Besuch unter Freunden und Gesellschaftern. Wichtigster Tagesordnungspunkt war die Frage: Wie, wann und zu welchem Preis könnte der Axel-Springer-Verlag seine bestehende Beteiligung an ProSiebenSat.1 von derzeit zwölf Prozent signifikant ausbauen und die Mehrheit der Stimmrechte an der Senderfamilie übernehmen?

Schon in der Vergangenheit hatte Döpfner, befragt zu seiner TV-Strategie, immer wieder gesagt: »Wir machen Fernsehen ganz oder gar nicht.« Jetzt stehen die Zeichen offenkundig auf »ganz«.

Das Klima zwischen den Medienmanagern wird freundlich gewesen sein. Saban und Döpfner kommen gut miteinander klar. Der amerikanisch-israelische Investor Saban umschwärmte Döpfner öffentlich schon mal als »pragmatischen, cleveren Typen« und lobt gern das Engagement des Verlags für Israel. Auch Döpfner machte aus seiner Sympathie und seinem Respekt für Saban nie einen Hehl ("ein Vollprofi").

Zudem sind die beiden Unternehmen auch auf der Gesellschafterebene straff verbandelt: Die Beteiligungsgesellschaft Hellman & Friedman ist mit 19,4 Prozent an Springer und mit 18,9 Prozent in der ProSiebenSat.1-Zwischenholding German Media Partners (GMP) engagiert. Deren Chef Brian Powers sitzt in beiden Aufsichtsräten und gilt als erfahrener Verhandlungsprofi.

Auf Anfrage wollten weder Axel Springer noch die Saban Capital Group die Gespräche in Los Angeles bestätigen. Sabans Chefunterhändler Adam Chesnoff ließ lediglich verlauten: »Wir sind sehr glücklich mit unserem Investment in Deutschland, und an unserer Position hat sich nichts verändert.«

Aus informierten Kreisen ist dagegen anderes zu hören: »Eine Mehrheitsübernahme wäre für den Springer-Verlag eine interessante Perspektive«, so ein Insider. Es werde dabei auch an Lösungen gedacht, bei denen Saban »in der einen oder anderen Form« mit von der Partie bliebe. Die Dienstreise in die Vereinigten Staaten sei indes »völlig ergebnisoffen«.

Das ist schon deshalb plausibel, weil Saban und sein Chefunterhändler nun schon seit Wochen unterwegs sind, um mögliche Interessenten und Verkaufskurse auszuloten. Und, bei aller gegenseitigen Sympathie: Saban wäre nicht zum Medienmilliardär geworden, ließe er sich allzu sehr von Emotionen leiten.

Nach SPIEGEL-Informationen gab es schon im Dezember Gespräche mit dem US-Medienriesen Viacom, der in Deutschland nach dem Kauf der Viva Media AG und deren Verschmelzung mit MTV zur dritten Kraft auf dem Privatfernsehmarkt heranreifen möchte.

Ähnliches gilt für den amerikanischen Mischkonzern General Electric (GE), der hierzulande bislang über seine Medientochter NBC Universal mit den Spartenkanälen 13th Street und Sci Fi vertreten ist. Und auch ein weiterer Medienpate hat sich jüngst wieder verstärkt mit dem deutschen Markt beschäftigt: Rupert Murdoch, mit dem Saban einst seine Senderkette Fox Family aufgebaut hatte und der in Deutschland mit seinen Investments bei Premiere oder TM3 massive Miese machte.

Sogar beim Mickymaus-Konzern Disney wurde schon fleißig gerechnet. Allerdings müsste das Comic-Unternehmen aus kartellrechtlichen Gründen dann erst seine Verbindungen mit der RTL Group bei RTL II und Super RTL auflösen.

Springer hat im Spiel der Mediengiganten, die Sabans deutsche Senderfamilie umtänzeln, offenbar noch die geringste Preisvorstellung aufgerufen - etwa 1,5 Milliarden Euro. Murdoch und GE sollen jeweils etwa eine halbe Milliarde mehr in Aussicht gestellt haben. Saban hatte die Sendergruppe mit seinen Partnern zum Preis von 7,50 Euro pro Aktie erworben - also für 525 Millionen. Im zweiten Schritt kaufte er weitere knapp 13 Prozent Stimmrechts- sowie 13 Prozent Vorzugsaktien für zusätzliche 196 Millionen. Zuvor hatte er sich noch an einer Kapitalerhöhung beteiligt. Bei einem Verkaufspreis von 1,5 Milliarden würde für ihn ein Plus von mehr als 500 Millionen rausspringen - kein übles Geschäft für ein bislang anderthalbjähriges Gastspiel.

Summen wie diese könnten auch erklären, weshalb Saban sich jetzt offenbar doch vorstellen kann, was er bislang stets mit Verve ins Reich der Mythen verwies: seinen Abschied zu nehmen, zumindest als Haupteigner. Das gilt umso mehr, als der umtriebige Medienhändler seine Beteiligung, auch wenn es durch sein Showtalent und seine Sprecherfunktion für viele anders wirkte, nicht allein hält: In seinem Investitionsvehikel namens GMP ist er nur einer von sieben Partnern.

Offenbar ruckelt es bei der GMP schon seit geraumer Zeit mächtig im Gebälk. Wichtige Mitfinanziers sind zunehmend unzufrieden, was nicht verwundert: Der Börsenkurs der Sendergruppe fiel von mehr als 17 Euro im Mai auf rund 13 Euro aktuell.

Erst Mitte vergangener Woche musste ProSiebenSat.1 dann auch noch verkünden, die eigenen Ziele für 2004 um neun Millionen Euro verfehlt zu haben. Selbst wenn das Ergebnis trotzdem gegenüber dem Vorjahr um satte 70 Prozent auf 321 Millionen gewachsen ist - so etwas sehen Private-Equity-Häuser gar nicht gern.

Dass der Wind im eigenen Haus rauer wird, musste Saban bei der jüngsten Aufsichtsratssitzung im Dezember feststellen: Seine dort vertretene Mitgesellschafterriege war weit davon entfernt, die Vorstellungen ihres Aufsichtsratschefs aus Amerika einfach abzunicken. Besonders vor Investitionsentscheidungen zuckten

sie zurück - was nur logisch wäre, wenn man einen baldigen Ausstieg plant.

Auch Saban selbst kann mit der inhaltlichen Entwicklung der Sendergruppe nicht zufrieden sein: Seine Strategie, US-Erfolgsprogramme wie »Nip/Tuck«, »The Apprentice«, »The Swan« oder »The Simple Life« schnell nach Deutschland zu bringen, ging bislang nicht auf.

Für den Springer-Verlag, der mit seinen ersten TV-Erfahrungen als Sat.1-Miteigentümer in der Kirch-Ära viel Geld verlor, ist der Ausflug nach Kalifornien schon der zweite Anlauf, das Kirch-Erbe anzutreten. Im ersten Bieterverfahren 2002 war Springer anfangs ebenfalls mit von der Partie - im Verein mit dem Hamburger Bauer-Verlag und der HypoVereinsbank.

Nun schwebt dem Vorstand bei seinem neuerlichen Vorstoß das Beispiel Bertelsmann vor: Auch die Konkurrenz aus Gütersloh investierte relativ spät relativ viel in die Übernahme der RTL Group. Inzwischen ist die TV-Tochter mit Abstand der größte Gewinnbringer, weit vor Verlagstöchtern wie Gruner + Jahr. In Akquiselaune ist die Döpfner-Truppe sowieso, zumal die rund 825 Millionen Euro schwere Übernahme der britischen »Telegraph«-Gruppe im vergangenen Jahr scheiterte.

Nur mit Springers Kriegskasse hapert es. In der Bilanz finden sich zuletzt netto gerade 187 Millionen liquide Mittel - ohne Partner wäre der Deal kaum zu stemmen.

Vor erhebliche Fragen würde der neuerliche Umbau der deutschen Fernsehlandschaft auch die Kartellwächter stellen, ganz zu schweigen von der Politik: Des Kanzlers mediale Grundnahrungsmittel »Bild«, »BamS« und Glotze - künftig alle aus einer Hand? Und dann ausgerechnet bei Springer, dessen Boulevardblatt das Bundeskanzleramt im vorigen Jahr nicht nur Interviews, sondern auch die Mitreise in der Kanzlermaschine verwehrte? Gerhard Schröder wird sich komfortablere Konstellationen vorstellen können.

Wenig ändern würde sich indes wohl für die ProSieben-Aktionäre, zumal für fleißige Besucher von Hauptversammlungen. Schon die im Jahr 2004 leitete nämlich nicht Aufsichtsratschef Saban. Der bat wegen mangelnder Deutschkenntnisse seinen Freund und Kollegen, durch die Veranstaltung zu führen: Mathias Döpfner.

Saban saß derweil neben ihm und schwieg - auch und vor allem, als die Frage kam, wie lange er dem Unternehmen erhalten bleiben werde.

MARCEL ROSENBACH, THOMAS SCHULZ

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