»Viele sagen: Weiter so!«
SPIEGEL: Herr Ackermann, Sie haben einen Sturm der Entrüstung ausgelöst, als Sie zugleich einen hohen Gewinn und den weiteren Abbau von 6400 Arbeitsplätzen verkündeten. Wie fühlen Sie sich als Buhmann der Nation?
Ackermann: Wichtiger ist doch wohl, dass das, was man tut, der inneren Überzeugung entspricht ...
SPIEGEL: ... auch wenn man damit die ganze Nation gegen sich aufbringt?
Ackermann: Vielleicht bin ich ein zu ehrlicher Mensch. Wir hätten natürlich nur einen schönen Gewinn vorzeigen können, und ohne die Kosten des Stellenabbaus wäre der noch schöner gewesen, und alle hätten applaudiert. Aber wir wollten darauf hinweisen, dass es so nicht weitergeht und dass wir besser werden müssen, um mit den erfolgreichsten ausländischen Konkurrenten mithalten zu können. Damit macht man sich vielleicht nicht beliebt. Aber ich bin sicher, dass die Notwendigkeit erkannt werden wird.
SPIEGEL: Die Deutsche Bank und ihre Sprecher haben immer wieder für negative Schlagzeilen gesorgt, Hilmar Kopper mit seinem berühmten »Peanuts«-Spruch und Sie selbst mit dem Victory-Zeichen im Mannesmann-Prozess. Ist das die Arroganz der Macht? Oder mangelnde Sensibilität?
Ackermann: Weder noch. Die Deutsche Bank steht einfach im Mittelpunkt. Wir sind wie Siemens und Daimler ein Aushängeschild der deutschen Wirtschaft. Und werden deshalb von den Menschen besonders kritisch beobachtet. Es gehört zu meinem Job, diese Kritik zu ertragen. Wenn ich vor Menschen auftrete und ihnen persönlich unsere Vorhaben erläutere, ernte ich viel Verständnis. Viele sagen: Weiter so! Es ist doch eine Leistung, dass eine Bank aus Deutschland international vorn mit dabei ist.
SPIEGEL: Selbst Bundeskanzler Gerhard Schröder hat mehr soziale Verantwortung von Ihnen gefordert. Lässt Sie das wirklich kalt?
Ackermann: Mir gefällt der Stellenabbau auch nicht. Aber um sozial zu sein, muss man wettbewerbsfähig sein. Und das deutsche Bankensystem ist, trotz einiger Maßnahmen, die in die richtige Richtung gehen, im internationalen Vergleich noch nicht wettbewerbsfähig genug. Wer Deutschland stark machen will, muss dafür sorgen, dass wir aus Deutschland heraus eine Bank haben, die global mitspielen kann. Und wer das will, muss jetzt handeln.
SPIEGEL: Und das ist davon abhängig, ob Sie 6400 Mitarbeiter mehr oder weniger haben?
Ackermann: Wir sind nach einer sehr sorgfältigen Prüfung zu diesem Ergebnis gekommen. Wobei wir in Deutschland sehr, sehr vorsichtig vorgehen. Aber wir brauchen zum Beispiel im Back Office definitiv weniger Mitarbeiter, weil es im Bankgeschäft einen Produktivitätsschub gegeben hat. Einfache Dienstleistungen werden eben nicht mehr manuell ausgeführt.
SPIEGEL: Sie haben in den vergangenen Jahren bei der Deutschen Bank 20 000 Arbeitsplätze gestrichen. War das wirklich nötig?
Ackermann: Die Tatsache, dass diese Stellen nicht mehr bei uns sind, heißt doch nicht automatisch, dass sie weggefallen sind. Ein großer Teil wurde an andere Unternehmen
ausgelagert, diese Stellen existieren noch. Wir haben in Deutschland wesentlich weniger Stellen abgebaut als die meisten Industrieunternehmen oder Banken. Die Deutsche Bank hatte einfach zu viel Personal. Wir haben im Jahr 2001 nur 167 Millionen Euro Gewinn gemacht. So kann man die Zukunft eines Unternehmens dieser Größenordnung nicht sichern.
SPIEGEL: Dafür sind Riesengewinne nötig?
Ackermann: Unser Gewinn, 2,5 Milliarden Euro im Jahr 2004, mag für Deutschland groß sein, im internationalen Umfeld ist er eher klein. Die Citigroup verdient 14 Milliarden, die Schweizer UBS 5 Milliarden, die HSBC liegt etwa bei 9. Unsere Eigenkapitalrendite liegt nach Steuern bei rund 10 Prozent, die Besten haben über 20 Prozent. Das zeigt, dass wir noch einen Nachholbedarf haben. Wenn wir eine Bank haben wollen, die vorn mitspielt, müssen wir uns an den internationalen Kriterien messen.
SPIEGEL: Die Kriterien verlangen 25 Prozent Eigenkapitalrendite?
Ackermann: 25 Prozent vor Steuern ergeben in Deutschland 16 Prozent nach Steuern. Das ist heute das absolute Minimum, die besten Banken liegen weit darüber.
SPIEGEL: Halten Sie eine solche Zahl wirklich für ein sinnvolles Unternehmensziel?
Ackermann: Das ist natürlich nicht unser strategisches Ziel, das wäre in der Tat ein bisschen einfach, aber es ist eine wichtige Voraussetzung, um unser strategisches Ziel zu erreichen: nämlich eine Bank aufzubauen, die aus Deutschland heraus global vorn dabei ist.
SPIEGEL: Selbst BDI-Präsident Jürgen Thumann hat im Interview mit dem »Handelsblatt« gesagt: »Wir können als Unternehmer nicht immer nur über maximale Eigenkapitalverzinsung reden und uns am Ende noch mit Extraboni belohnen lassen, wenn wir möglichst viele Menschen entlassen.«
Ackermann: Herr Thumann hat mich angerufen und erklärt, dass er falsch wiedergegeben wurde und er das so nicht gesagt hat.
SPIEGEL: Dann lassen Sie uns den legendären Deutsche-Bank-Vorsitzenden Alfred Herrhausen zitieren. Er hat stets die Verpflichtung der Bank betont, eine gesamtgesellschaftliche Rolle zu spielen. Eine hohe Eigenkapitalrendite dient jedoch einseitig den Interessen der Aktionäre.
Ackermann: Zu Herrhausens Zeiten waren die Rahmenbedingungen noch andere, die Bank war noch zu 80 Prozent in Deutschland tätig, heute sind es 30 Prozent. Im Übrigen bin ich wie Herrhausen ein großer Anhänger davon, allen Stakeholdern, den Mitarbeitern, den Kunden, der Gesellschaft als Ganzes und auch den Aktionären, eine wichtige Rolle einzuräumen. Wir bieten, um nur ein paar Beispiele zu nennen, äußerst attraktive Arbeitsplätze, wir sind große Steuerzahler und geben viel Geld für Soziales aus. Aber Voraussetzung für all das ist ein langfristiger, nachhaltiger Gewinn, der international wettbewerbsfähig ist. Sonst ist alles andere illusorisch.
SPIEGEL: Glauben Sie wirklich, dass Unternehmen nachhaltig solche Riesenrenditen erzielen können?
Ackermann: Die 25 Prozent ergeben sich auch aus dem geringeren Kapitaleinsatz, der heute für Bankgeschäfte benötigt wird. Im Handels- und Privatkundengeschäft braucht man eben sehr viel weniger Kapital als im traditionellen Hypotheken- und Kreditgeschäft. Deswegen sind alle großen Banken dabei, eigene Aktien aufzukaufen ...
SPIEGEL: ... und das Eigenkapital zu verkürzen, wodurch der Gewinn bezogen auf dieses Kapital, die Eigenkapitalrendite, automatisch steigt. Wissen Sie mit dem erwirtschafteten Geld nichts Sinnvolleres anzufangen?
Ackermann: Wir könnten natürlich dort investieren, wo der Kapitaleinsatz groß ist und die Renditen gering sind. Aber das wäre auch volkswirtschaftlich nicht sinnvoll.
SPIEGEL: Volkswirtschaftlich wäre es durchaus sinnvoll, wenn sich die Banken wieder mehr um ihr traditionelles Geschäft kümmern
würden. »Wer Renditen über alles von 25 Prozent anstrebt, der muss wissen, dass er sich damit aus dem Mittelstandsgeschäft und der Betreuung breiter Bevölkerungskreise verabschiedet«, sagt Sparkassenpräsident Dietrich Hoppenstedt.
Ackermann: Er irrt. Gerade im Privatkundengeschäft sind die Eigenkapitalrenditen außerordentlich hoch, überall auf der Welt. Auch wir liegen hier weit über 30 Prozent.
SPIEGEL: Er meinte nicht Privatanleger, sondern mittelständische Firmen, die sich schwer tun, Kredite zu bekommen.
Ackermann: Wir haben doch in Wahrheit höhere Kreditlinien, als derzeit in Anspruch genommen werden. Darüber hinaus haben wir bei Firmenkunden ein Interesse daran, über das Kreditgeschäft hinaus weitere Geschäftsfelder zu bedienen: also Beratungsgeschäfte, Börsengeschäfte, Anlagengeschäfte. Über die gesamte Produktpalette sind Renditen in dieser Größenordnung durchaus realistisch. Im Übrigen hatten wir auch im Geschäft mit Privat- und Geschäftskunden vor drei Jahren noch eine sehr schlechte Ertragssituation ...
SPIEGEL: ... die Deutsche Bank war damals kurz davor, dieses Geschäft zu verkaufen.
Ackermann: Ich bin von meiner Schweizer Herkunft her ein großer Befürworter dieses Geschäfts. Heute verdienen wir über 40 Prozent unseres Gewinns mit privaten Kunden. Jetzt müssen wir das, was wir im Privatkundengeschäft schon geschafft haben, auch im Firmenkundengeschäft umsetzen.
SPIEGEL: Die Aktionäre haben von Ihrer Strategie bisher wenig gehabt. Der Aktienkurs, den Sie doch nach oben treiben wollten, dümpelt - obwohl Sie für acht Milliarden Euro eigene Aktien aufgekauft haben.
Ackermann: Die Aktie hat sich besser entwickelt als der Dax. Verglichen mit den Kursen der meisten Finanzinstitute und Versicherungen, ist unser Kurs sogar außerordentlich zufriedenstellend. Manche haben nur noch ein Viertel ihres alten Wertes. Wir dagegen sind in Dollar gemessen heute nahe dem Höchstkurs und in Euro gemessen rund 30 Prozent unter Höchstkurs.
SPIEGEL: Verglichen mit vielen europäischen Konkurrenten, sieht das ganz anders aus, viele von ihnen, zum Beispiel die französische BNP, die spanische Santander oder die britische Royal Bank of Scotland, sind in den vergangenen Jahren weit an der Deutschen Bank vorbeigezogen.
Ackermann: Zunächst muss man die Ausgangslage sauber definieren. 1999 hatten wir unrealisierte Gewinne auf Industriebeteiligungen in Höhe von über 16 Milliarden Euro. Diese sind auf 1,4 Milliarden zusammengeschmolzen. Gleichzeitig liegen wir rund 15 Milliarden von unserem Höchstkurs entfernt, das heißt, der Wert unseres operativen Geschäfts hat in den letzten Jahren deutlich zugelegt.
SPIEGEL: Aber die Reserven sind weg.
Ackermann: Die sind aufgrund der Kursentwicklung verschwunden. Dafür können wir wenig.
SPIEGEL: Sie haben auch große Teile der Reserven verkauft.
Ackermann: Gott sei Dank, so konnten wir den Verlust auf rund 45 Prozent des Wertes begrenzen. Ohne Verkäufe hätten unsere Beteiligungen etwa 70 Prozent ihres Wertes verloren.
SPIEGEL: Wo ist das Geld geblieben, das Sie bei diesen Verkäufen eingenommen haben?
Ackermann: Wir haben unsere Kernkapitalquote in dieser Zeit, von 1999 bis 2004, von 5,9 auf 8,7 Prozent gestärkt und damit unser Geschäft ausgebaut. Aber wir haben so viel Kapital freigesetzt, dass unsere Kapitalquote auf über elf Prozent gestiegen wäre. Deshalb haben wir einen Teil in Form von Dividenden und einen Teil in Form von Aktienrückkaufprogrammen zurückgegeben.
SPIEGEL: Andere Banken haben ihre Kapitalkraft dafür genutzt, Konkurrenten zu übernehmen. Die liegen jetzt, gemessen am Börsenwert, weit vor Ihnen.
Ackermann: Natürlich prüfen wir auch immer wieder akquisitorische Schritte. Aber um eine große Fusion anzugehen, müssen wir noch einige Hausaufgaben machen. Außerdem wäre im Moment keine Bank, die mit uns fusioniert, bereit, ihren Hauptsitz nach Frankfurt zu verlegen. Ich würde es - und das sage ich als Schweizer - katastrophal finden, wenn Deutschland keine Bank mit globalem Anspruch mehr hätte.
SPIEGEL: Seit wann ist Ihnen der Standort Frankfurt so wichtig? Sie haben doch auch mit der Citigroup, der größten Bank der Welt, verhandelt, da wären Sie nur Juniorpartner gewesen.
Ackermann: Bei den Gesprächen mit der Citigroup ging es um die Frage, ob man eine globale Partnerschaft bilden kann, wobei sich jeder auf gewisse Geschäftsfelder konzentriert. Aber es gab natürlich auch die Frage der gegenseitigen Beteiligung. Die Citigroup hätte dann einen zu großen Anteil an der Deutschen Bank gehabt. Deshalb haben wir das Ganze abgelehnt.
SPIEGEL: Sie oder der Aufsichtsrat?
Ackermann: Der Aufsichtsrat war damit nicht befasst.
SPIEGEL: Hätten Sie sich gegen eine Übernahme gewehrt?
Ackermann: Feindliche Übernahmen schließe ich im Bankbereich weitgehend aus,
weil der Übernehmer die Kunden und Mitarbeiter braucht. Am Ende entscheiden die Aktionäre.
SPIEGEL: Und eine freundliche Übernahme?
Ackermann: Die schließe ich aus, weil wir nicht wollen.
SPIEGEL: Bleibt ein Merger of equals, eine Fusion unter Gleichen.
Ackermann: Die schließe ich gegenwärtig aus, weil die Voraussetzungen nicht gegeben sind. Wir müssen alles dafür tun, um die Voraussetzungen zu schaffen, dass die Holding eines fusionierten europäischen Unternehmens in Deutschland sitzt.
SPIEGEL: Welche Voraussetzungen sind das?
Ackermann: Es gibt drei Hindernisse. Die steuerliche Belastung der Unternehmen liegt in Deutschland bei rund 39 Prozent. Wie soll ein Schweizer Unternehmen, das bislang 20 Prozent Steuern zahlt, seinen Aktionären erklären, dass es künftig einen deutlich höheren Prozentsatz zahlen soll?
SPIEGEL: 39 Prozent sind der offizielle Steuersatz, effektiv zahlen die Unternehmen sehr viel weniger.
Ackermann: Wenn Sie unsere Erfolgsrechnung ansehen, stellen Sie fest, dass wir eine Steuerquote von ungefähr 39 Prozent haben. Das ist einfach so. Das zweite Hindernis ist für viele der mitbestimmte Aufsichtsrat. Das dritte ist die zu wenig ausgeprägte Aktienkultur, der Dax entwickelt sich in der Regel schlechter als die anderen Märkte.
SPIEGEL: Warum werden Sie selbst nicht aktiv und kaufen zu? Es muss ja nicht gleich eine internationale Großbank sein.
Ackermann: Nicht alle wollen übernommen werden, so wie auch wir nicht übernommen werden wollen. Zum Tangotanzen gehören zwei. Kleinere Übernahmen haben wir aber immer gemacht, in der Schweiz, in Amerika, und das werden wir auch weiterhin tun. Wir haben genügend Kapital.
SPIEGEL: Der Kanzler hat Ihnen die Postbank mit ihren über elf Millionen Kunden auf dem Silbertablett offeriert. Warum haben Sie nicht zugegriffen?
Ackermann: Das Ganze war viel zu kurzfristig. Außerdem hätten wir uns in einem Interessenkonflikt befunden, nachdem wir lange für die Bank den Börsengang vorbereitet hatten. Plötzlich kam die Anfrage, ob wir kaufen wollten. Wir waren interessiert. Aber innerhalb von 24 Stunden stand alles in den Medien, alles wurde zerredet. Wir mussten die Gespräche stoppen.
SPIEGEL: Es muss ja nicht die Postbank sein. Warum halten Sie sich aus der notwendigen Bankenkonsolidierung in Deutschland heraus?
Ackermann: Es gibt in Deutschland drei Sektoren, die in sich relativ geschlossen sind. Die Sparkassen wollen unter sich bleiben und die Genossenschaftsbanken auch. Also ist eine Konsolidierung nur unter den Privatbanken möglich. Die Diskussion, die wir jetzt über unseren relativ geringen Stellenabbau in Deutschland geführt haben, zeigt, wie explosiv diese Frage wäre. Denn wenn man eine Bank übernähme, die heute an der Börse 10 bis 13 Milliarden wert ist und eine sehr bescheidene oder gar keine Rendite erzielt, wären harte Maßnahmen zur Effizienzsteigerung unausweichlich.
SPIEGEL: Dann müssten Sie weit mehr als 6400 Stellen abbauen?
Ackermann: In Deutschland werden wir in den nächsten 24 Monaten nur 1900 Stellen abbauen. Bei einer Übernahme würden es wahrscheinlich mehr als 10 000 sein.
SPIEGEL: War es nicht so, dass Ihre mächtigen Londoner Investmentbanker bisher jede Übernahme in Deutschland, bis hin zur Postbank, verhindert haben?
Ackermann: Ich bin froh, dass ich dieses Vorurteil endlich einmal korrigieren kann. Es waren gerade die Investmentbanker, die mit mir den Ausbau des deutschen Privatkundengeschäfts gefordert haben. Die Investmentbanker waren auch für die Übernahme der Postbank. Sie wären zu jeder sinnvollen Transaktion in Deutschland bereit. Sie haben noch nie etwas blockiert. Die Deutsche Bank wurde und wird aus Frankfurt geführt.
SPIEGEL: Wenn die Strategie der Deutschen Bank so unumstritten ist, dann wundert uns doch, dass Ulrich Cartellieri, ein Ur-
gestein Ihres Hauses, den Aufsichtsrat verlassen hat - aus Protest gegen die Übermacht der Investmentbanker und die Vernachlässigung des Heimatmarkts.
Ackermann: Ich kann das, was Sie sagen, nicht bestätigen, weil Herr Cartellieri mir seine Äußerungen im Aufsichtsrat nicht zugänglich gemacht hat. Ich kann, ohne Namen zu nennen, nur eines sagen: Viele wollten, dass wir das Privatkundengeschäft verkaufen, viele wollten, dass wir noch stärker in das Investmentbanking gehen, dass wir mit einer amerikanischen Investmentbank fusionieren und unseren Standort aus Deutschland verlagern. Dass dieselben Leute ...
SPIEGEL: ... deren Namen Sie nicht nennen ...
Ackermann: ... demjenigen, der zu alldem nein gesagt hat, nun vorwerfen, er habe sich für Deutschland zu wenig eingesetzt, finde ich schon sonderbar.
SPIEGEL: Cartellieri hat unter anderem kritisiert, dass das Investmentbanking zu viel Kapital verzehre. Im Jahr 2003 haben Sie etliche Milliarden an Boni vor allem an die Investmentbanker, aber nur 756 Millionen an die Aktionäre ausgeschüttet. Halten Sie das für eine gesunde Relation?
Ackermann: Ich würde gern weniger Boni ausschütten. Aber wenn Sie die besten Talente haben wollen, müssen Sie im Wettbewerb um die Besten mitbieten. Das ist wie bei Fußballspielern. Sie glauben gar nicht, was für eine Belastung es ist, nie zu wissen, ob einer ein so attraktives Angebot bekommt, dass er zur Konkurrenz geht. Dann schreibt die gleiche Presse, die uns für die hohen Boni kritisiert: Dramatische Niederlage für die Deutsche Bank. Im Übrigen ist die Rendite auf das eingesetzte Kapital im Investmentbanking außerordentlich hoch.
SPIEGEL: Und das rechtfertigt Gehälter im zweistelligen Millionenbereich, Ihr Rentenhändler Anshu Jain wird von der »FAZ« sogar der »100-Millionen-Euro-Mann« genannt?
Ackermann: Das ist absolut falsch. Aber Sie haben Recht, dass die Gehälter hoch sind, besonders verglichen mit anderen. Mein Bruder ist Professor für Urologie und verdient den Bruchteil eines guten Händlers. Aber wenn er auch so viel verdienen will, hätte er Händler werden müssen. Doch dafür liebt er seinen Beruf viel zu sehr.
SPIEGEL: Sie haben 11,1 Millionen Euro im Jahr 2003 verdient. Wie viele Mitarbeiter verdienen mehr als Sie?
Ackermann: Ich bin die Nummer 14. Wenn Sie einen Mittelstürmer haben, der viele Tore schießt, dann ist er mehr wert als der Trainer. Im Übrigen, ich habe in diesem und im letzten Jahr auf Geld verzichtet, das mir vertraglich zugestanden hätte. Das muss Ihnen nicht leid tun. Ich will nur sagen: So unsensibel sind wir nicht.
SPIEGEL: Herr Ackermann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Josef Ackermann
ist der umstrittenste Manager des Landes. Als er Anfang Februar trotz eines Milliardengewinns einen weiteren Stellenabbau ankündigte, schlug ihm eine Welle der Empörung entgegen. Ackermann, 57, Sohn eines Schweizer Arztes, kam 1996 zur Deutschen Bank, zunächst als Vorstand für den Geschäftsbereich Kreditrisiken, im Mai 2002 übernahm er die Führung des angeschlagenen Finanzinstituts, das er mit einem harten Sanierungskurs wieder in die Spitzengruppe der globalen Geldhäuser bringen will. Sein Ziel ist eine Eigenkapitalrendite von 25 Prozent. Kritiker werfen ihm vor, dabei zu sehr auf das Investmentbanking zu setzen und den Heimatmarkt zu vernachlässigen.
* Christoph Pauly, Stefan Aust und Armin Mahler in AckermannsLondoner Büro.