LEBENSMITTEL Altes Fleisch in neuen Folien
In der Filiale des Real-Supermarkts in Laatzen war an diesem Morgen- es war der 1. März - die Welt um sieben so ganz und gar nicht mehr inOrdnung. Seit einer guten Stunde durchwühlten Ermittler desPolizeipräsidiums Hannover die Kühltheke des Warenhauses, konfisziertenHackfleisch, Gyros und Geschnetzeltes.
Zur gleichen Zeit ertappten Fahnder im nur 30 Kilometer entferntenLangenhagen Fleischpanscher auf frischer Tat. In der Metzgerei desReal-Markts fanden sie rund 50 aufgerissene Verpackungen mitabgelaufenem Verfallsdatum. Daneben, in einem Bottich, dasherausgepulte Hack - direkt neben der Maschine, die das Fleisch neuverpacken und etikettieren sollte.
Die Zentrale von Real, einer Tochter des Metro-Konzerns mit rundacht Milliarden Euro Umsatz und 284 Märkten, erhielt an diesem Morgenebenfalls ungebetenen Besuch. Beamte des Bundeskriminalamtsdurchsuchten das Gebäude in Mönchengladbach nach Vermerken, dieAufschluss über den Umgang mit Frischfleisch in den Supermärktenliefern sollten.
Die illegalen Praktiken waren aufgeflogen, weil ein damaligerMitarbeiter seine Kollegen mit versteckter Kamera dabei gefilmt hatte,wie sie frühmorgens Hack und Geschnetzeltes vom Vortag, neuetikettiert, wieder ins Kühlregal gepackt hatten. Der Mann hatte dasVideo kurz darauf der Staatsanwaltschaft übergeben.
Seither hat Deutschland einen neuen Lebensmittelskandal - und dieStaatsanwaltschaft in Oldenburg jede Menge Arbeit. Die Behördeermittelt inzwischen gegen rund ein Dutzend Real-Mitarbeiter. NebenLaatzen und Langenhagen stehen mindestens zwei weitere Real-Märkte imVerdacht, altes Fleisch in neue Folien verpackt zu haben.
Der Verkauf von überfälligem Fleisch ist nicht nur unappetitlich, imschlimmsten Falle gesundheitsschädlich und ein Betrug am Kunden. Er istauch strafbar. Allein das »Vorrätighalten« von Hack mit abgelaufenemVerbrauchsdatum kann laut Hackfleisch-Verordnung mit bis zu drei JahrenHaft geahndet werden. Inzwischen scheint zwar klar, dass es aus derReal-Zentrale keine Anweisungen zur Umetikettierung gab. Die Fahnderwollen nun aber prüfen, ob Bezirks- oder Bereichsleiter dieManipulationen womöglich veranlasst, zumindest aber stillschweigendgeduldet haben.
Bei Real in Langenhagen fanden die Ermittler eine Notiz, wonach derBezirksleiter sofort zu benachrichtigen sei, wenn »die Verderbquote 0,3Prozent überschreitet«. Sollte so etwa, von wem auch immer, Druck aufdie Mitarbeiter ausgeübt werden und so die unappetitliche Methodebegünstigt worden sein? »Wenn man dann noch in den Büchern liest, dassdie Verderbquote über Wochen größtenteils 0,0 Prozent betragen hat,dann weiß man, dass da was nicht stimmen kann«, sagt ein Fahnder.
In den vergangenen Tagen gingen mehr als hundert neue Hinweise beiStaatsanwaltschaft und Lebensmittelämtern ein. Sie lassen vermuten,dass auch bei anderen Supermarktketten manipuliert wird. »Wir gehenzurzeit nicht davon aus, dass es sich in Laatzen und Langenhagen umEinzelfälle gehandelt hat«, sagt Staatsanwalt Bernard Südbeck.
Offenbar hat das Aufhübschen von Ekelfleisch in der Branche Methode- auch wenn die Real-Zentrale von »Ausnahmefällen« und »persönlichemFehlverhalten einzelner Mitarbeiter« spricht und es aus Mönchengladbachimmer wieder Anweisungen an die Filialen gab, dieLebensmittelvorschriften »strikt einzuhalten«.
In den vergangenen zehn Jahren gerieten allein Real-Märkte viermalwegen Umetikettierungen ins Visier von Fahndern. Vor zwei Jahren wurdeder Mitarbeiter einer Filiale im ostwestfälischen Brakel wegenFleischpanscherei zu einer Geldstrafe verurteilt. Im Jahr 2000recherchierte die Staatsanwaltschaft Frankenthal wegen ähnlicherPraktiken bei Real im rheinland-pfälzischen Bobenheim-Roxheim. Und inPirmasens wurde bereits 1996 ein Real-Angestellter wegenUmetikettierung zu sechs Monaten auf Bewährung verurteilt.
Was nicht mehr haltbar ist, wird haltbar gemacht. Die Tricks sindauch bei Edeka, Wal-Mart oder Tengelmann bekannt - sie alle hattenschon ihren Altfleischskandal.
Der Verbraucher ist daran nicht ganz schuldlos. DieGeiz-ist-geil-Mentalität der Deutschen hat selbst Gutverdiener zuSchnäppchenjägern werden lassen. Gleichzeitig nahm der Preiskampf inder Lebensmittelbranche brutale Züge an. Dass Hackfleisch wie jetzt inNiedersachsen umgepackt und damit das Haltbarkeitsdatum verlängertwurde, sei angesichts des enormen Preisdrucks nur eine logischeKonsequenz, meint Matthias Wolfschmidt von der VerbraucherorganisationFoodwatch.
Real hat inzwischen reagiert. Neun Mitarbeiter wurden beurlaubt,oder ihnen wurde gekündigt, darunter der Bereichsleiter Fleisch. Miteigenen Qualitätsmanagern in den Filialen und Hinweisschildern an derFleischtheke will man verlorenes Vertrauen beim Kunden wiedergewinnen -und handelte sich dabei neuen Ärger ein.
Die Stadt Braunschweig hat die Plakataktion in den Real-Filialen mitdem Slogan »Das Veterinäramt war hier. Alles getestet, alles frisch«inzwischen untersagt - wegen Irreführung des Verbrauchers. »Selbst wennaktuell eine Kontrolle stattgefunden hat«, heißt es in einem Vermerkdes Landwirtschaftsministeriums, sei nicht auszuschließen, »dassunmittelbar nach einer durchgeführten Kontrolle Rechtsverstößevorliegen können«. JÖRG SCHMITT