Sehnsucht nach einem Oberhirten - DER SPIEGEL
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PAPST-NACHFOLGE Sehnsucht nach einem Oberhirten

Mit dem langen Sterben von Papst Johannes Paul II. begannen die Richtungskämpfe für die Zukunft der katholischen Kirche. Viele Kardinäle favorisieren einen Nachfolger, der sich weniger um die Öffentlichkeit und mehr um innere Reformen kümmert.
Von Heiner Schimmöller, Alexander Smoltczyk und Peter Wensierski
• aus DER SPIEGEL 14/2005
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit untrüglichem Gefühl für die Macht der Bilder hat Papst Johannes Paul II. seine Kirche im Medienzeitalter ins dritte Jahrtausend geführt. Er selbst wurde so weltweit zu einem Symbol des Aufbruchs und der Versöhnung.

Doch der selbstbewusste Souverän des Vatikans, der bis zuletzt sein körperliches Leiden gezielt zum Mittel der Auseinandersetzung machte, hat offensichtlich viele Katholiken nicht überzeugen können.

Zum Leiden des Papstes an der Welt gehörte stets auch das Leiden der Kirche an diesem Papst - und das wird über seinen Tod hinaus die Tragik des Karol Wojtyla bleiben.

Noch während sein öffentliches Sterben die Welt in Atem hielt, begannen im inneren Zirkel bereits die Diskussionen, ob bei dem Konklave, das spätestens 20 Tage nach seinem Tod beginnen muss, nicht eine Richtungsänderung notwendig sei.

Je schwächer sein Körper geworden sei, desto geringer sei auch der Wille des Papstes gewesen, eine Neupositionierung der Kirche nach innen vorzunehmen. Nun müssen 117 Kardinäle mit der Wahl des Nachfolgers auch über die Zukunft der katholischen Kirche entscheiden.

Der Papst, der wie kein anderer Kirchenführer die Kraft öffentlicher Symbolhandlungen schätzte, achtete selbst in seinen letzten Stunden darauf, nach außen hin der Frage nach seinem Nachfolger nicht vorzugreifen. Er hatte alle seine Vertrauten und damit womöglich auch den 264. Nachfolger Petri am Freitag an sein Sterbebett gerufen. Und die Bulletins des Apostolischen Palastes hatten in der vergangenen Woche geradezu verzweifelt Normalität suggeriert: »Der Heilige Vater hat den Rücktritt entgegengenommen ... Der Heilige Vater hat ernannt ... Der Heilige Vater hat akzeptiert ...«

Doch es ist das Schicksal starker Männer, dass ihnen nicht einmal am Ende Schwäche zugestanden wird.

Den deutschen Würdenträgern im Vatikan war das Schauspiel öffentlichen Leidens in den letzten Tagen unheimlich geworden: »Es wäre schade«, sagte ein Vertrauter Kardinal Ratzingers, »wenn er so im Gedächtnis bliebe. Es ist entwürdigend für ihn.« - »Der nächste Papst darf sich nicht wieder so verausgaben wie Johannes Paul II.«, sagte ein anderer. Auch der US-amerikanische Kardinal James Stafford fragte, »ob es für den Kirchenführer geraten ist, in solch geschwächtem Zustand vorgezeigt zu werden«.

Und hinter den Mauern des Vatikans ist die Sehnsucht nach einem anderen Typus Kirchenführer, einem weniger dominanten, deutlich zu spüren.

Die meisten Kardinäle wollen keinen neuen Medienstar, der durch die Welt reist und die Kirche nach außen repräsentiert. Sie wollen eine religiöse Leitfigur, die Hirten möchten einen Oberhirten.

So hat sich im Laufe der letzten Monate ein Anforderungsprofil für den Nachfolger jenes Papstes herauskristallisiert, der über 26 Jahre äußerst rigide über seine Schäfchen herrschte. Der nächste Papst, so heißt es in Rom immer wieder, soll ein Mann sein, der den Bischöfen wirklich sein Gehör schenkt, sie unterstützt und ihnen und ihren Gemeinden beisteht.

Doch noch ist völlig offen, wer denn der neue Petrus-Nachfolger sein wird. Wird es einer, der das moralische Erbe des Johannes Paul II. übernimmt und die Zukunft in seinem Sinn gestaltet? Oder fällt die Wahl auf einen, der tiefgreifenden Reformen den Weg bereitet, die Kirche neu positioniert in ihrem Verhältnis zu Frauen, zu Laienpriestern, zur Ökumene?

Wie die Wahl in der Sixtinischen Kapelle ausgehen wird, hängt davon ab, welcher der diversen Blöcke den größten Einfluss auf die Purpurträger aus 54 Ländern ausüben kann: Traditionalisten oder Reformer? Industriestaaten oder Entwicklungsländer? Italien oder übriges Europa? Afrika oder Lateinamerika?

Die Diskussionen werden, so ist es ehernes Gesetz im Vatikan,

nicht öffentlich geführt. Sie werden im Stillen gelenkt von zwei prominenten und in der Kirche geschätzten Würdenträgern: dem deutschen Kardinal Joseph Ratzinger und dem Italiener Carlo Maria Martini.

Um den deutschen Kurienkardinal scharen sich all jene, die am bisherigen Kurs festhalten wollen. Es sind die Glaubensschützer, die ihre Kirche nicht dem Zeitgeist unterwerfen wollen. Zu dieser Gruppe zählen 30 bis 40 Kardinäle, vom Kolumbianer Alfonso López Trujillo bis zum Kölner Erzbischof Kardinal Joachim Meisner. Ratzinger hat es offensichtlich geschafft, Hardliner und gemäßigte Hardliner hinter sich zu bringen.

Der eher liberale Flügel versammelt sich um den Mailänder Martini. Dazu werden neben Brasilianern wie Cláudio Hummes auch viele Italiener wie Camillo Ruini oder Dionigi Tettamanzi bis hin zum orthodoxkonzilianten schwarzen Kirchenführer Francis Arinze gerechnet. Sie gelten als die »Brückenbauer«.

Ratzinger und Martini, die Symbolfiguren der beiden großen Fraktionen, sind mit 78 Jahren eigentlich schon zu alt, um selbst das Amt noch übernehmen zu können. Allerdings: Nach dem langen Pontifikat ist die Neigung gewachsen, diesmal keinen so jungen Kardinal wie 1978 Karol Wojtyla, damals 58, zu wählen.

In jedem Fall aber wird es eine harte Auseinandersetzung. »Wenn der Rhein in den Tiber fließt«, heißt es im Vatikan unter Anspielung auf den strengen Deutschen und die lockereren Italiener, »wird es in der Sixtina hoch hergehen.«

Dabei haben die Italiener, die derzeit wohl von den meisten Kardinälen favorisiert werden, ein internes Handicap: Sie teilen sich in einen nord- und einen süditalienischen Flügel. Der Norden möchte den aus Brescia stammenden Giovanni Battista Re als neues Oberhaupt sehen, der Süden den ehrgeizigen Cheforganisator des Heiligen Jahres, Crescenzio Sepe. So könnten sich die beiden neutralisieren.

Zudem hat Johannes Paul II. immer wieder selbst deutliche Zeichen für seine Nachfolge gesetzt, wenn er verstärkt Traditionalisten zu Kardinälen berief und bei der Zusammensetzung des entscheidenden Gremiums der Weltkirche den wachsenden Anteil der Katholiken in den Dritte-Welt-Staaten berücksichtigte. So wurde der Kreis der Wahlmänner immer internationaler - aber auch immer konservativer.

Als Lobbyisten betätigen sich vor allem jene missionsfreudigen Gruppen und Verbände, die Johannes Paul II. systematisch gestärkt hat:

* Die Personalprälatur Opus Dei verfügt über Geld, Macht und gute politische Beziehungen in Italien, Spanien und Lateinamerika. Ihr Protagonist im Konklave ist der Erzbischof von Lima, Juan Luis Cipriani Thorne;

* die Fokolar-Bewegung ("Werk Mariens"), eine spirituelle Gemeinschaft mit mehr als vier Millionen Sympathisanten, baut bei der Wahl auf den Prager Erzbischof Kardinal Miloslav Vlk;

* die weltweit verbreitete Schönstatt-Bewegung, deren Anhänger Leben und Glauben an streng katholischen Idealen ausrichten wollen, vertraut auf den Erzbischof von Santiago de Chile, Francisco Javier Errázuriz Ossa;

* die Orden, allen voran die Jesuiten mit ihrem Favoriten aus Buenos Aires, Jorge Mario Bergoglio, werden ebenfalls versuchen, ihre Interessen zu wahren.

Wie am Ende die Abstimmung ausgeht, ist diesmal noch schwieriger vorherzusagen, weil in jedem Fall per Stimmzettel, der »möglichst in verstellter, aber deutlicher Schrift« ausgefüllt werden soll, abgestimmt werden muss. Die bisherige Wahlmöglichkeit durch spontanen Beifall, gern auch als »Wahl durch den Heiligen Geist« verklärt, wurde von Johannes Paul II. abgeschafft.

Weiterhin aber werden die Kardinäle, allen vorherigen Absprachen zum Trotz, bei der Stimmzettelabgabe den alten Eid leisten: »Ich rufe Christus, der mein Richter sein wird, zum Zeugen an, dass ich den gewählt habe, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden sollte.« HEINER SCHIMMÖLLER,

ALEXANDER SMOLTCZYK, PETER WENSIERSKI

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