POLIT-FERNSEHEN Visa-TV
Der verantwortliche Mann für die zurzeit am heftigsten debattierte Reality-Show im deutschen Fernsehen hätte bei einem Privatsender wohl keine Chance. Hartwig Bierhoff ist studierter Romanist, trägt eine randlose Brille, einen gepflegten Schnauzer und verbreitet eher die Aura freundlicher Gemütlichkeit. An seiner Bürotür klebt eine Postkarte. Sie zeigt ein verwackeltes Testbild mit der Aufschrift: »Fernsehen macht glücklich.«
Bierhoffs Büro liegt im Erdgeschoss des Jakob-Kaiser-Hauses in Berlin-Mitte. Vom Schreibtisch aus kann er auf die Kuppel des Reichstags gucken. Seine Visitenkarte weist ihn als Leiter des Referats PI 4 aus und damit als Chef des Parlamentsfernsehens. Bierhoff ist so etwas wie der oberste TV-Beamte des Bundestags.
Man kann nicht sagen, dass er bislang zu den Stars unter den Medienmanagern der Republik gezählt hätte. Aber am vergangenen Freitag machte ihn sein Job plötzlich zu einem der gefragtesten Mitarbeiter seines Hauses.
In der Nacht davor hatten die Mitglieder des sogenannten Visa-Untersuchungsausschusses einstimmig beschlossen, erstmals in der Geschichte des deutschen Parlamentarismus eine Live-Übertragung aus einem Untersuchungsausschuss zu erlauben, sofern die vorgeladenen Zeugen zustimmen. Schon an diesem Donnerstag soll es losgehen: mit dem ehemaligen Staatsminister Ludger Volmer aus dem Auswärtigen Amt und dem derzeitigen deutschen Uno-Botschafter Gunter Pleuger.
Es wird aber wohl lediglich eine Art Vorab-Premiere für ein Medienspektakel noch größerer Güte: den Live-Auftritt des amtierenden Außenministers Joschka Fischer am Montag danach. Volmer wie Fischer haben ihr Einverständnis für die Übertragung bereits gegeben.
»Wir wären vorbereitet und könnten innerhalb einer Stunde auf Sendung gehen«, sagt Bierhoff, der ein kleines, feines Medienreich regiert. Im Keller hat er ein hochmodernes Studio, drei Regieräume und eine vollautomatische Sendeabwicklung stehen. Im Sitzungssaal des Ausschusses sind fünf ferngesteuerte Kameras fest an den Säulen und unterhalb der Besuchertribüne installiert, über die Regisseur und Kameramann sich jederzeit auch einzelne Plätze und Personen heranzoomen können.
Alles vom Feinsten, kaum fünf Jahre alt und voll digital. Für 15 Millionen Euro hat sich der Bundestag damals TV-technisch hochgerüstet, um ein bundesweites Parlamentsfernsehen ausstrahlen zu können.
Wie heute schon bei Plenarsitzungen üblich, würde Bierhoffs Parlamentsfernsehen die Ausschussbilder allen anderen Sendern kostenlos zur Verfügung stellen. Ob seine TV-Truppe indes zum Zuge kommt, war
am Freitagabend noch nicht klar. Auch der Ereigniskanal Phoenix hat sich als Poolführer angeboten.
Das Thema ist heikel, denn es geht um mehr als Bildästhetik. Es geht um die Macht über mächtige Bilder. Bilder von Politikern. Politiker unter Stressbedingungen. So etwas könnte Wahlen entscheiden. Womöglich die in Nordrhein-Westfalen.
Dass Fischer und Volmer auf Sendung gehen, heißt indes nicht, dass künftig alle Zeugen vor laufender Kamera befragt werden. Bundesinnenminister Otto Schily braucht offenbar noch Bedenkzeit. »Der Minister ist grundsätzlich skeptisch«, lässt er mitteilen.
Dennoch markiert die Entscheidung des Visaausschusses eine historische Zäsur. Bisher waren Sitzungen solcher Gremien, nach Ansicht vieler Abgeordneter die »schärfste Waffe« des Parlaments, für TV-Kameras absolut tabu. Als Helmut Kohl etwa ab dem Jahr 2000 vom sogenannten Spendenausschuss einvernommen wurde, war der Auftrieb gewaltig, aber elektronische Medien mussten auch dort draußen bleiben.
Dass dies nun bei der Visaaffäre anders sein wird, hat mit dem neuen Untersuchungsausschussgesetz zu tun, das in Paragraf 13 zwar immer noch besagt, »Ton- und Bildübertragungen sind nicht zulässig« - aber Ausnahmen dann gestattet, wenn zwei Drittel der Mitglieder sowie die zu vernehmenden Personen zustimmen.
Die Regierungskoalition hofft, dass der Medienprofi Fischer die Vorwürfe elegant und überzeugend parieren wird, rechtzeitig zur schweren NRW-Wahl. Es war denn auch kein Zufall, dass zuerst die Sozialdemokraten den Vorschlag für eine TV-Übertragung ins Gespräch brachten. Federführend musste SPD-Obmann Olaf Scholz an die Front.
Die Grünen mochten dessen Euphorie erst nicht teilen. Scholz machte Fischer die Idee eines TV-Auftritts in einem Telefonat schmackhaft. Seinen Grünen-Kollegen Jerzy Montag konnte er nur schwer überzeugen. Bis zum Schluss warnte der davor, die Sache könne zur Showveranstaltung mutieren, in der Zeugen nach der Farbe ihrer Krawatte beurteilt werden.
Inzwischen sieht man die Sache im Fischer-Umfeld offensiv: Angestrengt fahnden Mitarbeiter nach Schriftverkehr in Visafragen, auch aus der Kohl-Kinkel-Kanther-Ära, die der Außenminister vor dem Ausschuss kamerawirksam als Entlastungsmaterial hervorzaubern könnte.
Auch die Union brachte der Scholz-Vorschlag in eine unangenehme Lage. Noch im geschäftsführenden Fraktionsvorstand am Montag vergangener Woche wurde heftig gestritten, ob man einem »Fischer-TV« zustimmen könne. Fraktionsvize Wolfgang Bosbach machte sich zum Wortführer einer harten Linie: »Ich befürchte eine Amerikanisierung des Untersuchungsausschusses«, sagte er staatstragend, vergaß aber auch eher eigennützige Argumente nicht: Selbst wenn Fischer sich in Widersprüche verwickle, könne die Union davon nicht zwangsläufig profitieren: »Wir haben doch keinen Einfluss darauf, was gesendet und gesehen wird!«
Eine halbe Stunde debattierten die Unionsoberen mit Angela Merkel, dann sprach die Chefin ein Machtwort. Die Union könne es sich nicht leisten, in einem von ihr selbst angeschobenen Untersuchungsausschuss Nein zu mehr Offenheit zu sagen: »Wir dürfen nicht den Eindruck erwecken, als seien wir gegen Transparenz.«
Noch ist keineswegs ausgemacht, ob für Fischer und seine Kombattanten die Chancen überwiegen oder ob die Ausschussmitglieder ihn vor den Kameras nicht am Ende in Bedrängnis bringen. Und das sind nicht die einzigen Fragen, die Parteien, TV-Verantwortliche und Kommunikationsexperten seit der Entscheidung umtreiben.
Natürlich kann die TV-Übertragung für mehr Transparenz sorgen. Andererseits fürchten viele eine neue Plattform für Polit-Theater.
Welche Bilder die Zuschauer zu sehen bekommen, darüber wird nun fast schon so heftig debattiert wie über die Zahl der Visamissbräuche in Kiew. Am Dienstag trifft sich eine Arbeitsgruppe des Untersuchungsausschusses, die Details klären soll. Das kann dauern, wie die Vorarbeiten der TV-Kanzlerduelle vor der letzten Bundestagswahl zeigten. Am Ende standen sich zwei wächserne Marionetten gegenüber, während jede Sekunde Redezeit-Überziehung akribisch vermerkt wurde.
Die Union hat Reinhard Grindel in das Gremium geschickt, der für das ZDF mal Studioleiter in Brüssel war. »Wir machen da keine rot-grüne Talkshow draus«, stellt er schon mal klar, hat aber nichts dagegen, wenn man den Außenminister mal in Nahaufnahme zeigt. Das wiederum will der Grüne Montag verhindern. Fischer mit Schweißperlen auf der Stirn? Für ihn wäre das ein Alptraum. Er plädiert deshalb für eine »konservative Bildführung« - also keine porentiefen Zooms.
Ähnlichen Knatsch hatte es bereits im Spenden-Untersuchungsausschuss um eine Fernsehübertragung gegeben. Der damalige Ausschussvorsitzende Volker Neumann (SPD) hatte vorgeschlagen, einen Auftritt von Helmut Kohl Ende Januar 2001 als Testübertragung auf die Sender zu bringen. Kohl lehnte ab. CDU-Obmann Andreas Schmidt wetterte flankierend, Neumann wolle doch nur »ein Medienspektakel inszenieren«. Und auch wenn es bald danach eine eigene gesetzliche
Grundlage für eine TV-Freigabe gab - es kam nie dazu. Bis jetzt.
Erfahrungen mit der Direktübertragungung aus Ausschussitzungen gibt es dennoch, vor allem in den USA. Seit 1948 ist im Kongress bei öffentlichen Anhörungen das Fernsehen dabei. 1973 konnten TV-Zuschauer die Rechtfertigungsversuche der Protagonisten der Watergate-Affäre verfolgen - insgesamt 319 Stunden lang. Im Iran-Contra-Skandal erhielten US-TV-Haushalte live und in Farbe erstaunliche Einblicke in die Lügengebäude des Oberstleutnants Oliver North. Bill Clintons Auftritt vor der Grand Jury in der Lewinsky-Affäre, der aufgezeichnet und später ausgestrahlt wurde, verhalf den Sendern gar zu Rekordquoten. Allein Clintons kurze Ansprache nach der Vernehmung sahen 90 Millionen Amerikaner.
Doch bei aller neu entflammten Debattenfreude in Deutschland - ausgerechnet die Begeisterung hiesiger Großsender, die das Spektakel übertragen sollen, hält sich bislang in engen Grenzen.
Weder ARD noch ZDF wollen Fischers Aussage live zeigen. Das sagten ARD-Chefredakteur Hartmann von der Tann und sein ZDF-Kollege Nikolaus Brender Ende vergangener Woche. Je nach aktueller Lage planen die beiden großen öffentlich-rechtlichen Sender, deren Programmkrieg um Adelshochzeiten und -beerdigungen sich am Freitag mit einer stundenlangen Parallelübertragung der Trauerfeier für Fürst Rainier fortsetzte, lediglich eine ausführliche Berichterstattung in ihren Nachrichtensendungen. Allenfalls für den Abend wolle man über Sondersendungen nachdenken.
Auch bei RTL kann sich Informationsdirektorin Ingrid Haas keine Live-Übertragung vorstellen. »Das kommt für uns nicht in Frage. Wir sind aber mit Redakteuren vor Ort, um im Zweifelsfall auf Breaking News zu reagieren.«
Unisono verweisen die Vollprogramme in Sachen Live-Berichterstattung auf ihre kleinen Nachrichtenbeiboote. Die Öffentlich-Rechtlichen planen mit dem Ereigniskanal Phoenix, RTL mit N-tv und die ProSiebenSat.1-Gruppe mit N24. »Wir werden schon an diesem Donnerstag live hineingehen«, sagt N-tv-Chef Johannes Züll. »Für uns ist das hochinteressant und ein echter Fortschritt«, flankiert N24-Chef Torsten Rossmann, der ebenfalls schon die Aussage von Ex-Staatsminister Volmer live senden will. Sicher ist auch eine umfassende Berichterstattung durch Phoenix, das bislang neben Plenardebatten schon live aus den ständigen Ausschüssen berichtet und somit am meisten Erfahrung mit Parlamentsfernsehen hat.
Andere Privatkanäle winken ab. »Wir werden sicher nicht live senden, wie Fischer in Unterlagen blättert«, sagt ein führender Privat-TV-Mann, der nicht genannt werden möchte: »Leider sind wir ja nicht in Korea oder Russland, wo sich die Abgeordneten auch mal prügeln.« JULIA BONSTEIN, RENÉ PFISTER, MARCEL ROSENBACH