Obskures Objekt - DER SPIEGEL
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Obskures Objekt

• aus DER SPIEGEL 9/1979
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Was kann man für eine Mark schon kaufen? Eine Büchse Bier oder auch ein paar Kaugummi oder aber einen Blick auf eine nackte Frau. Das eine wie das andere ist im Angebot der Automaten, diesen Verkaufsrobotern aus den Anfängen einer Welt ohne Menschen. Die Münze verschwindet, die Maschine läßt die Ware erscheinen: eine Büchse, ein Päckchen, einen lebendigen Menschen.

Die Person ist im Unterschied zu den Dingen nicht anzufassen, nicht mitzunehmen. Sie befindet sich in einem abgeschlossenen, künstlich rot leuchtenden Raum mit verglasten Ausschnitten. Der optische Konsument befindet sich in einer abschließbaren, dunklen Kabine. Die Sicht wird durch sich hebende und senkende Klappen automatisch im Zeittakt geregelt. Eine Minute kostet eine Mark; beliebige Verlängerung durch Nachstecken ist möglich. Statthaft, weil geschäftsfördernd, ist des Automatenbenutzers Erguß.

Zur Geschäftsförderung bewegt sich das gekaufte Frauenbild im Rhythmus synthetischer Musik, die auch der Käufer hört. Spiegel machen ihm die Figur von jeder Seite sichtbar. In Facetten einer verspiegelten Verfremdung verschwindet die Figur bis zur Unsichtbarkeit zwischen Girlanden künstlicher Blumen.

Eine Utopia-Vision, ein Irrgarten der künstlichen Blumen, der künstlichen Klänge, der künstlichen Lichter, der künstlichen Lüste, ein Spiegelkabinett abhanden gekommener Sinnlichkeit?

Als die Rolling Stones Mitte der sechziger Jahre »I can't get no satisfaction« sangen, wurde die Musik noch von Hand gemacht und das gewisse Gewerbe auch. Pornographisches gab es nur auf dem schwarzen Markt. Dann lernten -- 1970 -- die Pornos das Laufen im Film wie in der Legalität von Läden. Die Fortentwicklung führte zum Schautomaten für Filmausschnitte, und dann eben wurden die zweidimensionalen Bilder dreidimensional. Die Modelle stiegen in die auf Lebensgröße gebrachten Apparate.

Das ist die kurze technische Entwicklungsgeschichte dieser eigenartigen Schauanlage. Die erste in Europa richtete ein Walter Staudinger, Eigner einer Boxschule und eines Pornoladens, 1976 in München ein. Ein Kuriosum schien da entstanden, nichts von Dauer, keineswegs eine typische Zeiterscheinung, eher typisch für eine Fehlinvestition von 150 000 Mark: Soviel Voyeure, die sich ihre Schlüssellochlust technisch aufbereitet abkaufen ließen, konnte es doch nicht geben.

»Peep-Show«, nach dem amerikanitchen »to peep« = verstohlen gucken, nannte Staudinger sein Geschäft, und aus der Megalopolis New York hatte er die Idee sowie die Apparaturen. Weil München keine Megalopolis ist und der Kreis der Spanner, auf die das Kapital schielte, in einer Millionenstadt kleiner ist als in einer Acht-Millionen-Stadt, wurde für die Rentabilität des Spleens kaum ein Pfifferling gegeben.

Die Marktlage jedoch übertraf sich selber, inzwischen gibt es diverse Etablissements dieser Art in der Bundesrepublik, in Frankfurt wie in Gelsenkirchen, in Bochum wie in Karlsruhe und Nürnberg, gleich zwei in Hannover wie in Saarbrücken, gar drei in Stuttgart, vier in Berlin, davon eines direkt am Ku"damm.

Und schon gibt es eine Anti-Bewegung. In Augsburg wehrt sich eine Bürgerinitiative gegen eine geplante Anlage. Von den Städten Düsseldorf, Köln und Marl wurde eine Genehmigung verweigert. Das Essener Ordnungsamt machte zur Bedingung, daß hinter den Scheiben keine Geschlechtsteile zu sehen sein dürfen; der Antrag wurde zurückgezogen. Die Stadt Dortmund, die ein Sehgeschäft verhindern wollte, verlor einen Prozeß und legte Berufung ein (siehe Kasten, Seite 88).

Kaum drei Jahre brauchte der fremde Begriff Peep-Show, um sich im Sinn des Wortes einzubürgern und geläufiger zu werden als das ordentliche Wort Sextant: »In der Peep-Show die Frauen«, antwortete jemand, der für Wim Thoelkes »Großen Preis« die Bedeutung des nautischen Gerätes erklären sollte. Das Mark-Minute-Mensch-Maschine-System zur Triebabfuhr bemächtigte sich der Bürger oder umgekehrt. Jedenfalls sind automatisch abzukassierende Voyeure keine exotische Ausnahmeerscheinung, fast schon Massenerscheinung. Trotz Reeperbahn und Großer Freiheit bietet Hamburg (645 600 männliche Einwohner über 15 Jahre) pro Wochentag 48 750 Peep-Minuten verteilt auf 80 Peep-Fenster von sieben Läden.

Schon ist Peep-Show eine kulturelle Chiffre geworden. Theaterregisseur Peter Zadek benutzte sie für die Inszenierung einer »Rock Revue '79«. Udo Lindenberg singt »Reeperbahn, wenn ich dich heute so anseh«, Kulisse für'n Film, der nicht mehr läuft, ich sag dir: das tut weh«, und auf der Bühne läuft Peep-Show. Sie ist für Zadek ein »Symbol für absolute Einfallslosigkeit und heruntergekommene Individualität, für nichts als nur noch den Nepp«.

Der »großen Geste mit dem Kommerz«, ja der konnte ein Kulturmensch wie Zadek noch »einigen Witz« abgewinnen. Aber davon ist nicht mehr viel übrig auf dem »Kiez«. Symptomatisch für Zadek die Peep-Show« »dieser blasse Ersatz der Kontaktlosigkeit: Klappe auf und Klappe zu über der Entmenschlichung«.

Im Hamburger »Tiffany« gehen die Klappen von halb zehn Uhr früh bis Mitternacht auf und zu. Die Entmenschlichung findet fast ohne Unterlaß statt, ein paarmal am Tag muß die Putzfrau die Folgen vom Boden wischen. Mindestens vor einer der 13 Sehscheiben steht so gut wie immer einer, einer, der nicht anders wirkt als einer aus der Masse der Männer, die draußen die Straße entlangeilen.

Die Straße, der Steindamm, führt von gläsernen Türmen einer verwaltenden Wirtschaftswelt vorbei

an allerlei Läden und Lokalen, kleinen Firmen und Fertigungsbetrieben zum Hauptbahnhof, führt von eiskaltem Finanzpomp in die Schäbigkeit. Etwas von steriler Atmosphäre der klimatisierten Arbeitsräume in den Hochhäusern weiter oben und etwas von billiger wie schmuddeliger Imbißabfertigung weiter unten an diesem Boulevard der Gegensätze findet sich auch im Tiffany.

Auf seine Art bildet es Außenwelt ab, so wie seine Besucher gesellschaftliche Relevanz zu repräsentieren scheinen: kein poppiges Jungvolk, nichts Langhaariges, nichts Ledernes, unauffällige bis auffällig seriöse Herren Jedermann, Büromenschen und Produktionsmenschen, das ist an Aktenkoffern und Arbeitskleidung zu ahnen, dem Eindruck nach Mittelstand aller Schattierungen, einige blutjung, einige altersgrau, die meisten zwischen 30 und 50 Jahren, mithin Leute jener Altersklasse und Schicht, auf deren Arbeit der Wohlstand dieser Republik gegründet ist.

Der äußere Eindruck trügt nicht, eine Marktforschung unter den Peep-Show-Besuchern ergab einen Querschnitt durch alle Schichten, von Selbständigen bis zu Hafenarbeitern, mit großem Gewicht jedoch auf dem Mittelstand.

Daß dieses Tiffany so heißt nach New Yorks exquisitem Juwelier für die oberen Zehntausend, könnte als Hohn verstanden werden oder als Anspielung auf einen Reiz für Reiche, der hier klassenlos erschlossen wurde. »Das war«, so sagt ein Besucher, »doch früher ein Vergnügen für Fürsten, die hatten spezielle Kammern, die linsten durch die offenen Augen von Gemälden, und heute, da sind wir alle Fürsten.« Er bezieht mit einer großen Geste die Wartenden vor den Kabinen mit ein in sein sehr subjektives Hochgefühl.

Weniger fürstlich als trübselig wirken die Wartenden. Einige klimpern enerviert mit Kleingeld, gehen motorisch auf und ab, andere starren stier auf die roten Lämpchen, die anzeigen: Besetzt.

Um die Zeit der Mittagspausen und am Nachmittag mit dem Schließen der ersten Betriebe, dann der Büros, bis zum Schließen der Läden ist Hauptgeschäftszeit im Tiffany. In der Automatenauslastung drückt sich der Rhythmus der Arbeitswelt aus, und vielleicht ist der Menschenautomat auch Ausdruck dieser Arbeitswelt. »Da draußen wie hier drinnen Technisierung, Rationalisierung«, sagt der Geschäftsführer vom Tiffany, Thomas Otto, 27.

Er ist jemand, der sich Gedanken macht, schließlich hat er zehn Semester Betriebswirtschaft und Psychologie. studiert. »Natürlich kann man die Peep-Show als ziemlich traurige Angelegenheit ansehen«, erläutert Otto, »als billige Antwort auf die Anonymität der Gesellschaft, die Verkrüppelung der Sexualität, die Verkoppelung von Lustgewinn und Geld.« Otto ist kein Zyniker, eher einer, der sich lustig-traurig wie ein Clown in einem Randbereich gesellschaftlicher Zerstörung niedergelassen hat.

Dafür hat er eine Ideologie zurechtgelegt: »Wirklich aufeinander eingehen können die Menschen erst, wenn sie gelernt haben, mit ihrem Trieb so unbefangen umzugehen wie mit Essen und Trinken.« Jede sexuelle Erfahrung, und sei sie noch so primitiv, hält er für einen Schritt aus der verklemmten, verhemmten Unlust-Leistungsgesellschaft: »Durch Sattsein, Sattsehen werden solche Läden überflüssig, aber das wird nie geschehen, der neue Mensch, die glänzende Utopie läßt auf sich warten, also kann man das alles ganz anders ansehen: Hier haben die Leute ein bißchen Spaß, hier wird Sex und Liebe sauber getrennt, ohne Animieren, ohne Anfassen, ohne Reue und Risiko, ohne Schuld und Schaden. Hier gibt es ein in jeder Hinsicht billiges Vergnügen, billig, na klar, aber auch Vergnügen, hier kommen Unzufriedene rein, und Zufriedene gehen raus.«

Letzteres scheint zu stimmen. Die Hereinkommenden lassen sich kaum ansprechen, sie machen abwehrende Gesten oder verlassen sogar als Antwort auf Fragen nach den Gründen für ihr Hiersein den Laden. Die Hinausgehenden, die durch den Automaten gegangen sind, antworten meist leutselig bis komisch. »Wenn das Geld im Kasten klingt, der Oimel in die Höhe springt«, sagt einer, die Umstehenden lachen.

Den Ablaß für eine Empfindung betrachten viele als Witz. Über den Witz verschaffen sie sich Abstand von ihrem Bedürfnis und dessen Befriedigung, über den Witz werden sie sich selber zum Objekt, über das sie juxen können. Dieser Distanzierung entspricht der Automat, der -- Klappe auf,

Klappe zu, handelndes Subjekt auf seine Weise -- die Menschen, Mann wie Frau, zum Objekt macht, und zwar so unverhohlen, wie es unüblich ist in der gewohnten gesellschaftlichen Verschleierung dinglicher Beziehungen zwischen den Geschlechtern.

»Zahlen mußte immer, mit Schöngetue und sonem Kram, und nie isses genug, hier weißte, waste zahlen mußt, weißte, waste kriegst dafür«, sagt ein junger Mann.

Seltsam schon, wie der Mark-Minute-Mechanismus benutzt wird. Daß Zeit Geld ist, muß ungeheuerlich unter die Haut gehen. Einer, der öfter mal kommt, macht gern »auf Sparmax«. Was er nicht verbraucht von eingewechselten fünf Mark, rechnet er seinem Körper als Erspartes an. Der Mann ist Löter, arbeitet im Stücklohn. »Die Akzeleration«, lobt ein Techniker, meint seine eigene und verweist zwinkernd auf die Autos: »Die sind auch schneller geworden.«

Mit der schnellen Zeit, mit der Zeit der Rekorde läuft auch im Tiffany der Wettlauf gegen die Klappe. »Sportiv« sieht ein Gehaltsbuchhalter »die Sache«. Nicht allein solcher Raserei dient diese Minuten-Maschine. Die Zeitflüchtigkeit ist es, die den lebenden Bildern hinter der Scheibe etwas von abstruser Kostbarkeit verleiht: Wenig wird so mehr. Wer gäbe schon eine Mark, um einen Tag lang eine Nackte zu besehen. So was ist sommers an Stränden sowieso umsonst. Obskures Objekt der Begierde wird, was sich zeigt und sich rasch entzieht, das ist bekannt nicht erst durch Bunuel. Nach diesem Prinzip arbeitet der Apparat, erzeugt das, was Benutzer als »unheimlich starken Eindruck«, »einen Hammer«, »einen Kitzel« schildern.

»Schade, daß man nicht kriegt, was man so sieht«, sagt jemand und ließ sich gerade das ganz unmittelbar bestätigen. Mittelbar hat er sich längst abgefunden, daß Reklameschönheit für ihn persönlich nicht bestimmt ist: »Man sieht ja immerzu so vieles, in der Werbung, im Kino und so, und hier.«

Ein anderer berichtet, er werde das für Minuten Gesehene behalten und sich vorstellen, wenn er mit seiner Freundin beisammen ist. »Anregung für die Ehe«, so gleichlautend knapp wird vielfach die automatische Wirkung von Männern veranschaulicht: Montags, nach einem Ehewochenende, und freitags, vor einem Ehewochenende, hat die Peep-Show die meisten Besucher. So viele wie an noch keinem Tag kamen am 27. Dezember. Vier freie Tage, das Familienfest Weihnachten hatten sie hinter sich, und wer weiß was noch.

Doch vielleicht einen Fetzen Freude, so klein er auch sei, hat er zum Nachhausetragen, der Mann, der da sagt: »Meine Frau ist besser.« Ein anderer meldet eher zufrieden als enttäuscht: »Keine Superfrau da drin.«

Daß in der Besichtigungsanlage keine Superfrau war, hat offenbar etwas Beschwichtigendes. So werden Omnipotenzphantasien, die über klägliche Wirklichkeit hinweghelfen, nicht beschädigt, denn wer kann schon Supermann bleiben angesichts einer Superfrau. Vielleicht deshalb sind ganz normale Frauen erwünscht. Der Psychologe Otto weiß das aus einer Umfrage wie aus dem Absatz zweidimensionaler Pornographie, für die das Tiffany nebenbei auch Verkaufsstelle ist.

Warum diese Versessenheit auf Bilder, wenn sie doch nur das ganz Normale zeigen? Warum diese Wiedereinkehr in die Bildermaschine, wenn sie doch nur Bekanntes produziert? Mindestens jeder dritte war so oft in dem Automaten, daß er dem Personal bekannt ist, ein sogenannter Stammspanner. »Ich fahre eben ab auf dem Visuellen«, sagt einer, der auch schon in anderen Städten peepte.

Daß sich Männer durch nackte Frauen erregen lassen, ist gewiß eine alte Erscheinung, die neue Form ist das Eigenartige: »Wie Fernsehen«, erläutert jemand, »immer dasselbe, bloß besseres Programm.« Irgendwie erläutert die Peep-Show selber mit ihren Luken im Format einer mittleren Mattscheibe, auf welche Seitenwege es führen kann, eine Gesellschaft an Sehapparate zu gewöhnen, an televisionär vermittelte Empfindungen, ja manchmal Abenteuer des Gefühls.

Drei Häuser sind zwischen dem Tiffany und einer Filiale der Commerzbank, wo einmal ein Räuber eine Geisel nahm und sodann erschossen wurde. Am Fernseher sah ein Millionen-Publikum zu. Das hat direkt mit dem Tiffany nichts zu tun, indirekt schon. Der Schrecken hat längst seine Bilder, wo aber findet die Lust die ihrigen? An Scheibenbilder schließlich sind die Leute gewöhnt, da zieht die Phantasie die originären Bilder zurück: Fernsehen befriedigt bis zur Handlungsunfähigkeit. Dem entspricht das Tiffany. So gesehen, schützt das Glas, ein Schild gegen Erotik, den Betrachter vor dem Objekt seiner Betrachtung.

Mit ihm etwas anfangen, es anfassen? »Nee, das nun wieder doch nicht.« So oder so ähnlich dem Sinn nach wird immer wieder kopfschüttelnd versichert, glaubhaft, die Männer hätten ja anderswo hingehen können. Nur einige wenige erkundigen sich nach entsprechender Möglichkeit. Doch im Tiffany gibt es kein Hinterzimmer.

Was ein Bett in einem ordentlichen Bordell wäre, ist in einem visualisierten Betrieb die Solobox. Dort erscheint ein Modell allein für einen einzigen optischen Käufer und die Sicht ist offen: Eine gläserne Wand durchschneidet die Solobox, ein Gestänge gibt ihr den Anschein von einem Käfig. Zwischen der Scheibe und der Decke ist ein Spalt, durch den kann sich der Mann diesseits der Scheibe mit der Frau jenseits der Scheibe verständigen. Reden ist weniger billig als Schweigen, zwei Minuten Solobox kosten fünf Mark. Jeder sechste Besucher des Automatenladens bekommt die individualistische Anwandlung, einzeln abgefertigt sein zu wollen.

Wie sich die Modelle im Sehzwinger machen, beobachtet außer Männeraugen auch das Auge einer Fernsehkamera. Monitoren dienen zur Kontrolle und Organisation. Ein Wechselsprechsystem verbindet die Geschäftsteile vor und hinter den Scheiben.

Es gibt auch eine Tür, die von außen elektrisch verschlossen ist und nur für jemanden, der die Sichtkontrolle durch das Kassenpersonal passiert hat, per Knopfdruck geöffnet wird. Durch diese menschlich-technische Sperre sind die Produktionsmittel des Tiffany geschützt: 70 weibliche Beschäftigte.

Die 70 »freischaffenden Künstlerinnen«, so genannt im Arbeitsreglement, teilen sich 1152 Fünf-Minuten-Auftritte in der Woche. In Fünfergruppen verschiedener Schichten wechseln sie sich ab. Alle führen sogenannte Künstlernamen zur Tarnung ihrer Identität sowie zur Abrechnung nach einem knallbunten Plan, in den etwa »Biene« in Babyblau, »Gigi« in Schockrosa, »Blondie« in Lindgrün, »Lany« in Signalrot und »Pat« in Kobaltblau geschrieben wird, wenn eine so einen Auftritt vollbracht hat. Durch die unterschiedlichen Farben geht es schneller nachher beim Zählen der Einheiten. Jedesmal »Gigi« bedeutet fünf Mark, eine Mark pro Minute, unabhängig davon, ob der Automat in dieser Minute nichts oder 13 Mark eingenommen hat.

Wer in die Solobox bestellt wird, macht einen Strich und erhält zusätzlich zwei Mark von den für seinen Anblick entrichteten fünf Mark. Die Solobox stellt im Entlöhnungsgefüge des Tiffany »das Leistungsprinzip« dar, wie Geschäftsführer Otto sagt. Mit der niedrigeren Rendite aus dem Einzelverkauf gibt sich das Geschäft zufrieden, um die Darstellerinnen zu förderlicher Präsentation anzuregen: Je gefälliger sie in der Massenabfertigung sind, desto öfter werden sie für die Solobox angefordert, wo es Trinkgeld gibt, oft zehn, zwanzig Mark, manchmal fünfzig, selten hundert Mark. Ihren regulären Verdienst zahlt Otto den Frauen bar auf die Hand, so wie vorn ist hier hinten das Geld eine sensorisch erfaßbare Größe.

Im Tiffany sind Zuhälter nicht angestellt, Otto und seine männlichen Mitarbeiter verstehen sich mehr als Sozialbetreuer denn als Manager. Jemand, der im Hintergrund von Seriosität bleiben möchte, steckt den beträchtlichen Mehrwert aus den Frauenkörpern weg. Das anonyme Kapital, das ausbeutet, stellt sich den weiblichen Beschäftigten automatisch und durch die Klappen so transparent dar wie sonst wohl nirgends im Wirtschaftsleben. Dennoch fühlen sich die Frauen entweder nicht ausgebeutet oder, wie eine sophistisch sagt, »natürlich objektiv ausgebeutet, doch subjektiv recht günstig, gemessen an der Masse der Bevölkerung«.

Nach einer Siebenstundenschicht erhält keine weniger als 100 Mark netto, die meisten erzielen 120 bis 150 Mark, einige nehmen durch Tips bis zu 200 Mark ein. Dabei ist der größte Teil so einer Schicht unproduktive Zeit: Jede der fünf Frauen muß nur alle 20 Minuten, bei viel Solobox alle 15 Minuten vor die Scheiben.

Es steht ganz im Belieben der Darstellerinnen, ob sie tagsüber oder abends, einmal in der Woche oder mehrmals, regelmäßig oder unregelmäßig alle paar Wochen kommen. Wer sich hat eintragen lassen in eine Liste, sollte auch erscheinen, aber statt Sanktion ist ein »Springer«, wie an Fließbändern, vorgesehen. Auf das Plakat, auf dem um Meldung als Springer gebeten wird, hat jemand widersinnig »Enteignet Springer« gekritzelt, aber vielleicht ist diese Assoziation anders gemeint. Der Springer bewahrt die Zuverlässigen vor Hetze und die Unzuverlässigen vor Rausschmiß. »Je mehr man verdient, desto menschlicher kann man das machen«, sagt Otto.

Im Tiffany gibt es genau die flexible Arbeitszeit, die der sozialen Situation von Millionen Frauen angepaßt wäre, aber in der gewöhnlichen Volkswirtschaft kaum angeboten wird. Ja, die Tiffany-Zeit besticht, gleich nach dem Geld, und beides zusammen besticht viele, die durchaus andere Möglichkeiten haben als die eines Leibes, der sich sehen lassen kann.

Ein gutes Drittel der Beschäftigten kommt aus Berufen, die Otto »gutbürgerlich« nennt: Sie sind Zahntechnikerin oder Rechtsanwaltsgehilfin, Bürokaufmann oder Fremdsprachenkorrespondentin. »Zu stressig war das an der Schreibmaschine«, »immer diese staubigen Akten«, »langweilig, stets dasselbe«, »fiese Vorgesetzte« -- das alles sind nur noch Erinnerungen an den gutbürgerlichen Gelderwerb.

Eine Stereoanlage, ein Farbfernseher, ein Mittelklassewagen, eine Tunesienreise materialisieren sich hier leichter. Dafür ziehen und stellen sich Ehefrauen aus. Und der Ehemann? »Hält die Hand auf«, sagt Helga. »Das Geld hat ihn überzeugt«, berichtet Johanna.

Einen 5000-Mark-Kredit nach der Scheidung hat Bärbel, Fremdsprachenkorrespondentin, ein Kind, abzutragen. »Sei froh«, sagt Jutta, »bei mir sind"s 20 000 Mark, die kriegte ich als Verkäuferin nicht rein.« Wer durch Trennung seelisch aus der Bahn geworfen wurde, der fragt nicht viel nach seinem Bürgerstolz, im Tiffany wird die Scheidung finanziell leichter, und das reicht.

Im Tiffany wird ein Kind erwartet. »Bevor es kommt, noch schnell hoch verdienen« will Modupe, im dritten Monat schwanger ist sie, im fünften hört sie auf, um »nichts als Mutter zu sein«, ein Anderthalbjähriges hat sie schon und einen »lieben Mann dazu«, der sie oft abholt. Modupe hat eine dunkle Hautfarbe. Normen wie Scham der weißen Gesellschaft, die Menschen ihrer Hautfarbe wegen schamlos diskriminiert, zählen für sie nicht, sie hat ihre eigenen Werte und im Tiffany nichts von ihrer Würde verloren.

Fürs Taschengeld der Kinder tut"s Vera, sechs sind es, die ältesten arbeitslos, zwei der jüngeren »Spastis«, wie sie sagt, die will sie verwöhnen. Was der Mann als Angestellter beim Staat verdient, reicht nicht, mehr als einen Tag in der Woche kann sie nicht weg von zu Hause: »Dies ist besser als kochen und saubermachen, dies ist keine Arbeit, dies ist spazierengehen.« Die Nerven für ihren Beruf als Bürokaufmann hat sie verloren, aber die Figur bei »all dem Rumgerenne« in ihrem Leben behalten. Vera ist 39: »Marika Rökk tanzt auch noch.«

Kerstin ist 20, jünger als die ältesten Söhne von Vera, und hat »hauptberuflich freie Zeit«. Sechs Monate hat sie letztes Jahr im Süden verbracht, diesen Sommer will sie wieder hin, dafür macht sie »das hier, warum auch nicht?«

Hinten im Tiffany enden Mädchenträume. Der Traum des Photomodells: »Einige Bilder« hat Katharina schon gemacht, »einige Erwartung« ist in ihr geweckt worden, »aber so richtig hat das nie geklappt«. Katharina ist eines der schönsten Modelle des Tiffany. Oder der Traum der Balletteuse: »Jetzt sein ich Tänzerin, aber auf schlechte Seite«, sagt Paquita von spanischem Blut, »wenn mein Vater wüßte.«

»Ein Bock auf was Anständiges nicht mehr drauf« hat Renate, »aber anschaffen, nee, das doch nicht.« Das Glas des Tiffany trennt von Freiem, das Geld des Tiffany bewahrt vor Freiem. »Auf den Strich gehen ist problematisch«, weiß Doris, »auf den Strich nebenbei gehen ist noch problematischer.« Sie hat da Erfahrung.

Ein knappes Drittel der Frauen des Tiffany nennt Otto »milieugeschädigt und am Rande der Prostitution befindlich«. Für die einen ist das Tiffany ein Netz, das sie gerade noch hält vor dem Abrutschen in die scheinbestätigte Unzucht. Für die anderen ist es ein erstes Netz, das eingezogen wurde in ein abhängiges Leben von Zuhältern.

Das Tiffany ist Durchgangsstation, vielleicht für Doris, gewiß für das dritte Drittel der Tiffany-Frauen, Studentinnen. »Die unproblematischste Gruppe«, sagt Otto, der künftig Neuanwerbungen vorzugsweise von der Universität holen will. Für Studenten sind die Jobs auf dem Arbeitsmarkt rarer und die Zimmer teurer geworden, Bafög reicht nicht und ist hier glatt in vier, fünf Tagen zu verdoppeln, durch die günstigen Zeitbedingungen leidet das Studium verhältnismäßig wenig.

»Wenn die Telephonrechnung kommt und die Miete fällig ist«, meldet Elenor, 6. Semester Betriebswirtschaft, ein paar Auftritte im Tiffany: »Ich setze meine Brille ab und sehe nichts mehr, nur Dollarzeichen, wo die Augen der Männer sein könnten.« Im Tiffany zeigt"s Ruth, 2. Semester Pädagogik, den situierten Eltern, die einen Wechsel verwehren, weil die Tochter von zu Hause fortgezogen ist. Den Unterhalt, den andere Studenten in dieser Lage auf dem Prozeßweg erstreiten, holt sie sich »mit dem geringsten Aufwand an Zeit und Arbeit, die Arbeit hier ist ja bloß, die Gedanken abzuschalten«. In den Pausen schaltet sie wieder an und liest: »Was heißt Lehrerrolle?«

Für Bettina, Psychologin kurz vor dem Examen, ist überdies das Tiffany eine Bühne »zum Austesten meiner moralischen Hemmungen: Am Strand und in der Sauna laufe ich unbefangen nackt herum, hier kriege und nehme ich befangen Geld dafür, diese Grenze in der Moral ist irgendwie verrückt.«

Eine klassenlose Frauengesellschaft kommt im Hinterzimmer des Tiffany zusammen. Um den Glastisch laufen Gespräche. Daß sie alle fünf Minuten unterbrochen werden durch einen Summton und daß dann eine aus der Runde ausscheidet, um eine andere vor den Scheiben abzulösen, gibt der Unterhaltung etwas Flüchtiges. Aber diese Flüchtigkeit fördert die Direktheit.

Sicher ist das fortlaufende Gespräch, das tiefschürfend, beiläufig, zwanglos oder unterbrochen sein kann, durch Blättern in Illustrierten, Lesen in Lehrbüchern, Anprobieren von Selbstgenähtem, Maschenzählen im Strickmuster, Fernsehen, einander die verpaßten Minuten im Fernsehen erzählen, Duschen, Lockendrehen, Essen, Trinken.

Allein wie sie dasitzen, die Frauen, Gesten der Künstlichkeit in der Selbstdarstellung sind nicht mehr vorhanden, weil abgegeben da vorn vor den Scheiben. Eine seltene Lässigkeit spricht aus der weiblichen Körpersprache, wenn sie nicht mehr auf Mann programmiert ist. Männern ist der Zutritt in diesen Raum untersagt. Das ist ein »Beschluß«. Die Szenen im Warteraum haben etwas von einem Gegentheater. das nicht für Zuschauer bestimmt ist. Obwohl nicht in Szene gesetzt, erinnern die Mitwirkenden durch ihre Requisiten an die Schaufrauen, die sie eben waren und bald wieder sein werden.

Jede trägt das, von dem sie meint, daß es Männer reizt, wenn es abgelegt wird: ein schwarzes Negligé, einen weißen Schwesternkittel, ein bis unter die Achseln geschlitztes Hauskleid, einen ledernen Bikini, eine chinesische Bluse, ein orientalisches Gewand, Pluderhosen, einen geblümten Morgenrock, einen Frotteemantel, einen Wickel mit einem Badetuch, Unterwäsche, ein Babydoll-Hemd. Und das, was zum gleichen Zweck anbehalten wird: Schaftstiefel, Stiefeletten, Stöckelschuhe, Pantoffelchen, Strümpfe mit Nähten, Strümpfe aus Goldlamé, mit Strapsen oder mit Schenkelband.

Einige tragen Perücken zur Unkenntlichmachung ihrer Alltagsperson. Wie im Widerspruch zu ihrer Aufmachung haben viele keine Schminke aufgelegt. Das Kunstlicht im Guckkasten schönt. Gesichter und Körper werden unplastisch, Pickel verschwinden wie die Blinddarmnarbe, so sagten den Frauen die Spiegel in dem Kabinett.

Wie war das, zum erstenmal da hineinzugehen? »Grausam«, »ein Alptraum«, »ganz egal«, »ein Witz«, »nur die ersten fünf Minuten waren wie Kaugummi«, inzwischen hat man sich gewöhnt oder auch nicht, »ganz gewöhnt man sich nie daran

Manche trinken sich einen Schwips an, einige machen sich an mit »Schnellmachern, um die Männer besser anzumachen«, andere machen das »ganz cool«, mit 'nem Schluck Brause davor und danach. »Das ist doch ganz natürlich, ein bißchen Tanzen, ein bißchen Hinsetzen, das kann man als Frau, ein Mann kann das nicht«, sagt Kerstin, die wenig mehr als den Stoff im Gymnasium gelernt hat. Die Vorstellung, was ein nackter Mann mit nichts als sich selber »fünf Minuten auf dem Präsentierteller« anfangen würde, erheitert: »Einigermaßen nett bringt das höchstens ein Schwuler.«

Nicht wenige können »der Arbeit durchaus etwas Kreatives abgewinnen«, sind bemüht, da »Jux und Flachs reinzubringen« oder »so 'ne versonnene Sinnlichkeit« oder auch den »Gipfel an Geilheit, only for show«. Auf femme fatale wird gemacht oder auf verdorbenes Kind, auf Mädel vom Strand oder auf Cancan vom Kabarett, oft auch »auf sich selber mit aller erotischen Ausstrahlung, die ich bringe«.

Von drinnen ist die Lüsternheit vor den Klappen deutlich wahrzunehmen, zu erkennen auch die Steigerung von Minute zu Minute bis zum letzten Effekt: »Dann wackeln die Köpfe«, so stellen sich die Besichtiger bei der Besichtigung von drinnen dar.

In der Solobox schließlich zeigt sich der ganze Mann. Heerscharen in offener Hose Revue passieren zu sehen, das ödet die einen an, die anderen läßt das kalt: »Heiß macht mich das Geld«, »man kann sich beschmutzt fühlen, wenn man hinsieht«, »stur weggucken«, »da bleibt was im Unterbewußten hängen«, »das haut einem in die Sexualität«, »zum Abgewöhnen.«

Aber eine Ambivalenz schwingt schon mit, auch hierbei. Eine Solobox »zu bekommen«, das ist »Feedback«, ein »Beweis der Attraktivität«, ein »billiges, doch immerhin Zwei-Mark-Kompliment«. Oder noch viel mehr: »Eine Empfindung von Macht stellt sich ein, einer jahrtausendealten Macht, die Frauen immer hatten und Männer nie haben werden«, sagt die Psychologie-Kandidatin Bettina, feministische Literatur rezipiert sie gleichwohl.

Denn zugleich erlebt sie sich »unvermittelt wie sonst nie, als Sexualobjekt, und aus dieser Entwürdigung, die ich mittelbar im angezogenen Zustand auch erfahre, befreie ich mich hier allmählich, ich biete keinen Sex, ich biete ein künstlich erzeugtes wollüstiges Verhalten, ich mache den Mann zu meinem Objekt, an dem ich mein tradiertes Verhalten von meinem originären Verhalten, meine Kultur von meiner Natur zu unterscheiden lerne«. In der Solobox, so meint Bettina, »lerne ich mich kennen, und manchmal heule ich dabei«. Andere wiederum können nur noch lachen dabei: »Nein, diese Unterhosen, diese schrecklichen Unterhosen, einfach zum Kichern.«

Dann und wann wird die Hose nicht gelassen, die gekaufte Nacktheit einer Frau hinter Glas und Stäben regt gewisse Männer an, sich seelisch nackt zu stellen. Durch den Spalt in der Scheibe werden zu den Frauen des Tiffany männliche Lebensläufe des Elends geschoben, im Zeitraffer, noch mal zwei Minuten Verlängerung für fünf Mark, der Automat läuft gegen ein Leben. Manchmal eben hat man es mit Menschen zu tun und nicht bloß mit einer Parade von »Wichsern«.

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