»Dunkle Wolken ziehen am Horizont auf«
Ein massiger Braunbär dräut über dem »Krisen-Halbmond«, der Landmasse um den Indischen Ozean zwischen dem Horn von Afrika und Pakistan. Einen dicken Brocken hat das Sowjet-Vieh mundgerecht vor sich: den Iran. So sah Amerikas »Time« die veränderte Lage in Nah- und Mittelost auf seinem Titelblatt vom 15. Januar.
Englands »Economist« war nur wenig sachlicher. »Zerbröckelndes Dreieck« nannte das Blatt die Staatenweit zwischen Ankara im Westen, Kabul im Osten und Addis Abeba im Süden. Dieses Dreieck sei das »Loch im Herzen von Präsident Carters Außenpolitik«.
Aus dem Hause Carter klang es ähnlich düster: »Ich müßte blind oder blauäugig sein, nicht zu sehen, daß dunkle Wolken am Horizont aufziehen«, klagte Sicherheitsberater Brzezinski. Sein Vorgänger Kissinger rief gar den Westen auf, den »zunehmenden Zusammenbruch prowestlicher Regierungen in der Dritten Welt« durch eine »Globalstrategie« aufzuhalten.
Und ganz so übertrieben schienen die Klagetöne denn auch gar nicht. Spätestens am 16. Januar, als das »Licht der Arier«, Schah Resa Pahlewi' nach 37jähriger Herrschaft via Ägypten und Marokko in die USA auswanderte, mußte auch dem letzten Optimisten im Westen klar sein, daß die über 20 Jahre erprobte Zitadelle der amerikanischen Mittelost-Politik verloren ist, egal welche Partei in dem nun anhebenden innerpersischen Machtkampf schließlich siegen wird.
Sogar der immerhin noch liberale Premier Bachtiar, den die USA bis vorige Woche vor einem Militärputsch bewahrten, sperrte den Israelis das Erdöl (das freilich zur Zeit ohnehin nicht fließt) und erklärte Persiens Rolle als »Gendarm am Golf« für beendet.
Moslem-Führer Ajatollah Chomeini, der Schah-Bezwinger im französischen Exil, dürfte das waffenstarrende Schah-Land außenpolitisch auf einen zumindest neutralistischen, womöglich gar antiwestlichen Kurs festlegen. Schon wurde die Hauptstraße in der heiligen Schiitenstadt Ghom in »Palästina-Avenue« umgetauft.
Die Katastrophe der amerikanischen Außenpolitik, vergleichbar nur dem Zusammenbruch in Indochina 1975, reicht weit über Persien hinaus, in eine Region, in der die Freunde des Westens wie des Ostens so siech sind, daß der in Wahrheit hochexplosive Iran von außen gesehen noch am stabilsten wirkte:
* Nato- und Cento-Partner Türkei versackt unter dem neutralistischer Neigungen verdächtigen Premier Ecevit immer tiefer in bürgerkriegsähnlichen Kämpfen zwischen rechten und linken Extremisten.
* Im Cento-Partner Pakistan, seit der Niederlage im Krieg gegen Indien nur noch ein Torso, wagt es der fromme Militär-Diktator General Sia ("Im Islam liegt unsere Rettung") weder, den zum Tode verurteilten Vorgänger Bhutto hinzurichten, noch ihn ins Exil zu entlassen -- so schwach ist das Regime.
* In Afghanistan und im ohnehin schon sowjet-freundlichen Südjemen putschten 1978 moskauhörige Kräfte, im stets putschgefährdeten Äthiopien stehen nach wie vor rund 17 000 Kubaner.
* Die Todfeinde Syrien und der Irak, von Moskau zur militärischen Stärke des Schah-Reiches aufgerüstet, rückten nach Sadats Jerusalem-Reise näher zusammen, gewiß nur auf Zeit.
* US-Freund Sadat, seiner Stütze Persien beraubt, gerät mit seiner Friedenspolitik immer stärker unter den Druck der israelfeindlichen Öl-Araber, ebenso wie Washington, das folglich weniger Druck auf Israel ausüben kann, Sadat entgegenzukommen.
Die schwerwiegendsten Folgen könnte das politische Ende des Sadat-Freundes Resa aber auf die reaktionären, westlich orientierten Öl-Monarchien am Golf haben: Nur wenige Wochen nachdem Washington seinen Vasallen Taiwan geopfert hat, demonstrierte es durch Aufgabe des bis dahin blindlings gestützten Schah, daß die Dynastien von den USA Schutz gegen Umsturz nicht zu erwarten haben womöglich eine fatale Lehre.
Denn am Golf lagern die größten bekannten ölvorräte der Welt, zwei Drittel der Welt-Erdölproduktion passieren den Ausgang des Golfes, die schmale Straße von Hormus, einvernehmlich bewacht vom Schah-Freund, dem Sultan von Oman, und -- bislang -- vom Schah. Ohne Rückendeckung durch Persien ist die Militärmonarchie Oman, der einzige einigermaßen gerüstete der Golf-Kleinstaaten, dem Druck des aggressiven Südjemen an seiner Westflanke voll ausgesetzt.
Und im Riesenreich Saudi-Arabien fürchtet eine durch Wohlleben träge und indifferent gewordene Oberschicht, was dem Schah zum Verhängnis wurde: die Folgen der Milliarden-Einkünfte aus dem ölgeschäft für eine archaische Gesellschaft.
Ein stabiler Iran hatte im Interesse Moskaus gelegen, aber sogar auch im Interesse so linker Araber-Staaten wie Syrien, dem der Schah angeblich Savak-Beamte auslieh, und dem Irak, der dem Schah zuliebe Chomeini auswies.
Das Schah-Debakel erscheint mithin keineswegs als Folge eines in Moskau geplanten »Grand Design«, wie es heute vielen Amerikanern vorkommt, und die Region muß auch nicht, wie »Time« fürchtet, »der Drehpunkt des Weltkonflikts in den 80er Jahren« werden.
Daß aber Moskau und Gefolgschaft -- wie 1975 in Angola -- sich auf tuende Chancen nach Kräften nutzen, kann als sicher gelten. Und daß Washington, von der neuen Herausforderung wieder einmal überrascht, nach fehlerhaften Analysen auch noch unsicher reagierte, liegt vor aller Welt zutage.
So machte sich Washington denn daran, zu retten, was zu retten ist -- wenn schon nicht Persien, dann vielleicht doch die Türkei. Beim Vierer-Gipfel auf Guadeloupe verlangte Präsident Carter von Bonns Kanzler Schmidt, die Bundesrepublik solle Ankara in einer Hilfsaktion beispringen.
Schmidt sträubte sich: Er sei dazu allenfalls im Gefolge der anderen drei bereit.
Denn die Türkei sei »ein Faß ohne Boden«.