Peter Wapnewski über Siegfried Lenz: "Heimatmuseum" Die betagte Remington
Binnen Jahresfrist wird geduldigen Lesern nun zum zweiten Mal die Glumse mundgerecht gemacht, ein befremdliches Milchprodukt, ostisch gekäst. Merkwürdiges ist festzustellen: Der lange epische Atem des westdeutschen Erzählens weist unverkennbar ein ostdeutsches Grundgeräusch auf. Der »Danziger Trilogie« des Günter Graß gesellt sich jetzt ein ungefüges Masurenstück, und was dem einen sein Butt ist dem anderen sein Heimatmuseum.
Siegfried Lenz, der deutschen Bücherstube Lieblingsautor, hat offenbare Parallelen und Entsprechungen nicht gescheut: die wirkungssichere Verwendung einer Mundart, die wir vereinfachend »Ostpreußisch« nennen; die kleinmeisterliche Akribie in der Abschilderung des einfachen -- nicht etwa leichten -- Lebens einfacher Menschen und ihrer Alltagsverrichtungen; die Kunst der Episode und die Fertigkeit, Geschichtchen am Band aufzureihen Stück für Stück, so daß sich das Ergebnis Roman nennen darf.
Vor allem aber gleichen sich die beiden epischen Kolosse, 699 Seiten der eine und 656 Seiten der andere, in ihrer Grundhaltung. Sie beide wollen wissen, was es auf sich hat mit dem Wesen der Geschichte, wollen dem Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben auf den Leib, fragen nach Vergangenheit und nach Entwicklung und nach Fortschritt. Der eine im großen Entwurf des Welttheaters von Aua bis Emma, von der dreibrüstigen Urmutter zur flachbrüstigen Enkelin. Der andere, indem er drei Generationen in einer Person Revue passieren läßt, vom Kaiser über Hindenburg-Hitler bis hin zur Gegenwart -- die wieder einmündet in diesen Teufelskreis und Kreis von Teufeln.
Und, ob ausgesprochen oder nicht. beide Bücher enden in Frage, Resignation, Sorge. Beide Bücher leisten Trauerarbeit. Beide nehmen sie Abschied von einer Geschichtsauffassung, die naiv-optimistisch Fortschreiten gleichsetzt mit Fortschritt. Und man erinnert sich, daß der eine Autor wie der andere einst zu den Protagonisten einer tapfer-euphorischen Wählerinitiative gehörte.
Der Unterschied: Wo Graß kunstvoll-künstlich (und wohl fleißiger erhoben als gelesen) ein artistisches Mosaik komponiert, raffiniert ein Muster tüftelnd, das erst der dringlichen Betrachtung aus Nähe und Ferne sich entdeckt, da webt Lenz einen wolligen Bilderteppich. Diese Metapher stellt sich nicht von ungefähr ein, denn Lenz' Erzähler und Held, Zygmunt Rogalla sein Name, ist ein masurischer Teppichweber. Mit ihm hat es aber folgende Bewandtnis:
Im Krankenhausbett liegend erzählt er einem uns nicht weiter vertrauten jungen Mann die Geschichte seines Lebens. Das aber heißt: seines Scheiterns.
Da ist die Kindheit in Masuren. Der Vater, eine Art Dorfmark-Cagliostro, kommt um im Ersten Weltkrieg, und die Leitfigur des Jungen wird sein (Groß-)Onkel Adam, ein Mann, dessen Leben sich durch die totale Hingabe an Vorleben definiert, ausgrabend, präparierend, deutend, verbreitend. Der Heimatforscher schlechthin, Urbild aller Heimatforscher, der die »reinen Zeijen« der Vergangenheit in eine ihrer bedürftige Gegenwart erhebt. Daraus entsteht eine Sammlung, ein privates, gleichwohl weithin und auch wissenschaftlich anerkanntes Heimatmuseum.
Der Neffe wird zum gelehrigen Schüler und Erben, übernimmt Amt und Auftrag. Er, der mittlerweile in der Lehre der magisch-hantierenden Meisterin Sonja Turk seinerseits zum Meister in der Kunst des Teppichwebens herangewachsen ist. Das Leben aber, es geht auch an dem Städtchen Lucknow nicht spurlos vorüber, vielmehr sind die Spuren von peinvoller Deutlichkeit, denn es handelt sich um ein Grenzstädtchen.
Schließlich kommt Lucknows letzter Tag, macht sich der große Treck im Winter 1944/45 auf den tödlichen Weg, und nach Qual und vielfältiger Versehrung wird Zygmunt Rogalla, der Frau und Kind verloren hat, vom Wasser der Schlei an Land gespült, in Egenlund unweit Schleswig. Mit ihm die Reste seines Heimatmuseums, das nun wieder aufgebaut wird, stämmiger und lehrreicher denn zuvor dank dem Zustrom von Stücken aus dem Gepäck der Flüchtlings-Landleute.
Warum aber erzählt all dieses ein alter Mann (er muß etwa dem Jahrgang 1905 angehören) aus dem Krankenbett? Er hat einen Akt nach Herostrat und Nero begangen, die reinste Form der Selbstverfügung, die radikale Form der Selbstaufhebung: Er hat sein Werk zerstört, und durchaus konsequent hat er damit sich selbst verstümmelt. Er hat sein Museum verbrannt, dabei versehentlich (aber was heißt hier versehentlich) auch sein Wohnhaus in Flammen gesetzt, und er hat, als er inkonsequent ein einziges Vermächtnis doch erhalten wollte, nämlich der zaubermächtigen Sonja Turk Teppichwirklehrbuch, die eigene Haut nicht retten können. Hat darob auch das Vertrauen seiner -- zweiten -- Familie verloren.
Warum aber dieser wütende Akt des Ausbrennens? Die Frage zielt auf das Problem des Sinns aller Geschichte, ihrer Aufbereitung und Verwendung, ihrer Nutzung im Guten und Bösen. Hier im Bösen.
Rogallas Heimatmuseum sollte damals von den Nationalsozialisten gleichgeschaltet, ihren rüden Ideologemen von Rasse und Deutschherrentum und Slawenminderwertigkeit unterworfen, sollte also in seiner Substanz gefälscht werden. Da hat es sich einfach verschlossen, privatisiert, aus der Geschichte genommen. Nun aber, eine Generation später, da es recht eigentlich eine dramatische Funktion zu erfüllen hat, nachdem es eine Heimat nicht mehr gibt, allenfalls als Erinnerung und Verheißung, zeigt sich auf schreckliche Weise, daß die Geschichte nicht lehrt, sondern sich windet in Wiederholungskrämpfen.
Die Ideologie und die Funktionäre des Lucknower Heimatverbandes fordern nunmehr, patriotisch, borniert und militant, die Einreihung des Museums in ihren kneipendumpfen Rückkehrer-Marsch. Der Schoß ist fruchtbar noch. Da vernichtet Zygmunt Rogalla sein Heimatmuseum und damit -- für seinen Teil -- jede Chance des elenden Mißbrauchs von Geschichte, Heimat und Erinnerung.
Der Dichter Siegfried Lenz verschreibt uns einmal mehr eine massive Lektion, eine Deutschenstunde. Ihr Schauplatz ist Masurenland, und das Schönste an diesem Buch ist für mich die körperliche Verdinglichung dieser grandios-spröden Landschaft, sie spricht deutlicher und genauer zu Lenz und aus ihm als seine Menschen. Deren Konturen verschwimmen zuweilen. und es wird aus ihnen und ihrem Wesen nicht die Notwendigkeit jeweils einzelnen Geschehens deutlich.
Ausdruck solcher Ungenauigkeit ist auch der häufige Rückfall in die konventionelle Behäbigkeit der Charakterisierung. Da gibt es zwar immer wieder originelle Einzelschilderungen, dicht, skurril, humorig, wie denn überhaupt, längst bekannt und gesagt, die Episode, die Erzählung des Dichters Lenz eigentliche Domäne ist. Er ist ein herrlicher Spinner, und das Garn seines Erzählens ist von der Art, daß ihm kurzgewirkte Stücke am schönsten gelingen, die nach der zärtlich-rustikalen Suleyken- und Bollerup-Manier.
Wenn aber der Ehrgeiz den großen Roman fordert und also das Einzelne in ein ausladendes Gefüge verbindlich eingearbeitet werden muß, dann stellt sich die Frage nach der Triftigkeit und künstlerischen Notwendigkeit der einzelnen Szene, der jeweiligen Begebenheit. Was auch in sich selbst verstehbar und publizierbar ist -- und das gilt für die Mehrzahl der Auftritte dieses Buchs -, das bleibt seine Legitimation im großen Rahmen schuldig.
So tut sich denn der verbindende Ich-Erzähler schwer beim Knüpfen des Ganzen, die Rahmenkomposition zwingt ihn in die sterile Spitalgegenwart, mit der alten Landschaft ist dann auch die Sinnlichkeit dahin. Krankenbettgespräche sind ja nun allermeist grundiert von einem Ton der Verlegenheit, schwerlich aber ist Produkt künstlerischer Überlegung, was da gesagt wird in so unsäglichen Sätzen wie: »Aber Sie sollten den Kuchen probieren, den Krankenhauskuchen, ich habe ihn eigens für Sie aufgehoben, mein Lieber, ein sogenannter Schokoladenpuffer. der hier im Krankenhaus gebacken wird.«
Wie denn überhaupt die joviale Penetranz des ständig wiederholten schulterklopfenden »Mein Lieber« auf die Dauer unerträglich wird, sprachliche Rituale, deren Vorführung Natürlichkeit vorgaukeln will und doch nur Krampf liefert.
Klischee verjagt die Kunst. Was hat der kleine »Sicherheitspolizei«-Beamte beim Verhör auf dem Tisch, spät im Krieg? Eine »Silberdose mit Süßigkeiten«. Was tut die »erste Binderin«, vom Gutsherrn zum Tanz aufgefordert? Sie wirft ihm »auflachend die Haferbraut zu«. Was macht der Soldat beim tödlichen Partisanenüberfall? Er »hob lauschend den Kopf«. Wie sehen Kinder aus, die den evakuierten Großstädten entfliehen? Sie haben »wissende Gesichter, skeptisch, frühreif«. Wie benehmen sich Freizeitmenschen? »Leichtgekleidete Ausflügler und Wassersportler ... schlenderten amüsiert.«
Und eine alte Schreibmaschine heißt zwanghaft »die betagte Remington«, auch eine Lokomotive ist »betagt«. Alle Schreibkunst aber weiß: Das Attribut ist der Probierstein sprachlicher Sicherheit. Als der Junge Conny unter freiem Himmel im Schilf geschlafen, sich im See gewaschen hat, was macht er da? Er »bereitete über offenem Feuer sein Frühstück«.
Humorige Wendungen gleiten gelegentlich ab in die bemühte Witzigkeit einer Schülerzeitung: Das kleine Mädchen Edith hat eine »unförmige Puppe, die einem schwangeren Biber glich«; und im Eßsaal des feinen Hotels saß »ein altes Paar ..., das einen lustlosen Kampf mit einer geschmorten Hammelkeule vorführte«. Wirklich? Ungenauigkeit geht zuweilen über in Fehlerhaftigkeit: Ein Nagel dringt so wenig in das »Hinterrad« (sondern in Schlauch und Reifen) wie man mitten im Krieg Schokoladenzigaretten am Bahnhofs-Kiosk kaufen konnte.
Mit den Uniformen der braunen »Machthaber« und ihren Funktionen stimmt es so wenig wie mit dem Dienstgrad eines »Stabsobergefreiten« oder dem »Choral« »Ich hab mich ergeben«, mit dem »einst die Studenten gegen die Maschinengewehre von Langemarck vorgegangen waren« (die Überlieferung erzählt vielmehr von Langemarck im Herbst 1914, daß da die -- vornehmlich studentischen -- Freiwilligen beim Sturm das Deutschkindlied angestimmt hätten).
Die Liste der im Sprachlichen wie Sachlichen wie Logischen ungenauen Angaben wäre zu verlängern, und wer meint, ihre Aufstellung sei pure Beckmesserei. weiß nicht, daß Dichtung nichts weniger zu sein hat als beliebig und nichts dringlicher anstrebt als Genauigkeit.
Auch hat Dichtung, die erlebte und zeugenbeglaubigte Zeitgeschichte nachvollzieht, nächst der Kategorie der Stimmigkeit die der Wahrscheinlichkeit zu bedenken. Wer sich noch an den Ausbruch des Krieges im September 1939 erinnert, wird einem Autor die Glaubwürdigkeit entziehen, der Bewohner des Grenzlandes von Krieg und Kriegsgeschrei nichts ahnen läßt.
Sodann: Wie erklärt es sich, daß Conny Karrasch, Zygmunts Jugendfreund und Über-Ich, tapferer, verschlagener und intelligenter Widerstandskämpfer gegen die Nazis, unversehens wiedererscheint als beflissenes Sprachrohr biedermännerbündisch auftrumpfender Vertriebenen-Militanz? Die Logik des Romans, alleinverbindliche Instanz für den Sinn all seiner Geschehnisse, bleibt jede Begründung schuldig für solchen Wesensbruch.
Eines ist die Kunstform der Parabel, sie ist kurz und darf auf Durchführung des Details verzichten. Wer jedoch ein anderes tut, nämlich die Parabel zum Kolossalgebilde des Romans ausweitet, der kann psychologische und andere Feinmessungen nicht mißachten, der darf Fäden nicht einfach fallen und Figuren nicht einfach sich selbst überlassen.
Man denkt an Uwe Johnson, denkt an Kempowski, denkt an diese und andere Verlorene-Heimat-Romane (Janoschs »Cholonek«; Helga Schütz und ihr »Probstein«; Leonie Ossowskis »Weichselkirschen«; Surminskis »Kudenow« und Christine Brückners »Nirgendwo ist Poenichen") und begreift, daß eben die historisch präzise Beschwörung des Details die Faszination und den Erfolg dieser Bücher ausmacht.
Lenz hingegen beschreibt nicht das Genaue. Wenngleich er genau zu beschreiben weiß, und es oft brillant tut: Weidenflötenschnitzen und Flößen und Fischen und Federreißen und Entenschlachten und Schwarzsauer-Einkochen -- aber dann blickt ihm Ernst Wiechert, der ostpreußische Landsmann, über die Schulter, und sein Atem bläst ihm etwas von »Sinngefüge« und von »bedrohten Dingen« und der »verlorenen Zeit« zu, und das ist das Gegenteil von Dichtung, ist das »Ungefähre«.
Der neue Siegfried Lenz ist kein neuer Siegfried Lenz, es ist der alte Siegfried Lenz. In schönen Stimmungsbildern und bewährten Wendungen die stereotype Thematik: Schuld und Sühne; Schuld ohne Sühne; Macht und Ohnmacht; Pflicht und Freiheit; und der Ritt mit eingelegter Lanze gegen die Schattenflügel der Vergangenheit.
»Die Gesinnung fordert Respekt, aber nicht immer die Prosa«, so sagte es Walther Killy, als er das Werk des Fünfzigjährigen 1976 im SPIEGEL resümierte. Die große Gabe, den latenten oder offenbaren Vorrat der Allgemeinheit an allgemeinen Problemen zum Gegenstand von Romanen zu machen, ist die Erklärung des Erfolgs, der mithin zustande kommt dank Lenz' vielzitiertem »Pakt mit dem Leser«. Einverständiges Schreiben, das ist das Gegenteil von Kunst.
Lenz hat einmal in einem Fernsehinterview die Frage gestellt, was er möge falsch gemacht haben, daß er das »Malheur« hatte, einen Bestseller zu schreiben? Seine Kritiker haben ihm oft schon die Sache erklärt. Und er schreibt weiter Bestseller.