Die Raffinerie der Künste
Die Vorauskritik an Frankreichs kühnstem Kultur-Projekt war schneidend. Seit langem schon und zuletzt fast Tag für Tag ergossen sich aus gallischen Zeitungsspalten Zorn und Spott über das Pariser »Centre National d'Art et de Culture Georges Pompidou«.
Lärmgeplagte Anwohner der Baustelle jammerten (so in »Le Monde"), sie hätten ihr »Martyrium« für eine »Anthologie der Häßlichkeit« erduldet. Kulturkritiker sahen in dem werdenden »Mausoleum« nur »den erlesenen Geschmack einer kleinen Minderheit« befriedigt. Linke Politiker eiferten, das Unternehmen diene »unmittelbar den Interessen des Kunstmarkts«. Eine extreme Forderung lag offenbar vielen nahe: die »Zerstörung« des Neubaus zwecks »Umwandlung in einen Garten«.
Vergebens. Nach vierjähriger Bauzeit letzten Montagabend vom Präsidenten der Republik vor 4000 Ehrengästen eröffnet und am Mittwochnachmittag erstmals von Besuchermassen gestürmt, markiert das »Centre Pompidou« einen unwiderruflichen Schritt ins letzte Viertel des Jahrhunderts. Nirgendwo sonst in der Welt wird kulturpolitisches Engagement so konzentriert anschaulich wie in diesem Super-Institut, das -- programmatisch multimedial -- als Haupt-Abteilungen ein Museum. eine Design-Dokumentation, eine öffentliche Bibliothek und ein Laboratorium für »akustisch-musikalische Recherchen« umfaßt.
Der Anspruch des »Centre« kann in Metern und in Franc gemessen werden. Auf einer Fläche von 166 mal 60 Metern erhebt sich das Bauwerk fünf Stockwerke gleich 42 Meter hoch. Allein dem ins »Centre« überführten Musée National d'Art Moderne stehen da 16 550 Quadratmeter sowie zusätzliche 3600 für Wechselausstellungen zur Verfügung. Vergleichsweise: Das New Yorker Museum of Modern Art hat nur 8700 Quadratmeter.
Nach den enormen Baukosten von fast einer Milliarde Franc wird der Staat in Zukunft (bei etwa 800 »Centre«-Beschäftigten) 130 Millionen jährlich für den Betrieb (von 10 bis 22 Uhr) zuschießen müssen -- Aufwand wie für ein Königsschloß.
Ein Hauch von herrscherlicher Attitüde ist denn auch kaum zu verkennen. Nur weil der 1974 verstorbene Präsident das Kultur-Großunternehmen erdacht und betrieben hatte, war es überhaupt zu verwirklichen. Heute hängt sein vom Op-Artisten Victor Vasarely ausgestanztes Porträt, als Ikone eines peinlichen Personenkults« in der »Centre«-Eingangshalle.
Eine volksfeindliche Zumutung jedoch erblicken viele Pariser vor allem in dem Entschluß, das »Centre Pompidou« als auffällig modernen Großbau in das Altstadtviertel Beaubourg (danach auch: »Centre Beaubourg") zu stellen. Der 1971 in einem Wettbewerb gekürte Entwurf des italienisch-britischen Architektenteams Renzo Piano und Richard Rogers kehrt sein tragendes Stahlgerüst sowie mächtige. überdies bunte Röhren für Heizung, Wasser und Elektrizität demonstrativ nach außen.
Niemand kann sagen, diese -- laut gängigstem Spitznamen -- »Raffinerie« sei in Beaubourg harmonisch eingepaßt. Doch ist weder die Qualität des Bauwerks selber zu bestreiten noch für das Architektur-Problem eines zeitgenössischen Kulturzentrums in einer alten Stadt eine rechte Alternative zu entdecken. Viel kritischer ist die seit letzter Woche akute Frage nach dem Funktionswert des »Centre«-Inneren.
Das Angebot jedenfalls ist gewaltig. So sind Räume und Personal parat, Kinder zu bildnerischen Spielen anzuleiten; die Bibliothek hält für bis zu 1300 Benutzer außer Büchern auch Mikrofilme und Bilddokumente bereit; der Cinémathèque Francaise ist ein Vorführraum reserviert. Besonders vielfältig ist das »Centre«-Ausstellungsprogramm. an dem die Abteilung für Design (genauer: »Création industrielle") und das Museum für moderne Kunst Anteil haben.
Nebst einer Dokumentation zum Bauwerk selbst und einem Pressespiegel »Femmes d'un jour« steuert die »création industrielle« eine »Archäologie der Stadt« von der New Yorker »Haus Rucker Inc.« bei. Im Souterrain des »Centre Pompidou« hat der Trupp um den Ex-Wiener Klaus Pinter übermannshohe Eisenplatten zu schachtähnlichen Gängen, gleichsam Gräben künftiger Bodenforscher, formiert und genormtes Strandgut der Zivilisation (Schuhe, Scheren, Pillen, Schußwaffen) in Vitrinen angeordnet.
Den Gegenpol zu diesem suggestiven Environment bildet im höchsten, fünften Stock die bislang vollständigste Ausstellung des Dada-Vaters Marcel Duchamp. Die Themenwahl spricht für die Diplomatie, die der Direktor des Musée d'Art Moderne, der Schwede Pontus Hultén, betreiben muß: Duchamp war über die in Frankreich lange monoman gefeierte École de Paris hinaus zu einer Kunst-Revolution, zu internationaler und bis heute andauernder Wirkung gekommen.
Ferner ist der Düsseldorfer Maler Gerhard Richter mit einer exemplarischen Werkauswahl zur Stelle, und der Südfranzose Ben Vautier verhilft der von Paris arg vernachlässigten Provinz (auch das ein Argument gegen das aufwendige »Centre Pompidou") zu ihrem Recht. Was er und was Kollegen seit 1956 in Nizza trieben, belegt Vautier mit einer Sonderschau »à propos de Nice«.
»Bens Magazin«, ein komplett von der
Cote d"Azur nach Beaubourg übergeführtes, mit Kleinobjekten und Schrifttafeln vollgestopftes Häuschen, zählt zu den Neuanschaffungen, mit denen Hultén die bedeutende, doch einseitig klassisch-französische Kollektion des Musée d'Art Moderne in zweieinhalb Jahren Amtszeit bereits ins Zeitgenössische und Internationale ausgeweitet hat.
Dafür reicht das Budget allein nicht aus. Stifter wie Witwe Nina Kandinsky mußten einspringen. Und obendrein sammelte Hultén Leihgaben für die gewünschte repräsentative Kunstschau. Allein der Aachener Schokoladenfabrikant Peter Ludwig ließ sich 19 Werke aus seinem Besitz auf fünf Jahre nach Beaubourg entführen.
Der somit glanzvolle Bestand von rund 1100 Werken (etwa 600 Gemälde können zudem durch Knopfdruck aus hängenden Magazinen herabgeholt werden) wirkt aber in dem Stahl- und Glasbau von Piano/ Rogers erschreckend matt -- wie sehr auch die geschoßweiten« rundum hellen und durch mobile Zwischenwände teilbaren Räume Hulténs Doktrin vom »Museum als einem offenen Raum« entsprechen mögen.
Daß sich cm von Delaunay gemalter Eiffelturm en passant mit dem Original am Horizont vergleichen läßt, kann der Betrachter noch als Pointe nehmen. Auf die Dauer ist indessen die Konkurrenz, die das Panorama von Paris den Bildern macht, genauso konzentrationsfeindlich wie die labyrinthische Flucht der Wände, vor allem aber das an Heizungskeller gemahnende Röhrensystem unter die Decke.
Von Glücksfällen wie einer »Meta« des Maschinenbauers Tinguely, die zwischen dem Gestänge einer Dachterrasse höchst passend rattert, abgesehen, gibt es überall schwere Handicaps für die Kunst-Betrachtung. In diesem gravierenden Punkt ist das »Centre Pompidou« mißglückt.
Aber der »Tempel«, den der verstorbene Präsident Paris angeblich zugedacht hatte, ist glücklicherweise auch wieder nicht daraus geworden.