New Yorker Heldensage - DER SPIEGEL
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FILM New Yorker Heldensage

»Taxi Driver«. Spielfilm von Martin Scorsese. USA 1976. 114 Minuten. Farbe.
• aus DER SPIEGEL 41/1976
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Martin Scorseses »Taxi Driver« ist ein Heimatfilm eines Heimatlosen, ein Western, der in den Straßen-Canons von New York spielt, mit einem Asphalt-Cowboy, der statt einem Pferd ein gelbes Taxi reitet.

Wie alle Filme des Italo-New Yorkers Scorsese ("Hexenkessel") lebt auch dieser von der paradoxen Spannung zwischen der alten, ja archaischen Innenwelt seiner Helden und dem modernen Dschungel, dessen Kälte und Einsamkeit aus seiner babylonischen Übervölkerung resultieren.

Der Taxifahrer, der da Nacht für Nacht durch die Straßenschluchten fährt, die sich aus dem Dampf aus den Gullis, den Neonreklamen der Kneipen und Kaschemmen, den Freaks, Huren. Fixern zusammensetzen -- dieser Taxifahrer ist einer der Entwurzelten aus den italienischen Gettos:

Er war bei den »Ledernacken« im Vietnam-Krieg, ist von der Stadt so fasziniert und angewidert zugleich, daß er sich in ihr schlaf- und fast wortlos herumwälzt und nach einer »Rolle« in ihr sucht.

In einem Wahlkampf-Büro eines Präsidentschaftskandidaten sieht er bei seinen Streifzügen durch Manhattan eine Wahlhelferin. Und sie erscheint ihm, ohne daß er das artikulieren könnte, als die weiße Unschuld, die ihn und sich aus diesem Sumpf befreien könnte, die inmitten ihrer geschniegelt saloppen Bürokollegen nach dem Ritter in der gelben Rüstung lechzt.

Das Mädchen (Cybill Shepherd spielt sie mit einer Adrettheit, die wie ein Make-up über die lüsterne Neugier geschminkt ist) fühlt sich von seiner ungelenken Männlichkeit angezogen: Für ein neugieriges Sex-Geplänkel in der Cafeteria reicht es. Doch als sich die beiden zum Kino verabreden, schleppt er sie (weil er Kino nicht anders erleben gelernt hat) in einen schwedischen Porno sie rauscht gekränkt ab. er versteht nicht, warum. Knapper und prägnanter läßt sich die Unmöglichkeit einer »Romanze« zwischen zwei Klassen nicht fassen.

Der Taxifahrer verbohrt sich nun wieder in seinen Haß auf die Wracks und den Abfall der Stadt: der immer wahnhaftere Versuch, sich am eigenen Schopf aus dem Sumpf zu ziehen.

Der Zurückgestoßene legt sich ein Arsenal von Waffen zu. trainiert in einem Ritual. das er in seiner Vietnam-Zeit angelernt hat, für den Ernstfall, der Cowboy sucht sich eine neue bedrohte Unschuld.

Zufällig wird er Zeuge, wie eine Minderjährige von ihrem Zuhälter aus seinem Taxi gezerrt wird, muß annehmen, daß sie fliehen wollte. Zufällig trifft er sie auf dem Strich wieder und bietet ihr seine Ritterdienste an.

Jodie Foster spielt diesen Provinz-Teenager auf dem New Yorker Strich: ein Pummel in Hot pants und auf Plateau-Sohlen. Sie hört sich brav verständnislos. genüßlich auf einem Marmeladenbrot herummampfend. die Rettungspläne ihres Don Quichotte an -, ihre Aufnahmebereitschaft reicht so weit, daß sie (im Geschäft) fragt, ob er"s so oder so besorgt haben möchte, und (privat), ob er Skorpion oder Widder sei.

Scorsese zeigt, wie die durch isolierende Autoscheiben eindringende und zersplitternde Realität -- sie ist immer wieder in Rückspiegelsegmente und Scheibenwischerpartikel zerlegt oder im Reflex der umspringenden Ampeln verfärbt - in dem Taxifahrer eine verquere Wahnwelt erzeugt: Das moralgestärkte Bürgermädchen lädt er ahnungslos in den Porno, die von der Moral unbeleckte, kindisch zurückgebliebene Ausreißerin auf dem Strich behämmert er mit Moral.

Immer stärker wird der Held so bei seinen Ausbruchsversuchen aus der Isolation in die Isolation zurückgeworfen. Mit seinen Revolvern dringt er in das Stundenhotel ein - ein Befreier, der sich in einer Blutorgie auch von sich selbst befreien will, indem er auf ein Todeskommando geht.

Für manche Betrachter hat der Film wegen der schmierigen Blut- und Gewaltspuren, die der Taxifahrer hinterläßt, Assoziationen zu Charles Bronsons »Ein Mann sieht rot« ausgelöst.

Dabei wirkt Scorseses New Yorker Psychogramm eher als Anti-Film zu dem Bronson-Selbstjustiz-Reißer. Taten erwachsen hier aus sozialen Verstörungen, nicht aus gesundem Volksempfinden. Nicht »Auge um Auge« wird hier getötet, sondern die Panik mordet, was sie als bedrängend nahe, als nach außen projizierte eigene Bedrohung empfindet.

Es ist kein Zufall, daß sich zwischen dem Zuhälter (Harvey Keitel) und dem Taxifahrer die vitalsten Szenen abspielen, obwohl der eine nur ein Mädchen für den Kunden anpreist und der andere nur darauf aus ist, sie freizuschießen.

Aber während sie sich mißtrauisch verhöhnen, während sie Sprüche klopfen und sich anmotzen, sind sie beide wenigstens im gleichen Spiel: Räuber und Rächer in einem Wilden Westen, dessen Kulisse die Feuertreppen, die übervölkerten Fenster und Hauseingänge einer Slum-Mietskaserne sind.

Vor allem jedoch ist Robert de Niro ein Anti-Typ zu Bronson. Statt des holzgeschnitzten Kraftmeiers, der nur deshalb weiter als bis drei zählen kann, weil ein Revolver sechs Schuß hat, spielt de Niro ein sensibles Großstadtwrack. auf dessen verstörte Augen die Realität von New York wie optische Granateneinschläge trifft. Auch bei ihm ist die Gewalt Ausdruck eines Männlichkeitskults, aber wenn er sich an der ballernden Pistole festhält, dann sucht ein Zielloser ein Ziel, panisch und * Jodie Foster.

auf der Flucht vor der Selbstauflösung - Männlichkeitswahn aus impotenter Kontaktlosigkeit.

Scorseses Film hat deshalb auch einen verzweifelt zynischen Schluß: Gerade der Amoklauf der Selbstzerstörung und der Blutrausch der Vernichtung bringen ihn als Helden in die Schlagzeilen: Weil er eine Lasterhöhle samt Mafiosi ausgeräuchert und eine verführte Unschuld vom Lande zurück ins ärmlich reine Elternhaus befördert hat, ist er zum Bürger mit Bronson-Ehren avanciert.

Dabei will es nur der Zufall, daß er bloß ein paar Zuhälter und nicht den gleichfalls ins Auge gefaßten Präsidentschaftskandidaten abgeknallt hat. Hellmuth Karasek

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