FERNSEHEN Offene Jagd
Sie lehrten Skilauf und EDV, zeigten den Umgang mit Gitarre und Hobelbank, hegten Cineasten und pflegten Bücherwürmer. Jahrelang spielten die fünf Dritten TV-Programme Schule der Nation.
Doch unter dem Schock kümmerlicher, oft nicht mal mehr meßbarer Zuschauerquoten versuchen sie nun seit längerem, ein krasses Kontrastprogramm zu ihrem früheren Bildungskonzept zu basteln: Aus den »Boutiquen« (Höfer) mit ihrem feinen Sortiment für Minderheiten wurden mehr und mehr Supermärkte voller Ladenhüter und Lockvögel für den Massenkonsum. Mit dem Start in die neue Herbst/ Winter-Saison ist nun auch in den dritten Kanälen die Jagd auf Zuschauer-Rekorde endgültig offen.
Noch wird der drastische Schwenk von der Lehranstalt zum Lunapark dezent umschrieben. So will der NDR seiner »Nordkette« durch »Strukturveränderungen mit leicht popularisierender Tendenz« eine »modifizierte Unterhaltungsfarbe« anpinseln. Der SFB möchte das »Bildungsübermaß« abbauen und den »mit Köpfen bebilderten Hörfunk« abstellen.
Die Münchner Programmgestalter' einst stolz auf ihr vorbildliches »Telekolleg«, mühen sich verstärkt um ein »Image des Interessanten und Amüsanten«; der Frankfurter Sender verspricht unverblümt: »Das Herbstprogramm wird ein leichtes sein.«
»Nach einer sehr sinnvollen Arbeit. die aber kein großes Publikum fand«. so entschuldigte ARD-Programmdirektor Abich den Trend zum Seichten, brauchten die Dritten endlich »ein Erfolgserlebnis«.
Ganz einfach: Man nehme die alten Zugnummern von ARD und ZDF. Nach dem Vorbild der beiden bundesweiten Sendernetze greifen nun auch die Dritten immer wahlloser in die Archive der Filmindustrie, setzen auf den Trenker Luis, die Liselotte Pulver und »Don Camillo und Peppone«. Immer ungenierter wiederholen jetzt auch sie »77 Sunset Strip« oder die farblose Semmelroth-.'Frau in Weiß«, sechs Teile »David Copperfield« oder zehn Teile »Krieg und Frieden«.
Allein in dieser Woche strahlt der Bayerische Rundfunk in seinem sogenannten Studienprogramm neben Krimi- und Historien-Serien vier abendfüllende Spielfilme (darunter die Balletteusen-Biographie »Isadora") und ein Fernsehspiel aus.
Sogar für selbstgemachte Krimis sind sich die einstigen Elite-Dritten nicht mehr zu schade. Letzte Woche startete der SFB in Nord III die Serie »Direktion City«, deren dreizehn Folgen dem Sender immerhin rund 1,5 Millionen Mark wert waren.
Außerdem werden die Dritten nicht nur als Publikumsköder ausgelegt, sondern, zumindest in Bayern, auch zur »Konterkarierung« (epd) ungeliebter ARD-Sendungen mißbraucht. Laufen montags nach der »Tagesschau« bei der ARD die angeblich linkslastigen Magazine »Panorama« oder »Monitor«, dann setzt der BR in seiner gleichzeitigen Regional-Rubrik »Unter unserem Himmel« Massenunterhaltung an. Die Folge: Oft über 40 Prozent der Bayern schalten ins Dritte, die Magazin-Kundschaft sinkt im Lande weit unter Bundesdurchschnitt.
Nach diesem Rezept strahlt der Münchner Sender parallel zu »Panorama« diese Woche die Heimatschnulze »Uli der Pächter« aus. Am »Monitor«-Montag nach der Bundestagswahl lockt er seine Kundschaft mit dem Alpen-Melodram »Der Berg ruft«.
Andererseits: Wenn montags ARD"Report« aus Baden-Baden oder München kommt, speist der BR sein »Studienprogramm«-Publikum mit dröger Kost ab, etwa mit der »Verschandelung Österreichs« oder mit »Beobachtungen bei der Hirschbrunft«.
Dieses merkwürdige Brauchtum »Unter unserem Himmel« fiel inzwischen auch den Bayern-fernen ARD-Intendanten auf. Erst kürzlich wetterten sie auf einer internen Telephon-Schaltkonferenz gegen die Münchner Programm-Taktik, die der dortige Fernsehdirektor Oeller als »zuschauerfreundliche Konkurrenz« verharmloste. Doch »da das Problem am Telephon nicht ausdiskutiert werden konnte« (so ein Teilnehmer), muß sich BR-Chef Vöth diese Woche auf einer Intendantenkonferenz vor seinen Kollegen für den auffälligen Stundenplan rechtfertigen. Vöth hat schon vorgebaut: »Die Programmdirektoren bringen eigentlich lieber schönere und bessere Sachen in ihren Dritten Programmen als im Ersten.«
Bei diesem Drang in die dritten Kanäle will auch die Mainzer Konkurrenz nicht länger zurückstehen. ZDF-Programmdirektor Stolte wird Mitte Oktober den Gremien der Anstalt einen Bericht vorlegen, in dem die Programme und Zuschauerzahlen aller Dritten analysiert und Vorschläge für ein friedliches Miteinander vorgelegt werden. Stolte: »Das Freund-Feind-Verhältnis muß abgebaut werden.« Nach dem Segen der ZDF-Aufseher soll dann Planungschef Schardt bei den einzelnen Landessendern »die Möglichkeiten einer programmpolitisch und finanziell sinnvollen Koexistenz auskundschaften« (Stolte).
Dieser Wirbel um mehr Attraktivität der Dritten ist allerdings den auf regionale Repräsentanz versessenen Landespolitikern nicht ganz geheuer. So will der Düsseldorfer Landtagspräsident und WDR-Verwaltungsratsvorsitzende Wilhelm Lenz »der Ausweitung der Dritten zu Vollprogrammen schleunigst Einhalt gebieten«.
Zwar gesteht auch er »diesen Sendern hin und wieder einen Spielfilm als Anreißer« zu, möchte sie aber andererseits wieder auf »Regionales, Bildung, Minderheiten-Service und Experimente« beschränken. Bis zu der im nächsten Jahr wieder aufflammenden Diskussion über höhere TV-Gebühren will CDU-Politiker Lenz Gesinnungsfreunde gegen »das Gewucher in den dritten Kanälen« überall zusammentrommeln.