Ruhelose Metropole - DER SPIEGEL
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LITERATUR Ruhelose Metropole

• aus DER SPIEGEL 32/2005
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Was New York von europäischen Großstädten am deutlichsten unterscheidet, ist das Bewusstsein, dass Steine nicht die Ewigkeit verbürgen. Während die Identität von Städten wie London oder Rom auf einem architektonischen Kern beruht, der behutsamen Wandel gnädig erträgt, ist in New York, zur nachhaltigen Verblüffung vieler Europäer, die Veränderung selbst das Prinzip. Jetzt hat die Stadt einen eigenwilligen neuen Troubadour gefunden, den in ihr geborenen und aufgewachsenen Colson Whitehead ("John Henry Days"). In »Der Koloß von New York« besingt er die Stadt getreu ihrem Wesen: als einen Ort, wo auf Fakten kein Verlass ist, an dem keine objektive Geschichte zählt, sondern nur das eigene Erleben. Das ist eine radikale Beschränkung, und so addieren sich die 13 Skizzen im »Koloß von New York« nicht zu einem irgendwie nützlichen Reiseführer, sondern zu einer mal elegischen, mal frechen Großstadtkakofonie, die den Leser mitten in urbane Zustände und Rituale hineinzieht. Orte wie die Brooklyn Bridge oder der Central Park sind es, manchmal auch Alltagserfahrungen wie die Fahrt in der U-Bahn, von denen aus Whitehead, 36, seine sprunghaften, atemlos feuilletonistischen Prosa-Riffs beginnen lässt. Gesprächsfetzen, Augenblickseindrücke, Aperçus, die imaginierten Gedanken anonymer Passanten und Essayistisches komponiert er zu einer fast abstrakten und höchst subjektiven Stadt. Dennoch ist »Der Koloß« natürlich Whiteheads Versuch, sein Erlebnis von New York mit dem Leser sprachlich zu teilen. Und es gelingt ihm: Die Stadt brodelt und lebt in seiner durchrhythmisierten Prosa. Immer wieder inszeniert Whitehead sonst kaum beachtete Kleinigkeiten. Und er öffnet die Augen für Dinge, die man noch nie so gesehen hat. In einer Stadt, wo die Veränderung regiert, kann sich wohl nur die heftige Wahrnehmung des Einzelnen gegen die Flüchtigkeit und die Vergänglichkeit stemmen - indem sie gerade ihnen Rechnung trägt.

Colson Whitehead: »Der Koloß von New York«. Aus dem Amerikanischen von Nikolaus Stingl. Hanser Verlag, München; 152 Seiten; 14,90 Euro.

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