FUNKAUSSTELLUNG Netz und Glotze heiraten
Fangen Sie bei uns an, Sie werden es nicht bereuen«, verkündet der Chef und schenkt dem unschlüssigen Bewerber noch einen Prosecco ein. Dann holt er ihm noch eine Bratwurst frisch vom Grill und sagt schließlich: »Ich reserviere Ihnen die Stelle. Ich warte auf Ihren Anruf!«
Szenen wie diese entstammen keinem Wirtschaftswundersketch. Sie sind real und spielen sich derzeit häufiger ab in einem Vorortbüro in Münchens Süden. Hier, in einem Bürotrakt mit Blick auf die krisengeschüttelte Kinofabrik »Bavaria«, sucht Ingo Wolf als Chef der Firma Artvoice händeringend nach Mitarbeitern.
Der 40-Jährige mit der Andeutung einer Rockabilly-Tolle ist Herr über mehr als 220 Sender, die weltweit empfangen werden können. Fast reicht der Platz neben der Eingangstür nicht aus, um all die vollmundigen Firmennamen seines Kleinimperiums aufzulisten. Dass kaum einer den Medienmogul kennt, mag damit zusammenhängen, dass die Sender Namen tragen wie »arbeitsrechts-tv.de«, »steuer-tv.de«, »hochzeitsreise-tv.de« oder »tanzschultv.com« und ausschließlich per Internet zu empfangen sind. Noch.
Über 30 Mitarbeiter hat Wolf derzeit, doch das soll nur der Anfang sein: »Diese Branche bietet hierzulande Arbeitsplätze für 7000 Mitarbeiter«, prahlt er. Und daher bewirtet er heute beim »Casting Day« die Bewerber mit Würstchen und Prosecco, duzt seine Mitarbeiter, verleiht freigebig seinen gelben Sportwagen: Ein Hauch von Dotcom-Euphorie liegt in der Sommerluft.
Wolf ist nicht allein mit seinen hochfliegenden Televisionen, sondern Teil einer globalen Vorhut: Nach Zeitungsmarkt und Musikbranche erobert das Internet nun auch Film und Fernsehen. An vielen Ständen der Berliner Funkmesse Ifa lässt sich anhand von Receivern, Medienservern und Set-Top-Boxen erahnen, was Medienforscher
»Konvergenz« nennen: die Vermählung von Zappen und Klicken.
Schon heute trägt die Verbindung erste Früchte: Die Umstellung der Fernsehsender auf Digitalsignale (siehe Seite 174) war möglicherweise für viele Kunden ein willkommener Anlass, neue Geräte anzuschaffen, was der Branche einen Verkaufsboom beschert. Die Digitalempfänger sind dabei nur ein erster Schritt: Der Branchenverband Bitkom bastelt bereits mit »Click TV« an einem Standard für interaktives Fernsehen.
Noch befindet sich das Zwittermedium aus Netz und Glotze in einem frühen Stadium. Doch schon bieten die Suchmaschinen Yahoo und Google die Filmsuche per Internet an. Und über den AOL-OnlineDienst werden bereits mehr Musikvideos geschaut als über den Sender MTV, wie das Magazin »Wired« meldet.
Kaum ein Technikkonzern will bei der Neuerfindung des Fernsehens abseits stehen. Microsoft etwa experimentiert derzeit gemeinsam mit der Schweizer Swisscom an Bluewin TV, einem System, das es Kunden erlauben soll, Kinofilme auf den Rechner zu laden ("Video on Demand"). Auch Apple, so glauben Brancheninsider, steht in den Startlöchern. Tatsächlich lassen sich per iTunes schon heute allerlei Videoclips auf den Rechner ziehen. Allerdings sind die Ladezeiten lang, die Filme kurz - und zudem überwiegend aus Werbung bestehend.
Deutlich weiter ist der Telekom-Ableger »T-Online Vision«, der rund 500 Filme per Internet anbietet, mit angeblich 70 000 Downloads pro Monat. Mit Hilfe eines sogenannten Media Receivers lassen sich die Filme auch am Fernseher ansehen. Doch die Qualität lässt zu wünschen übrig, das Herunterladen dauert meist über eine Stunde, die Filme sind nicht sonderlich aktuell, und außerdem können nur Telekom-Kunden das Angebot nutzen. Beim Konkurrenten Arcor, mit einem Angebot von 1300 Filmen, sieht es nicht viel besser aus.
Dass die Entwicklung immer wieder stockt, liegt dabei meist weniger an technischen Problemen. Schwerer wiegt die Angst der Filmstudios und Fernsehsender, die voller Argwohn die Vorstöße der Internet-Branche verfolgen.
Die britische Sendeanstalt BBC gehört zu den wenigen Ausnahmen. Aktiv betreiben die Briten die Abschaffung des zeitlich starren Sendeschemas. Demnächst wollen sie mit dem »iMP«-System ermöglichen, alle Sendungen der vergangenen Woche am Rechner anzusehen, wann und wie es gerade passt. Der Trick: Die gesamten Sendeinhalte werden per Internet heruntergeladen. Schon prahlt man bei der BBC: »Wir wollen, dass diese Software das iTunes der Sendeanstalten wird.«
Von solcher Aufbruchstimmung ist bei den deutschen Öffentlich-Rechtlichen wenig zu spüren. Kassieren allerdings wollen sie trotzdem: Ab 1. Januar 2007 wird die GEZ-Gebühr auch für Internetrechner fällig - obwohl sich bislang nur wenige Minuten aus dem täglichen Programm per Internet abrufen lassen.
Was alles technisch möglich ist, könnten die öffentlich-rechtlichen Anstalten bei Ingo Wolf in Bayern lernen. Seine Angebote mögen oft halbseiden und unprofessionell wirken, doch ihm geht es um etwas anderes: die technische Machbarkeit des Internet-TV zu beweisen.
»Manchmal wundere ich mich selbst darüber, dass ich heute Fernsehen mache«, sagt er und erzählt, wie alles anfing: Eigentlich wollte er nur mit seiner Rockabilly-Band Race Cats eine CD aufnehmen - aber das war damals, Ende der Achtziger, noch eine technische Herausforderung. Wolf, seinerzeit Student der Verfahrenstechnik, eignete sich das Know-how an. Dann kam sein Durchbruch - nicht musikalisch, sondern verfahrenstechnisch. Bald organisierte er auch für andere Bands das CD-Brennen, gemeinsam mit dem österreichischen Ableger von Sony DADC, einem der größten Presswerke Europas.
Immer mehr Firmen fragten an, ob sich das, was auf CDs gebrannt ist, nicht auch per Internet als »Corporate TV« verteilen lasse. Also entwickelte Wolf sein »IP-TV": ein pfiffiges, patentgeschütztes Übertragungssystem für Fernsehbilder, basierend auf dem Internet-Protokoll (IP).
Mit dem Internet-TV hatte er zwar eine Bühne geschaffen - doch um sie zu bespielen, fehlten ihm zunächst die Mitarbeiter. »Leute, die sich sowohl mit Fernsehen als auch mit Internet auskennen, gibt es fast gar nicht«, sagt Wolf. Also verwandelte er vor zwei Jahren seine Firmenräume kurzerhand zum Teil zu einer Ausbildungsstätte mit dem unbescheidenen Namen »Bavarian Broadcast Academy« (BBA), in Zusammenarbeit mit der Fachhochschule Ansbach. »Ein derartiges Studienangebot ist weltweit einmalig«, schwärmt auch Renate Hermann, als Professorin an der FH Ansbach verantwortlich für die Kooperation. Im Frühjahr 2006 sollen
die ersten der derzeit 32 Studenten aus aller Welt ihren Abschluss als »IP Broadcast System Engineer« bekommen - und je einen eigenen Sender dazu. Denn als Teil der Ausbildung baut jeder Student mindestens einen Internet-Fernsehsender auf - und vergrößert damit automatisch Wolfs Sendeimperium.
IP-TV lässt sich für wenige tausend Euro im Monat betreiben und lockt die unterschiedlichsten Nutzer an. Sogar die katholische Kirche zeigte Sendungsbewusstsein: Über eine halbe Million Zuschauer verfolgten den Weltjugendtag in Köln über einen mit ähnlicher Technik eingerichteten Videosender unter der Adresse www.weltjugendtag.tv. Und Autoren von Blog-Tagebüchern, die sich bisher weitgehend auf Texte beschränkten, beglücken die Welt zunehmend im Video-Weblog ("Vblog") mit überwiegend banalen Filmschnipseln.
Viele Fernsehkonzerne indes begegnen dem neuen Phänomen nicht mit Forschung und Entwicklung, sondern mit juristischer Einschüchterung. Wie unangenehm das sein kann, erlebt derzeit der Tüftler Michael Westphal, der vom Münchner Vorort Unterföhring aus einen neuartigen Service anbietet: eine Art Videorecorder im Netz.
Wer sich unter der Adresse www.shift.tv als Kunde anmeldet und die Gebühr von knapp fünf Euro pro Monat zahlt, kann per Mausklick deutsche Fernsehsendungen aufzeichnen lassen. Wer zum Beispiel »Marienhof« auswählt, kann sich die Serie ansehen, wann und wo es ihm gerade passt, zum Beispiel zum Frühstück in einem Internet-Café auf Bali.
Technisch ist das Prinzip relativ banal: Über eine Digitalantenne empfängt Westphal von seinem Büro aus diverse deutsche Fernsehsender, komprimiert die Daten und überspielt sie an seine Kunden.
Juristisch jedoch ist Westphals Netzvideorecorder vertrackt. Die Anwälte von RTL und Vox behaupten nämlich, er verletze das Urheberrecht. Er hält dem entgegen, dass er seinen Kunden lediglich eine Art Videorecorder anbiete, um legale Privatkopien anzufertigen.
Langfristig werden derlei Konflikte die Verschmelzung von Fernsehen und Internet nicht aufhalten. »In ein paar Jahren kommt das Internet-TV auch per Satellit und Kabel in die Haushalte«, schwärmt der Televisionär Wolf, »dann können Sie vielleicht 3000 deutsche Sender empfangen.«
Ein Programm wäre sicherlich vom ersten Tage an dabei: www.racecats.de. Wolf tippt die Adresse ein. Auf dem Bildschirm erscheint die Band Race Cats. On the Guitar: Ingo Wolf. Endlich berühmt, nicht nur für 15 Minuten, sondern in einer Endlosschleife, empfangbar in aller Welt. Zufrieden schaut er sich selbst auf seiner eigenen Bühne zu - und seiner Band, mit der alles anfing damals. Noch privateres Privatfernsehen ist schwer vorstellbar. HILMAR SCHMUNDT
Die Ifa-Messe
findet vom 2. bis 7. September in Berlin statt. Die Internationale Funkausstellung dreht sich um den Markt für digitale Unterhaltungselektronik, der derzeit mit zweistelligen Umsatzzuwächsen protzt: Flachbildschirme, die immer größer werden, aber noch immer an Kinderkrankheiten leiden (Seite 177), oder Handys, die durch Festplatten und Profi-Linsen zu Musikspielern und Kameras aufgemotzt werden. Im Mittelpunkt jedoch steht das Fernsehen: Einerseits mehrt der digitale Sendestandard DVB-T die Programmvielfalt (Seite 174), andererseits rangeln Sender und Internet-Firmen um die Verschmelzung von Computer und TV.