Film: »Wenn Notwehr zum Vergnügen wird«
Die »Welt am Sonntag« hievte es zur beherrschenden Schlagzeile empor: »Sorge um Sicherheit wächst: Polizei jetzt beliebt wie noch nie.«
Der Heimweh/Fernwe-Star Freddy Quinn meinte als »Hamburger Prominenz« zur Politik: »Nichts für mich! Aber man sollte etwas gegen die wachsende Kriminalität und die brutale Gewalt tun.«
Frau Noelle-Neumann und ihr Allensbacher Institut für Demoskopie nannte, über das Abwandern der Großstädter zu CSU und CDU bei den Wahlen in Bayern und Hessen befragt. als einen der drei Gründe neben gefürchtetem Linksradikalismus und der Furcht vor der Inflation: »Kriminalität in Großstädten scheint hier ineinander überzugehen und zu einer besonderen Befürchtungsstärke in den Großstädten zu führen.«
Mitten in diese Stimmung der Angst vor Rocker-Terror, wachsender Großstadtkriminalität und der daraus erwachsenden Sehnsucht nach der starken Hand platzt ein amerikanischer Film, der auch in Deutschland den verschreckten Bürgern aus dem Herzen zu sprechen und zu schießen scheint: »Ein Mann sieht rot«, wie »Death Wish« in Deutschland heißt.
»Ein Mann sieht rot« ist ein Film, der -- auf einen Nenner gebracht -- Selbstjustiz darstellt und predigt. »Ein böser und hinterhältiger, in seiner Einstellung geradezu gefährlicher film«, konstatierte der »Tagesspiegel"« während »Bild« ("Der spannendste Krimi, den »Bild« je brachte") den Film als Fortsetzungsroman für seine Leser genüßlich nacherzählt: »Im selben Augenblick schlang sich ein Arm um ihren Hals, brutale Hände quetschten von hinten ihre Brüste -- die Hölle war los.«
Die Hölle. die dieser Film entfesselt, ist die der amerikanischen Großstadtkriminalität -- sie wird breit ausgemalt, um ihr ein blutrünstiges »Hilf dir selbst!« entgegenzusetzen.
»Ein Mann sieht rot« beginnt als Ferien-Idylle, auf Hawaii, wo ein amerikanisches Upper-middle-class-Ehepaar seinen Urlaub verbringt. Er ist Architekt, liberaler Pazifist: die beiden sind, trotz verheirateter erwachsener Tochter, immer noch ein adrettes, glückliches Paar.
Diese Ferienwelt der Schnappschüsse, des Wellenrauschens und der Barmusik wird rasch mit der beängstigenden Realität von New York kontrastiert, wohin die beiden zurückmüssen. Und hier passiert es: Drei »mugger« (kriminelle Rowdys) lauern der Frau und ihrer Tochter im Supermarkt auf, verfolgen sie am hellichten Tag in die Wohnung, verschaffen sich als vorgebliche Kaufhauslieferanten Zutritt. töten die Frau und vergewaltigen die Tochter. die darob den Verstand verliert, und verschwinden in der Anonymität, aus der sie auftauchten.
Natürlich sieht sich die Polizei außerstande, die Schuldigen in dem ständigen (Großstadt-)Dschungelkrieg aufzuspüren. Der Architekt wird von
* »Ein Mann sieht rot«.
seiner Firma, um die Schrecknisse zu vergessen, nach Arizona geschickt. Dort lernt er Amerikas ungebrochenen Frontier-Geist kennen, jene Western-Tugenden, die dem einzelnen nur das sichern, was er sich selbst verteidigt. Sein Geschäftsfreund schenkt ihm als Souvenir einen Colt -- mit dem zieht er nach seiner Rückkehr nun aus gegen New Yorks Gangster. Ob in der leeren U-Bahn oder in einsamen Parks -- stets provoziert der früher Friedliche das »Gesindel«, die »Ratten«, bis er, in einer Art scheinheiliger Notwehrsituation, schießen kann. So zieht er, nachdem er in Unterweltkneipen auffällig in seiner prallen Brieftasche geblättert hat oder in der Subway paketbeladen einladend Raublust provoziert, bald eine mörderische Spur durch die mörderische Stadt.
Der Film suggeriert, daß diese blutige Selbstbesinnung Folgen zeitigt. Die Verbrechensquote in New York sinkt, andere Bürger ermutigt das Beispiel des Todesschützen. Zwar kreist ihn die Polizei pflichtgemäß ein, aber als sie endgültig auf seine Spur kommt, kann sie es sich, in einer allgemeinen Stimmung des Wohlwollens für den »Vigilanten« (den Privaträcher), nicht leisten, ihn zu verhaften. Man schließt einen Kompromiß mit ihm, verspricht ihm freien Abzug, falls er sich bereit erklärt, die Stadt zu verlassen.
Letzte Szene: Unser Mann kommt auf dem Bahnhof in Chicago an. Gleich wieder wird er Zeuge, wie Rowdys ein Mädchen belästigen, so daß ihr das Gepäck zu Boden fällt. Der Ausgewiesene kniet nieder, hilft der Belästigten, ihre Sachen aufzusammeln. Und im Knien richtet er seine Rechte, spielerisch zur Pistole geformt, auf die Ganoven: Sein Kampf wird weitergehen; auch Chicago braucht seine Rächerfaust ...
Die »bisher perfideste Variante des amerikanischen Polizeifilms« ("Süddeutsche Zeitung") ist in puncto Machart eher ein grobschlächtiger, ja einfältig auf herbeizitierten Klischees beharrender Film. Wenn seine Wirkung und Verkaufsträchtigkeit dennoch bei weitem das Branchenübliche übersteigen, so hat das mehrere Gründe.
Denn zum einen spekuliert »Ein Mann sieht rot« wirksam mit latenter Bürgerfurcht, die er als bequeme Feigheit denunziert: Die einzigen Gründe, die er für das Verbrechen angibt, sind die der Toleranz der potentiellen Opfer. Der Film macht Mut -- für eineinhalb Kinostunden, wenn er zeigt, wie eine resolute Neger-Mami, durch das Beispiel des Architekten angespornt, auf einmal mittels Hulnadel mit zwei Rockern fertig wird.
»Die Berufung auf die alte Untugend der Selbstjustiz, die einer schlimmen amerikanischen Tradition entspricht, wirkt angesichts der Millionenstadt New York nur noch lächerlich«, schreibt der Filmkritiker Wilhelm Roth. Und folgert: »Wenn dennoch viele Menschen diesen Film akzeptieren, dann wohl deswegen, weil sie ihre pubertären Träume und Phantasien, nach denen dieses Gesindel einfach ausgerottet gehört, im Film erfüllt sehen.«
Noch eine zweite Exkulpation liefert »Ein Mann sieht rot« den angesprochenen Mordinstinkten. Indem der Held kein Schläger, sondern ein ursprünglich besonders friedfertiger, ja linksliberaler Verächter von Krieg und Gewalt ist, wird dem Zuschauer eingehämmert, daß die Welt inzwischen total gewalttätig geworden ist -- und keinen Platz mehr für Friedfertigkeit hat.
»Ein Mann sieht rot« hütet sich, nach irgendwelchen Gründen für die Slum-Kriminalität zu forschen. Und während der Film den Mugger-Überfall auf die beiden Frauen genüßlich und mit ekelerregender Anteilnahme breit ausmalt (die sadistische Komponente dabei ist schwer zu übersehen), werden die Rachemorde des Bürgers knapp und eher sportiv abgehandelt: Die vielen Morde haben etwas Balletthaftes, etwas vom Western-Showdown.
Auch das dem Western und Krimi entstammende Rächer-Motiv variiert der Film auf eine augenfällige Weise. Die »Auge um Auge, Zahn um Zahn«-Moral, die sonst immer auf einzelne, eben die Täter-Gruppe angewendet wurde, wird hier durch ein verbrecherisches Kollektiv mit unbeschränkter Haftung ersetzt. Nicht die Mörder seiner Frau, die Vergewaltiger seiner Tochter knallt der strafende Zorn, die rächende Gerechtigkeit ab, sondern wahllos alle, die zur Gruppierung des »Gesindels« gehören. Es ist, als ob sich die Angst ein neues kollektives Feindbild aufbaute, deren Vertreter austauschbar schuldig und damit ausrottungswürdig erscheinen.
Ein gut Teil seines Erfolgs verdankt »Ein Mann sieht rot« zweifellos seinem Hauptdarsteller charles Bronson. Der kleine (Körpergröße: 1,75) »schweigsame Goliath mit dem Kopf eines Dschingis-Khan« ("L'Express") lockt durch sein Image des brutalen Kerls mit der weichen Seele das breite Publikum scharenweise auch noch in den schlechtesten Film. Ein Publikum freilich, dessen Kinogelüste sich darauf beschränken, so Bronson-Regisseur Michael Winner, »Autos zusammenkrachen und Leute umlegen zu sehen«. Der rührende Bulle, dessen Gesicht die Ausdruckskraft von Stein und Leder hat, kam erst spät zu internationalem Starruhm.
Bronson, 52, Sohn einer litauischen Einwanderer- und Bergarbeiterfamilie im US-Staat Pennsylvania, mußte sich, nachdem er lange als Hilfsarbeiter, Tramp und Ringer dahinwurstelte, in Hollywood zehn Jahre als Bösewicht vom Dienst in mittelmäßigen Western und Gangsterfilmen zumeist in Nebenrollen über Wasser halten.
Der Schauspieler, der als Architekt in »Ein Mann sieht rot« aussieht, als könnte er seine Unterschrift nur mit drei Kreuzen ableisten -- seine schauspielerischen Fähigkeiten beschränken sich darauf, die Brille bald auf-, bald abzusetzen -, erzielte seinen Durchbruch in den sechziger Jahren: Mit US-Filmen wie »Die glorreichen Sieben« oder »Das dreckige Dutzend« und Sergio Leones Italo-Western »Spiel mir das Lied vom Tod« -- wo er als mundharmonikaspielender Cowboy eine Farmerswitwe (Claudia Cardinale) rächte und einen Edel-Banditen (Henry Fonda) zur Strecke brachte.
Ironischerweise knallt Bronson in »Ein Mann sieht rot« Jugendliche ab, denen er einst nicht allzu fern stand: »Newsweek« berichtet, daß er in seiner Jugend wegen Tätlichkeit und Raub auch im Gefängnis einsaß.
Ähnlich brutale Rollen -- Bronson wird gern als Faust oder Colt des Zuschauers eingesetzt -- spielte er schon in drei früheren Filmen des »Ein Mann sieht rot«-Regisseurs Michael Winner: »Es ist ein Hymnus auf die technologische Gewalt«, so der »Observer« über den Thriller »Kalter Hauch«.
Michael Winner, 38, Spezialist für hartgesottene Action-Streifen, die der Engländer in letzter Zeit mit Vorliebe in den USA dreht, ließ zusammen mit dem Produzenten Dino De Laurentiis zu »Death Wish« erklären, der Film sei »eine offene Aufforderung an die Verantwortlichen, Maßnahmen gegen die Großstadtkriminalität zu ergreifen -- und zwar schnell«.
Das einzige, was der Film schnell, sehr schnell bewirkte, war der Kassenerfolg, den die Werbung mit einem hemmungslosen Appell an latente Ängste und Instinkte programmierte. In ganzseitigen Inseraten warb Paramount in New York mit der Schlagzeile: »Mann der Selbstjustiz im Großstadtstil -- Richter, Geschworener und Vollstrecker in einem.« Im Werbematerial schrieb der deutsche Tobis-Verleih: »Charles Bronson schießt Amerika frei.« Und »Wenn Notwehr zum Vergnügen wird.«
Noch die bestürzten Pressestimmen, die den Film als »faschistisch« oder »faschistoid« einordneten, läßt sich der Verleih schnalzend auf der Werbe-Zunge zergehen.
In New York, dessen Problemen der Film perfide auf den Leib geschneidert ist, fand er auch größtes Einverständnis. Die »New York Times« fand bei Publikumsbefragungen heraus, daß von 30 Kinogängern nur vier EinWände gegen die Selbstjustizbotschaft des Films hatten. Leute, die sonst nie in Action-Filme gehen -- also Mittelstandsbürger in den Altersgruppen auch über 40 -, frequentierten den Film.
Eine zweiundsechzigjährige Sekretärin bekannte: »Ich mag Charles Bronson. Normalerweise billige ich das Toten nicht, aber immerhin waren die Leute, die er umbrachte, böse Menschen. Ich bin froh, daß ihn die Polizei am Ende laufenläßt.« Eine Tänzerin, 26, selbst viermal von Muggern überfallen, meinte: »Wenn ich in der Lage wäre, eine Pistole zu gebrauchen, würde ich vielleicht das gleiche tun.« Und ein Werbekaufmann gab sich überzeugt: »Wenn wir mehr Leute wie Charles Bronson hätten, gäbe es bestimmt weniger Verbrechen. Ich würde gerne wie er handeln, aber ich kann mir nicht vorstellen, wie ich damit durchkäme.«
Kein Wunder, daß die amerikanische Kritik -- sonst ähnlichen Blutspektakeln eher abhold -- zum Teil widerwillig positiv auf »Death Wish« reagierte. »Playboy« nennt den Film einen »gekonnten Thriller«, der so mit »Zorn und Intensität aufgeladen« sei, daß »die zu Recht aufgebrachten Bürger von New York sich in den Wunschtraum verlieren werden, auf die Straßen zu stürzen und einen Lynchmob zu formieren, da dies die einzige Möglichkeit zu sein scheint, Recht und Ordnung wiederherzustellen«.
Das CBS-Fernsehen New York nannte »Ein Mann sieht rot« ein »Meisterwerk der Katharsis«. Und das renommierte Magazin »New York« urteilte: »Ein erstklassiger Thriller, der an die niedrigsten Instinkte appelliert, die auch uns sogenannten Liberalen eigen sind.« Schließlich das Intellektuellen-Blatt »Village Voice": »Ein verdammt guter Film, der die Phantasien Tausender hilfloser New Yorker befriedigen wird.«
Allerdings gab es auch warnende Stimmen. So die der »New York Times«, die dem Film seine »unverantwortliche Ausbeutung der Angst« vorhielt. So »Newsweek«, das dem Film seinen »brandstiftenden Zynismus« vorrechnete.
Warnte das,. Wall Street Journal": »Wir können nur hoffen, daß die amerikanische Filmindustrie. die geschäftstüchtig Haß vermarktet, nicht dazu beiträgt, jene Art sofortiger und totaler Lösungen zu beflügeln, welche die Nazis, Vorväter dieser üblen Methoden, »Endlösung« nannten.«
Tatsächlich hat Hollywood seit den 30er und 40er Jahren. der Blütezeit des Gangsterfilms und der sogenannten Schwarzen Serie. nicht mehr derart unverhohlen und unverfroren wie in diesen Tagen mit den Angst- und Aggressionsgefühlen seines Publikums spekuliert. »Was Hollywood jetzt macht«, so der Regisseur Terence Malick, »ist pures Depressionskino -- Flucht in die Weinerlichkeit, Flucht in die Gewalt, mehr ist kaum.« Dino De Laurentiis. der in die USA abgewanderte italienische Großproduzent und »stolzer« Hersteller von »Ein Mann sieht rot«. verkündet, daß Gewalt, entgegen aller Voraussagen, im Kino wieder groß »in« ist.
Gemeinsam ist den meisten neueren Produkten des US-Films eine Grundstimmung aus Bedrohung und Ohnmacht, die sich vor allem in schießwütigen, todessüchtigen Helden ausdrückt. Die Filme (wie »Dirty Harry«, »Calahau«, »McQ schlägt zu«, »Spur der Gewalt") sind oft geradezu trunken von Waffen und Morden: Die Waffe wird zum einzigen noch wirksamen Argument und Instrument bei der Lösung von Konflikten mystifiziert.
Freilich wurde dies noch nie so offen propagandistisch zum Ausdruck gebracht und auf die Nöte des Normalbürgers zugeschnitten wie in »Ein Mann sieht rot«, dessen Erfolg denn auch die anderen Law-and-Order-Filme weit übertrifft. Dino De Laurentiis plant, schnellstens eine Fortsetzung ins Kino zu bringen, bei der Bronson in Chicago munter weiterschießt.
Einen Vorläufer hat die Mentalität von »Ein Mann sieht rot« in dem Polizeifilm »Der Große aus dem Dunkeln«. der vor altem in der amerikanischen Provinz ein sensationeller Erfolg war. Ein ehemaliger Vietnam-Kämpfer und rührender Familienvater läßt sich in einer Tennessee-Kleinstadt zum Sheriff wählen, um mit Brachialgewalt »dem Gesetz Geltung zu verschaffen« und »den ganzen Schweinestall auszumisten.
Auf die Ängste der New Yorker spielt auch der Action-Film »Stoppt die Todesfahrt der U-Bahn 123« an, der seit einigen Tagen in deutschen Kinos läuft. Die Gefahr droht von Gangstern, die einen U-Bahn-Wagen voller Fahrgäste hijacken, von der Stadt New York eine Million Dollar Lösegeld verlangen und am Ende von tüchtigen Polizisten zur Strecke gebracht werden.
Obwohl eindeutig auf amerikanische Verhältnisse zugeschnitten und auf New Yorker Gefahren hingetrimmt, läuft »Ein Mann sieht rot« in Deutschland mit ähnlich großem Erfolg wie in den USA. Nach drei Tagen hatte der Film in 38 Premierentheatern bereits eine Million Mark Kasse gemacht; in den ersten zwölf Tagen sahen ihn über 500 000 Besucher. »Das bedeutet«, so der Verleih, »daß der erfolgreichste Film im Jahre 1974 in der BRD angelaufen ist.« Inzwischen ballert Bronson in 75 deutschen Kinos.
Die deutsche Kritik reagierte vorwiegend erschrocken auf den Film. »Neueste Stimmung aus dem Westen: Faschismus auf der Leinwand« überschrieb Wolfram Schütte in der »Frankfurter Rundschau« seine Kritik und folgerte: »Hier wird nicht nur mit einem Film gehandelt, sondern mit faschistischer Konterbande.« Die »Frankfurter Allgemeine Zeitung« urteilte: »Die Apologie des starken Mannes. Rückzug auf atavistische Formen menschlichen Zusammenlebens ... Der Film paßt in die wachsende Abneigung, die Widersprüche und die Schwierigkeiten moderner Industriegesellschaften rational auszuhalten.«
Im Volk der Deutschen »herrscht eine irrationale Angst vor dem Verbrechen«, so beobachtete Hamburgs Kriminaldirektor Hans Zühlsdorf« »und diese Angst ist ungleich größer als das Risiko, Opfer eines Verbrechens zu werden.« Gegen die vermeintliche Gefahr ist schon eine knappe Million Bundesbürger mit zweieinhalb Millionen Schußwaffen gerüstet, der Handel spekuliert weiter auf Revolver-Hausse.
»Bild« macht in Panik ("Frauen in Angst"), die Christdemokraten gehen mit der Gewaltkriminalität auf Stimmmenfang. Baden-Württembergs Ministerpräsident Hans Filbinger etwa beschwört eine Krimi-Szene, als wär's ein Stück mit Bronson: »Dunkles Gelichter ... auf Straßen und Plätzen, in Parkanlagen und vor dem Bankschalter, ja in den eigenen vier Wänden.«
Doch selbst im »Chicago am Rhein«, wie Köln schon genannt wurde, »kann man«, so versichert Kriminaldirektor Franz Hochscherff, »auch nachts, ohne bis an die Zähne bewaffnet zu sein, fast überall herumlaufen«. Aber eben nur fast überall. Wie Köln hat jede Großstadt ihre gemiedenen Parks: Der Bürger macht einen Bogen, sei es aus berechtigter oder eingebildeter Sorge. In Münchens Englischen Garten traut sich bei Dunkelheit kaum mehr ein Spaziergänger, spätestens, seit im Juli Rocker der »San-Diego-Bande« Parkbesucher mit Stahlruten zusammenschlugen und ein Mädchen vergewaltigten.
In Hamburg, wo die Rocker am häufigsten und härtesten zuschlugen, fühlen sich, nach einer Infas-Umfrage, 62 Prozent der Bevölkerung bedroht. Im gutbürgerlichen Stadtteil Volksdorf gibt es um den Rockertreffpunkt »Blu 2000« eine besondere Bannmeile. In U- und S-Bahnen der Hansestadt ist laut Zühlsdorf »eine neue Erscheinungsform der Kriminalität« zu verzeichnen: Betteln mit Gewalt. Mit geballter Faust oder gezücktem Messer verlangen vornehmlich Rocker mal ein Päckchen Zigaretten, mal auch die Armbanduhr oder einen 50-Mark-Schein. Die Polizei schickte sicherheitshalber ihre 50 Nahkämpfer vom Mobilen Einsatzkommando (MEK) im Schichtdienst durch die Züge, obzwar die Gefahr, brutal angebettelt zu werden, relativ gering ist: Pro Monat kommen auf 27 Millionen Fahrgäste im Schnitt 20 Fälle.
Dennoch werden »gerade diese kleinen Geschichten ungleich bedrohlicher empfunden, als sie sind«, meint der Münsteraner Kriminologie-Professor Hans Joachim Schneider: »Die emotionale Angst hat sich vom tatsächlichen Geschehen völlig gelöst.«
Denn in der Bundesrepublik eskalierten im letzten Jahrzehnt die Gewalttaten. Die Kriminalstatistik verzeichnet doppelt soviel Morde, Totschlag und mißglückte Anschläge auf das Leben (1963: 1 308 Fälle, 1973: 2 694 Delikte). Die Zahl der Raubüberfälle (1973: 18 274) ist fast dreimal so hoch wie vor zehn Jahren (6721).
Die New Yorker wurden im letzten Jahr durch 72 750 Überfälle verunsichert -- eine Raubbilanz in einer Acht-Millionen-Stadt, die fast viermal so hoch ist wie im deutschen 63-Millionen-Staat. Das Risiko, in New York umgebracht zu werden (1973: 1680 Fälle), ist dreieinhalbmal so groß wie in bundesdeutschen Großstädten. Bei solchem Overkill kann die City-Police nahezu jeden dritten Mörder oder Totschläger nicht fassen, Westdeutschlands Kripo hingegen klärt fast jedes Tötungsdelikt auf (96 Prozent). Während in New York vier von fünf Räubern in den Slums untertauchen, wird in der Bundesrepublik über die Hälfte der Täter ermittelt.
Bei diesen verhältnismäßig hohen Aufklärungsquoten in der Bundesrepublik sieht Professor Schneider denn auch »keine Gefahr«, daß die Deutschen alsbald rot sehen werden: »Hier herrscht kein Klima für Selbstjustiz.« Für gefilmte Selbstjustiz schon.