ARGENTINIEN / PERON-KULT Requiem für eine Blonde
Mit Gewehrkolben stießen argentinische Marineinfanteristen im Herbst 1955 eine sorgsam verschlossene Tür im zweiten Stock des Gewerkschaftshauses von Buenos Aires auf. Als die zersplitterte Tür in das schwarzdrapierte Zimmer polterte, flackerte den Eindringlingen das Licht hoher Wachskerzen entgegen, die neben einem gläsernen Sarkophag standen. In dem Sarg lag der einbalsamierte Leichnam Evita Peróns, der Gattin des gerade von einer Militärverschwörung gestürzten Diktators Juan Domingo Perón.
Die Kolbenhelden waren gekommen, um im Namen der neuen Führer Argentiniens jenes Symbol des Peronismus zu liquidieren, dem die siegreichen Militärputschisten auch nach dem Sturze der Perón-Diktatur einige Zugkraft zutrauten: den Leichnam der Evita Perón. Noch in der Nacht wurde der Sarkophag heimlich auf die Sträflingsinsel Martin García im Atlantischen Ozean transportiert.
Gleichzeitig begannen die Propagandisten des neuen militär-demokratischen Regimes mit einer pikanten Enthüllungskampagne, die offensichtlich das Ziel verfolgte, Evita Perón bei den Argentiniern in Diskredit zu bringen. Der Mythos vom Ehepaar Perón sollte zerstört werden, der den beiden Emporkömmlingen das Verdienst zuschreibt, die Proletarier Argentiniens emanzipiert zu haben.
In den letzten Wochen zeigte sich jedoch, daß der makabre Kampf gegen die Tote des Gewerkschaftshauses wirkungslos geblieben ist. Zwar gelang es, das Prestige des Generals Perón zu erschüttern, Evita Perón hingegen offenbarte über ihren Tod hinaus eine so unheimliche Wirksamkeit, daß um ihren Leichnam eine der heftigsten Fehden der argentinischen Innenpolitik entstand.
Den demokratischen Zerstörern der Perón -Mär fiel es relativ leicht, die Legende von dem vorbildlichen Ehemann und Witwer Juan Perón zu demolieren. Ein Zufall kam ihnen dabei im Herbst 1955 zu Hilfe.
Damals traktierte die ansehnliche 16jährige Hausmeisterstochter Nelida Haydee Rivas die argentinische Sensationspresse mit dem historischen Anspruch, in den Privatgemächern des Diktators die eigentliche Nachfolgerin Eva Peróns gewesen zu sein. In »Memoiren« nach bester Illustrierten-Manier schwatzte sie über ihre Beziehungen zu Perón: »Ich sagte: 'Herr General, Sie sind so einsam, so betrübt, warum rufen Sie mich nicht, damit ich Ihnen Gesellschaft leisten kann?'«
Witwer Perón hatte sich die mannigfaltige Sympathie der kleinen Nelida etwas kosten lassen, denn: »Ich lebte wie eine Herrscherin in einem Zauberreich. Ich nannte ihn Papa. Papa machte mir immer so großzugige Geschenke.«
Die Regierung des Perón-Nachfolgers Aramburu verbot zwar die weitere Veröffentlichung der Memoiren, sorgte jedoch gleichzeitig für eine Fortsetzung der Rivas -Story: Die Freundin des Diktators und ihre Eltern wurden eingekerkert und Juan Perón, seit dem September-Putsch 1955 außer Landes, vor einem Jugendgericht in Buenos Aires der Verführung einer Minderjährigen angeklagt. Eine Sonderkommission des Kriegsministeriums hielt den General Perón sogar bereits der Notzucht an Nelida Rivas für überführt und stieß ihn aus der Armee aus.
Die Enthüllungen über den Witwer Perón hinterließen bei den weiblichen Peronisten zweifellos einen schlechten Eindruck. Jedoch parierten die Anhänger des Exdiktators mit einem raffinierten Gegenzug: Sie verbreiteten das Gerücht, die Regierung habe den heiligen Leichnam der Eva Perón heimlich verbrannt. Empört über die Leichenschändung, forderten die perónistischen Frauen, man solle den Leichnam für ein christliches Begräbnis freigeben.
Doch die Regierung überging derartige Proteste mit Schweigen. Sie setzte vielmehr ihren gesamten Propaganda-Apparat für den Nachweis ein, daß Evita Perón keineswegs eine ideale Ehefrau gewesen sei, sondern den Pantoffelhelden Perón geschurigelt habe. Der Diktator sei, so gab die Regierung amtlich bekannt, von Evita zur Ehe gezwungen und zeitlebens derart tyrannisiert worden, daß er sich beim Tode seiner Frau befreit gefühlt habe.
Tönte ein offizieller Sprecher: »Die argentinische Regierung besitzt Schallaufnahmen und Aufzeichnungen, aus denen hervorgeht, daß der Diktator von seiner Gattin Evita wie ein dummer Junge behandelt wurde.« In einer Schallaufnahme ließ die Regierung den abgehalfterten Diktator wüten: »Ich hasse diese Frau. Ich hasse Evita, und ich habe sie niemals geliebt. Aber ich konnte mich im politischen Spiel nicht von ihr frei machen, und das war mein Unglück!«
Indes, die Attacken gegen die tote Führerin der »Hemdlosen«, wie Evita einst die Proletarier Argentiniens getauft hatte, verpufften wirkungslos. Das zeigte sich deutlich Ende des letzten Jahres, als sich die argentinischen Parteien auf die Präsidentenwahlen vorbereiteten, durch die das Militär-Regime des Generals Aramburu in eine verfassungsmäßige Ordnung umgewandelt werden sollte.
Unter den, Präsidentschaftskandidaten ragte der linksextremistische Italo-Argentinier Arturo Frondizi heraus, der die Partei der sogenannten Intransigenten Radikalen anführt, eine politische Gruppe, die auf sozialpolitischem Gebiet nahezu peronistische Ziele verfolgt. Frondizi erkannte bald, daß er die Wahlen nur mit Hilfe der politisch ausgeschalteten Peronisten würde gewinnen können.
Als Gegenleistung für die peronistische Waffenhilfe versprach Frondizi eine Peronisten-Amnestie, falls man ihn zum Präsidenten wählen würde. Zugleich deutete er in Unterredungen mit Peronisten an, daß er die Leiche der Evita freigeben und jede Diffamierung der ehemaligen Präsidenta des peronistischen Staates unterbinden werde.
Auch nach seiner Wahl zum Präsidenten Argentiniens erwies Frondizi der toten Gefährtin Perons seine Reverenz. Anfang Mai genehmigte er ein Requiem für Evita Perón in der St.-Ignatius-Kirche von Buenos Aires, das prompt in eine politische Kundgebung ausartete. Frondizis Gouverneur in der Provinz Tucumán erlaubte sogar politische Demonstrationen für die Heldin der Hemdlosen.
Inzwischen scheinen dem Präsidenten Frondizi allerdings Zweifel gekommen zu sein, ob es opportun ist, den Evita-Kult durch die Auslieferung der Leiche noch zu verstärken. Er ließ durch Mittelsmänner andeuten, daß er die Leiche eines Tages dem Witwer Perón übergeben werde, der sie bereits durch einen Rechtsanwalt angefordert hat.
Theoretisch kann Juan Perón sogar nach Argentinien zurückkehren, nachdem ein Sondergesetz des Präsidenten Frondizi untersagt, ehemalige Peronisten weiterhin wegen politischer Vergehen in, der Vergangenheit zur Rechenschaft zu ziehen. Gleichwohl dürfte Arturo Frondizi nicht ernstlich mit der Rückkehr des Exdiktators rechnen: Denn in Argentinien erwartet Perón außer einem Verfahren wegen persönlicher Bereicherung der peinlichste Prozeß, der je einem ehemaligen Staatspräsidenten drohte: das Notzuchtverfahren Nelida Rivas. Und gerade dieses Verfahren fällt nicht in die Kategorie der politischen Delikte, für die Frondizi Mitte Mai eine Generalabsolution erteilte.
Perón reagierte denn auch auf den Schachzug des Taktikers Frondizi negativ: Aus seinem dominikanischen Exil ließ er in der letzten Woche verlauten, er denke nicht daran, »in die Falle zu stolpern, die mir Herr Frondizi gestellt hat«.
Perôn-Gattin Evita
Nach der Heimkehr ...
Perôn-Geliebte Nelida Rivas
... ein Notzuchtverfahren?