SENKRECHT-START Ohne Rollbahn
Zwei- bis dreimal in jeder Woche kurvt Ronald Galletly, Chefpilot der Fairey -Flugzeugwerke, über dem englischen Flugplatz White Waltham in einem recht ungewöhnlichen Luftgefährt umher. Das dickbauchige, kurios anmutende Flugzeug sieht wie eine Kreuzung zwischen Helikopter und Passagier-Flugzeug aus: Über der Maschine quirlt ein riesiger Hubschrauber-Rotor, an ihrem Rumpf sind kurze Stummelflügel, Motoren und Luftschrauben befestigt. Chefpilot Galletly erprobt das von der Firma »Fairey Aviation Company« erbaute Senkrechtstart-Verkehrsflugzeug »Rotodyne«.
Die »Rotodyne« ist das erste Baumuster eines neuartigen Flugzeugtyps, von dem sich die Luftfahrt-Experten eine revolutionäre Umwälzung des Kurzstrecken -Luftverkehrs erhoffen. Die Maschine braucht, da sie senkrecht starten und landen kann, keine kilometerlange Rollbahn, sie kann trotzdem 48 Passagiere transportieren. (Zum Vergleich: Die von der »Lufthansa« im Europa-Dienst eingesetzte »Convair 340« befördert 44 Personen.)
Damit entspricht die »Rotodyne« weitgehend den Forderungen, die von den Fluggesellschaften und ganz besonders von den Flughafenverwaltungen seit Jahren gestellt werden. Die immer größeren und immer schnelleren Verkehrsflugzeuge, die von der Flugzeug-Industrie in kurzen Abständen herausgebracht wurden, erforderten immer wieder Verlängerungen und Verbreiterungen der Startpisten. Für die Düsenverkehrsflugzeuge, die von Ende 1958 an im Transatlantikverkehr eingesetzt werden sollen, müssen beispielsweise die Rollbahnen der meisten Großflughäfen Europas und Amerikas um einen halben Kilometer verlängert werden.
Die Luftfahrtbehörden mehrerer Länder haben angesichts dieser Entwicklung bereits eine Maximallänge für Startbahnen festgelegt und den Luftfahrtgesellschaften mitgeteilt, daß Maschinen, die längere Start- oder Landestrecken benötigen, künftig keine Landeerlaubnis erhalten werden. Den Flugzeugherstellern wurde empfohlen, nur noch Maschinen zu bauen, die auf den bereits bestehenden Flugfeldern operieren können.
Nach Ansicht der Flugplatzherren gibt es für die Zukunft jedoch nur eine Lösung: Der Luftverkehr muß mit Maschinen abgewickelt werden, die nicht mehr auf Rollbahnen angewiesen sind - also mit Senkrechtstart-Flugzeugen. Schrieb der amerikanische Luftfahrt-Journalist Francis Bello: »Wenn Start und Landemanöver senkrecht ausgeführt werden könnten, ... würde sich die Kapazität der Flugplätze sofort vervielfachen, und selbst der gegenüber heute verdreifachte Flugverkehr, der für 1970 erwartet wird, könnte ohne größere Flugplatz-Neubauten bewältigt werden.«
Auch die Militärs haben das senkrecht startende Flugzeug längst gefordert; denn derartige Maschinen könnten die kilometerlangen Startpisten der Atombomber -Stützpunkte überflüssig machen, die vortreffliche Bomben- und Raketenziele darstellen
Bis vor kurzem gab es nur einen Flugzeugtyp, der imstande war, senkrecht aufzusteigen: Den Hubschrauber, der keine starren Tragflächen hat, sondern von einem großen horizontal rotierenden Propeller - dem Rotor - in die Luft gehoben wird. Die zivilen und militärischen Experten verlangten jedoch nach einem Fluggerät, das schneller, billiger und einfacher zu handhaben sein sollte als die gemächlichen und reparaturanfälligen Helikopter.
Vor einigen Jahren begann deshalb die Flugzeug-Industrie die Probleme des Senkrecht-Starts gründlich zu untersuchen, und inzwischen haben die Ingenieure verschiedene Arten senkrecht startenden Fluggeräts konstruiert. Amerikanische Ingenieure entwarfen beispielsweise den Typ des auf dem Schwanz sitzenden Flugzeugs ("Tailsitter"), das gewissermaßen an seinem Propeller hängend startet und in der Luft in die waagerechte Fluglage kippt. Die Flugmanöver eines solchen »Tailsitters« erfordern allerdings von dem Piloten außerordentliche Fähigkeiten, so daß sich bisher nicht einmal die amerikanischen Streitkräfte entschließen konnten, solche Maschinen einzuführen.
Französische Konstrukteure bauten eine Art »fliegende Plattform«, die von dem Luftstrahl eines kräftigen Düsenmotors emporgehoben wird. Das Gerät das den Namen »Atar Volant« erhielt, müßte allerdings noch erheblich weiterentwickelt werden, ehe es als Flugzeug verwendet werden könnte.
Die zuverlässigste Lösung fanden die Ingenieure des englischen Flugzeugwerks Fairey, deren Senkrechtstart - Flugzeug »Rotodyne« vom nächsten Jahr an im Liniendienst eingesetzt werden soll. »Der bedeutendste Vorzug der ,Rotodyne' liegt darin«, urteilte das Fachblatt »Aviation Week«, »daß die Maschine große Ladungen von Stadtzentrum zu Stadtzentrum transportieren kann. Die wichtige ... Route London-Paris, für die ein Passagier gegenwärtig im günstigsten Fall vier Stunden braucht, ... könnte beim Einsatz der (im Stadtzentrum startenden und landenden) ,Rotodyne' auf weniger als zwei Stunden reduziert werden, wobei sogar eine halbe Stunde für die Abfertigung der Passagiere und starker Gegenwind in Rechnung gestellt sind.«
Die »Rotodyne« startet wie ein Hubschrauber mit Hilfe eines fast dreißig Meter messenden Helikopter-Rotors. In der Luft schaltet der Pilot dann zwei gewöhnliche Luftschrauben ein, die das Flugzeug in waagerechter Richtung voranbewegen. Im Horizontal-Flug wird die Maschine nur zum Teil von den Stummelflügeln getragen, den anderen Teil des erforderlichen Auftriebs steuert der Rotor bei, der beim Vorwärtsflug allerdings nicht mehr maschinell angetrieben wird, sondern von selbst rotiert.
Sobald nämlich die Maschine zum
waagerechten Flug übergeht, beginnt der Rotor nach dem »Autogiro"*-Prinzip als »Tragschraube« zu arbeiten: Der Rotor dreht sich, vom Fahrtwind angeblasen, ständig weiter und wirkt wie eine Tragfläche. Die »Rotodyne« ist also ein Konglomerat aus normalem Flugzeug, Hubschrauber und »Autogiro«.
Neben dem wiederentdeckten »Autogiro« -Prinzip wandten die englischen Konstrukteure eine völlig neue Technik an: Sie montierten an die Enden der vier Rotorblätter kleine Düsentriebwerke, die den Helikopter-Propeller während des Starts antreiben. Dadurch konnten sie auf das komplizierte Getriebe verzichten, das bisher zum Antrieb von Hubschrauber-Ratoren erforderlich war.
Durch Rohrleitungen in den Rotorblättern wird den beinahe zierlichen Düsenaggregaten Brennstoff und Preßluft zugeführt. Das durch Zündkerzen entflammte Gemisch erzeugt einen Gasstrahl, der den Rotor in Bewegung setzt.
Infolge der revolutionären Bauweise fliegt Englands erstes Senkrechtstart-Flugzeug erheblich schneller als ein Hubschrauber. Chefpilot Gellatly konnte kürzlich nach einem seiner Erprobungsflüge den Konstrukteuren berichten, daß er mit der »Rotodyne« eine Spitzengeschwindigkeit von 320 km/st erreicht hatte. Der Schnelligkeitsrekord für Hubschrauber liegt bei 250 km/st.
* Das »Autogiro« - deutsche Bezeichnung: Tragschrauber - wurde in den zwanziger Jahren in Spanien entwickelt, trat aber seitdem kaum noch in Erscheinung.
Senkrechtstart-Flugzeug »Rotodyne": Der Rotor wirkt als Tragfläche