AUTOREN Blitz aus dem Kasten
Buch, 61, lebt als Schriftsteller in Berlin und im Wendland; zuletzt veröffentlichte er den Essayband »Standort Bananenrepublik« (2004).
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Den großen Roman zur Jugendrevolte von 1968 gibt es nicht, genauso wenig wie den Roman über Mauerfall und Wiedervereinigung. Solche Mega-Events sind nicht auf künstlerische Widerspiegelung angewiesen, sie bringen ihre eigene Poesie hervor, die sich in Flugblättern, Graffiti und Slogans artikuliert - »Unter dem Pflaster der Strand« oder »Wir sind das Volk!«
Peter Schneiders Novelle »Lenz« (1973) war Willkommen und Abschied zugleich, ein Abgesang auf die Studentenbewegung, die nach kurzer Euphorie im Dogmatismus versackte, und »Ein weites Feld« (1995) von Günter Grass war kein Jahrhundertwerk, sondern ein schmales Handtuch, das den Anspruch nicht einlöste, der adäquate Text zur Wende 1989/90 zu sein.
Aber der Maulwurf der Revolution wühlt weiter im Untergrund, bis er an unerwarteter Stelle zum Vorschein kommt. Das gilt auch für die Literatur, und wenn nicht alles täuscht, hat der in Berlin lebende Autor Bernd Cailloux, 60, bislang nur Insidern bekannt, den besten Roman zu 1968 geschrieben, der durch Originalität des Herangehens und erzählerische Qualität alles in den Schatten stellt, was über diese bewegte Zeit publiziert worden ist*.
Dabei ist »Das Geschäftsjahr 1968/69« ein eher unpolitisches Buch, das einschlägig interessierte Leser vor den Kopf stößt, indem es keine der mit diesem Datum verbundenen Erwartungen erfüllt. Das liegt an seiner literarischen Strategie: Anstatt Klischees zu bedienen und die abgestandenen Polit-Parolen von 1968 zum x-ten Mal aufzuwärmen, nähert Cailloux sich dem Thema von einer ganz anderen Ecke und erzählt die Geschichte so, wie sie vor ihm noch keiner erzählt hat.
Auf den ersten Blick handelt es sich um eine Autobiografie, einen Bildungs- und Entwicklungsroman, der buchhalterisch die Bilanz aus den verlorenen Illusionen der Jugend wie aus dem gescheiterten Glücksversprechen von 1968 zu ziehen versucht.
Das Wort »Geschäftsjahr« im Titel ist zunächst einmal wörtlich gemeint, erst im Fortgang der Lektüre offenbart es seinen ironischen Hintersinn. Der Ich-Erzähler, der Züge des Autors trägt, träumt von ei-
nem anderen Leben, als es in seinem Heimatort Salzgitter, »einst als 'Hermann-Göring-Stadt' geplant«, oder in Oldenburg möglich ist, wo er als Lokalreporter die Zeit totschlägt. Dazu die nervtötende Schinderei bei der Bundeswehr und der Beziehungsfrust mit Susanne, die sich durch ständiges Duschen ihrem im Bett wartenden Freund entzieht.
Das alles wäre kaum der Rede wert, fiele der jugendliche Weltschmerz des Protagonisten nicht zusammen mit einem Paradigmenwechsel, der sich wie der Fall der Mauer durch kaum spürbare Vorbeben ankündigt: Damit ist weder der SDS gemeint noch die Kommune 1, sondern eine Kulturrevolution, die der politischen Revolte vorausging und diese begleitet und überdauert hat. Nicht Ché Guevara oder Mao - die Beatles und Rolling Stones, Andy Warhol und Joseph Beuys waren die Helden dieser westlichen Revolution, die sich in drei Worten zusammenfassen lässt: Sex, Drogen und Rock'n'Roll.
Damit ist der Inhalt des vorliegenden Romans skizziert, der sich jedoch, anders als seine Vorgänger, nicht in pseudovitalem Macho-Gehabe erschöpft, sondern klug kalkuliert und lakonisch verknappt die wilden Jahre Revue passieren lässt - das Gegenteil von unkontrollierter Spontaneität.
Im Mittelpunkt der Handlung steht das Stroboskop, auch Strobolight oder Jumping Jack Flash genannt, »der Blitz, der aus der Kiste springt« - eine technische Erfindung, die den Geist und die Atmosphäre von 1968 zum Flackern bringt. Zusammen mit seinen Freunden gründet der Ich-Erzähler die »Muße-Gesellschaft«, deren Mitglieder wie Daniel Düsentrieb in einer Düsseldorfer Gartenlaube ein Gerät basteln, das künstlerische Impulse von Joseph Beuys mit der damals entstehenden
Disco-Szene zu einer neuartigen Geschäftsidee verknüpft: ein selbstgebautes Lichtspiel, das mit psychedelischen Effekten bei Open-Air-Konzerten, in Tanzpalästen und Kellerbars Furore macht.
Nach kurzer Zeit können die Freunde sich vor Aufträgen kaum noch retten, und es stellt sich die Frage, was die »Muße-Gesellschaft« eigentlich ist: ein kommerzielles Unternehmen, das Geld verdienen will, ein sozialistisches Kollektiv oder eine avantgardistische Künstlergruppe, die von Luft und Liebe lebt. Solche Fragen erregten damals viele Gemüter: von Wohngemeinschaften und Kinderläden über Stadttheater und kommunale Kinos bis hin zu Buchhändlern und Verlagslektoren.
Die Geschichte endet ähnlich wie der Krach bei Suhrkamp oder Wagenbach: Aus den Wirren der Revolution gehen geschäftstüchtige Unternehmer hervor, während das Fußvolk beim langen Marsch durch die Institutionen auf der Strecke bleibt.
So auch hier - nur mit dem Unterschied, dass an die Stelle der sozialistischen Utopie eine im Drogenrausch halluzinierte Fata Morgana tritt. Die Vertreibung aus dem künstlichen Paradies ist genauso schmerzhaft wie der Ausstieg aus einer durch politische Indoktrination erzeugten Abhängigkeit: »Cold Turkey« heißt der Fachausdruck für diese Art von Entzug, und es dauert Jahre, nein Jahrzehnte, bis der Ich-Erzähler sich von einer durch Heroinspritzen übertragenen Hepatitis erholt und eine Existenzform gefunden hat, die es ihm erlaubt, seine Erfahrungen zu Papier zu bringen.
»Das Geschäftsjahr 1968/69« - so viel macht die knappe Zusammenfassung klar - ist mehr als nur eine geglückte Metapher: ein Roman, den das Leben schrieb und der trotzdem oder gerade deshalb ein Kunstwerk ist. Bernd Cailloux hat der Muße-Gesellschaft von 1968 ein Denkmal gesetzt, das sich im Zeichen von Massenarbeitslosigkeit, Existenzgründern und Start-ups als überraschend aktuell erweist.
* Bernd Cailloux: »Das Geschäftsjahr 1968/69«. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main; 256 Seiten; 10 Euro.