OLYMPIA-BOYKOTT Sieg, Sieg
Im Münchner Maximilianeum entrieten Afrikas Olympier jedwedem Tam-Tam. Sie spreizten nur lächelnd die Finger zum Victory-Zeichen.
Denn dort, wo sonst Bayerns blauweiße Landespolitik zur Debatte steht, feierten am Dienstag letzter Woche die Schwarzen »ihren ersten Olympiasieg« (so die Münchner »Abendzeitung").
Aus Angst vor dem Schwarzen Mann hatten sich die Herren des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) wie nervenschwache Pokerspieler verhalten. Sie gaben den Boykottdrohungen der mit 26 Equipen gemeldeten Schwarz-Afrikaner nach und sperrten gegen den Willen ihres alternden Amateurstatus- Bewahrers Avery Brundage, 84, lieber die ordnungsgemäß eingeladenen und bereits in München und Kiel für Olympia übenden weißen und schwarzen Rhodesier aus.
»Die olympische Idee kommt einem gefährlichen Strudel nahe«, rügte der Pariser »Figaro«. Doch die Olympier und ihr IOC kapitulierten zwar, aber trauerten nicht. Nach dem Rausschmiß Rhodesiens lauschten sie beim Empfang des bayrischen Ministerpräsidenten Beethovens Hymne an die Freude, mit gutem Appetit langten sie anschließend beim Festessen zu.
»Wir haben alles getan, um die Spiele zu retten«, rechtfertigte der französische IOC-Vizepräsident Jean Graf de Beaumont den opportun istischen Beschluß. Olympia, das anfangs fast ausschließlich den Weißen vorbehalten war, stieß abermals Weiße aus. »Sieg, Sieg«, feierte Abraham Ordia, der Präsident des obersten afrikanischen Sportrats, den Erfolg gegen Rassismus.
Die Olympia-Herren, durch Vermögen und Adel meist auf Distanz zu den Realitäten des Alltags, nahmen kaum zur Kenntnis, daß ihr Rhodesien-Opfer künftig zu Erpressungen einladen muß. Maos China hat bereits bündig erklärt, es werde erst in die Olympia-Familie heimkehren, wenn Taiwan enterbt ist.
Mit Boykott-Bewegungen ist das IOC aufgewachsen und alt geworden. Seine Skandal-Chronik beginnt sogar mit einem deutschen Kapitel. »Nur Untreue gegenüber dem Vaterland und eitle Ruhmsucht« könne verleiten, an den »mit deutscher Ehre unverträglichen« Olympischen Spielen teilzunehmen. hatte der Turnführer und Reichstagsabgeordnete Dr. Ferdinand Götz den Boykott der ersten Spiele 1896 in Athen begründet. (1900 in Paris war es dann doch mit »deutscher Ehre« verträglich.)
1914 forderte der Brite Sir Theodore Cook, die nach Ost und West vormarschierenden Deutschen aus dem IOC auszustoßen, IOC-Präsident Coubertin wies ihn ab. Cook trat aus. Dafür ließen die Olympier die deutschen Kriegsverlierer 1920 und 1924 sperren. Aber auch russischen Emigranten verwehrten sie den Start.
Der Olympiade von 1936 ging eine jahrelange Kampagne voraus. Zuerst schmähte Hitlers Partei -- noch nicht an der Macht -- die internationale Sportschau als undeutsche Erfindung. Selbst an der Regierung, baute Hitler sie zu einem NS-Leistungstest aus.
Nun versuchten vor allem amerikanische Funktionäre einen weltweiten Boykott. Doch US-Sportchef Brundage inspizierte Nazi-Deutschland und vermochte »keinen unzufriedenen Juden« auszumachen. Als Hitler dann -vorübergehend -- antijüdische Plakate entfernen ließ und zwei Alibi-Juden in die deutsche Mannschaft einreihte, gab sich das IOC zufrieden.
Der amerikanische Amateursport-Verband AAU blies den Boykott ab. Ein Amerikaner verließ empört das IOC, Brundage rückte nach. »Ich wurde als Nazi beschimpft«, klagte er in seiner Biographie.
Als die Sowjets 1956 den ungarischen Aufstand mit ihren Panzern unterdrückten, boykottierten Schweizer, Holländer und Spanier die Spiele in Melbourne. Bald forderten Maos Mandarine das IOC auf, Taiwans Mannschaft zu disqualifizieren. Sie drangen nicht durch. China trat deshalb 1958 aus dem Olympiaklub aus. Indonesiens damaliger Präsident Sukarno solidarisierte sich mit Mao und bastelte an einer Gegen-Olympiade, den »Spielen der aufstrebenden Völker« (Ganefo).
Die Abspaltung einiger asiatischer Länder bot ein erstes Muster politisch gelenkter Spiele mit weitweitem Anspruch: Teilnehmer bildeten eine geschlossene Gesellschaft. Taiwan und Israel blieben draußen.
Das Ganefo-Unternehmen scheiterte nach dem zweiten Versuch. Aber das IOC strafte Indonesien durch den Olympia-Ausschluß. Noch ein anderes Land durfte 1964 nicht teilnehmen: Südafrikas Rassistenregime erlag dem Boykott-Druck der farbigen Völker.
Doch zwischen den Spielen stimmte das IOC den Antrag nieder, Südafrika auch formal aus dem IOC auszuschließen. Ostblock und Dritte Welt zwangen schließlich das IOC 1970, seinen eigenen Beschluß zu schlucken und Südafrika doch zu disqualifizieren: Seither ist die Kap-Republik sportlich isoliert.
Um die Boykott-Skandale vom Dienst kamen die mexikanischen Olympia-Veranstalter 1968 dennoch nicht herum. Tschiang Kai-scheks Chinesen marschierten zwar ein. Aber an ihrem Namensschild hatten sie »under protest« angebracht. Der Protest richtete sich gegen die IOC-Bezeichnung Taiwan.
Dem von Schwarzafrika wegen der Teilnahme Rhodesiens angedrohten Boykott hatten die Mexikaner diplomatisch vorgebeugt. Sie verbreiteten die Version, Rhodesien habe vornehm auf einen Start verzichtet. »Einige unserer farbigen Athleten haben vor Enttäuschung geweint«, beteuerte Rhodesiens Leichtathletik-Präsident Eric P. Shore. Die überrumpelten Rhodesier starteten nicht.
Tatsächlich trainieren und starten in Rhodesien farbige und weiße Leichtathleten -- noch -- gemeinsam. Das stellte eine internationale Kommission ausdrücklich fest. Aber die herrschende Schicht der 240 000 Weißen verweigert den fünf Millionen Schwarzen politische Rechte.
So forderte der Oberste Afrikanische Sportrat, moralisch berechtigt. Rhodesien auszuschließen. Das bundesdeutsche Organisations-Komitee (OK) steckte in der Klemme. Denn mit dem Blick auf die DDR hatte der Ostblock Bonn 1968 eine Garantie an das IOC abgefordert, daß jedes olympisch anerkannte Land nach München einreisen und dort seine Symbole uneingeschränkt vorführen dürfte. Die Garantie galt für alle -- auch für Rhodesien.
Im iOC-Auftrag luden die Deutschen Rhodesien ein, Schwarzafrika beharrte auf Boykott. Die Olympia-Oberen arbeiteten mit dem Präsidenten des afrikanischen Sportrats, Abraham Ordia aus Nigeria, 1971 in Luxemburg neue Bedingungen aus: Rhodesien sollte nur mit einer gemischtrassigen Mannschaft und dem Status einer britischen Kolonie mit dem Union Jack antreten.
Ordia erwartete, das Regime des von Großbritannien abgefallenen lan Smith würde sich sträuben. Statt dessen tönte ein rhodesischer Offizieller: »Wir treten unter jeder Flagge an -- egal, ob die der Pfadfinder oder Moskaus.«
Statt der Sportfunktionäre Ordia und N"Ganga attackierten nun Politkommissare aus der Organisation für afrikanische Einheit das IOC, das Münchner OK und auch die Bundesregierung. Ultimativ verlangten sie Rhodesiens Rausschmiß. Offensichtlich nicht voll informiert, aber voller Macht über Sportler und Funktionäre ihrer Länder, setzten sich immer mehr afrikanische Regierungen über Ordias Luxemburger Vereinbarung mit dem IOC hinweg und verfügten den Boykott.
Die sieben schwarzen Sportler in der 44 Athleten zählenden rhodesischen Equipe, erklärte ein afrikanischer offizieller unter der Hand, werteten sie als Kollaborateure, ähnlich Marokkanern. die zur Kolonialzeit »für Frankreich« gerannt seien. Schwarze rhodesische Athleten nützten nur dem Regime lan Smith.
Münchens Olympia strudelte in die Wirbel afrikanischer Politik. Äthiopien versuchte, seinen Führungsanspruch in Schwarzafrika durch kompromißlose Boykotthaltung zu betonen. In Nigeria -- mit 56 Millionen Einwohnern Afrikas volkreichstes Land -- will sich Staatschef Gowon für eine panafrikanische Führungsrolle profilieren.
Nigeria unterstützte freilich den Boykott nur lau. Denn in Lagos wird eine von bundesdeutscher Entwicklungshilfe gespendete Kunststoffpiste im Nationalstadion verlegt. Auf ihr sollen im Januar 1973 die panafrikanischen Spiele stattfinden. Deshalb trachtete Nigeria vor allem, die Afrikaner zu einheitlicher Haltung zu bewegen. Spalteten sich Gegner und Anhänger des Boykotts, wären auch die Afrika-Spiele gefährdet.
IOC-Präsident Brundage und sein Exekutiv-Komitee setzten zum Gegenzug an. Sie drohten, alle Länder, von denen die Rhodesien-Vereinbarung durch Boykott gebrochen würde, selbst von künftigen Spielen auszuschließen. Moskau -- Bewerber für Olympia 1980 -- und der Ostblock schwiegen. Nur Castros Kuba und Bhuttos Pakistan erklärten sich solidarisch.
Die Afrikaner besaßen die besseren Nerven. Das IOC-Plenum versetzte seinem Präsidenten Brundage zum Abschied einen schmählichen Tritt. Vor der Wahl, zwischen sieben schwarzen Rhodesiern oder 600 schwarzen Afrikanern zu entscheiden, kapitulierten sic unter dem Druck der Mehrheit. »Ein Sieg der Politik über den Sport?« wurde Brundage gefragt. »Ja«, räumte er ein, erstmals wirklich wie ein Greis von 84 Jahren wirkend.
Einen Tag später zogen ihn die Komitee-Mitglieder -- wie vorgesehen -- endgültig von der Olympiatribüne. Sein Nachfolger, der irische Lord Killanin, revidierte so gleich einige Brundage-Pläne. Die Winterspiele werden weiterhin ausgetragen. Und die Amateurregeln sollen nach den Spielen den Bedürfnissen der Neuzeit angepaßt werden. Den Polit-Problemen wird auch er nicht ausweichen können: erstmals rückte ein Deutscher ins IOC-Präsidium auf: Münchens Spiele- und Kompromisse-Macher Willi Daume, der Schwarzafrikas Erfolge über die Olympier sogleich kaschierte: »Ein junger Kontinent voller Emotionen.«
Doch Ostblock und Dritte Welt, vorerst im IOC noch in der zweiten Reihe, streben nunmehr auch im Olympiaklub die Führung an.