NAHER OSTEN / RÜSTUNG Nassers Zigarren
Ägyptens Staatschef Gamal Abd el -Nasser, 44, rief jüngst Korrespondenten der Weltpresse auf, sich auf einem früheren britischen Militärflugplatz in der Wüste nordwestlich von Kairo einzufinden, um ihnen die neueste Errungenschaft seines Regimes vorzuführen: ägyptische Raketen.
Nach dem erfolgreichen Probe-Schießen erläuterte der Diktator seinen Gästen stolz, die Reichweite der neuen Waffen sei erheblich, die Raketen reichten »gerade bis südlich von Beirut« - den Erbfeind Israel somit in ganzer Größe einschließend.
Da fragte der Korrespondent des Moskauer Parteiorgans »Prawda« mit leisem Zweifel in der Stimme, ob die Raketen tatsächlich im Lande hergestellt worden seien. Darauf Nasser: »Können Sie hier irgendwelche sowjetischen Techniker entdecken? »
Die Korrespondenten konnten es nicht. Dennoch sind die der französischen »Veronique«-Rakete stark ähnelnden Geschosse mit 20 Tonnen Schubkraft und den klangvollen Namen »El-Safir« ("Der Sieger« - 300 Kilometer Reichweite) und »El-Kahir« ("Der Eroberer«
- 600 Kilometer Reichweite) keineswegs
Produkte arabischen Erfindergeistes.
Freilich verdankt der Raketenfeuerwerker vom Nil sein propagandawirksames Prestige-Spielzeug auch nicht einer geheimnisumwitterten westdeutschen Militärhilfe, die - wie der englische »Observer« mit gewohntem Mißtrauen orakelte - jenen Beistand fortsetzt, den Nazi-Offiziere nach dem Kriege der ägyptischen Armee zuteil werden ließen«.
Wer in Wahrheit die »Nasser-Zigarren« - so nennt man im Nahen Osten die ägyptischen Raketen - entwickelt hat, weiß das »Strategische Informationsamt« des israelischen Geheimdienstes, das seinerzeit auch Eichmann zur Strecke brachte und jetzt selbst das kleinste Detail der ägyptischen Raketenrüstung registriert. Sagt Geheimdienst-Oberst Amit: »Wir besitzen 'eine genaue Liste aller an der ägyptischen Raketenkonstruktion beteiligten Ausländer.«
Aus dem Beweismaterial des Obersten läßt sich denn auch leicht rekonstruieren, daß Nassers Streben nach einer bodenständigen Rüstungsindustrie die Unterstützung deutscher und österreichischer Techniker fand, assistiert von amerikanischen, deutschen und spanischen Materiallieferanten sowie - schweizerischen Firmen, die sich um die notwendige Vermittlung bemühten.
Für seine »Militärfabrik 36« nahe dem Flugplatz von Heluan, 30 Kilometer südlich der Hauptstadt, heuerte Aufrüster Nasser via Schweiz 250 europäische Wissenschaftler, Techniker und Fachkräfte an, vornehmlich Deutsche und Österreicher.
Vermittlungsstelle war Zürich. Der ägyptische Militärattache, Oberst Ramadan, knüpfte Verbindungen zum eidgenössischen Rüstungskonzern Bührle -Oerlikon. Ramadan schloß schließlich im Auftrag des ägyptischen Kriegsministeriums mit den schweizerischen Tarnfirmen »Meco« und »Comico« den Kontrakt »M 2300« ab, der zur Grundlage der einzelnen Anstellungsverträge wurde.
Die verpflichteten Experten erhielten Wohnungen in Kairos südlichem Vorort Meadi und hohe Gehälter, die zu einem Teil in harter Valuta auf Konten schweizerischer Bankhäuser deponiert wurden. Zur Führungsgruppe der Raketenbauer, die seit 1960 nach Ägypten strömten, gehörten unter anderen
- der Österreicher Ferdinand Brandner, ehemaliger Strahlantriebs-Techniker der Junkers-Werke, von 1945 bis 1954 Mitkonstrukteur der sowjetischen TU-114, heute maßgebender Rüstungsberater der ägyptischen Regierung;
- der Deutsche Eugen Sänger, Professor für Raketentechnik, ehemaliger Studienkollege Brandners an der Wiener TH, bis 1961 Leiter des Stuttgarter Forschungsinstitutes für Physik der Strahlantriebe;
- Wolfgang Pilz, Konstrukteur der vor Jahren in der Sahara erprobten französischen Rakete »Veronique«, der das Stuttgarter Institut mit Sänger zugleich verlassen und sich nach Heluan verpflichtet hatte;
- Heinz Krug, ehedem Geschäftsführer des Sängerschen Forschungsinstitutes, der zur Materialversorgung der Ägypter eigens die Handelsfirma »Intra« in Stuttgart gründete.
Raketen-Sänger zog sich von dem Ägypten-Geschäft zurück, nachdem Bonn politische Bedenken geäußert und dafür gesorgt hatte, daß der Wissenschaftler im November 1961 seinen Stuttgarter Posten verlor. Der geschaßte Raketenbauer will »lediglich 48 Urlaubstage« (so Sänger selbst) für Nasser tätig gewesen sein, obwohl er nach Bonner Informationen dafür 600 000 Mark erhalten hat. Sänger beurteilte denn auch die Geschosse aus Heluan recht geringschätzig: »Nicht besser als die deutschen V-2-Raketen.«
Die Arbeit an den ägyptischen Raketen schritt jedoch unter Mitwirkung von insgesamt elf namhaften Technikern aus Stuttgart so rasch voran, daß die Israelis besorgte Vergleiche zwischen Kairos 600-Kilometer-Raketen und der israelischen 80-Kilometer-Rakete ("Schawit II") anstellten.
Mochte auch die »Jerusalem Post« spotten, die ziel-ungenauen ägyptischen Versuchsraketen könnten »eher die angrenzenden arabischen Brüder gefährden« - die israelischen Militärs bekundeten unverkennbares Unbehagen, zumal Ägypten kürzlich 60 Überschallbomber und Jagdbomber der sowjetischen Typen TU-16 und MIG 21 erhalten hat, die in der Lage sind, die großen Städte Israels zu vernichten.
Die israelische Regierung nahm Nassers Raketenschau zum Anlaß, neuerlich vom Westen die Lieferung wirksamer Luftabwehrraketen zu verlangen. Die Entwicklung der eigenen Raketen soll forciert werden. Drohte Arbeitsminister Jigal Alon: »Nasser scheint vergessen zu haben, daß es von Kairo nach Tel Aviv genauso weit ist wie von Tel Aviv nach Kairo.«
Raketenbauer Sänger
48 Urlaubstage ...
... an Sieger und Eroberer gebaut?: Raketenparade in Ägypten