ISRAEL / AGENTENKRIEG Heidi und die Detektive
Unter den Tischen klebten winzige Mikrophone. Kriminalbeamte, als Kellner verkleidet, eilten geschäftig durch die Räume; getarnte Polizisten stellten einen Teil der Gäste.
Vor dem feudalen Hotel »Drei Könige« in der Baseler Innenstadt war schweizerische Bundespolizei in Zugstärke postiert; drei Polizeifunkwagen mit laufendem Motor warteten in Nebenstraßen. Passanten wurden aufgefordert, rasch weiterzugehen, weil möglicherweise geschossen würde.
Dieses massive Aufgebot eidgenössischer Sicherheitskräfte galt zwei Männern, die im Speisesaal des Hotels auf ein junges Mädchen und dessen noch jüngeren Bruder einsprachen. Jedes Wort wurde über die verborgenen Mikrophone auf Tonband mitgeschnitten.
Nach vierstündiger Auseinandersetzung verließen die beiden Männer das Hotel. Beschattet von 20 Polizisten, eilten sie zum Bahnhof und bestiegen den Städteschnellzug nach Zürich. Dort heftete sich Züricher Kantonspolizei an die Fersen der beiden Fremden, die zunächst im Getümmel eines Maskenballes im »Kongreßhaus« untertauchten, ehe sie verhaftet wurden.
Das geschah am 2. März. Dreizehn Tage später teilte das schweizerische Justizdepartement mit, daß ein österreichischer und ein israelischer Staatsbürger unter dem dringenden Verdacht eines Nötigungsversuches gegenüber einem deutschen Bürger festgenommen worden seien. Nach Angaben der Baseler Staatsanwaltschaft handelte es sich um ein israelisches Vorgehen gegen Deutsche, die für Ägypten tätig sind«.
Die Verhafteten waren Otto Joklik, 42, aus Salzburg und Joseph Ben-Gal, 33, aus Tel Aviv.
Als die »Genötigten« wurden die Gerichtsassessorin Heidi Goercke, 25, aus Freiburg und ihr 21jähriger Bruder genannt: die Kinder des Freiburger Raketenfachmannes Paul Goercke, der seit Jahren im Dienste Nassers steht.
Heidi Goercke war Ende Februar durch anonyme Anrufe für den 2. März nach Basel bestellt worden. Sie fuhr, nachdem ihr bedeutet worden war, daß sie kommen müsse, »wenn ihr das Leben ihres Vaters etwas wert sei«. Vorher benachrichtigte sie allerdings die deutsche Polizei, die sich ihrerseits an die Eidgenossen wandte.
So war alles wohlvorbereitet, und die Schweizer Polizisten konnten mithören, wie die beiden Agenten Heidi Goercke »unter schweren Drohungen« (Baseler Staatsanwaltschaft) klarzumachen suchten, sie müsse ihren Vater dazu bringen, den ägyptischen Job aufzugeben, wenn sie nicht wolle, daß ihm »etwas passiere«.
Der Agentenkrieg um die Raketen, die der ägyptische Staatschef Nasser mit ausländischer Hilfe bauen läßt, um sich ein entscheidendes Übergewicht gegen Israel zu sichern, brach aus, nachdem Nasser im Juli 1962 seine Raketen »El-Kahir« und »El-Safir« erstmals öffentlich vorgeführt hatte (SPIEGEL 36/1962).
Nasser verdankt seine neue Waffe deutschen und österreichischen Wissenschaftlern, die über eine Vermittlungsstelle in der Schweiz für hohe Gagen an den Nil gelotst wurden.
Als Vermittler fungierte die »Mechanical Corporation« (Meco) in Zürich, Birmendorferstraße 155, ein Unternehmen, hinter dem der 44jährige ägyptische Waffenmillionär mit Schweizer Paß, Hassan Sayed Kamil, steht, einer der wichtigsten Verbindungsleute Nassers in Europa.
In Zusammenarbeit mit dem ägyptischen Militärattache in Bern, Oberst Ramadan, fertigte die Meco Anstellungsverträge für rund 250 deutsche, österreichische und eidgenössische Techniker aus, darunter für elf Angehörige des damals noch von Professor Eugen Sänger geleiteten Forschungsinstituts für Physik der Strahlantriebe in Stuttgart.
Die ägyptische Aktivität brachte alsbald die Israelis auf den Plan, die in Nassers Raketen eine tödliche Bedrohung für ihr Land sehen.
Israels Geheimdienst versuchte zunächst, wie die israelische Zeitung »Maariv« behauptet, »mit friedlichen Mitteln die Entwicklung ägyptischer Raketen mit Hilfe der deutschen Wissenschaft zu verhindern«. Doch war das Unternehmen, die ausländischen Raketen-Helfer Nassers mit Geld und guten Worten abzuwerben, nur von geringem Erfolg begleitet. Die Israelis änderten deshalb ihre Methoden. Für Nassers Raketen-Bauer begann unversehens ein gefährliches Leben:
- Am 7. Juli 1962 stürzte ein zweimotoriges Charterflugzeug des Meco-Chefs Kamil aus bisher ungeklärter Ursache bei Riesenbeck in Westfalen ab. Kamil hatte allerdings im letzten Augenblick umdisponiert, so daß nur seine Gattin Helene, Herzogin zu Mecklenburg, die Maschine bestieg; die 37jährige Herzogin fand bei dem Absturz den Tod,
- Am 11. September 1962 verschwand der ehemalige Sänger-Mitarbeiter Dr. Heinz Krug, 49, aus München. Krug war Inhaber der Intra-Handelsgesellschaft, die Ägypten mit Material für den Raketenbau versorgte. Von Krug wurde bis heute keine Spur gefunden; ein anonymes Schreiben zeigte seinen Tod an.
- Ende November 1962 erhielten, wie der »Stern« jüngst enthüllte, die in der ägyptischen Rüstungsfabrik Heluan tätigen Deutschen Postsendungen aus Hamburg, die Sprengstoff enthielten. Ein als Buchsendung deklariertes - Paket zerriß fünf ägyptische Arbeiter; ein zweites wurde rechtzeitig entdeckt; ein Sprengstoff-Brief hingegen fügte Hannelore Wende, der Sekretärin des Chefkonstrukteurs der Nasser -Raketen und ehemaligen Sänger -Mitarbeiters, Diplomingenieur Wolfgang Pilz, schwere Verletzungen zu.
- Am 20. Februar 1963 wurde auf den Raketenfachmann Dr. Hans Kleinwächter, 48, in Lörrach (Baden) ein Mordanschlag verübt. Als Kleinwächter von seinem Werk, das elektronische Steuergeräte für Nässers Raketen herstellt, abends nach Hause fuhr, wurde aus einer Kleinkaliberpistole auf ihn geschossen. Der Raketen-Steuerer konnte jedoch entkommen.
Tappten die Behörden bisher im Dunkel, da die an den Tatorten dieser Verbrechen auffällig zurückgelassenen Spuren mehrmals auf ägyptische Täter deuteten so wurde durch die Verhaftungen in der Schweiz klar, daß die Anschläge auf das Konto Israels gehen.
Der verhaftete Ben-Gal gab sich als Beamter des- israelischen Erziehungs- und Kulturministeriums aus, in Wahrheit gehört er, wie die Eidgenossen kundmachten, einer »anderen Organisation« des Staates Israel an. Und der verhaftete Joklik hatte gleichfalls nach Mitteilung der Schweizer seine Hände bereits bei den Aktionen gegen Krug und Kleinwächter im Spiel. Gegen Ben-Gal und Joklik hat das Amtsgericht Lörrach auf Antrag, des Freiburger Oberstaatsanwalts Franz Schorpp, der den Fall Kleinwächter bearbeitet, Haftbefehl erlassen.
Mit Joklik glauben die Eidgenossen eine Zentralfigur des schmutzigen
Agentenkrieges gefaßt zu haben. Der angebliche einstige Agent des US-Geheimdienstes, bei dem die Schweizer »Zweifel an der Echtheit seiner akademischen Titel« - Prof. Dr.-Ing. - hegen, stieß 1962 als »Radiologe« zu Nassers Raketen-Bauern, sprang aber bald aus moralischen Erwägungen (so die Israelis) ab: Er wollte nicht an der Herstellung von Vernichtungswaffen mitarbeiten und gab seine ägyptischen Erfahrungen an Israel weiter.
Der israelische Geheimdienst charterte Joklik für die Aufgabe, andere deutsche Wissenschaftler in Ägypten umzudrehen. Doch der Österreicher hatte nur wenig Erfolg.
Als die Anti-Raketen-Aktion der Israelis an der Schweizer Kriminalpolizei scheiterte, gingen sie alsbald zum propagandistischen Gegenangriff über.
»Die Deutschen müssen erkennen«, schrieb die »Jerusalem Post«, »daß Israel nicht zusehen kann, wie sie Raketen für Nasser bauen, die Israel vernichten sollen.«
Die israelische Regierung ließ nach einer Sondersitzung verlauten, sie werde »schockierende Enthüllungen über die Beteiligung ausländischer Fachleute an der Entwicklung gefährlichster Waffengattungen in Ägypten bringen«, falls ihr in Zürich gefaßter Agent verurteilt werden sollte.
Israels Staatssender »Kol Israel« bezeichnete die inkriminierten Waffen Ägyptens, »die nach internationalen Gesetzen verboten sind«, näher, um die jüdische Empörung zu begründen: Es seien Giftgase und bakteriologische Waffen darunter, erklärte »Die Stimme Israels«, aber auch Raketen-Sprengköpfe mit einer Streuladung aus radioaktivem Material, die weite Gebiete verseuchen könnten.
»Wenn Israel gezwungen wird, unkonventionelle Maßnahmen anzuwenden, um sich gegen die Bedrohung durch unkonventionelle und grausame Waffen zu wehren«, verteidigte die liberale Zeitung »Haaretz« die Aktionen des israelischen Geheimdienstes gegen Nassers Raketen-Bauer, »so liegt die wirkliche Verantwortung auf den Schultern der Regierung in der Bundesrepublik.«
Agent Joklik, Professor Sänger
Für Nassers Raketenbauer ...
Verletzte Hannelore Wende
... ein gefährliches Leben