ROMMEL SCHICKTE KAFFEE UND SCHNAPS - DER SPIEGEL
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ROMMEL SCHICKTE KAFFEE UND SCHNAPS

Der britische Journalist Derek Jewell publizierte im »New York Times Magazine« die Geschichte des erfolgreichsten Landser-Liedes: »Lili Marleen«. Der Schlager, den Lale Andersen kreiert hat, brachte dem Komponisten Norbert Schultze seit 1938 rund 560 000 Mark ein. Jewells Bericht wird vom SPIEGEL gekürzt veröffentlicht.
• aus DER SPIEGEL 1/1968
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Alle drei Monate plumpst im Berliner Haus des Komponisten Norbert Schultze ein Packen Kontoauszüge in den Briefkasten: Schultze ist wieder um einige tausend Mark Tantiemen reicher -- Tantiemen, die ihm sein Schlager »Lili Marleen« auch heute noch einbringt. Denn »Lili Marleen«, das erfolgreichste Lied des Zweiten Weltkriegs, hat sich gut gehalten.

Laut Kontoauszug wurde es im ersten Vierteljahr 1967 in Österreich, Kanada, Australien, Japan und Neuseeland, in den USA, in der Vereinigten Arabischen Republik, in Holland, Spanien, Belgien, Norwegen, Frankreich, Dänemark, Griechenland, Italien, Schweden, in der Schweiz, in Peru, England und in der Bundesrepublik gespielt und gesungen.

Den Erfolg verdankt Schultze zu einem Gutteil den Soldaten des deutschen Afrikakorps und der britischen 8. Armee. Ihr Interesse an »Lili Marleen« ließ ein unpopuläres Lied zum einzigen großen Schlager des Zweiten Weltkriegs werden.

Denn lange Zeit wollte kein Verleger das Lied, das Schultze 1938 auf ein Gedicht von Hans Leip komponiert hatte, herausbringen. Von einer schließlich mit Lale Andersen aufgenommenen Platte konnten gerade 700 Exemplare verkauft werden; dann war »Lili Marleen« schon pass&

Sie tauchte erst im Sommer 1941 wieder auf, als der Leiter eines von den deutschen Besatzungstruppen in Belgrad eingerichteten Senders nach Unterhaltungsmusik suchte. Da in Belgrad nichts Passendes aufzutreiben war, schickte er einen Unteroffizier mit dem Auftrag nach Wien, Schallplatten zu besorgen. Die Ordonnanz fand sie im Keller einer Schallplattenhandlung. Darunter war auch die »Lili Marleen«-Aufnahme, die Radio Belgrad dann am 18. August 1941 erstmals spielte.

Und da innerhalb von acht Tagen mehrere tausend deutsche Afrikakämpfer, die Radio Belgrad empfangen konnten, schriftlich auf Wiederholung drängten, schloß der Sender fortan sein Programm um 21.55 Uhr mit »Lili Marleen«. Doch dieser Abgesang mißfiel dem Propagandaminister Goebbels, der einst eigenhändig eine der beiden Originalmatrizen der »Lili«-Schallplatte vernichtet hatte (die andere wurde in London aufbewahrt). Da er jedoch die »Lili Marleen« als Stütze der Kampfmoral wohl oder übel akzeptieren mußte, versuchte Goebbels, wenigstens die weiche Laie-Andersen-Fassung durch eine Marschmusik-Version zu ersetzen; doch die Truppe war dagegen und forderte Radio Belgrad auf, das Original zu spielen.

Bald zogen andere deutsche Sender nach -- »Lili Marleen« war bis zu dreißigmal am Tag zu hören. Die deutschen Landser dankten es Laie Andersen mit etwa einer Million Briefen; die britischen Soldaten der 8. Armee marschierten nach der Melodie durch den Sahara-Sand. »Lili Marleen« gehörte rasch allen Nationen, die am Zweiten Weltkrieg teilnahmen. Doch jedes Land gab dem Text eine neue -- bezeichnende -- Wendung. Bei

* Conferencier der »Wunschkonzerte« des Großdeutschen Rundfunks.

den Italienern begann ein Vers: »Gib mir die Rose und drück sie an mein Herz!«, und die Franzosen ließen nichts im unklaren mit der Zeile »Et dans la nuit sombre nos corps enlacés« (Und in der dunklen Nacht lagen wir umschlungen). Die Engländer sangen: Underneath the lantern By the borrack gale, Darling, I remember The way you used to wait:

»Twas there that you whispered tenderly, That you loved me, you'd always be My Lili of the lamplight, My own Lili Marlene.

Zu deutsch etwa: Unter der Laterne Vor dem Kasernentor Hast du auf mich gewartet. Ich seh' dich nach davor. Du flüstertest, daß du mich liebst Und daß du für mich immer bliebst Lili bei der Laterne Meine Lili Marleen!

Die britische Version ersann der Texter Tommie Connor ("I saw Mummy kissing Santa Claus"), der 1942 von der BBC den Auftrag bekommen hatte, das Lied so umzudichten, daß die Hörer sich Lili Marleen als Tochter, Mutter, Schwester oder Geliebte vorstellen konnten. »Offen gesagt«, erinnert sich Connor, »war ich zuerst ratlos. Dann sprach ich ein Gebet, und in 25 Minuten war der Text fertig. Von der ersten Platte mit Anne Shelton wurden innerhalb weniger Wochen eine Million Exemplare verkauft.«

Nicht weniger als 250 Frauen glauben, daß sie dem Dichter Hans Leip als Modell für sein »Lili Marleen«-Poem dienten -- so weiß Leip zu berichten. Doch der einstige Gardefüsilier in der kaiserlichen Armee hatte nur zwei Mädchen im Sinn, als er während eines Offizierkurses in Berlin das Gedicht zu Papier brachte.

Die eine hieß Marleen und war eine Arzttochter; die andere, Lili, Tochter eines Gemüsehändlers, bat ihn eines Abends, als er zum Wachdienst aufbrechen mußte: »Bleib doch noch Doch der deutsche Offiziersanwärter Leip kannte nur die Pflicht und ging. Auf dem harten Feldbett in der Wachstube dann schrieb er das gefühlvolle Gedicht von der »Lili Marleen«.

»Meine Gedanken klammerten sich heftig an die Gestalten der beiden Mädchen«, erinnert sich Leip, »ihre Namen konnte ich nicht mehr auseinanderhalten; sie verschmolzen zu einem etwas langen Namen, der mich froh und traurig zugleich machte.« Leip kann deshalb nicht verstehen, »wie die Idee aufkommen konnte, Lili Marleen sei eine Dirne«. Leip: »Es ist doch nur ein einfaches Liebeslied vom traurigen Abschied des Frontsoldaten.«

Leips Abschiedslied, in einem seiner Versbände veröffentlicht, lernte der Komponist Norbert Schultze 1938 kennen, als ein Tenor, der in Schultzes gerade uraufgeführter Kinderoper »Der schwarze Peter« mitgesungen hatte, ihn um ein paar Lieder für Rundfunksendungen anging und Leip-Vertonungen vorschlug. Schultze komponierte zehn Gedichte, darunter »Lili Marleen«, das dem Sänger jedoch mißfiel. So bot Schultze eines Tages das Lied Lale Andersen an.

Doch auch Laie Andersen wollte davon nicht viel wissen, sie sang nur ungern Schultzes Schlager, denn sie hatte bereits eine andere »Lili Marleen«-Version im Repertoire. Als das Publikum jedoch die Schultze-Fassung vorzog, war sie bereit, den Schlager auf Schallplatte zu singen. Aber im Hitler-Deutschland waren aufpeitschendere Melodien erwünscht. So geriet »Lili Marleen« in Vergessenheit -- bis Radio Belgrad sich ihrer annahm.

Dem Komponisten Schultze indes hatte »Lilis« Debüt genützt. Ohne es zu wissen, kam er auf die Liste jener vorn Militärdienst zurückgestellten »schöpferischen Künstler«, die die Errungenschaften der neuen Ordnung zu verherrlichen hatten. Und Schultze war gern dazu bereit: Ende 1939 erhielt er seinen ersten Staats-Auftrag; er durfte die Musik zur »Feuertaufe« schreiben, einem Propaganda-Dokumentarfilm über die Vergewaltigung Polens.

Damit machte Schultze Karriere: Er komponierte »Bomben auf England«. »Panzer rollen in Afrika«, und nacheinander 25 »Lieder der Nation«. Als 1941 ein Lied für den totalen Krieg gegen Rußland gebraucht wurde, lieferte Schultze »Führer befiehl«.

Über dieser Vollbeschäftigung nahm Schultze den plötzlichen Erfolg von »Lili Marleen« gegen Ende 1941 kaum wahr. Erst als Rommel einen Offizier mit einigen Kisten Kaffee und Schnaps zu ihm schickte und anfragen ließ, ob der Musiker auch für ihn ein Lied in der Art von »Lili Marleen« komponieren könne, bemerkte er, daß sein alter Schlager gefragt war.

Ebenso wie Schultze erfuhr auch Laie Andersen erst nachträglich, daß »Lili Marleen« wieder gespielt wurde, nämlich erst, als sie Briefe mit der Anschrift »Lili Marleen, Radio Belgrad, Berlin, Deutschland« bekam. Sie hatte unbeachtet in deutschen Kasinos gesungen, doch jetzt wollte man sie plötzlich überall haben.

»Ich verdiente nun wieder Geld«, sagt Laie Andersen, »aber wegen des Krieges änderte sich mein Leben kaum.«

Bald änderte sich ihr Leben dennoch -- zum Schlechteren. Goebbels ließ die Frau, die mit einem von ihm abgelehnten Lied so viel für das Afrikakorps und die 8. britische Armee bedeutete, scharf bewachen. Als sie nach Italien fuhr, um vor verwundeten deutschen Soldaten zu singen, war sie so unvorsichtig, an den Komponisten Rolf Liebermann in Zürich zu schreiben, der für sie vor dem Krieg ein paar Chansons verfaßt hatte. Lale Andersen, die mit einem Schweizer verheiratet war, bat Liebermann um Anschriften von Menschen, die ihr helfen könnten, über Mailand nach Zürich zu fliehen. Die Gestapo fing den Brief ab.

Lale Andersen: »Sie sagten mir, das sei das Ende meiner Karriere, ich würde in ein Lager kommen. In der Nacht danach gab es drei Luftangriffe, und ich dachte: Ich mache Schluß mit allem. Ich nahm alle Schlaftabletten, die ich hatte. Es dauerte drei Wochen, bis ich wieder zu Bewußtsein kam, und ich erwartete nun, daß die Gestapo mich in Kürze umbringen würde. Aber eine britische Rundfunkmeldung rettete mich.

»Die BBC brachte die Nachricht, ich sei in ein Konzentrationslager gebracht worden und gestorben. Goebbels konnte nun beweisen, daß der englische Rundfunk Lügen verbreite. Ich kam daher nicht in ein Lager, mußte mich aber zweimal wöchentlich bei der Gestapo melden.«

Laie Andersen blieb bis 1944 in Berlin. Allmählich schien die Gestapo das Interesse an ihr zu verlieren. Eines Abends entwischte sie auf die Insel Langeoog, wo ihre Großeltern lebten. Und dort blieb sie, bis der Krieg fast zu Ende war. Dann begann sie wieder zu singen ...

Für den Komponisten Schultze begann der Friede weniger friedlich: Er saß mit seiner Frau in Berlin, als die Russen die Stadt eroberten. Manchmal versteckte er sich auf Dachböden, gelegentlich sang er für die Russen, zweimal wurde er in ein Lager gebracht. Schließlich konnte das Paar in den amerikanischen Sektor Berlins ziehen, wo es in Offizierskasinos auftrat. »Ich kann es nicht bedauern«, sagt Schultze heute, »daß ich all diese Lieder geschrieben habe. Es war die Zeit, die das verlangte, nicht ich. Andere haben geschossen. Ich habe diese Lieder komponiert. Haben andere Komponisten nicht dasselbe für ihr Vaterland getan?

»Aber ich verstehe, wie die Menschen heute denken. Sie erinnern sich, wie sie im Bunker saßen und meine Märsche im Radio hören mußten, und nun sagen sie: »Mein Gott, das ist der Mann, der all diese verdammten Märsche komponiert hat!'«

Der »Lili«-Dichter Hans Leip schließlich war in Tirol, als die Amerikaner einmarschierten. Als General Eisenhower auf einer Truppeninspektion an Leips Quartier vorüberkam, wünschte er den Poeten kennenzulernen. Doch Leip schlief schon. Seit Jahren nämlich hatte er sich angewöhnt, vor zehn Uhr zu Bett zu gehen -- um ja nicht in Versuchung zu kommen, die »Lili Marleen«-Musik von Radio Belgrad zu hören.

Eisenhower nahm von seiner Visite Abstand. Er befahl, den Dichter schlafen zu lassen, »weil er ja der einzige Deutsche ist, der der ganzen Welt während des Zweiten Weltkriegs Freude bereitet hat«.

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