Anblick reizt - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 25 / 59

PARTEIEN / NPD Anblick reizt

• aus DER SPIEGEL 32/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ich habe nicht den Ehrgeiz, vergatterte der Frankfurter NPD-Funktionär Herbert Peter durch Rundschreiben seine Parteigenossen, »dem stärksten Kreisverband vorzustehen, aber dem aktivsten.«

Freitag vorletzter Woche wurden Peters Wünsche wahr: Rund 80 NPD-Ordner mit Polizeischutzhelmen, schweren Lederkoppeln und gepolsterten Maurerhandschuhen schlugen Demonstranten krankenhausreif und prügelten sich mit Polizisten. Der Frankfurter Polizeikommissar Armin Sauer sah sich »einem Sadismus und einem Blutrausch« gegenüber, »wie er bisher nur aus Horrorfilmen bekannt ist«.

Die NPD-Schutzabteilung war angetreten, eine Wahlveranstaltung der Rechten im Cantate-Saal der Stadt gegen linke Gegner abzuschirmen. Jugendgruppen hatten geplant, das Versammlungslokal vorzeitig und friedlich zu besetzen. Vor allem Junggewerkschaftler und Angehörige der Evangelischen Jugend wollten eine Stunde vor Beginn des Things die etwa 400 Plätze des Saals blockieren.

Doch bevor noch die Demonstranten sich formieren konnten, tauchten die Schlagschatten der NPD auf. »Wie eine Football-Mannschaft« notierte die »Frankfurter Rundschau«, »läuft sie ein: Helme mit Visier auf dem Kopf, Kinnschutz, Nackenschutz.« Der Berichterstatter der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« entdeckte bei der Einsatzgruppe »Eisenstangen, Zangen und Hämmer«.

Dirigiert wurde die Ordner-Truppe von Dr. Benno Koerber, 51, einem finnischen Staatsangehörigen, der von der Parteiführung zum Leiter des »Ordnungsdienstes Hessen-Süd« ernannt worden war. Er sorgte vorab dafür, daß die wenigen Demonstranten zum Hof vor dem Cantate-Saal hinausgeprügelt wurden und nurmehr hinter einem Torgitter Protest per Knallkörper bekunden konnten. Dann griffen sich die rechten Recken einzelne Torsteher, zogen sie durch das kurz geöffnete Gitter und schlugen sie brutal zusammen.

Erstes Opfer war der 25jährige Dieter Bachert. Die Ärztin Dr. Elisabeth Karg stellte später »ausgedehnte, blutunterlaufene Striemen, abgedrückte Nahtstellen, Platzwunden, Hautabschürfungen und blaue Schwellungen« fest. Der 22jährige Werner Jaeckel kam nach der Behandlung durch die NPD-Ordner mit einer Kieferverletzung und eingeschlagenen Zähnen in das St.-Katharinen-Hospital.

»Der geöffnete Mund«, schilderte die »Frankfurter Rundschau« solche Sonderbehandlung, »ist nur noch ein roter blutiger Brei.« Greifer-Chef Koerber lobte seine Mannen: »Gut gemacht.« Die NPD (Motto: »Sicherheit durch Recht und Ordnung") besorgte nach einer Polizeizählung wenigstens fünf politischen Gegnern die Krankenhausreife. Manchem Nationaldemokraten freilich schien diese Strecke nicht groß genug. Ein Ordner zum Kameraden: »Am besten jetzt ein MG und dazwischenhalten.«

Untätig verharrte unterdessen Frankfurts Polizeipräsident Dr. Gerhard Littmann mit dem Vorkommando von zwei Hundertschaften im Hof des benachbarten Goethe-Hauses. Über des Dichters Gartenmauer hinweg versuchte Littmann den Tumult im Nebenhof zu beobachten; die Prügelszenen im Torbogen -- so Littmann später -- »habe ich gar nicht sehen können«.

Polizeiführer, die sie gesehen hatten und Littmann zum Eingreifen aufforderten, wies der Polizeichef ab. Weder der rechtswidrige Umstand, daß die Ordner schon vor dem Saal geräumt hatten, noch die paramilitärische Ausrüstung der NPD-Truppe -- nach Meinung verschiedener Beamter ein Verstoß gegen das Versammlungsgesetz und deshalb Grund genug für polizeilichen Einsatz -- vermochten den Präsidenten umzustimmen. Sozialdemokrat Littmann berief sich auf ein Urteil des Darmstädter Verwaltungsgerichts, wonach die Benutzung von Schutzhelmen und Koppeln in bestimmten Fällen für Parteiordner zulässig sei.

Doch auch im Cantate-Saal nachdem die NPD-Versammlung begonnen hatte, droschen Koerbers Kameraden weiter. Zwischenrufer -- ob Männer oder Frauen -- mußten durch Ordnerreihen Spießruten laufen, wurden wahllos geprügelt und getreten. Hier, so resümiert der Leiter des 18. politischen Kommissariats, Kriminalrat Erich Panitz, »spielten sich die übelsten Szenen ab« -- bei denen auch die Polizei in Mitleidenschaft gezogen wurde. Kommissar Sauer, der die Personalien eines NPD-Schlägers feststellen wollte, wurde von anderen Ordnern umringt und ging nach einem Hieb in den Magen zu Boden.

»Es war eindeutig festzustellen«, sagte Polizeichef Littmann nach dem unbehinderten Einsatz der Saalschützer, »daß diese Leute ganz systematisch ausgebildet worden sind.«

In der Tat: Hessens nationaldemokratische Schutztruppe wird seit Februar dieses Jahres von dem NPD-Gastarbeiter Koerber gedrillt. Koerber zu seiner Gefolgschaft: »Jeder kann und soll zeigen, was er für unsere Partei übrig hat und was er für unser Vaterland und dessen Wiedergeburt zu opfern bereit ist.«

Im kleinen Saal des Frankfurter Turnvereins 1860, Sundweg 4, übte Koerber -- jeweils donnerstags und samstags -- seine Freiwilligen psychologisch und durch körperliches Training ein. Die Hiwis holte sich der diplomierte Chemiker aus Orten rings um Frankfurt -- wie Friedberg, Hanau und Aschaffenburg.

Unterdessen ermittelt die Staatsanwaltschaft Koblenz gegen den finnischen Ordner-Führer, weil er in der Rhein-Mosel-Halle bei einer NPD-Versammlung die Einsätze seiner paramilitärischen Mannen befahl und Helme wie Lederkoppel verteilte. Und nach dem Frankfurter Auftritt hat auch die Staatsanwaltschaft der Mainmetropole bislang zwölf Ermittlungsverfahren wegen gemeinschaftlicher und gefährlicher Körperverletzung gegen Koerbers rechte Prügel-Garde eingeleitet.

Selbst der Bundesvorstand der NPD zu Hannover ist durch Koerbers Aktivität irritiert: Im Auftrag Adolf von Thaddens erkundigte sich ein NPD-Sprecher bei der Frankfurter Polizei, ob man gut beraten sei, den Koerber als Ordnungsdienstleiter aus dem Verkehr zu ziehen. Besorgt um den demokratischen Firnis der Partei und fixiert auf die ständige Verbotsdrohung, will die Parteiführung vermeiden, »daß sie für Unruhe und öffentlichen Lärm auch nur mittelbar verantwortlich gemacht« werden kann (von Thadden).

In ihrem Rundschreiben »Org. 3/68« dekretierte die hannoversche Führung schon letztes Jahr: »So verständlich es ist, daß manchmal schon der Anblick ... der Störer ... unsere Parteifreunde reizt ... einmal kräftig hinzulangen, darf solches doch nie geschehen.« Auch um die sittliche Standhaftigkeit der Parteiordner bemüht, gebot die bayrische NPD in einer sechsseitigen Anweisung zur »Ordnerschulung«, beim »Entfernen von Störerinnen« seien »unsittliche Berührungen« zu vermeiden.

Und in den meist fünfstündigen Kurz-Kursen, die seit einigen Monaten in NPD-Kreisverbänden veranstaltet werden, bemüht sich die Parteispitze um sorgsame Selektion der Ordner, »damit sie sich nicht wie die Affen benehmen« -- so NPD-Präsidiumsmitglied Walter Seetzen, Chef des Amts 1 Organisation, der klagt: »Was nützt uns die schönste Saalschlacht, selbst wenn wir alles raushauen, das hat doch keinen Zweck,«

Keinen Zweck hat offenkundig auch Seetzens Ordnerschulung. Bei den einfachen Volksgenossen fehlt, wie es scheint, noch immer der Sinn für die Unterschiede zwischen politischem Protest und räuberischem Überfall. »Meine Leute«, so beteuerte treuherzig Schlachtenlenker Koerber nach dem traditionsträchtigen Auftritt seiner Schutzabteilung, »haben doch nichts anderes getan, als sich ihrer Haut gewehrt.«

Zur Ausgabe
Artikel 25 / 59

Mehr lesen über