MUSIK MOOG SYNTHESIZER Schleuse geöffnet
Als Play-Bach, Swing-Bach, BeatBach und Rock-Bach ist die Musik Johann Sebastian Bachs schon längst modisch verwandelt ins Schallplattengeschäft gekommen. Nun folgt noch eine, noch kühnere Variante: » Switched-On Bach« -- zu deutsch etwa »Bach unter Strom gesetzt«.
»Switched-On Bach«, so der Titel einer von der US-Firma CBS vertriebenen Langspielplatte, läßt sich zunächst ganz harmlos an -- mit virtuosen Cembalo-Kadenzen, stilreinen Geigentrillern und exakten Bläserpassagen. Auch eine Orgel scheint durchaus brav im Spiel zu sein.
Dann aber heult plötzlich eine Windmaschine los, Geisterstimmen flüstern, und es fängt an zu blubbern und zu tuckern, zu zwitschern, scheppern und surren wie beim Sergeant Pepper.
Indes, wie frech und ungebärdig das auch rumort -- es sind die echten, alten Noten des Thomaskantors. Nur werden alle von einem einzigen, noch ungebräuchlichen Musikinstrument gespielt: von dem elektronischen »Moog Synthesizer«.
Mit diesem raffinierten Klangwerkzeug -- es heißt nach seinem Erbauer Robert Moog -- hat der New Yorker Musiker und Tontechniker Walter Carlos, 29, der es bedient, die früheren Manipulationen an Bach-Musik bei weitem übertroffen. Denn anders als beispielsweise die flauen Unterhaltungs-Gags der Swingle Singers ist »Switched-On Bach«, wie grotesk auch immer, eine vehemente, ernst zu nehmende Neuinterpretation des Dritten Brandenburgischen Konzerts, von Inventionen, Fugen und Präludien des Leipziger Barock-Großmeisters. Als völlig »barock-gerecht« wurde das »außerordentliche Experiment« denn auch von der »New York Times« gelobt; das Diskophilen-Blatt »High Fidelity« sprach von der »wichtigsten Klassik-Neuerscheinung seit vielen, vielen Jahren«; und Glenn Gould, international renommierter Bach-Spieler, rief das Synthesizer-Werk zur »Platte des Jahrzehnts« aus.
Soviel Applaus dankt Carlos der virtuosen Nutzung eines im Grunde altbekannten Prinzips. Denn Synthesizers, eine Art elektronischer Mini-Studios, gibt es bereits seit 30 Jahren. Und genausolange versuchen Musiker, damit bewährte Konzertsaal-Weisen wiederzugeben.
Auch Carlos, ein gelernter Physiker, hatte schon jahrelang mit Synthesizers experimentiert, die ihm aber für anspruchsvolle Noten stets zu gekünstelt und zu arm an Nuancen schienen. Folglich gebrauchte er die Klang-Roboter zunächst allein für Werbespots im Fernsehen. Die Honorare sparte er für einen verfeinerten Synthesizer.
Schließlich, 1966, reiste Carlos nach Trumansburg im Staat New York zu Moog, der dort die Produktion von elektronischen Musik-Apparaten betreibt und der schon Synthesizers an rund 100 Konservatorien sowie an die Beatles, die Rolling Stones und die Beach Boys geliefert hatte.
Nach Carlos« Wünschen und Skizzen baute Moog dann sein bislang reifstes Werk (exakter Titel: »Moog III"), einen mannshohen Hmunculus aus Transistoren, Röhren, Filtern, Mischern, Verstärkern und Oszillatoren. Mit zahllosen Wählcheiben, Steckdosen und Blinklämpchen sieht Moog 111 aus wie ein Klappenschrank aus dem Fernamt von einst. Doch hat er auch zwei Tastaturen wie eine Orgel oder ein Cembalo. »Es ist«, schwärmt Carlos, ein richtiges Musikinstrument geworden.«
Auf diesem Instrument spielt Carlos seither »Bach so, wie es Bach zukommt«. Und in der Tat eignet sich die barocke Satzweise mit ihrer klaren Polyphoni, ihren plastischen Einzelstimmen und ihrer Terrassendynamik vorzüglich zur Transposition auf andere Instrumente und sogar in ein elektronisches Medium. »Auch Bach«, sagt Carlos, spielte ein Violinstück einfach auf der Flöte, wenn er gerade keine Geige hatte.«
Zunächst zerlegten Carlos und ein Assistent die Bach-Werke in lauter Einzeltöne, die sie in der gewünschten Klangfarbe und Lautstärke mit dem Moog auf Tonband spielten. Dann mußten sie aus Hunderten Bandschnipseln die Kompositionen wieder zusammensetzen.
Die Collage klingt nach Bach und Moog zugleich: Mal ahmt Carlos das vorgeschriebene Instrumentarium verblüffend nach, mal spielt er -- so in der Kadenz des Brandenburgischen Konzerts -- alle synthetischen Tonfarben seines Elektro-Interpreten aus. »Wir mußten«, sagt er, »Pianisten, Orchester, Instrumentenbauer, Dirigenten, Tontechniker und Ingenieure sein.
Die Mühe hat sich gelohnt -- vor allem für CBS. Für nur 10000 Mark kaufte die Firma das Moog-Konzert bei Carlos ein und setzte seit November 1968 gut 170 000 »Switched-On Bach«-Platten ab. Inzwischen ist die Carlos-Aufnahme in die amerikanischen Bestseller-Listen eingerückt, und CBS kann täglich 10 000 Platten ausliefern. Als Barock-Revolution« kommt die LP Anfang April auch in Deutschland heraus.
Eine Musik-Revolution könnte der Moog-Synthesizer wirklich einleiten Das glaubt nicht nur Carlos selbst, der nächstes Jahr mit seinem Moog in den Konzertsaal will und anschließend ein Moog-Orchester gründen möchte. »Bald«, so sieht er voraus, »werden Komponisten für Synthesizers komponieren wie bislang fürs Klavier. Sie sind der Steinway der Zukunft.«
Eine Neue Welle der Tonkunst prophezeite auch »High Fidelity": »Walter Carlos«, so schrieb das Blatt, »hat die Schleuse geöffnet, hinter der sich die elektronische Musik bislang staute. Nun kann nichts mehr sie halten.«