Sitz am Dom - DER SPIEGEL
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DRITTES PROGRAMM Sitz am Dom

• aus DER SPIEGEL 28/1964
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zweimal innerhalb von zwei Minuten korrigierte sich Dr. Wilhelm Lenz, CDU-Fraktionschef im Düsseldorfer Landtag. Auf die Frage eines Journalisten erklärte er zuerst: »Herr Höfer ist nicht im Rennen«, sagte dann: »Natürlich ist Herr Höfer ein aussichtsreicher Kandidat« und verbesserte sich schließlich: »Herr Höfer ist nicht mehr im Rennen.«

Die verwirrenden Äußerungen des CDU-Mannes über den populären Frühschoppenwirt waren Teil jener Geheimniskrämerei, mit der die nordrhein westfälische Landesregierung das vom Westdeutschen Rundfunk, Köln, geplante regionale Dritte Fernsehprogramm - Lieblingsprojekt des NRW-Ministerpräsidenten Franz Meyers - seit Monaten einnebelt**. Ob Werner Höfer oder wer sonst Direktor dieses Dritten Programms werden soll, wieviel es kosten und wie es im einzelnen aussehen wird - alle diese Fragen wurden bislang sorgfältig vor der Öffentlichkeit verborgen, obschon konkrete Pläne seit Mitte Juni vorliegen.

Unter Aufsicht des WDR-Intendanten Klaus von Bismarck hat ein Planungsstab im Kölner Funkhaus ein streng vertrauliches Konzept entworfen, das »den Rahmen abstecken« soll, »innerhalb dessen sich die weitere Vorbereitungsarbeit für das Dritte Programm vollziehen kann«.

Mit diesem Geheimdossier, dessen sechs Exemplare inzwischen nur Kabinettsmitgliedern ausgehändigt werden, reisten am 16. Juni Intendant Bismarck und der WDR-Verwaltungsrats-Vorsitzende, CDU-Prokurist Josef-Hermann Dufhues, nach Düsseldorf zu Landesvater Meyers.

Die Sitzung in der Staatskanzlei am Mannesmannufer begann für den Regierungschef mit einer Enttäuschung: CDU-Manager Dufhues mußte seinen Parteifreund Meyers darüber ins Bild setzen, daß der Verwaltungsrat des WDR am 8. Juni entgegen ausdrücklichem Regierungswunsch beschlossen hatte, den Sitz der Führungsspitze des Dritten Programms (Sendebeginn voraussichtlich am 1. April 1965) nicht in die Landeshauptstadt Düsseldorf, sondern nach Köln - wegen der dort schon Vorhandenen technischen Einrichtungen

- zu legen. Die Verlagerung der Technik

rheinabwärts hätte einen Investitionsaufwand von 100 Millionen Mark erfordert. Düsseldorf soll nun lediglich Sitz der Zentralredaktion werden.

Meyers, halb getröstet: »Wo die Technik gemacht wird, ist mir egal, Hauptsache, das geistige Zentrum der politischen Sendungen ist in Düsseldorf.«

Von der Standortfrage abgesehen, konnte Föderalist Meyers ("Das Dritte Programm soll in erster Linie Selbstdarstellung des Landes sein") mit den Kölner Pläneschmieden zufrieden sein: Das wichtigste Programm-Prinzip ist, laut geheimer Denkschrift, »das Regionale«.

Unter diesem Aspekt soll dem Land Nordrhein-Westfalen, seinen gesellschaftlichen Gruppen und Institutionen auf dem dritten Kanal »eine publizistische Repräsentanz« gegeben, werden. Die Zuschauer sollen die Möglichkeit bekommen, sich hinfort mehr »als Rheinländer, als Münsterländer, als Wuppertaler« vom Bildschirm her angesprochen zu fühlen.

Nach den Kölner Plänen wird sich das Dritte Programm in drei Gruppen gliedern. Sendungen, die in der Denkschrift »bildungsintensiv« und »bildendunterhaltend« genannt werden, eröffnen das Programm um 19.30 Uhr: Fortbildungskurse für Ärzte, Lehrer und Industriearbeiter, Staatsbürgerkunde, »Lebenspraxis«, Interviews mit heimischer Prominenz. Danach folgen die Heimatsendung »Magazin« und Unterhaltungsbeiträge wie Mundarttheater, Städtebilder, Kabarett und Puppenspiel. In der letzten Sende-Halbstunde ab 21.45 Uhr wird das Bildungsprogramm des frühen Abends wiederholt.

Die Mattscheiben-Volkshochschule zu repetieren erscheint den Kölnern besonders wichtig: Auch wer in den frühen Abendstunden keine Zeit hat und später. »im Familienverband« an Sendungen der beiden anderen Fernsehprogramme gefesselt ist, soll nicht zu kurz kommen. Denn das Bildungsprogramm in die Hauptsendezeit der beiden überregionalen TV-Bestrahler zu legen, mochten sich die Kölner nicht entschließen: Die Qual der Wahl zwischen unterhaltendem und belehrendem Geflimmer müßte nach Ansicht der Denkschrift-Autoren »in den Wohnzimmern Konfliktsituationen schaffen, denen vermutlich der Bildungswillige jeweils erliegen würde«.

Fazit der sendungsbewußten Kölner Drittprogrammler: Die dreigeteilte NRW-TV werde ihren Zuschauern »eine neue Dimension« erschließen.

Unterdessen herrscht auch über die Finanzierung des Dritten Programms weitgehend Klarheit: Alle Kosten soll der Westdeutsche Rundfunk tragen. Tatsächlich verfügt der Kölner Sender über erhebliche und geheimgehaltene Rücklagen.

Den Etat für das Dritte Programm möchten die Flimmer-Planer des WDR gern einem »Fachmann mit langjährigen und gediegenen Fachkenntnissen« anvertrauen. Ins Gespräch gerieten neben anderen:

- Herbert Koch, Leiter des WDR -Studios in Düsseldorf,

- Dr. Wolfram Köhler, ehemals Korrespondent der »Welt« in Düsseldorf, heute in Wien,

- Karl-Heinz Reintgen, Leiter des Fernsehens in Saarbrücken, und

- Dr. Max Schulze-Vorberg (Kölner

Funkhaus-Spitzname: Schnulze-Vorlaut), Leiter des Bonner Büros des Bayrischen Rundfunks.

Kommentar des Intendanten von Bismarck: »Alles Luftballonkandidaten.«

Übrig blieben, mit geringen Chancen, Windrosen-Reisender Peter von Zahn und, mit den besten Aussichten, der Frühschöppner Werner Höfer. Der Kölner Plauderer gilt als versierter Regionalfunker, seit er die erfolgreichen WDR-Sendungen »Hier und Heute« (Fernsehen) und »Zwischen Rhein und Weser« (Hörfunk) formte.

Noch in der vorigen Woche wollte Höfer selbst nichts Genaues gehört haben. Höfer: »Ich sitze in meinem Häuschen in Rodenkirchen und führe das bescheidene Dasein eines rheinischen Landedelmannes bürgerlichen Zuschnitts«; bislang habe ihn lediglich »der Wellenanschlag der Kombinationen und Spekulationen« erreicht.

Grundsätzlich aber hat Höfer nichts gegen den neuen Posten: »Wenn die Bedingungen nicht die materiellen, akzeptabel sind.«

** Außer Stuttgart, Baden-Baden und Saarbrücken bereiten alle Sender ein Drittes Fernsehprogramm vor.

Direktions-Anwärter Höfer*

Landedelmann bürgerlichen Zuschnitts

* SPIEGEL-Titel 50/1959.

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