RAKETEN-SPEZIALISTEN Heimkehr vom Nil
Der Anwalt in München wußte nicht, wo sich sein Mandant aufhielt. Professor Wolfgang Pilz, der für Nasser in Ägypten Raketen gebaut und damit internationale Verwicklungen heraufbeschworen hatte, wollte nicht behelligt werden. Sein Anwalt bekam nur alle paar Tage einen Anruf: »Mal aus Österreich, mal aus Deutschland.«
In der letzten Woche kam der Anruf aus Österreich: In einem Kärntner Fischerhaus zu Trebesing, im Tal der Lieser gelegen, hatte der Raketenprofessor mit weißem Haar und sonnenbrauner Haut vorläufig sein Domizil aufgeschlagen. Jeden Morgen nahm er eine Dusche aus dem Gartenschlauch, an jedem zweiten Tag ein heißes Heilbad.
Die Rückkehr des Diplom-Ingenieurs aus Ägypten markiert das Ende der deutschen Raketenbauerei am Nil (SPIEGEL 19/1963). Seine prominentesten Mitarbeiter sind schon seit geraumer Zeit wieder im Lande:
- Professor Paul Goercke, 59, Fachmann für elektronisches Meßwesen, aus Freiburg im Breisgau;
- Dr. Hans Kleinwächter, 50, Elektronik-Spezialist aus dem badischen Lörrach.
Das Trio war der Kern einer kleinen Gruppe deutscher Fachleute, die seit 1960 in Nassers Militärfabrik 333 bei Kairo Raketen bauten. Zunächst fertigten sie eine Höhenforschungsrakete, die der von Pilz entwickelten französischen »Véronique« ähnelte. Dann bauten sie zwei militärisch verwendbare Raketen, denen Nasser die Namen »El-Kahir« (Eroberer) und »El-Safir« (Sieger) gab.
Im Juli 1962 ließ der ägyptische Staatschef »Eroberer« wie »Sieger« protzig in den Himmel fahren und verkündete: »Der Aktionsradius reicht gerade bis südlich von Beirut.« Südlich von Beirut liegt IsraeL
Damit waren die deutschen Raketenkonstrukteure, die - zumindest nach eigenen Bekundungen - an »militärischen Dingen nie interessiert waren« (Goercke) und Betätigung auf einem in der Bundesrepublik brachliegenden Feld der Technik suchten, in die Spannungssphäre ägyptisch-israelischer Auseinandersetzungen geraten.
Während sie noch davon träumten, eine dreistufige Höhenrakete zu bauen, mit der sich Satelliten auf erdumrundende Bahn schießen lassen würden, schlug der israelische Geheimdienst zu:
Pilz-Sekretärin Hannelore Wende wurde schwer verletzt und erblindete, als sie am 27. November 1962 einen an ihren Chef gerichteten Sprengstoff-Brief öffnete. Professor Kleinwächter entging gerade noch unverletzt einem Anschlag, der im heimatlichen Lörrach auf ihn
verübt wurde. Goerckes Kinder Heidi und Rainer wurden mit der Ankündigung unter Druck gesetzt, man werde ihren Vater in »Schwierigkeiten« bringen.
Mit erstaunlicher Weltfremdheit zeigten sich Nassers deutsche Raketenbauer
- so Goereke - »sehr verwundert, daß
wir nun Verbrecher sein sollten, weil wir in Ägypten weiterarbeiteten und die Ägypter gerade Krach hatten mit den Israelis«.
Längst hatte das deutsche Raketen -Gastspiel in Ägypten auch die Bundeshauptstadt aufgeschreckt. Das Bundesinnenministerium drohte den Raketen -Spezialisten am Nil mit Paßentzug, und die Bundestagsabgeordneten Jahn (SPD), Böhm (CDU) und Dehler (FDP) brachten einen Gesetzentwurf zum Grundgesetzartikel 26 ein: Es sollte deutschen Staatsbürgern verboten werden, im Ausland (Ausnahmen: verbündete Staaten) an der Herstellung von Waffen mitzuarbeiten.
Dazu Goereke: »Dabei hätte doch nichts dazu gehört, den Botschafter in Kairo aufzufordern, einmal mit uns Kontakt aufzunehmen wegen einer Rückkehr. Statt dessen wollten sie wegen uns drei Hanseln die Verfassung ändern.«
Aber das Problem löste sich von selbst: Nasser brauchte seine Helfer nicht mehr, weil »jetzt dort die Russen die Federführung bei den Raketendingen übernommen haben« (Goercke).
Auch der aus Österreich gebürtige ehemalige Junkers-Konstrukteur Ferdinand Brandner, der statt Raketen für Nasser Düsenjäger baut und derzeit noch über 400 deutsche und österreichische Fachleute um sich geschart hat, kündigte unlängst an, er werde seine Leute nach und nach heimschicken, weil das Team seine »Aufgaben erfüllt« habe.
Der öffentlichkeitsscheue Spätheimkehrer Professor Pilz hingegen, der mit seiner erblindeten Sekretärin Hannelore Wende in Kärnten weilt, drückt sich noch sphinxhaft aus: »Alles ist so hochpolitisch, so diffizil, daß ich mich in keiner Weise äußern möchte.«
Raketenforscher Pilz (in Kärnten)
Dusche aus dem Gartenschlauch
Pilz-Sekretärin Hannelore Wende
Sprengstoff aus dem Briefumschlag