Im Stechschritt zur WM - DER SPIEGEL
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PRESSE Im Stechschritt zur WM

Mit Paparazzo-Fotos einer halbnackten Kanzlerin stimmt sich Großbritanniens Boulevard-presse auf die verbale Schlammschlacht zur Fußball-WM ein.
• aus DER SPIEGEL 17/2006
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war Ostern auf Ischia, die Kanzlerin hatte für ihre erste Urlaubsreise in die Sonne seit ihrem Amtsantritt den Badeanzug eingepackt, und für Renato Sarmiento hatte die Saison gerade begonnen. Sarmiento stellt keine Liegestühle auf und verkauft kein Eis, sondern verbringt die Sommermonate vorzugsweise mit einem großen Teleobjektiv im Gebüsch und ist stolz darauf. Ohne Scham sagt er von sich: »Ich bin Paparazzo.«

Es war gut gelaufen in diesen Tagen: der Ferrari-Boss und Fiat-Präsident Luca di Montezemolo auf seiner Yacht, ein paar Fernsehstarlets. Sie alle kannten das Spiel. Dann kam diese Frau aus dem Hotel »Miramare e Castello«, von der Sarmiento wusste, dass sie seit neuestem Deutschland regiert.

Sie steuerte auf ein Thermalbad namens Aphrodite zu, er setzte sich auf seinen Arbeitsplatz in die Sträucher. Sie nestelte unter ihrem Bademantel das Höschen zurecht, er drückte ab. Angela Merkel, groß geworden in einem Staat, wo die große Freiheit darin bestand, sich ohne Kleidung in den Sand zu legen, kannte das Spiel anscheinend nicht. Sie glaubte, auf Ischia schwimmen zu können, ohne dass die Gefahr bestand, dabei gleich baden zu gehen.

Die Bilder des Paparazzo blieben weitgehend unbeachtet, bis sie bei den Chef- Hooligans des englischen Zeitungswesens landeten, der »Sun«, deren Macher Journalismus oft als Fortsetzung dessen verstehen, was sich auf den billigen Plätzen der Fußballstadien abspielt: ein Wechsel von Anfeuerungsrufen und Schmähreden, mit Vorliebe unter der Gürtellinie.

Mit der Überschrift »I'm big in the Bumdestag« (der englische Begriff »Bum« heißt umgangssprachlich so viel wie Hintern) brachten es die Redakteure in einem rund hundert Wörter langen Artikel über die nackte Rückansicht der Kanzlerin auf acht Wortspiele der Sorte, zumindest die deutsche Wirtschaft sei ja gut in Form. Von dieser Art biergetränkter Fußballtempeldiplomatie kalt erwischt, bemerkte Berlins Vize-Regierungssprecher Thomas Steg: »Dies ist ganz gewiss nicht die feine britische Art. Auch die Bundeskanzlerin und ihr Mann haben ein Recht auf Privatsphäre.«

»Bild«, so was wie der etwas bravere deutsche Cousin der englischen Krawallverwandtschaft, jammerte »Woher kommt dieser Hass?« und schickte seinen mutigsten Poeten los, um publizistisch abzurechnen: »Die Rückseite meiner Kanzlerin ist mir dennoch sympathischer als eure Whisky-aufgedunsenen Arschgesichter in London.«

Dabei hätte ein wenig Gelassenheit genügt, um festzustellen, dass die »Sun« kein speziell deutsch-hassendes Organ ist, sondern feindlich gegenüber fast allem, was sich außerhalb der britischen Insel tummelt: Euro? Spanier? Italiener? Alles furchtbar. Frankreichs Staatspräsident Jacques Chirac wird gern als »Pariser Hure« oder »Wurm« betitelt.

An solche Hemmungslosigkeit über die Jahre gewöhnt, werteten viele Beobachter den Gossenschabernack rund um Merkel auch als Aufwärmtraining zur Fußball-WM, wo die »Sun« samt ihren britischen Gesinnungsgenossen erwartungsgemäß neue Höhepunkte im sogenannten Krautbashing herbeititeln dürfte.

Auch über 60 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs ist jenes Deutschland, das dort herbeihalluziniert wird, nicht der Ort des Exportweltmeisters, sondern ein verschrobener Kosmos aus Pickelhauben und Hunnen, Blitzkrieg und Stechschritt, Obersturmbannführern und Gauleitern. Trotz derlei großväterlichen Geknatters rund um große Fußballereignisse schieden die englischen Nationalmannschaften in der Regel spätestens nach dem Elfmeterschießen gegen die Deutschen aus, was britischen, für ihre Härte gerühmten Spielern die Tränen in die Augen trieb und deren Kapitän Gary Lineker einst resigniert stammeln ließ: »Fußball ist ein Spiel für 22 Spieler, und am Ende gewinnen die Deutschen.«

Die Frustration war so groß, dass nach sportlichen Niederlagen auf der Insel Autos mit deutschen Nummernschildern zerstört und Kinder in den Klassenzimmern mit »Heil Hitler« begrüßt wurden. Harmloser Spaß und Entertainment, wie die Boulevardschreiber ihre Berichterstattung nennen, sieht anders aus.

Ein zeitgemäßes Deutschlandbild? Knapp die Hälfte der jungen Briten gaben bei einer Umfrage an, keine Meinung zu haben, weil sie nicht genug wüssten. Für Deutschland muss das als Fortschritt gewertet werden: Noch Ende der neunziger Jahre hatten Heranwachsende die Bundesrepublik zum langweiligsten, unattraktivsten Land Europas erklärt, ärmer als Bosnien, welches sie im Zweifelsfall lieber bereisen würden als Deutschland. Nicht besonders erstaunlich also, dass nur sehr wenige der Heranwachsenden Deutsch lernen wollen.

Das Ergebnis dieser Weltanschauung konnte am Donnerstag vergangener Woche in der »Sun« besichtigt werden. In einer aufgebauschten Titelgeschichte wetterte das Blatt gegen das »bekloppte« britische Außenministerium, welches die englischen Fans angeblich dazu aufgefordert hatte, auf deutschem Boden Deutsch zu singen.

Dann übersetzten die Redakteure den Stolz ihrer Nation, die Nationalhymne, erste Strophe: »God save our gracious Queen«. Ergebnis nach wahrscheinlich 120 Minuten harten Kampfes, Kühlschränken voller Bier, schwarz auf gelb: »Gott speichern unsere liebenswürdige Königin.«

THOMAS HÜETLIN, ALEXANDER SMOLTCZYK

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