GLAUBENSKAMPF Gott mag keine Pornos
Im Januar 2006, fast viereinhalb Jahre nach dem Anschlag auf das World Trade Center, genehmigte die ehrenamtliche Planungskommission der Gemeinde Nyack den Antrag auf die Eröffnung eines Sexshops an der Zufahrtsstraße Route 59. Der Sexshop sollte acht Videokabinen beherbergen und in einem verlassenen Autosalon am Stadtrand unterkommen. Einen Zusammenhang mit dem 11. September sahen die fünf Mitglieder der Planungskommission der Stadt nicht.
Der Beschluss war einstimmig und schien sorgsam vorbereitet.
Ein Jahr lang hatten sich die Mitglieder der Kommission, die monatlich in einer öffentlichen Sitzung im weißgestrichenen Rathaus von Nyack zusammenkommen, mit dem Sexshop beschäftigt. Sie hatten die Rechtslage studiert, die in einem lokalen Gesetz von 1992 genau vorschreibt, wo in Nyack Sexshops und Nacktbars eingerichtet werden dürfen. Sie hatten Kanalisation, Beleuchtung, Fensterverdunklungen und die Parkplatzbeleuchtung diskutiert, sie hatten die Breite des Bürgersteigs und die Maße der acht Videokabinen festgelegt sowie Warnschilder, Altersbegrenzungen und Öffnungszeiten vorgeschrieben. Sie hatten Baupläne, Modelle und Inventar des Pornoladens begutachtet, Anwälte, Architekten sowie andere Experten befragt. In einer Sitzung hatten sich 34 Bürger von Nyack namentlich und 3 anonym zum beantragten Sexshop geäußert. In den Sitzungsprotokollen des Rathausarchivs kann man jede Stellungnahme nachlesen. Die Bürgerin Elizabeth Chapman warnt vor sogenannten Glory Holes in den Wänden der Videokabinen, der Bürger Larry Jameson weist auf Probleme beim Linksabbiegen auf den Sexshop-Parkplatz hin, und der Bürger Irving Feiner stellt fest, dass er gegen den Pornoladen, aber für Redefreiheit sei. Ein nicht namentlich genannter älterer Herr informierte die Versammlung über die Vorzüge der Selbstbefriedigung.
Die künftigen Betreiber des Sexshops, »Leslie Fernandopulle und die Algama Family«, waren nie vor der Planungskommission erschienen. Einmal vermerkt das Sitzungsprotokoll, dass sie bei der Anreise aus dem New Yorker Stadtbezirk Queens in einen Verkehrsstau geraten seien. Das ist gut möglich, denn der Verkehr auf der 60 Kilometer langen Strecke von New York City kann zäh sein.
Nyack ist ein hübsches Künstlerstädtchen im Hudsontal. Es gibt hier kleine Straßen, Buchläden, Cafés, Antiquitätengeschäfte, Galerien, alte Bäume, alte Linke und alte Prominente wie die Schauspieler Al Pacino, Ellen Burstyn und Diane Sawyer. Die Immobilienpreise sind hoch, und die Bürger von Nyack sehr daran interessiert,
dass ihr Städtchen nicht dem amerikanischen Kommerz zum Opfer fällt. Keine der großen Fastfood-Ketten hat es nach Nyack geschafft, sie haben eine Fährverbindung nach New York verhindert, und in den Planungskommissionssitzungen wird um jeden Baum gekämpft. Am Tag, als der Sexshop genehmigt wurde, erschien auch ein Vertreter der Bäckereikette Dunkin' Donuts vorm Planungsboard, um für eine kleine Filiale zu kämpfen, die auf der anderen Seite der Route 59 eröffnet werden sollte. Es war bereits der sechste Auftritt von Dunkin' Donuts. Eigentlich wollten die Planer keinen großkapitalistischen Bäcker in der Stadt, aber weil sie das so nicht sagen konnten, diskutieren sie seit einem Jahr über Bepflanzungspläne. Die Dunkin'-Donuts-Akte ist doppelt so dick wie die des Pornoladens.
Nyack ist das, was man in Amerika eine liberale Stadt nennt. Der Bürgermeister ist ein bekennender Schwuler, und die Bevölkerung wählt mit großer Mehrheit demokratisch. Von dieser Mehrheit des Ortes hatten die Sexshop-Betreiber nichts zu befürchten; es waren die gläubigen Katholiken, die irgendwann Anstoß nahmen, vor allem war es Stephen Baldwin, der einen Kreuzzug gegen das Pornogeschäft begann.
Stephen Baldwin ist Schauspieler wie seine drei älteren Brüder Alec, Daniel und William. Seine bekannteste Rolle hatte er vor elf Jahren in dem mit zwei Oscars prämierten Film »Die üblichen Verdächtigen«. Er hat eine Menge unbedeutender Filme gedreht, auch einige Sexszenen, er hat in Reality-Shows mitgemacht, er hat geraucht, gesoffen, gezockt und galt wie seine Brüder als ruppiger, aber aufrechter Demokrat. Am 11. September jedoch wurde Stephen Baldwin als Christ wiedergeboren, hörte auf zu rauchen, zu trinken und nahm an Wahlkampfveranstaltungen für George W. Bush teil.
Baldwin wuchs auf Long Island auf, lebte später mit seiner Frau in Arizona und kam vor neun Jahren nach Nyack. Den Bewohnern der Stadt fiel er kaum auf, sie sind Prominente gewohnt. Vor zwei Jahren aber begann Baldwin großformatige Tafeln mit Bibelsprüchen vor seinem Haus aufzubauen, und im letzten Februar tauchte er mit einer Digitalkamera auf dem Parkplatz des potentiellen Pornoshops auf, um die Bauarbeiter zu fotografieren, die den Laden nach den Wünschen der Planungskommission umgestalteten. Baldwin sagte einem Reporter der Lokalzeitung von Nyack, dass er jeden Besucher des Pornogeschäftes und auch dessen Nummernschild fotografieren werde. Die Fotos werde er Zeitungen zur Veröffentlichung anbieten oder ins Internet stellen.
»Es ist die einzige Möglichkeit, sich gegen diese Dreckskerle zu wehren«, sagte er. »Die Stadtverwaltung hat versagt, also muss ich was tun.«
Er wiederholte seine Drohung auch auf ein paar Fernsehstationen. Es waren immer nur kurze, eher belustigende Beiträge. Aber wenn man Baldwin ganz genau in die Augen sah, bemerkte man, dass es um weit mehr ging als um einen Sexshop.
An einem Frühjahrsabend sitzt Baldwin im Büro seines Agenten im 21. Stock eines Büroturms in Manhattan und erklärt die Motive seines Engagements in Nyack. Draußen vor dem Fenster geht schwerer, schwarzer Regen nieder. Neben ihm sitzt sein Agent, ein nervöser, übergewichtiger Mann in kurzen Hosen.
»In der amerikanischen Geschichte sind Uferstädte wie Nyack immer wichtig gewesen, kulturell und politisch. Americana«, sagt Baldwin, was immer das bedeuten mag. »Leider gibt es wenig Willen auf Seiten der Politik und der Polizei, diese Errungenschaften, diese Visionen zu beschützen.«
Welche Visionen?
»Die Polizei zeigt sich zu wenig, Drogen werden erlaubt und zugelassen, überall hängen Landstreicher herum. Wenn man Rechtlosigkeit zulässt, führt es zu Verfall. Seit ich ein gläubiger Mensch bin, fällt mir auf, wie unser ganzes Land verfällt. Wir machen uns mehr Sorgen um die Bäume und Flüsse als um unsere Menschen. Wie kann man einen Pornoladen erlauben, wenn man sich so um Umwelt sorgt? Die Antwort ist einfach: Wir starren auf unsere Verfassung, es gibt so viele Rechte da drin, dass alles verschwimmt und keine Grenzen mehr da sind. Wenn beispielsweise Bundesstaat für Bundesstaat die Schwulenehe zugelassen wird, ist es in zehn Jahren vielleicht legal, dass ein Vater
seine Tochter heiraten kann. Was passiert als Nächstes? Kann eine Frau ihren Deutschen Schäferhund heiraten? Vor 20 Jahren hätte der Mainstream in den USA die Schwulenehe genauso falsch und abwegig gefunden wie die Ehe einer Frau mit einem Hund. Wo führt das alles hin?«
Der Agent zuckt mit den Schultern. Baldwins Telefon klingelt.
Heather Veitch ist dran. Eine ehemalige Stripperin, die ebenfalls als Christin wiedergeboren wurde und nun Männer in Stripclubs davon überzeugen will, dass sie auf dem falschen Weg sind. Heather Veitch hat eine Website, auf der sie ihre Brüste und ihre Liebe zu Gott präsentiert, und Baldwin denkt darüber nach, für sie eine Reality-TV-Show zu organisieren. Er ruft einen Anwalt an, dann einen Manager, dann geht er aufs Klo.
Sein Agent sagt: »Das ist für einen Europäer sicher schwer zu verstehen, nicht wahr? Mit dieser Haltung müsste man ja ganz Amsterdam zumachen.« Er lacht kurz und sagt, dass er schon in 15 europäischen Ländern gelebt habe.
Schadet denn Stephen Baldwins Kampf seiner Arbeit als Schauspieler?
»Nein, nein«, sagt der Agent. Er schiebt ein paar DVDs über den Tisch, die Baldwin produziert hat. Sie heißen »Livin It« und sollen beweisen, dass es cool sein kann, Christ zu sein. Im Herbst gibt es ein Buch mit dem Titel »The Unusual Suspect«. Es beschreibt Baldwins Leben als wiedergeborener Christ.
Baldwin kommt mit einem Rollenkoffer zurück. Er sagt, dass er nun sofort los müsse. Er steht mit dem Koffer in der Tür, sein Agent sieht ihn an, und Baldwin fasst in einem stoßartigen Interview mit sich selbst seine Botschaft zusammen.
»Sollten wir im Irak sein? Ich weiß nicht. Sollten amerikanische Soldaten dort drüben sterben? Nein, natürlich nicht. Glaube ich, dass Gott uns im Irak haben will? Weiß nicht. Glaube ich, Gott hat die Kontrolle? Oh, ja. Glaube ich, dass der 11. September unsere Welt verändert hat? Ja. Glaube ich, dass ein spirituelles Element hinter diesen Veränderungen liegt? Ja. Glaube ich, dass wir uns dem Offenbarungsteil der Bibel nähern? Ja, absolut.«
Dann rollt er seinen Koffer zum Aufzug, fährt in die Tiefe und verschwindet im schwarzen Regen der Madison Avenue wie im Offenbarungsteil der Bibel.
Vielleicht war es Baldwins Blick, vielleicht seine Entschiedenheit, vielleicht aber auch einfach nur die Zeit, jedenfalls begriffen die 6000 Einwohner des Ostküstenstädtchens Nyack, dass es dort draußen an der Route 59 um weit mehr ging als um einen Pornoladen. Der 11. September und der schwarzverspiegelte Laden an der Zufahrtsstraße rückten in ihren Köpfen zusammen. In den Wohnzimmern von Nyack redete man in einem Atemzug über die Glory Holes in Sexvideokabinen und den Patriot Act. Das hing ja alles miteinander zusammen. Gott, Krieg, der moralische Verfall der Welt und die Verfassung. In Nyack formierten sich deshalb die beiden großen Lager der amerikanischen Gesellschaft, das konservativ-religiöse und das liberale Lager, es stritten also die, die Moral bedroht sehen, gegen die, die die Freiheit bedroht sehen, und sie stritten um einen kleinen Shop an einer Ausfallstraße.
Am 3. März klagte eine bis dahin noch nicht in Erscheinung getretene »Katholische Bürgergruppe« beim Obersten Gericht von New York gegen die Planungskommission von Nyack und die Betreiber des geplanten Pornoshops.
Sie verschickte eine 14-seitige Anklageschrift, die erklärt, dass der Sexshop an der Route 59 gegen die Umweltbestimmungen des Staates New York verstoße, weil nicht nur Luft, Wasser und Wälder zur Umwelt gehörten, sondern auch die geistige Gesundheit ihrer Bewohner.
Der katholischen Bürgergruppe gehörten ein pensionierter Richter namens Nick Del Pizzo, ein Karosserieschlossermeister namens Hector Luis Matteo sowie das Ehepaar
Donald und Ceil Cox an, das ein kleines Café an der Route 59 betreibt.
Del Pizzo bringt zu unserem Gespräch ein paar kopierte Unterlagen mit, die beweisen sollen, dass Sexshops perverse Triebtäter anziehen. Vor allem aber beklagt er die Tatsache, dass er bei den letzten Richterwahlen gegen einen liberalen Kandidaten verlor.
»Die Verfassung ist wichtig, aber wichtiger ist die geistige Gesundheit unserer Menschen«, sagt Del Pizzo.
Ceil Cox erzählt von einer Frau aus einem Nachbarort, die von einem Mann vergewaltigt und getötet wurde, der ihre Terrasse reparieren sollte. Diese Art von Leuten wolle sie nicht in ihrer Stadt haben, sagt sie. Und natürlich sei so ein Sexshop auch nicht gut fürs Geschäft. Ihr Mann nickt. Sie sitzen in einem winzigen Büro am Rande ihres Cafés.
Der Karrosserieschlosser Luis Matteo will eigentlich gar nichts mehr sagen, aus Angst, seine Stammkunden zu verprellen. Ich bin Christ, aber ich will keine Probleme, sagt Matteo.
Sie sind Katholiken, mehr haben sie nicht gemein. Sie sind alle nach einem Gottesdienst in der St.-Ann's-Gemeinde zusammentelefoniert worden. Der Anwalt David MacCartney hat die Klageschrift aufgesetzt. Der Rentner, die Gastwirte und der Autoschlosser haben unterschrieben. Sie wirken wie das letzte Aufgebot gegen den Teufel.
»Das sind einfache, angesehene Bürger unserer Stadt«, sagt ihr Anwalt David MacCartney leise. »Sie sorgen sich um das Wohl unserer Gemeinde. Um die geistige Gesundheit in Nyack.« MacCartney entstammt einer der ältesten Familien der Stadt.
Am 3. März ging die Klage beim Supreme Court von New York ein, am 15. März schrieb der Polizeichef Kevin Nulty einen Brief an die Planungskommission, in dem er seine Bedenken gegen den Sexshop erläutert. Solch ein Etablissement ziehe Kriminelle an. Am 17. März stellte ein Inspektor der Stadt fest, dass die Videokabinen nur 80 Zentimeter breit sind, statt der vorgeschriebenen 90. Damit seien sie nicht behindertengerecht. Auch der Raum zwischen den Gängen mit den Pornokassetten sei nicht breit genug für Rollstuhlfahrer. Und als Anfang April in der Planungskommission von Nyack über die Öffnungszeiten des Sexshops diskutiert wurde, erschien nicht nur Stephen Baldwin, sondern auch Übertragungswagen nationaler Fernsehstationen rollten in den Ort.
Der kleine Versammlungssaal des Rathauses von Nyack war brechend voll. Baldwin sprach von Gott, dem geistigen Umweltschutz und davon, dass Drogenkonsum und Kriminalität steigen, wenn Geschäfte dieser Art eröffnet würden. Ein paar Bürger meldeten sich zu Wort, die den Untergang ihrer Stadt befürchten. Am Ende meldete sich der 82-jährige Irving Feiner und erinnerte an die amerikanische Verfassung.
»Ich bin kein Freund von Sexshops«, sagt Feiner, der einen Souvenirladen in Nyack besitzt. »Aber wir können nicht einfach irgendwas verbieten, was uns nicht passt. Wenn der Laden aufmacht, gehe ich dorthin, und wenn mich jemand fotografiert, verklage ich ihn. Wir sind hier auf dünnem Eis, Freunde. Denkt an unsere Gründungsväter.«
Gott. Gründungsväter. Die Volksgesundheit.
Die fünf ehrenamtlichen Mitglieder der Planungskommission saßen mit versteinerten Gesichtern im Präsidium des Gemeindesaals wie das Weltgericht. Sie beschlossen dann aber doch nur, die Geschäftszeiten des Pornoladens zu lassen, wie sie sind.
Die Anwohner von Nyack gingen mit geröteten Gesichtern in die Nacht. Sie hatten Geschichte miterlebt.
Einen Monat später öffnete der Pornoladen. Für vier Tage. Dann erreichte die Betreiber der Beschluss des Obersten Gerichts von New York, dass die Zulassung des Geschäfts annulliert sei. Die Richterin verwies auf ein paar Formfehler, den geistigen Umweltschutz und erklärte, dass sich der Betreiber noch einmal neu bei der Planungskommission der Stadt Nyack bewerben müsse.
»Das ist ein Witz«, sagt der Anwalt der Planungskommission, Walter Sevastian. »Es gibt keine einzige Begründung. Die Richterin hat es einfach mit der Angst zu tun bekommen. Stephen Baldwin, die Presse, das Fernsehen. Die will ja wiedergewählt werden. Geistiger Umweltschutz. Das ist der größte Unsinn, den ich jemals gehört habe. Das ist unser ach so liberales Nyack. Ein Jahr lang haben wir uns mit den Plänen rumgeschlagen, und ganz am Ende taucht diese Flitzpiepe Baldwin auf, redet von Gott, und alle fallen um. Wir haben Gesetze, wir richten uns nach den Gesetzen, aber die treffen jetzt eine moralische Entscheidung.«
Sevastian hat dunkle Augen, in denen sich Spott und Müdigkeit mischen. Er sieht aus wie ein Mann, der nicht gern verliert.
»Ich weiß ja nicht, wie viel Geld die Betreiber des Pornoshops haben. Aber an deren Stelle würde ich alles zusammennehmen, mir einen guten Anwalt besorgen und den Baldwin und diese seltsame katholische Allianz verklagen. Die Pornojungs haben einen Haufen Geld investiert, sie haben all unsere Auflagen erfüllt. Und jetzt sollen sie beweisen, dass sie gut für die geistige Umwelt von Nyack sind?«
Die Betreiber klagen nicht, ihr Anwalt möchte sich nicht einmal äußern, ihr schwarzer Glaspavillon lag ab Mai in Nyack wie ein Sarg. Der Parkplatz mit den behindertengerechten Stellplätzen war leer. Aber zwei Mitarbeiter waren immer da, als würden sie damit rechnen, dass es gleich wieder losgeht. Dass die Türen endlich aufgehen. Die beiden kommen aus Sri Lanka wie die gesamte Familie Algama
und große Teile des New Yorker Sexshop-Geschäfts, sie waren als Personal für die Außenstelle in Nyack vorgesehen. Die Regale sind mit DVDs, Magazinen und Sexspielzeugen gefüllt. Links stehen die acht Videokabinen. Deutsche Videokabinen, wie Denis Perera betont, der hier Geschäftsführer werden sollte.
»Simplex Arcade«, sagt Perera. »Das ist das Beste, was es gibt.«
Er klappt die Tür einer Videokabine auf und zu und wieder auf.
»Wir haben die alle umbauen lassen, weil sie behindertengerecht sein sollten. Das war gar nicht verlangt, aber wir haben es gemacht, weil wir dachten, das ist die nächste Forderung der Planungskommission. Auch die Gänge zwischen den Regalen sind jetzt so breit, dass ein Rollstuhl hindurchpasst«, sagt er. Er führt durch seinen Pornoladen, als wäre es ein Seniorenheim.
»Wir wollten ja hier kein illegales Geschäft aufmachen. Wir verkaufen eine Ware. Wir bewegen uns auf dem Boden der amerikanischen Verfassung. Dies ist immer noch ein freies Land«, sagt Perera. Es klingt seltsam zwischen all den Dildos und den aufblasbaren Bumspuppen.
Auch der Bürgermeister von Nyack muss über große Dinge sprechen, wenn er zu erklären versucht, was im Moment in seinem Ort passiert; von Polygamisten in Utah redet er und von einer genehmigten Neonazi-Demonstration, die in den sechziger Jahren in Illinois stattfand. John Shields hat im vorigen Jahr den Staat New York verklagt, weil der geschlossene Ehen zwischen Homosexuellen annullierte. Auf der letzten Christopher-Street-Day-Parade in New York City marschierte er in der ersten Reihe mit Michael Bloomberg und Hillary Clinton.
»Ich finde, das ist ein sehr interessanter Streit«, sagt Shields. »Dieser Sexshop ist mir ziemlich gleichgültig. Aber wir haben ein Recht hier in Nyack, das einen Sexshop an dieser Stelle der Stadt erlaubt. Die Planungskommission hat sich danach gerichtet. Im Moment sind in diesem Land so viele bürgerliche Freiheiten bedroht. Da muss man aufpassen, auch bei den kleinen Sachen.«
John Shields ist seit zehn Jahren Bürgermeister der kleinen Stadt. Er ist ein pensionierter Geschichtslehrer. Er schwankt zwischen den großen und den kleinen Problemen. Das ist sein Job.
»Vielleicht hätten sie den Laden nicht so prominent hinstellen sollen«, sagt er. »Zwei Meilen die Straße runter gibt es ja auch einen Sexshop, das Romantic Depot, an dem sich niemand stört. Der Laden schaut einem nicht so ins Gesicht wie unsrer hier.«
Aber auch die Betreiber des Romantic Depot sind sich wohl nicht mehr ganz so sicher, wie sie sich verhalten sollen. Sie wollen sich zum Schicksal ihrer Kollegen in Nyack lieber nicht äußern, sagen sie. Über ihrer Tür hängt ein großes Transparent, auf dem steht: »Wir unterstützen unsere Truppen und ihre Familien«. Für Feuerwehrleute, Polizisten und Soldaten gibt es im Romantic Depot Discountpreise.
Anfang Juli, zu Ferienbeginn, scheint jedes Leben aus der schwarzen Glasbox in Nyack gewichen zu sein. Geschäftsführer Denis Perera und sein Kollege kommen jetzt nicht mehr, oder sie machen die Tür nicht mehr auf.
Stephen Baldwin hat inzwischen einen Film abgedreht. Er war in Kalifornien, um für sein neues christliches Skateboard-Movie zu werben.
Von der Veranda seines weißen Holzhauses kann man auf den Hudson schauen. Aber es gibt keine Bibelsprüche mehr am Zaun. Baldwin möchte das Haus verkaufen und aus Nyack wegziehen. Er will ein größeres Stück Land haben. Er denkt daran, eine Farm aufzubauen und die Erlöse der Landwirtschaft in kirchliche Projekte fließen zu lassen. So wie Paul Newmans Saucen, sagt er, nur für einen anderen Zweck. Vielleicht in Connecticut.
Es gibt noch so viel zu tun.
Stephen Baldwin hat am 11. September gespürt, dass sich die Welt auf den Untergang zubewegt. Er war zwar in Los Angeles, als es passierte, aber er hat auch in den Fernsehbildern das Unvorstellbare gesehen. Alles war jetzt möglich. Er ist auf die Knie gefallen und hat lange gebetet, die Bibel studiert und irgendwann begriffen, dass er etwas tun muss, jetzt, wo sich die Welt dem Offenbarungsteil der Bibel nähert. So wie George W. Bush begriffen hat, dass man etwas tun muss. Dieser Präsident ist jemand, dem er vertraut, sagt er.
Sie trinken nicht, sie rauchen nicht, sie beten. Sie sind dort draußen, um die Welt zu retten. Das konnten die Planungskommission von Nyack und ihr Anwalt Walter Sevastian natürlich nicht ahnen.
In den fünf Tagen, in denen der Pornoladen geöffnet war, ist Stephen Baldwin manchmal mit seiner Kamera zum Parkplatz gefahren, um Kunden zu fotografieren. Aber er hat nie jemanden gesehen. Es hat funktioniert.
Hat er eigentlich jemals einen Anwalt gefragt, ob es legal ist, Leute vor Sexshops zu fotografieren und die Bilder zu veröffentlichen?
»Nein. Ich habe gezockt«, sagt Baldwin und grinst. »Aber in der amerikanischen Geschichte sind öfter schon große Dinge passiert, indem man den Würfel rollte.«
In der vorigen Woche hat die Familie Algama einen kleinen Anschlag an den schwarzen Glaskasten geheftet. Sie zieht sich aus Nyack zurück.