Lob der Lüge
Walter, 51, lehrt Politologie in Göttingen.
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Natürlich, es war absehbar. Dem Ersten, der sich im Stellungskrieg der schwierigen Koalitionsbildung bewegt, würde man das Stigma des »Umfallers«, des »Wortbrüchigen« anheften. Es gibt in Deutschland ein tiefes Bedürfnis nach »Wahrheit«, »Ehrlichkeit«, »reiner Gesinnung«, nach der lutherischen Unbeugsamkeitspose.
Wahrscheinlich - aber selbst das ist nicht sicher - brauchen Religionsgemeinschaften ein solches reines Ethos. Einem fröhlich lügenden Seelsorger mag man sich in Stunden der Not nicht unbedingt anvertrauen wollen. Aber nochmals: Nicht einmal das ist sicher. Die ganze Zivilisation ist abhängig davon, dass sich Menschen nicht jederzeit schonungslos die Wahrheit sagen, dass sie nicht mit trompetenhafter Ehrlichkeit kundtun, was sie vom anderen halten. Der tyrannische Drang zur kompromisslosen Offenheit würde zu Zerwürfnissen führen, sich zu einer ungeheuren Aggressivität aufladen. Dezenter Euphemismus und taktvolle Schmeicheleien sind Grundvoraussetzungen eines halbwegs auskömmlichen Umgangs miteinander.
Das gilt für die menschliche Gesellschaft allgemein, und umso mehr für die Politik. Denn in der Politik geht es um Macht, nicht um Sinnstiftung, nicht um Identitätswahrung, nicht einmal um Glaubwürdigkeit. Ein Politiker, der ein »grundehrlicher Kerl« sein möchte, wäre eine katastrophale Fehlbesetzung. Und irgendwann würden ihn die Bürger mit Spott und Häme verjagen. Denn regierende Eliten müssen dazu fähig sein, Verbindlichkeit zu erzwingen. Sie haben den Zugriff auf das Gewaltmonopol. Man erwartet von ihnen den Schutz der elementaren Lebensinteressen und Güter - gegen mögliche Usurpatoren im Inneren und Äußeren, von denen nicht zu erwarten ist, dass sie ihre niederträchtigen Absichten offenherzig preisgeben oder durch Ehrlichkeitsdemonstrationen bekehrt werden.
Insofern müssen Politiker kaltschnäuzig, unsentimental, knochenhart, listig sein. Sie müssen als kühl kalkulierende Strategen überzeugen. Aber ein Stratege darf um Himmels willen nicht auf dem offenen Markt Wahrheiten ausplaudern. Ein Stratege hat die nächsten Züge nicht anzukündigen, gar zur Abstimmung zu stellen. Ein Stratege operiert geheim; er täuscht, legt falsche Spuren, hebt Fallgruben aus, lauert hinter Hecken. Ein Stratege und großer Politiker muss - ja, er muss - zuweilen Potemkinsche Dörfer errichten, ohne Skrupel von links nach rechts und zurück rochieren, mindestens den Gegner durch falsche Ankündigungen in die Irre führen. Man muss nur aufpassen, dass dies alles zugleich als »glaubwürdig« erscheint.
Jedenfalls: Irreführung, Maskerade, das glanzvolle Theater verlangen weit mehr Geschick, Raffinesse, Phantasie als die komplexitätsscheue Wahrheitsliebe und die orthodoxe Werktreue. Kreativität und Prinzipienverbundenheit schließen einander aus. Mit den Worten des unbestechlichen Analytikers menschlichen Selbstbetrugs, Friedrich Nietzsche: »Der Wille zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung, zum Werden und Wechseln ist tiefer, 'metaphysischer' als der Wille zur Wahrheit, zur Wirklichkeit, zum Sein: Die Lust ist ursprünglicher als der Schmerz.«
Nehmen wir Konrad Adenauer, Charles de Gaulle oder Otto von Bismarck - sie alle waren große Lügner vor dem Herrn. Und man feiert sie bis heute nicht ohne Grund als große europäische Staatsmänner. Hannah Arendt, die brillante Analytikerin totaler Herrschaft, ordnete daher auch die gezielte Täuschung dem »Handwerk nicht nur der Demagogen, sondern auch des Politikers und sogar des Staatsmannes« zu. »Niemand«, so Hannah Arendt weiter, »hat je die Wahrhaftigkeit zu den politischen Tugenden gerechnet.« Bismarcks Staatskunst etwa bestand gerade darin, mit mehreren Bällen zu jonglieren, zu tricksen, den einen gegen den anderen auszuspielen. Natürlich: Man muss dieses Spiel beherrschen, braucht Virtuosität und eine wirkliche Idee, die all die finessenreichen Manöver legitimiert.
Auch Willy Brandt steht in dieser Tradition. Er bezeichnete einmal die kalte »Überrumpelung« als die »erfolgreichste Methode in der Politik überhaupt«. Und eben so bereitete er im September 1969 der jahrzehntelangen christdemokratischen Regierungsführung ein abruptes Ende. CDU-Kanzler Kurt Georg Kiesinger ließ sich am Abend der Bundestagswahlen schon als Sieger feiern. Auch die Sozialdemokraten Helmut Schmidt und Herbert Wehner dachten an die Fortsetzung der Großen Koalition unter CDU-Kanzlerschaft.
Sie alle wurden von Brandt überrumpelt. Er riskierte überfallartig das Bündnis mit der FDP. Die Mehrheitsverhältnisse waren knapp, die Allianz labil, da ein Großteil der Altliberalen völlig unberechenbar war.
Doch eine neue Ära begann.