Serie Süchtig nach Wachstum
Im Sommer 1948, als die D-Mark noch druckfrisch war und die Staatsgründung nicht mehr fern, wollte Ludwig Erhard wissen, was die Westdeutschen denn nun von dem Neustart hielten. Der Ökonom, damals Wirtschaftsdirektor der Bizone, beauftragte das gerade gegründete Allensbacher Institut für Demoskopie mit einer Umfrage. Das Ergebnis war erschütternd.
Die Bürger misstrauten dem neuen Geld. Viele fürchteten, die D-Mark könnte zur Weichwährung werden; zu frisch war noch die Erinnerung an die Hyperinflation von 1923. Überhaupt betrachteten sie eine Wirtschaftsordnung, so frei und unreguliert, wie sie dem Professor vorschwebte, mit Skepsis. Ludwig Erhard, der legendäre Vater des Wirtschaftswunders - damals war kaum ein Politiker unpopulärer als er.
Die Menschen lehnten die Marktwirtschaft ab, auch eine, die sich »sozial« nannte. Selbst bürgerliche Kreise zweifelten grundsätzlich am Kapitalismus und seiner Fähigkeit, das Land in eine bessere, friedliche Zukunft zu führen. Aber wie sollte stattdessen die neue deutsche Wirtschaft verfasst sein?
Die Bürger hatten eine klare Vorstellung. In Hessen votierten 71,9 Prozent der Wähler Ende 1946 dafür, Artikel 41 in die Landesverfassung aufzunehmen; er sah vor, Schlüsselindustrien wie Bergbau oder Stahlerzeugung in Gemeineigentum zu überführen. Noch im Frühjahr 1949 sprach sich ein großer Teil der Deutschen dafür aus, dass der Staat Lebensmittel zuteilt und Preise festsetzt. Die Sehnsucht war groß nach der lenkenden Hand des Staates.
Und die Parteien spiegelten diese Gemütslage. Die soziale Marktwirtschaft sei nichts als eine »Lügenparole«, ätzte SPD-Chef Kurt Schumacher, »ein dicker Propaganda-Ballon des Unternehmertums«, gefüllt mit den »Abgasen des verwesenden Liberalismus«. Niemals dürfe Deutschland kapitalistisch, »sondern nur sozialistisch wieder neu erbaut werden«, rief er den Genossen im Mai 1946 zu. »Oder wir werden aufhören, ein deutsches Volk zu sein.«
An den Christdemokraten sollte es nicht scheitern. »Das kapitalistische Wirtschaftssystem ist den staatlichen und sozialen Lebensinteressen des deutschen Volkes nicht gerecht geworden«, lautete der berühmte erste Satz des Ahlener Programms, im Februar 1947 von der CDU in Nordrhein-Westfalen beschlossen. Karl Marx hätte ihn nicht prägnanter formulieren können.
Nie war die Planwirtschaft in Deutschland so populär wie nach dem Krieg - und doch erwies sich schon bald der Markt als stärker. Er entfaltete in den Anfangstagen der Republik seine ganz eigene Überzeugungskraft. Die Waschmaschine, die Einbauküche, der Kabinenroller: Je stärker der Wohlstand wuchs und die Aussicht, ihn zu mehren, umso schneller verblasste die sozialistische Alternative, wie sie im Osten verwirklicht wurde. Genau darauf hatte Erhard gesetzt.
Die Bürger würden schon noch »die Vorzüge einer freien Wirtschaft« erkennen, da war er sich sicher. Dass sich der Mann mit der dicken Zigarre damit durchsetzen konnte, ist vielleicht das größte Wirtschaftswunder. Ganz und gar verinnerlicht haben die Deutschen Erhards liberale Überzeugung allerdings nie.
Immer wenn die Konjunktur schwächelte, war die Marktskepsis wieder da, und sogleich ertönte der Ruf nach dem Staat. So geschah es, als die Republik 1967 ihre erste Rezession erlebte, als die Ölpreisschocks 1973 und 1979 die Volkswirtschaft erschütterten, als der Einheitsboom 1993 verebbte, als die Börsenblase 2000 platzte.
Und auch heute, in der Weltwirtschaftskrise, der tiefsten Rezession seit dem Krieg, setzen die Bürger alle Hoffnung auf die Zentralgewalt: Vater Staat soll's richten. Das Vertrauen in ihn ist schier unerschütterlich, tiefverwurzelt die Sympathie für eine gesteuerte Wirtschaft.
Seit 60 Jahren bewegt sich die deutsche Volkswirtschaft im Spannungsfeld zwischen Marktradikalität und Staatseinfluss, zwischen Freiheit und Fürsorge. Im Laufe der Jahre sind die Regierungen freilich mehr und mehr von Erhards Prinzipien abgerückt. Immer wieder hat der Staat massiv ins Wirtschaftsgeschehen eingegriffen; im Aufschwung hielt er sich zurück, im Abschwung intervenierte er umso stärker: mit Gesetzen und Verordnungen, mit Bürgschaften und Subventionen oder, wie zuletzt, mit Rettungsschirmen für ganze Branchen.
Das Phänomen hat der Berliner Volkswirt Adolph Wagner bereits 1863 beobachtet und daraus das »Gesetz der wachsenden Staatstätigkeit« formuliert. Demnach neigen Gemeinwesen im Übergang vom Ordnungs- zum Wohlfahrtsstaat dazu, sich immer neue Aufgaben zu suchen. Erhard sah diese Tendenz mit Sorge.
Der Ökonom hielt es für anmaßend, wenn der Staat glaube, er wisse am besten mit Geld umzugehen und Krisen zu meistern. Bloß: Wer sonst soll das System stabilisieren, wenn es in eine Schieflage gerät?
Vor 60 Jahren stellte sich eine solche Frage nicht, damals war der Staat noch vollauf damit beschäftigt, sich neu zu organisieren - die Wirtschaft, das Geschäft aufzubauen. »Wir wollten vorwärts«, sagt der Bietigheimer Hemdenfabrikant Eberhard Bezner. So schlicht lässt er sich beschreiben, der Zauber der ersten Jahre. Bezner, 73, steht in seinem Büro am Rande der Kleinstadt nahe Stuttgart, an der Wand hängen Bilder von ihm mit Franz Josef Strauß und mit Papst Benedikt. Der Schwabe schaut hinaus auf die Felder, er erinnert sich.
Daran wie er als Junge mit dem Fernglas das Anrücken der US-Truppen beobachtete. Wie sein Vater in der heimischen Waschküche die ersten Hemden produzierte und sich seine Erfindung, den Dickstoffkragen, patentieren ließ. Und wie sie sich Fallschirmseide organisierten: Morgens um fünf ging es mit dem Pferdefuhrwerk los, 50 Kilometer zuckelten sie über die Autobahn bis nach Wendlingen zu einer Fabrik, die in Kriegszeiten die Wehrmacht ausgestattet hatte. Im Gepäck ein Korb Äpfel, um die Kontrollposten wohlzustimmen. Abends um zehn waren sie zurück: »Das genügte dann für ein paar hundert Hemden«, erzählt der Unternehmer.
Die Bezners lieferten, was die Deutschen dringend brauchten. »Olympia« sollte das Unternehmen zunächst heißen, aber dagegen hatte das Nationale Olympische Komitee etwas. Also nannten sie es »Olymp«. Heute gehört die Firma neben Eterna und Seidensticker zu den drei großen Herstellern in Deutschland, täglich werden 17 000 Hemden mit dem »O« auf der Brust produziert und in aller Welt verkauft: ein Global Player der Bekleidungsindustrie. Und eine typische Geschichte des Wirtschaftswunders.
Viele Unternehmer starteten in jenen Tagen unter ähnlich abenteuerlichen Umständen ihre Karriere. Kurt Körber besaß nur eine Aktentasche mit Zeichnungen, als er 1946 in Hamburg die Hauni Maschinenfabrik gründete. Und Heinz-Horst Deichmann fertigte anfangs Sandalen mit Sohlen aus Pappelholz aus dem Garten eines Freundes, heute ist er Europas größter Schuheinzelhändler.
Solche Gründer nutzten die historische Chance, die nur Umbruchzeiten bieten. Allen Akteuren bot sich ein weites Feld, das sie frei bespielen konnten. Keine Flächennutzungspläne, Umweltverträglichkeitsprüfungen oder Statistikpflichten hielten sie auf. Erlaubt war, was funktionierte. Und die Politik gewährte den Unternehmen diesen Freiraum.
Schon in den dreißiger Jahren hatten Wissenschaftler an Konzepten für eine künftige Wirtschaftsordnung getüftelt. Eine »sozial gesteuerte Marktwirtschaft« schwebte dem münsterschen Professor Alfred Müller-Armack vor, ein dritter Weg zwischen Marktwirtschaft pur und Lenkungswirtschaft. Was genau man sich darunter vorzustellen hatte, ließ er im Ungefähren. Erst sein Kollege Erhard füllte den Begriff mit Leben.
Ein durchaus starker Staat, so dessen Vorstellung, sollte zwar einen Rahmen vorgeben, darin aber müsste der freie Markt sich selbst überlassen bleiben. »Der Markt ist der einzige demokratische Richter, den es überhaupt in der modernen Wirtschaft gibt«, mahnte Erhard. Soziale Ziele ließen sich seiner Ansicht nach am besten durch liberale Methoden erreichen. Kein Wunder, dass das »Wall Street Journal« ihn seinerzeit als »Deutschlands entschiedensten Vertreter der Laisser-faire-Wirtschaft« charakterisierte.
Alles begann mit der Währungsreform. Als am 20. Juni 1948 die D-Mark die Reichsmark ersetzte, löste die Freigabe der Preise den kräftigsten und längsten Aufschwung aus, den Deutschland je erlebt hat. Plötzlich waren nicht nur die Regale in den Läden gefüllt und der Schwarzmarkt verschwunden, auf einmal mobilisierten auch bislang kränkelnde Belegschaften ungeahnte Energien, wunderte sich Erhards Stellvertreter Edmund Kaufmann: »Es ist zwecklos, sich darüber sittlich zu entrüsten.«
Der ökonomische Erfolg erleichterte es den Bürgern, sich mit der jungen Bundesrepublik zu identifizieren. Die Menschen flüchteten sich in den Aufbau des Landes, viele verdrängten so auch ihre braune Vergangenheit. Der Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler diagnostiziert einen »tiefverankerten Wachstumsfetischismus«, der bis heute anhalte. Die Westdeutschen wurden geradezu süchtig nach Wachstum, Wohlstand und Massenkonsum.
Von 1950 bis 1973 stieg das monatliche Volkseinkommen von 850 Mark pro Kopf auf 2300 Mark, die Wirtschaft wuchs Jahr für Jahr um sechs Prozent, der Anteil, den die Bundesrepublik am Weltexport hielt, hatte sich auf fast zwölf Prozent mehr als verdreifacht. Es war »das goldene Zeitalter«, wie der britische Historiker Eric Hobsbawn bemerkte, und das traf nicht nur auf Westdeutschland zu, sondern auf die gesamte westliche Welt: In Frankreich werden die 30 Jahre von 1945 bis 1975 »Les Trente Glorieuses« genannt, in England sprach man von der »Society of Success«.
Die Menschen genossen ein fast vergessenes Lebensgefühl, sie konnten sich wieder etwas leisten. 1950 mussten die deutschen Durchschnittshaushalte noch die Hälfte ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, bis 1973 war der Anteil auf weniger als ein Drittel geschrumpft. Sie kauften weniger Kartoffeln, dafür aßen sie fast doppelt so viel Fleisch.
Ganz von allein kam der fulminante Aufschwung natürlich nicht in Gang. Zum einen trug der Marshallplan zum Erfolg bei. Allerdings war weniger das Geld entscheidend, sondern die Psychologie. Er machte aus Besatzern Partner und Vorbilder, gerade in ökonomischer Hinsicht, und er öffnete den Weg zu Deutschlands größtem Markt: Europa.
Zum anderen profitierte Westdeutschland von dem gewaltigen Zustrom an Vertriebenen. Fast zehn Millionen Menschen aus den früheren Ostgebieten fanden Aufnahme im Land, bis 1961 folgten weitere 3,5 Millionen Flüchtlinge aus der DDR. Überwiegend waren die Emigranten leistungswillig und aufstiegshungrig.
Und schließlich verhalf auch die Weltpolitik den Deutschen zu alter Stärke. Der Korea-Krieg ließ ab 1950 global die Nachfrage ansteigen, die deutsche Wirtschaft besaß freie Kapazitäten und belieferte die Kunden rund um den Erdball: mit Maschinen, Anlagen und Fahrzeugen, die sich auch dank einer notorisch unterbewerteten D-Mark im globalen Wettbewerb durchsetzen konnten. Die Exportquote, also der Anteil der Ausfuhren am Sozialprodukt, kletterte von 0,9 Prozent 1950 innerhalb von nur zehn Jahren auf 19 Prozent.
Gegen Ende der fünfziger Jahre zeigte das Land ein verändertes Gesicht. Niemand hätte es für möglich gehalten, dass der Aufstieg aus den Trümmern so rasch und reibungslos gelingen könnte.
Und niemand hätte wohl geglaubt, dass der endgültige Übergang von der Agrar- zur Industrie- und Dienstleistungsgesellschaft ohne größere Widerstände vonstattengehen konnte. Immerhin gaben zwischen 1949 und 1973 rund 3,5 Millionen Bauern die Bewirtschaftung der Höfe auf und brachen damit eine oft jahrhundertelange Familientradition.
Das Land hatte in wenigen Jahren Unvorstellbares erreicht, die Bürger gewöhnten sich an den wachsenden Wohlstand. Es gab etwas zu verteilen. Und schon erlebte der Staat sein erstes Comeback.
Die Rentenreform von 1957 ist das früheste Zeichen für diesen Umschwung. Die laufenden Altersbezüge wurden um mehr als 60 Prozent erhöht, die Höhe koppelte die Regierung Konrad Adenauers an die Einkommenszuwächse. Wirtschaftsminister Erhard war alles andere als begeistert.
Das zwölfte Kapitel seines im selben Jahr erschienenen Bestsellers »Wohlstand für alle« trägt bezeichnenderweise den Titel »Versorgungsstaat, der moderne Wahn«. Darin warnt er vor der »wachsenden Sozialisierung der Einkommensverwendung« und der »zunehmenden Abhängigkeit vom Kollektiv oder vom Staat«, die zur »Lähmung des wirtschaftlichen Fortschritts in Freiheit« führe. Dabei war die Rentenreform erst der Anfang. Damals lag der Anteil der Sozialleistungen am Inlandsprodukt unter einem Fünftel - bis 1975 sollte die Quote auf ein Drittel hochschnellen.
All das schien finanzierbar, weil die Wirtschaft florierte, der Export stetig wuchs und die Beschäftigungslage entspannt war. Es gab zeitweise mehr offene Stellen als Arbeitslose. Immer mehr Kräfte wurden im Ausland geworben, die Erfahrungen waren überwiegend positiv, wie die Bundesanstalt für Arbeit vermerkte: »Die Italiener eigneten sich besonders gut für Hackfruchtarbeiten und für den Gemüsebau.« Das Landesarbeitsamt Niedersachsen bestätigte, dass »entgegen der ursprünglichen Bedenken« auch die Süditaliener »gut eingeschlagen« seien.
Spätestens aber mit der Rezession 1967 änderte sich das ökonomische Klima im Land. Erstmals seit dem Krieg schrumpfte die deutsche Volkswirtschaft, wenn auch nur kurz und in geringem Umfang. Das Phänomen konjunktureller Zyklen, schon überwunden geglaubt, war zurückgekehrt.
Die damals regierende Große Koalition unter Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger (CDU) reagierte darauf, indem sie weiter von Erhards Prinzipien abrückte und auf eine Strategie umschwenkte, die der britische Ökonom John Maynard Keynes eine Generation vorher als Antwort auf die Große Depression entwickelt hatte. Nun sollte sie auch in der kleinen Rezession helfen.
»Globalsteuerung« hieß ein Zauberwort. Mit ihrer Hilfe wollte man die Konjunktur auf Trab bringen, und mit der »Konzertierten Aktion": Wirtschaftsminister Karl Schiller (SPD) hatte Arbeitgeber und Gewerkschafter an einem Tisch versammelt, gemeinsam sollten sie auf Basis wissenschaftlicher Prognosen die Wirtschaft lenken. Ein »magisches Viereck« wurde definiert aus den Zielen Preisstabilität, Wirtschaftswachstum, Vollbeschäftigung und außenwirtschaftliches Gleichgewicht - und alle wollte man zugleich erreichen. Eine eigene Magie freilich konnte das Viereck nie entfalten, die Globalsteuerung scheiterte grandios.
Die Konjunktur kam viel schneller wieder in Fahrt, als die Ökonomen berechnet hatten. Die zwei Hilfspakete der Regierung entfalteten ihre Wirkung erst, als die Krise schon vorbei war. Schlimmer noch: Sie trugen dazu bei, dass die Wirtschaft überhitzte.
Das ist die Crux solcher Programme. Sie beruhen auf Prognosen, die sich schnell als überholt herausstellen; die punktgenaue Steuerung der Wirtschaft bleibt Illusion. Als dann die sozial-liberale Koalition unter Willy Brandt, die inzwischen in Bonn regierte, die Dynamik der Wirtschaft wieder dämpfen wollte, tat sie dies ebenfalls zur Unzeit, wie sich später herausstellte: mitten in den Ölpreisschock 1973/74 hinein. »Das konjunkturpolitische Handeln verstärkte das ökonomische Desaster«, meint der Frankfurter Historiker Werner Plumpe.
Dennoch mochte keine Regierung mehr auf das Schnüren von Konjunkturpaketen verzichten. Schließlich erweckt es den Anschein von Handlungsfähigkeit. »Mit marktwirtschaftlichen Mitteln allein ist das nicht mehr zu schaffen«, rechtfertigte Finanzminister Helmut Schmidt Ende 1973 die Versorgung der Wirtschaft mit öffentlichen Aufträgen. Das Problem: Das Staatsgeld floss noch weiter, als die Krise längst nicht mehr akut war.
Die Zeit des Wirtschaftswunders, so wurde nun deutlich, war die Ausnahme und nicht der Normalzustand. Aber man wollte das Wunder am Leben erhalten, nun eben mit staatlicher Hilfe.
Gemeinden bauten sich Schwimmbäder, Kläranlagen und Dorfgemeinschaftshäuser, größere Städte leisteten sich Umgehungsstraßen oder sogar einen Autobahnring. Der Staat wurde zum »Generalagenten der Lebenszufriedenheit« seiner Bürger, wie es der SPD-Analytiker Peter Glotz einmal formulierte, »mit nahezu allumfassender Zuständigkeit«. Und das hatte seinen Preis: Insgesamt wuchs der Anteil der Staats- und Sozialversicherungsausgaben am Inlandsprodukt auf annähernd 50 Prozent. Die SPD wollte laut Parteitagsbeschluss von 1971 den Spitzensteuersatz auf bis zu 60 Prozent hochtreiben, worauf Minister Schiller die Parteifreunde entsetzt anfuhr: »Genossen, lasst die Tassen im Schrank!«
Über Jahre kämpfte der Standort mit einem wachsenden Haushaltsdefizit, einer verhängnisvollen Kombination aus Stagnation und Inflation sowie einer sprunghaft steigenden Zahl von Arbeitslosen, 1975 überschritt sie erstmals wieder die Marke von einer Million.
Kanzler Schmidt wollte lieber fünf Prozent Inflation als eine Arbeitslosenrate von fünf Prozent, am Ende bekam er beides. Die Bürger verwendeten das öffentliche Geld nicht für den Konsum, sie sparten lieber. Und die Unternehmen bedienten sich gern aus den Fördertöpfen, investiert hätten sie freilich ohnehin. Nur eines konnte die Volkswirtschaft Mitte der siebziger Jahre beleben: die Nachfrage aus dem Ausland. Und darauf hatte die Regierung beim besten Willen keinen Einfluss.
Der Spielraum des Staates engte sich zusehends ein, die Politik reagierte, indem sie einfach mehr Geld aufnahm. Als 1979 die zweite Ölpreiskrise die deutsche Wirtschaft erschütterte, waren die Kassen leer, die Verschuldung sprengte alle Grenzen. Erst da begann die Regierung gegenzusteuern. Das soziale Netz müsse von »überflüssigem und von zu teurem Rankenwerk« befreit werden, bemerkte Schmidt, aber es war zu spät. Die sozial-liberale Koalition zerbrach 1982 vor allem an der Unfähigkeit, die Schuldenlast abzubauen.
Solche Krisenzeiten sind immer auch Zeiten beschleunigten Strukturwandels. Zechen wurden stillgelegt, die Stahlbranche und der Schiffbau durchlitten existentielle Krisen. Das Ruhrgebiet verlor seine einst so überragende Bedeutung, dafür stiegen Bundesländer wie Bayern, Hessen und Baden-Württemberg in die erste Wirtschaftsliga auf. Roboter und Mikroelektronik automatisierten die Produktionsabläufe in den Betrieben, einfache Tätigkeiten fielen weg oder wurden ins Ausland verlagert.
Vor allem die Textilindustrie schrumpfte bis zur Unkenntlichkeit, von 1970 bis 1980 hat sich die Zahl der Betriebe fast halbiert, die Zahl der Beschäftigten sank von mehr als 500 000 auf rund 300 000. Spinner, Schneider und Kleidermacher waren nicht mehr konkurrenzfähig gegenüber den Billigkräften in Asien.
Auch Olymp-Chef Bezner gab die Produktion in Deutschland auf und suchte sich neue Fertigungsstätten, überall dort, wo die Bedingungen am günstigsten waren. Hinter seinem Schreibtisch in Bietigheim hängt eine Weltkarte, übersät mit Fähnchen. Sie bezeichnen die Orte, die er schon besucht hat. Erst ließ Bezner in Hongkong produzieren, bis es dort zu teuer wurde, dann in Taiwan und auf den Philippinen, es folgten Indonesien und China, zuletzt ist Vietnam dazugekommen. Und in der Schublade, sagt er, liege Kambodscha.
Genau 87 Arbeitsschritte umfasse die Herstellung eines Hemdes, erklärt der Seniorchef, das meiste davon sei Handarbeit. In Deutschland kostet die Arbeitsstunde rund 27 Euro, in Vietnam weniger als einen Euro. »Wenn wir damals nicht gegangen wären, gäbe es uns heute nicht mehr«, sagt Bezner.
Die Textilindustrie war der Vorreiter. Die Autobranche, der Maschinenbau, die Chemieindustrie, große Teile der Wertschöpfung verlagerten die Unternehmen ins Ausland, die Arbeitsteilung sortierte sich neu. Der Wettbewerb nahm eine wahrhaft globale Dimension an, das Marktprinzip gewann an Einfluss.
In Großbritannien privatisierte die Regierung Margaret Thatchers (1979 bis 1990) einen Großteil der öffentlichen Betriebe und schränkte die Sozialleistungen ein. In den USA senkte Ronald Reagan (1981 bis 1989) die Steuern insbesondere für Unternehmen erheblich. Auch der neue deutsche Bundeskanzler Helmut Kohl versprach einen Neuanfang.
»Eine Wirtschaftsordnung ist umso erfolgreicher, je mehr sich der Staat zurückhält und dem Einzelnen seine Freiheit lässt«, sagte der Pfälzer in seiner Regierungserklärung am 4. Mai 1983 und kündigte an: »Wir führen den Staat auf den Kern seiner Aufgaben zurück.« Tatsächlich aber war das, was Kohl als »Wende« deklarierte, bestenfalls eine Kurskorrektur.
Es wurde ein wenig liberalisiert und dereguliert, insbesondere im Post- und Telekommunikationssektor, doch der Prozess verlief schleppend. Vor allem aber bekam die Regierung die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff; sie begnügte sich damit, einen öffentlichen, zweiten Arbeitsmarkt einzurichten. Und beim Management der deutschen Einheit vertraute Kohl wieder ganz der Gestaltungskraft des Staates, um jeden Preis.
Bis heute belaufen sich die Kosten der Vereinigung auf schätzungsweise 1,8 Billionen Euro, bezahlt vornehmlich von Steuerzahlern und Sozialversicherten aus den alten Bundesländern. Nur ein Bruchteil der Summe wurde für Investitionen verwendet, das meiste floss in den Konsum: Autos, Telefone, Fernseher. Zeitweise lebte jeder zweite Ostdeutsche überwiegend von Sozialtransfers.
Dank der Staatshilfe näherten sich die neuen Bundesländer schnell dem westdeutschen Lebensniveau an; dabei war die Ost-Wirtschaft höchstens ein Drittel so produktiv. Der Maschinenpark war veraltet, die Infrastruktur marode.
Die Industrie brach zusammen, die Arbeitslosenrate schoss in die Höhe. Der Staat entdeckte die Grenzen seiner ökonomischen Handlungsmacht, wieder einmal.
Das Paradoxe daran: Während die Bundesregierung auf den Mauerfall keynesianisch reagierte und den Osten mit Geld flutete, verlieh das Ende des Kommunismus überall sonst auf der Welt dem Marktprinzip enorme Schubkraft. Nun war die Alternative zum Kapitalismus weggefallen, Russen und Chinesen, Balten und Inder - Hunderte Millionen Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft traten ein in den globalen Wettbewerb. Beschleunigt wurde die Entwicklung durch die Revolution der Informationstechnologie, die jedem Menschen auf der Welt, zumindest theoretisch, die Chance eröffnete, am Wohlstand teilzuhaben.
Die deutsche Volkswirtschaft profitierte dank ihrer Exportstärke besonders davon. Nicht nur großen Konzernen eröffneten sich neue Absatzmärkte, auch Mittelständler konnten sich vor Aufträgen kaum retten. Olymp zum Beispiel macht inzwischen ein Drittel seines Geschäfts mit Kunden im Ausland.
In 41 Länder der Welt vertreibt der Textilhersteller seine Artikel, in Russland etwa, Dubai oder China. Dort ist die kaufkräftige Mittelschicht sogar bereit, 90 Euro für ein Hemd auszugeben, das im deutschen Einzelhandel für 50 Euro zu haben ist - und wahrscheinlich sogar in Fernost gefertigt wurde. So groß ist die Faszination deutscher Marken.
Einst beschäftigte Olymp in Deutschland 800 Mitarbeiter, inzwischen sind es nur noch 370, ihnen bleiben Aufgaben im Design, Marketing oder Vertrieb. Genäht und gebügelt wird von inzwischen rund 3000 Beschäftigten bei ausländischen Subunternehmern. »Sie erhalten die Arbeitsplätze hier«, erklärt Bezner die Mischkalkulation.
Das ist die ungemütliche Seite der Globalisierung. Der weltweite Wettbewerb hat den Druck auf jeden Mitarbeiter erhöht, auch auf die Führungsebene. Sie müssen kurzfristiger denken und kurzatmiger entscheiden. Und sie müssen höheren Renditeerwartungen entsprechen, gegenüber Banken und Investoren. Das gilt vor allem für Aktiengesellschaften. Ihr Wert bemisst sich beinahe nur noch am Börsenkurs.
Dieser Aktionärskapitalismus erlebte seinen Höhepunkt um die Jahrtausendwende. Fusionsfieber und Internet-Euphorie verwandelten selbst die sonst so marktskeptischen Deutschen kurzzeitig in ein Volk von Spekulanten. »Die Telekom geht jetzt an die Börse, da geh ich mit«, warb der Schauspieler Manfred Krug 1996 für den Kauf von T-Aktien, fast zwei Millionen Deutsche schlugen zu, für 28,50 Mark pro Wertpapier. Innerhalb von drei Jahren kletterte der Kurs auf fast 105 Euro.
Firmen wie AOL oder Yahoo, die aus dem Nichts zu kommen schienen, waren auf einmal Milliarden wert. Daimler-Benz schuf mit Chrysler eine transatlantische »Welt AG«, wie Konzernchef Jürgen Schrempp prahlte. Selbst die rot-grüne Regierung huldigte dem Shareholder-Value und befreite etwa die Erlöse aus Beteiligungsverkäufen von der Steuerpflicht. Der SPIEGEL titelte im März 2000 »Unternehmen Größenwahn«, als der Dax mit 8136 Punkten ein Rekordhoch markierte.
Dann platzte die Internet-Blase, die Fusionen endeten überwiegend als Enttäuschungen, die Bilanzskandale des Energiehändlers Enron oder des Kommunikationsunternehmens Worldcom stellten Manager unter Generalverdacht. Die Regierungen in Europa und Amerika formulierten neue Regelwerke. Doch in einem Bereich zumindest blieb die Aufsicht unzureichend: in der Welt der Banken, dem einzigen Gewerbe, wie der Londoner Ökonom Andrew Hilton bemerkt, »in der es zu viel Innovation gibt, nicht zu wenig«.
Dort wurden hochriskante Finanzprodukte entwickelt, die keinerlei Bezug mehr zur realen Wirtschaft besaßen und die kaum kontrolliert wurden. Der massenhafte Kreditausfall löste eine Vertrauenskrise aus, die das ganze System an den Rand des Zusammenbruchs befördert und das Vertrauen in die Marktkräfte erschüttert hat. Nie in 60 Jahren Bundesrepublik ist das Pendel so schnell in Richtung Staat zurückgeschwungen wie in den vergangenen Monaten.
Eben noch schienen die Politiker machtlos der Globalisierung gegenüberzustehen. Jetzt übernehmen sie, mit gewisser Genugtuung, die Rolle der Weltenretter, greifen beherzt ins Geschehen ein - und vergrößern den Schuldenberg, der zuvor schon gewaltige Ausmaße angenommen hatte und dessen Abbau sie nie ernsthaft angegangen sind, nicht einmal in Boomzeiten.
Nun haben Regierungen und Notenbanken weltweit die unfassbare Summe von neun Billionen Dollar an Hilfen bereitgestellt. Banken werden teilverstaatlicht, Steuern auf breiter Front gesenkt, Unternehmen unter Schutzschirme gestellt und milliardenschwere Fonds aufgelegt, um notleidende Branchen zu stützen. Ausgerechnet die öffentliche Hand soll der Wirtschaft wieder das Wirtschaften beibringen.
In mancher Hinsicht erinnert dieses fast verzweifelte Staatsvertrauen an die Stimmung im Deutschland der Nachkriegszeit, als die Bürger ebenfalls am liebsten dem Staat das Kommando über die Wirtschaft gegeben hätten.
Zu glauben, dass Politiker »das Schicksal eines Volkes für lange Zeit vorausbestimmen« können, hielt Ludwig Erhard jedenfalls für »grenzenlosen Illusionismus«. Manche Anhänger der Staatswirtschaft seien da zu erstaunlichen Ergebnissen gekommen, lästerte er.
Als nach dem Weltkrieg die Wirtschaft am Boden lag, hätten sie errechnet, dass auf jeden Deutschen in Zukunft »nur alle 5 Jahre ein Teller komme, alle 12 Jahre ein Paar Schuhe, nur alle 50 Jahre ein Anzug«. Und jeder dritte Bundesbürger hätte überhaupt die Chance, »in seinem eigenen Sarge beerdigt zu werden«.
* In Frankfurt am Main 1979.