OSTEUROPA Der Kater nach der Party
Ryszard Delewski ist ein Unternehmer kurz vor der Pleite. Monatelang hat er um seine Firma gezittert, jetzt scheint es vorbei zu sein: Delewski saß in Minsk, Weißrussland, bei einem Kundengespräch, als das Telefon klingelte und die Krise ihn traf. Die Bank ließ ausrichten, seine Firma Delkar stünde mit vier Millionen Zloty, etwa 850 000 Euro, in den Miesen. Die Summe sei aufgelaufen, weil Delewski seine Exporte mit Valuta-Optionsgeschäften gegen eine Aufwertung des Zloty abgesichert habe. Nun aber war die polnische Währung um fast ein Viertel gegen den Euro gefallen, und niemand hatte Delewski darüber aufgeklärt, dass in diesem Fall Kompensationszahlungen fällig würden.
Delewskis 150 Angestellte nahe dem mittelpolnischen Kielce stanzen monatlich 250 Tonnen Stahl- und Aluminiumbleche zu Regenrinnen, Blitzableitern und anderen Bauelementen. Knapp die Hälfte der Ware geht nach Frankreich, Portugal, Deutschland und in andere EU-Länder, der Rest wird in Polen verbaut. »Die Exporte sind in den vergangenen Monaten eingebrochen. Das allein hätte uns nicht den Garaus gemacht«, sagt Delewski. Dass die Nachfrage im Westen nach Delkar-Blechen sinkt, das kann der Geschäftsmann in Zeiten der Krise verstehen.
Warum aber der Zloty fällt und warum er deswegen plötzlich Schulden hat, bleibt ihm rätselhaft. »Wir Polen arbeiten hart. Unsere Produkte sind so gut wie im Westen, unsere Kredite bedienen wir.« Von seinem Kreditinstitut, der Millennium Bank, fühlt sich Delewski hereingelegt.
20 Jahre hatte der Osten Europas gebraucht, um die alten, ineffizienten Strukturen staatlicher Planwirtschaft zu überwinden. Die großen unprofitablen Kombinate wurden privatisiert, mit der Erschließung neuer Märkte gelang der Anschluss an die globalisierte Wirtschaft. Vor allem die baltischen Länder hatten nach dem EU-Beitritt zu einer rasanten Aufholjagd mit zuweilen zweistelligen Wachstumsraten angesetzt. Rumänien, Nachzügler in der Europäischen Union, verzeichnete 2008 die meisten Porsche-Cayenne-Zulassungen - weltweit. In Warschaus Innenstadt ist der Kulturpalast aus der Stalin-Ära, damals das einzige Hochhaus, innerhalb weniger Jahre fast ganz hinter Büroneubauten aus Stahl und Glas verschwunden. In Tschechien herrschte noch 2008 fast Vollbeschäftigung.
Nun ist dieser Höhenflug jäh gestoppt. Die weltweite Wirtschaftskrise, die mit dem Platzen der Immobilienblase in Amerika begann, kommt nun in den einst kommunistischen Ländern an. Es trifft sie härter und schneller, als die erfolgsverwöhnten Kapitalismus-Neulinge erwartet hatten.
Esten, Letten und Litauer, die sich jahrelang über Wachstumsraten zwischen sieben und zehn Prozent freuen konnten, müssen sich nun damit abfinden, dass ihre Wirtschaft schrumpft. Ungarn hat den Internationalen Währungsfonds, die Weltbank und die EU bereits um 20 Milliarden Euro angepumpt. Rumänien braucht wohl ebenso viel. Die Polen haben allein im vierten Quartal des vergangenen Jahres fünf Prozent weniger produziert als im gleichen Zeitraum 2007. In Tschechien könnte die Arbeitslosigkeit auf bis zu zwölf Prozent steigen.
Müssen nun die westeuropäischen Länder, die selbst versuchen, mit der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg fertig zu werden, die Rechnung dafür bezahlen? Andererseits: Was passiert, wenn niemand hilft? Könnte die Krise der Beitrittsländer womöglich den Zusammenhalt der Union gefährden? Sicher ist: Westeuropa kann die Neumitglieder nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.
Beim EU-Gipfel Ende vergangener Woche in Brüssel war denn auch die Hilfe für den Osten ein Hauptthema des Treffens. Auf Vorschlag der Kommission wurde der Kreditrahmen für notleidende Mitglieder, die noch nicht der Euro-Zone angehören, auf 50 Milliarden Euro erhöht. Kommissionspräsident José Manuel Barroso nannte die Entscheidung ein »Signal starker Unterstützung«.
Das war auch dringend nötig, denn die Ostländer fragen sich schon länger, wie belastbar die Solidarität der reichen Westler wirklich ist. Sie werfen ihren Partnern vor, mit zum Teil üppigen Rettungspaketen nur die heimischen Firmen zu sanieren - und so ganz nebenbei die Konkurrenz aus dem Osten auszuschalten.
Mit der Weltwirtschaftskrise, so die Sicht aus dem Osten, scheint sich die Globalisierung plötzlich umgekehrt zu haben. Hunderttausende Polen, Bulgaren und Rumänen hatten sich in der West-EU vergleichsweise gutbezahlte Jobs besorgt. Ein Heer von Arbeitsmigranten ist jetzt wieder auf dem Weg zurück in die Heimat im Osten. In die Gegenrichtung fließt das verzweifelt benötigte Kapital ab: Westliche Banken und Investoren ziehen sich zurück.
Es war vor allem ein Fehler, der nun dazu führt, dass die Krise im Westen den Osten mit in ihren Strudel reißt: Jahrelang hatten die Osteuropäer sich im Westen mit Euro, Schweizer Franken oder skandinavischen Kronen versorgt. Die Kredite kurbelten den Inlandskonsum an und ließen die Wirtschaft wachsen. Viele Beitrittsländer importierten mehr Waren, als sie selbst ausführten. Nun sind die Schuldenberge hoch, das Leistungsbilanzdefizit von Ländern wie Litauen oder Bulgarien beträgt gewaltige 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Kapitalabzüge und sinkende Nachfrage aus dem Westen drückten auf die Wechselkurse. Vor allem die Länder, deren Währungen nicht fest an den Euro gebunden waren, mussten grausame Kursstürze hinnehmen. Der rumänische Leu verlor im letzten Halbjahr über 16 Prozent, der ungarische Forint fast 20 Prozent seines Wertes. Privatleute und mitunter auch Staaten können ihre Fremdwährungskredite nicht mehr bedienen.
Massenpleiten im Osten schlagen jetzt zurück auf die leichtfertigen Geldgeber im Westen, die zudem etwa 70 Prozent aller Ostbanken kontrollieren. Allein Österreichs Kreditinstitute halten dort Außenstände in Höhe von 293 Milliarden Euro. Thomas Mirow, Leiter der Osteuropabank in London, rechnet damit, dass in diesem Jahr bis zu 76 Milliarden an Westkrediten in den osteuropäischen EU-Ländern und der Ukraine fällig werden. Zweifel an der Bonität östlicher Unternehmen könnte klamme Westbanken hindern, Investitionskredite zu vergeben. Den östlichen Wirtschaften ginge dann der Treibstoff aus, die Krise gewänne noch weiter an Fahrt - ein Teufelskreis.
Die Verheißung der Revolution von 1989 - Freiheit und Wohlstand für alle Europäer - lässt sich jedenfalls nicht so schnell erfüllen wie erhofft. Die Menschen in den neuen EU-Mitgliedsländern müssen damit rechnen, dass ihre Löhne im Vergleich zum Westen auf niedrigerem Niveau stagnieren, wenn sie nicht schon drastisch gekürzt werden. Neben Massenkündigungen griffen notleidende Ost-Unternehmer in den vergangenen Monaten zu Lohnkürzungen von bis zu 30 Prozent. Und wer im Osten ohne Job dasteht, dem geht es schnell sehr schlecht. Der Staat ist klamm, die Sozialleistungen wurden während der Boom-Jahre vielerorts zusammengestrichen.
Nun braut sich Ärger in den jungen Demokratien zusammen. In Bulgarien, Lettland und Litauen bombardierten aufgebrachte Bürger die Regierungszentren mit Eiern, Steinen und - je nach Wetterlage - Schneebällen. Im lettischen Riga musste sogar die Regierung von Ivars Godmanis zurücktreten.
So sind die Beitrittsstaaten nach schwindelerregendem Aufschwung wieder zu Sanierungsfällen verkommen, doch anders als zu Beginn der neunziger Jahre haben ihre Probleme unterschiedliche Gründe. Die Krise zeigt überall ein anderes Gesicht.
Im Baltikum war es vor allem das günstige Geld aus Skandinavien, das ein konsumgetriebenes Strohfeuer entfacht hat. Auch die Ungarn, Tschechen und Slowaken hatten nach 40 mageren Jahren im Kommunismus mächtigen Nachholbedarf, doch war der Anteil des produzierenden Gewerbes am Wachstum der letzten Jahre ungleich größer als im Baltikum. Allerdings haben sich auch hier wie in Rumänien und Bulgarien Firmen und Privatleute zu sehr verschuldet - dummerweise auch noch in Euro, Schweizer Franken oder Dollar. Ausländische Banken drängten auf die neuen Märkte im Osten und konnten einfach günstigere Bedingungen als die heimischen Geldinstitute bieten. Seit der Forint, der Lew und der Leu gefallen sind, können viele Schuldner ihre Kredite nicht mehr bedienen.
Besser als die nördlichen und südlichen Nachbarländer stehen Polen, Tschechien und die Slowakei da. In diesen Ländern haben beispielsweise die großen Autoproduzenten aus Westeuropa und Asien neue Fabriken errichtet, wie etwa Kia im slowakischen Zilina. Dort ist jetzt auch Kurzarbeit angeordnet, doch sind diese Werke oft moderner als im Westen und die Lohnkosten viel niedriger. Das stärkt die Hoffnung auf eine bessere Ausgangssituation für die Zeit nach der Krise.
Am besten geht es derzeit noch der polnischen Wirtschaft. Hier hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten ein eigener Mittelstand gebildet, und das Land ist so groß, dass allein die Binnennachfrage die Konjunktur einstweilen stützen kann. Zwar musste auch das Warschauer Finanzministerium am Donnerstag seine Wachstumsprognose nach unten korrigieren, immerhin rechnen die Experten für die kommenden Monate noch mit einem Anstieg von 1,5 Prozent.
Es sind Unternehmer wie Ryszard Delewski, die mit Fleiß und Erfindungsreichtum das polnische Wirtschaftswunder hervorgebracht haben. Doch seit jenem Anruf in Minsk weiß der nun nicht mehr weiter.
Mittlerweile fordert die Millennium Bank acht Millionen Zloty von ihm, Geld, das Delewski nicht hat. »Ich hafte mit meinem privaten Vermögen«, sagt er und lässt den Blick auf das Foto seiner Segelyacht an der Wand schweifen: »Um mich mach ich mir dabei noch die wenigsten Sorgen, aber ich habe 150 Angestellte.«
Etwa 10 000 polnische Unternehmen sind solche Währungsgeschäfte eingegangen - nun droht ihnen die Pleite und Tausenden Mitarbeitern die Arbeitslosigkeit.
Im Baltikum hat dieses Schicksal schon viele Angestellte ereilt. In Lettland ist die Arbeitslosenquote von weniger als fünf Prozent 2007 auf derzeit zwölf gestiegen. Dazu kommt die hohe private Verschuldung »Es gibt Leute, die sind so pleite, dass sie in Internet-Cafés übernachten müssen«, sagt ein deutscher Immobilienmakler in Riga. Etliche nagelneue Bürogebäude am Rande der malerischen Innenstadt stehen halbleer. »Der Markt für Häuser ist vorerst tot.«
Nach Jahrzehnten unter kommunistischer Herrschaft genehmigten sich die Letten und ihre Nachbarn eine rauschende Party auf Pump. Kredite gab es in Estland sogar per SMS. Eine Nachricht mit dem gewünschten Betrag reichte, und schon war das Konto wieder im Plus.
»In nur ein paar Jahren haben die Balten eine enorme Anspruchshaltung entwickelt«, sagt ein Software-Unternehmer, »die sich aber oft nicht mehr mit den Leistungen deckte.« Jeder habe sich darauf verlassen, dass der Boom ewig anhielte und die Löhne automatisch stiegen.
Dabei - so sagen Experten - sind wichtige Aufgaben unerledigt geblieben. Zwar haben auch Esten, Letten und Litauer die großen Staatsbetriebe nach der Wende abgewickelt, aber sie haben versäumt, neue Produkte für den Export zu entwickeln. Die Regierungen in Tallinn, Riga und Vilnius hatten dagegen auf einen radikalen Liberalisierungskurs gesetzt: Überall gilt ein einheitlicher Steuersatz, die sogenannte Flattax. Das reichte, um Kapital ins Land zu locken - doch nicht, um ein nachhaltiges Wachstum in der Industrie zu stimulieren, sagt auch Sten Tamkivi.
Der 30-jährige Este ist einer der wenigen Krisengewinnler, er arbeitet bei der IT-Firma Skype. Estland setzt auf Breitband-Vernetzung und betreibt gern unter dem Namen E-stonia Eigenwerbung. Praktisch der gesamte Bankenverkehr wird online abgewickelt. Esten zahlen Kinokarten und Parktickets per SMS und können über das Internet wählen.
Dennoch ist Skype die einzige globale Erfolgsgeschichte des Landes. Die Firma stellt im Internet ein Programm zu Verfügung, mit dem PC-Nutzer umsonst telefonieren können, sogar mit Bild. »Seit der Krise wächst die Zahl der Skype-Teilnehmer«, sagt Tamkivi. »Offenbar sparen sich die Unternehmen Geschäftsflüge, viele Besprechungen laufen jetzt über Skype.«
Doch nun ist auch bei den Balten guter Rat teuer. Krone, Lats und Litas sind an den Euro gebunden. Um die Exporte wieder in Gang zu bringen, müssten die baltischen Währungen abgewertet werden. Doch dann droht vielen Banken und Firmen, die hoch in ausländischen Währungen verschuldet sind, die Zahlungsunfähigkeit - ein kaum lösbares Dilemma.
Rumänien und Bulgarien wollen mit Milliardeninvestitionen in Infrastruktur, Bildung und Umweltschutz auf die Krise reagieren - und erhoffen für dieses Jahr noch ein kleines Wachstum.
Andere EU-Neumitglieder lehnen solche Hilfsprogramme bisher ab - sie könnten allerdings auch kaum das Geld dafür aufbringen. »Konjunkturprogramme erhöhen die Schulden, und das verpufft dann sehr schnell«, beschreibt Vratislav Kulhánek die im Osten weitverbreitete Haltung.
Der Tscheche war Spitzenmanager bei Skoda, bevor er sich als Wirtschaftsberater in Prag selbständig machte. »Der Staat kann die Wirtschaft nicht wirklich steuern, das haben wir in 40 Jahren Kommunismus gründlich gelernt.« Allerdings räumt er ein, dass Tschechien von der deutschen Verschrottungsprämie profitiert. Tatsächlich freut sich die VW-Tochter Skoda, dass sie im Februar mit 9190 Fabia-Modellen fast dreimal so viele Autos dieses Typs in Deutschland verkauft hat wie im Januar.
Doch das ist ein Ausnahmebeispiel: Voller Misstrauen blicken viele Beitrittsländer auf die westlichen Konjunkturprogramme und wittern Protektionismus. Anfang Februar lieferten sich die Regierungen von Tschechien und Frankreich Wortgefechte. Präsident Nicolas Sarkozy hatte seiner Autoindustrie Hilfe versprochen - aber nur, wenn sie künftig alles im Land produzieren und nicht nach Tschechien verlagern würde. Tschechiens Regierungschef Mirek Topolánek bezeichnete schuldenfinanzierte Konjunkturhilfen noch in der vorigen Woche als »tödliche Idee«.
Selbst ein so sanfter Mann wie der polnische Premier Donald Tusk wird schärfer im Ton, wenn er deutsche und französische Krisenpolitik kommentieren soll: »Die größte Gefahr sehen wir in einer bröckelnden Solidarität in Europa, im Anwachsen des nationalen Egoismus«, sagte er dem SPIEGEL. Es drohe die Gefahr einer »faktischen Spaltung«.
Jahrelang hatte der Westen den östlichen Aspiranten einen harten Privatisierungskurs auferlegt. Das war die Voraussetzung, um dem exklusiven Brüsseler Club 2004 beitreten zu dürfen. Umso mehr irritiert im Osten, dass jetzt der Westen, einst Lehrmeister in Sachen Kapitalismus, die Krise mit Verstaatlichungen und Staatskrediten niederkämpfen will. Sie hätten die jahrzehntelange Dauerkrise des Kommunismus überwunden, weil »wir 20 Jahre lang sehr hart gearbeitet haben«, sagt Tusk: »Daran glauben wir zutiefst.«
Die Frage ist, ob dieser Glaube bei seinen Landsleuten wirklich unerschütterlich ist - wenn der Zloty weiterhin sinkt, die Zahl der Bankrotte und der Beschäftigungslosen dagegen steigt. Die Regierung in Prag jedenfalls hat allen marktliberalen Bekenntnissen zum Trotz letzte Woche selbst ein, allerdings eher kleines, Hilfspaket für eine notleidende Industrie verabschiedet: Die Arbeiter in der traditionsreichen böhmischen Glasindustrie hatten schon seit Monaten keinen Lohn mehr erhalten. JAN PUHL