SPIEGEL-GESPRÄCH »Ich bin ein Extremist«
SPIEGEL: Michail Dmitrijewitsch, Ihre Stimme klingt ein wenig rau.
Prochorow: Ich bitte um Entschuldigung, ich habe nur vier Stunden geschlafen. Gestern Abend bin ich spät von einer Geschäftsreise nach Moskau zurückgekehrt, danach war ich noch aus.
SPIEGEL: Hat man sich so das Leben des reichsten Mannes Russlands vorzustellen: Reisen und Partys?
Prochorow: Ich arbeite hart und feiere deshalb auch ausgiebig. Als ich ein Kind war, hatten wir ständig Gäste. So kommt es, dass ich Gesellschaft liebe, manchmal auch laute.
SPIEGEL: Und Sie können sich das leisten. Hat es Sie gefreut, dass das Magazin »Forbes« Sie mit einem geschätzten Vermögen von 9,5 Milliarden Dollar auf den Spitzenplatz der reichsten Russen gesetzt hat?
Prochorow: Als Unternehmer sehe ich in Geld ein Mittel, um meine Strategie zu verwirklichen. Wahrscheinlich ist es auch ein Gradmesser für Erfolg. Entscheidend bleibt, dass mir alles, was ich tue, Freude bereitet und ich diese Freude mit anderen teilen kann. Das ist mein Geschäftsprinzip und auch meine Lebensphilosophie.
SPIEGEL: Wie passt es dann zu Ihrer Unternehmerphilosophie, dass der Einfluss des Staats auf die russische Wirtschaft beständig wächst?
Prochorow: In der aktuellen Weltwirtschaftskrise ist Verstaatlichung beileibe kein Phänomen, das sich auf Russland beschränkt. Ich behaupte sogar: Von allen Ländern verhält sich unser Staat noch am marktwirtschaftlichsten.
SPIEGEL: Wie bitte?
Prochorow: So ist es. Ich finde, der Staat könnte ruhig mehr tun und mit, sagen wir, bis zu 30 Prozent bei Unternehmen einsteigen, die im globalen Maßstab konkurrenzfähig sind. Allerdings unter der Bedingung, dass die Privataktionäre diesen Anteil zurückkaufen können, wenn die Krise vorüber ist. Viele verschuldete Unternehmen bitten jetzt darum, dass der Staat Anteile übernimmt. Die Regierung bleibt bislang hart und lehnt das ab.
SPIEGEL: Vor einigen Jahren waren die Verhältnisse noch umgekehrt: Da liehen die Oligarchen dem Staat Geld und waren die Präsidentenmacher.
Prochorow: Der Stempel »Oligarch« passt schon lange nicht mehr. Damals hatte die Wirtschaft erheblichen politischen Einfluss. Das ist vorbei.
SPIEGEL: Das demonstriert Premierminister Wladimir Putin gern. Was dachten Sie, als Putin den Aluminiumunternehmer Oleg Deripaska vor laufenden Kameras vorführte wie einen Erstklässler, weil der die Löhne nicht pünktlich bezahlt hatte?
Prochorow: Die Krise ist ein Ausnahmezustand, in der manche Entscheidungen blitzschnell und abseits der üblichen Automatismen getroffen werden müssen, gleichsam per Handsteuerung. Das ist wie beim Ausbruch eines Feuers. Natürlich kochen da die Gefühle hoch. Staatsführer in anderen Ländern handeln ähnlich. Auch sie wollen die soziale Stabilität bewahren. Im Übrigen ist die Nichtzahlung von Gehältern bei uns strafbar.
SPIEGEL: Täuscht unser Eindruck, oder stehen Unternehmer, die nicht auf den Kreml hören, vor einer unangenehmen Alternative: Entweder sie flüchten ins Exil nach London, oder sie werden nach Sibirien geschickt, wie es dem inhaftierten Ex-Ölmagnaten Michail Chodorkowski ergangen ist?
Prochorow: Bedenken Sie bitte, die russische Marktwirtschaft ist jung und die Elite erst dabei, sich zu formieren. Dieser Prozess verläuft schmerzlich, aber immerhin recht unblutig, wenn man berücksichtigt, dass Russland das einzige große Land ist, das im 20. Jahrhundert zweimal seine Elite verloren hat: während der Oktoberrevolution 1917 und dann 1991 mit dem Ende der Sowjetunion. Wir müssen daran arbeiten, die Distanz zwischen Volk und Wirtschaftselite zu überwinden. Sicher sind die Unternehmer nicht frei von Sünde, auch ich nicht. Allerdings spiegelt sich darin der Zustand der gesamten Gesellschaft.
SPIEGEL: Zum Zusammenhalt der Gesellschaft tragen Sie nicht gerade bei, wenn Sie Uhren für 200 000 Euro tragen oder, so wird jedenfalls kolportiert, die Villa Leopolda an der Côte d'Azur für knapp eine halbe Milliarde Dollar kaufen wollen.
Prochorow: 15 Jahre lang war weltweit Glamour modisch, jetzt ist Bescheidenheit angesagt. Und die besagte Villa werde ich nicht kaufen. Ich habe natürlich nichts gegen Wohlstand. Je mehr Reiche es bei uns gibt, desto besser ist es für Russland. Weil viele Russen immer noch arm sind, bedeutet Reichtum auch eine besondere Verantwortung. Aber immerhin haben in den Jahren des Aufschwungs nicht nur einige wenige profitiert. Es wird oft unterschlagen, dass Millionen Russen ihren Lebensstandard verbessern konnten.
SPIEGEL: Nun aber gefährdet die globale Krise diesen Wohlstand. Warum ist Russland stärker betroffen als andere Schwellenländer wie etwa China oder Indien?
Prochorow: Weil rund 30 Prozent unserer Unternehmen noch immer nicht konkurrenzfähig sind. Weil wir zu sehr darauf setzen, die Inflation zu bekämpfen, statt in der Krise stärker die Nachfrage zu stimulieren. Die Abhängigkeit des Rubels vom Öl erlaubt uns nicht, andere wichtige Ziele zu verfolgen: unsere Gold- und Währungsreserven zu bewahren, Einnahmen aus dem Export für unser Budget zu erzielen.
SPIEGEL: Wie kann Russland dies ändern?
Prochorow: Man muss das Rad nicht neu erfinden, sondern eine innovative Wirtschaft aufbauen, welche die Wettbewerbsvorteile nutzt, die wir beispielsweise bei Rohstoffen haben. Allerdings genügt es nicht, einfach nur Öl, Gas, Kupfer oder Nickel aus dem Boden zu holen und zu verkaufen. Wir sollten diese mit Hilfe moderner Technologien auch verarbeiten, um in der Wertschöpfungskette einen Sprung nach vorn zu machen. Präsident Dimitrij Medwedew und Premier Putin verstehen diese Notwendigkeit besser als viele Unternehmer.
SPIEGEL: Können Sie ein Beispiel für Innovationen Ihrer Holding nennen?
Prochorow: Ja, sogar eines aus Deutschland: Wir haben für gut 20 Millionen Euro in Dortmund Optogan gekauft, eine Firma, die hochmoderne Leuchtdioden entwickelt. Sie wurde von Schülern des russischen Physik-Nobelpreisträgers Schores Alfjorow gegründet. Nun bauen wir zwei Produktionen auf und denken, dass wir schnell Aufträge für rund eine Milliarde Dollar an Land ziehen. Die Investitionen sind vergleichsweise klein, Gewinn und Wirkung dagegen gigantisch.
SPIEGEL: Sie rufen russische Unternehmen dazu auf, die Krise zu nutzen, um ins Ausland zu expandieren. Wie soll das funktionieren, da viele ein Schuldenberg drückt?
Prochorow: Die 200 Milliarden Dollar aus den Währungsreserven, die Russland zur Stützung des Rubels eingesetzt hat, hätten wir nutzen sollen, um unsere Position im Weltmarkt zu verbessern. Die Gelegenheit ist günstig, ausländische Firmen sind jetzt vergleichsweise billig zu haben, auch in Bereichen, die Russen vor der Krise verschlossen blieben, beispielsweise in der Informationstechnologie. Das Fenster der Möglichkeiten hat sich weit geöffnet.
SPIEGEL: Welche Firmen haben Sie im Visier?
Prochorow: Ich kann natürlich keine Namen nennen. Unsere Holding hat klare Kriterien. Erst investieren wir in konkurrenzfähige Unternehmen in Russland. Diese streben dann internationale Diversifizierung an und schauen sich 20 bis 30 Übernahmekandidaten an. Uns interessiert nur, was in unsere Strategie passt. Das sind in der Regel Unternehmen, die eine Marktkapitalisierung von mindestens einer Milliarde Dollar erreichen können.
SPIEGEL: Denken Sie auch an Deutschland?
Prochorow: Dort wäre eine Beteiligung im Energiesektor vorstellbar. Wir betreiben über die Firma TGK-4, die wir für mehr als eine Milliarde Dollar gekauft haben, 25 Kraftwerke im europäischen Teil Russlands.
SPIEGEL: In Deutschland ist manchen die Expansion russischer Unternehmer unheimlich, ihr Ruf ist nicht der beste.
Prochorow: Der lässt sich nicht vom Image unseres Landes trennen. Oft sind wir der gleichen Meinung wie unsere Partner im Westen, bringen diese aber vehementer vor. Sie müssen verstehen: Jedes Land trägt an seinen Komplexen, auch Deutschland. Unser Komplex ist die ewige Suche nach der Antwort auf die Frage, ob wir nun eine Großmacht sind oder nicht. Ich halte das für eine logische Konsequenz des Zerfalls der Sowjetunion. Dazu kommt, dass der Westen und Russland einander nicht ausreichend zuhören.
SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?
Prochorow: Wenn es der Europäischen Union ernst ist mit einer Annäherung an Russland, dann sollte sie beispielsweise den Visumzwang aufheben. Sie brauchen keine Angst davor zu haben. Dann können sich die Menschen in Ost und West leichter kennenlernen und Vorurteile abbauen. Die Kriminellen kommen ohnehin.
SPIEGEL: Spielen Russland und Europa in der künftigen Weltwirtschaftsordnung überhaupt noch eine entscheidende Rolle?
Prochorow: Eine gute Frage. Die Krise beschleunigt, was ohnehin bereits erkennbar war. Das Welt-Bruttosozialprodukt wird zunehmend in den aufstrebenden BRIC-Staaten erwirtschaftet, also Brasilien, Russland, Indien und China. Amerika hat zwar riesige Probleme, geht sie aber im Unterschied zu Europa nicht halbherzig, sondern entschieden an.
SPIEGEL: Russland besitzt immerhin Rohstoffe, die auch künftig begehrt sein werden. Investieren Sie weiter in diesem Sektor?
Prochorow: Aber sicher. Unser Unternehmen Poljus-Soloto kauft gerade die kasachische Firma Kasachgold. So entsteht ein Konzern mit den weltweit zweit- oder drittgrößten Goldreserven. Wir haben Cash und keine Schulden und wollen, wenn die Übernahme verkraftet ist, weiter expandieren. Ich denke, die Rohstoffpreise werden steigen. Da bin ich sicher. Allerdings kann ich nicht sagen, ob und wann sie wieder das Niveau von vor der Krise erreichen.
SPIEGEL: Zum reichsten Mann Russlands sind Sie aber dadurch geworden, dass Sie zum günstigen Zeitpunkt aus einer Rohstoffbranche, dem Nickelgeschäft, ausgestiegen sind, kurz bevor die Märkte einbrachen: Vor anderthalb Jahren haben Sie Ihren Anteil an Norilsk Nickel verkauft. Dafür bekamen Sie schätzungsweise sieben Milliarden Dollar und obendrauf noch eine 14-prozentige Beteiligung an Deripaskas Aluminiumriesen Rusal. War das Glück oder Geschick?
Prochorow: Ich bin kein Nostradamus. Aber ich hatte in der Tat damit gerechnet, dass die gewaltige Immobilienkrise in den USA auch alle anderen Wirtschaftszweige erfassen würde, inklusive des Rohstoffsektors. Ein wenig Glück war freilich auch im Spiel.
SPIEGEL: Was haben Sie als Minderheitsaktionär von Rusal nun vor?
Prochorow: Ich bin dafür, Rusal und Norilsk Nickel zu verschmelzen. Nur so ist es möglich, mit Branchenriesen wie BHP Billiton oder Rio Tinto zu konkurrieren. Der Viereinhalb-Milliarden-Dollar-Kredit, den der Staat an Rusal vergeben hat, könnte in eine Beteiligung umgewandelt werden.
SPIEGEL: Es ist schwer vorstellbar, dass sich der ehrgeizige Herr Prochorow, der ehrgeizige Herr Deripaska und der ehrgeizige russische Staat einigen werden, wer einen solchen Großkonzern führen soll.
Prochorow: Mag sein, nötig ist es dennoch. Bei einer solchen Vereinigung hielte jeder Großaktionär maximal 15 bis 20 Prozent.
Diese starken Aktionäre müssten ein unabhängiges Management einsetzen. Das wäre eine radikal neue Strategie für die russische Wirtschaft.
SPIEGEL: Welches Verhältnis haben Sie heute zu Ihrem langjährigen Partner Potanin? Sie hatten sich mit ihm zerstritten.
Prochorow: Ein neutrales. Wir treffen uns einmal im Vierteljahr.
SPIEGEL: Es gibt Leute, die behaupten, Potanin stecke dahinter, dass Sie vor zweieinhalb Jahren Schlagzeilen gemacht haben: Sie wurden im französischen Skiort Courchevel wegen angeblicher Zuhälterei festgenommen.
Prochorow: Irgendwann werde ich herausfinden, wie es dazu gekommen ist. Jedenfalls war der Vorwurf absurd. Wir haben eine Party gefeiert, das war alles.
SPIEGEL: Müssen Sie der französischen Polizei vielleicht sogar dankbar sein? Immerhin führte dieser Vorfall zum Bruch mit Potanin und zum rechtzeitigen Verkauf ihrer Norilsk-Nickel-Anteile.
Prochorow: Diese Episode diente tatsächlich als Katalysator für die Trennung. Der tiefere Grund lag aber in unserer unterschiedlichen Strategie. Potanin wollte alles auf Nickel setzen, ich dagegen diversifizieren.
SPIEGEL: Welche Erfahrungen haben Sie im französischen Gefängnis gemacht?
Prochorow: Wissen Sie, ich betreibe ungewöhnliche Sportarten: Kickboxen, Trampolinspringen, Heli- und Jetskiing, und gehe gern an Grenzen. Ich bin ein Extremist, besonders im Privatleben. Deshalb empfand ich die Haft als psychologisch interessant. Sie erinnerte mich an die fünf Tage Karzer, zu denen ich während meines Wehrdienstes zu Sowjetzeiten verdonnert worden war. Damals hatte ich mich unerlaubt von der Kaserne entfernt.
SPIEGEL: Michail Dmitrijewitsch, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
* Alexander Jung und Matthias Schepp in Prochorows Privathaus nahe Moskau.