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»Die Energie knallt nach oben«

Wie eine Mutter versuchte, ihren Sohn aus dem Dunstkreis der Psycho-Sekte zu befreien
• aus DER SPIEGEL 4/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Alles ist Energie«, sagt Andreas H. mit leiser Stimme und lächelt dazu sanft. Der 36jährige, der viel jünger aussieht und sich manchmal auch so gebärdet, verwendet das Wort Energie fast in jedem dritten Satz.

Er ist Doktorand der Philosophie, und er glaubt zu wissen, wovon er spricht. Er hat sogar Einsteins Theorien gründlich studiert, kennt auch die Werke von Heisenberg und Capra. Überzeugt haben ihn die Experten nicht. Er vertraut ganz anderen Lehren.

Anfang vergangener Woche steht der junge Wissenschaftler in dem mit vielen Springbrunnen und Skulpturen verzierten exotischen Garten einer Finca im Osten Teneriffas und deutet auf Bananenstauden und Palmen: »Alles Energie.«

Er hebt einen Lavastein auf, dreht ihn behutsam in der Hand, legt ihn vorsichtig zurück: »Pure Energie.«

Auch die anderen Jünger der Sektenchefin Heide Fittkau-Garthe reden ständig von fließenden, stockenden und sprudelnden Energieströmen. Der Atma-Kult in der Finca von Arafo hat Menschen zusammengebracht, die sonst wenig Gemeinsamkeiten haben. Da ist die biedere Stuttgarter Hausfrau, die neben ihren zwei schwäbelnden kleinen Kindern auch die Großmutter mitgebracht hat. Da ist Teres, die vergeistigt wirkende junge Freundin von Andreas. Die Philosophiestudentin mit den langen dunklen Zöpfen zieht sich häufig zur inneren Einkehr zurück.

Wolfgang, ein 56jähriger Pädagoge aus Köln, mit kleinem Ohrring, zur Zeit arbeitslos, arbeitet im Geräteschuppen und erzählt, daß er seit zehn Jahren kein Buch mehr gelesen hat. Die ehemalige Kosmetikerin Ulrike, Stellvertreterin von Fittkau-Garthe, organisiert das Leben auf der Finca. Um 16 Uhr trommelt sie die Bewohner zum vegetarischen Mahl in einem runden, tempelähnlichen Pavillon mit Meeresblick zusammen.

Die Atmosphäre ist trotz scheinbarer Harmonie äußerst gereizt, denn die Anführerin Heide Fittkau-Garthe sitzt noch immer in Untersuchungshaft. Dabei hatten doch heftige Energiefelder längst die Freilassung der Chefin signalisiert.

Die Vorwürfe gegen die Sekte spülen »immer neue Wellen aggressiver Energie herüber«, klagt Andreas. Obwohl er und die anderen verzweifelt versuchten, die destruktiven Kräfte in »liebevolle Energie« zu verwandeln, sei den negativen Einflüssen kaum noch standzuhalten: »Die Energie knallt nach oben.«

Etwa zur selben Zeit packt in Norddeutschland eine energische Frau ihren Koffer. Die Mutter von Andreas will ihren Sohn zur Rückreise nach Deutschland überreden. Ein Kriminalbeamter riet ihr: »Fahren Sie lieber heute als morgen.«

Die Erinnerung an den letzten Besuch ihres Sohns kurz vor Weihnachten hat sie in ihrem Entschluß bestärkt. Andreas, sonst ein rücksichtsvoller Sohn, bezeichnete das Zusammensein mit der Mutter als »Hölle«, entschuldigte sich gleich darauf: »Du weißt, ich nehme alles auf einer anderen Ebene wahr.« Sie erinnert sich an das letzte Telefonat kurz vor seinem Abflug, als er vom 8. Januar als einem »ganz besonderen Tag« spricht, an dem eine schöne gemeinsame Aktion geplant sei. Die Mutter fragt spontan: »Wollt ihr euch etwa umbringen?«

Andreas lacht und verspricht, bereits am 9. Januar nach Hause zu reisen. Das Rückflugticket, von dem er seiner Mutter erzählt, hat er jedoch nicht gekauft.

Frau H.'s Sorgen um den einzigen Sohn begannen, als der 1980, mit 19 Jahren, in den Sog von Heide Fittkau-Garthe geriet. Andreas, vaterlos aufgewachsen und noch auf der Suche nach Vorbildern, schwärmt sofort von der Frau mit der enormen Ausstrahlung, die sich selbst »Weltenmutter« und »Aida« nennt. Obwohl bis dahin der Realität zugewandt, fängt er plötzlich an, täglich mehrere Stunden zu meditieren.

Freunde sind fassungslos, wie massiv sich Andreas beeinflussen läßt. Seine erfolgreiche Karriere als Leichtathlet gibt er auf. Die vielen Siegerpokale wirft er weg. Für Konzerte und Opernbesuche, früher obligatorisch, findet er keine Zeit mehr, vernachlässigt das Studium.

Erst als sich Andreas nach Jahren von der Sekte löst, entwickelt er wieder den gleichen Ehrgeiz wie auf dem Gymna-sium, wo er stets zu den Besten zählte. Er jobt als Kinderbetreuer, schafft trotzdem den Abschluß in Soziologie und Philosophie, jeweils mit der Note »gut«. Im Nebenfach Psychologie bekommt er sogar eine Eins.

Seine Doktorarbeit widmet er einem Thema, das die Philosophen schon seit Jahrtausenden bewegt: der Energie. An der Arbeit mit dem Titel »Energie - Information - Bewußtsein« schreibt er seit 1995.

Energie ist zu diesem Zeitpunkt auch längst eines der Zentralthemen von Fittkau-Garthe, der Andreas wieder begegnet. Vor seiner Mutter hält er die neuerlichen Kontakte geheim.

Die wundert sich nur, daß ihr Sohn so oft nach Teneriffa reist, vom Zelten unter freiem Himmel erzählt, begeistert von bewegenden Gemeinschaftserlebnissen berichtet. Ihr fällt auch auf, daß Andreas zunehmend abgehoben wirkt, manchmal in einer Art Geheimsprache redet, die nur für Eingeweihte bestimmt scheint. Die Mutter spürt, wie ihr der Sohn mehr und mehr fremd wird.

Als sie Ende 1997 erfährt, daß Andreas offenbar zu den Jüngern von Heide Fittkau-Garthe zählt, verkündet der Sohn schon Thesen wie diese: »Ich bin sicher, daß alles, was passiert, eine Ursubstanz hat, aus der alles lebt, alles fühlt, alles denkt.«

Er behauptet jetzt auch, sich bei entsprechender Konzentration ganz leicht in seine Vergangenheit zurückversetzen zu können. Im vergangenen Jahrhundert etwa, erzählt er seiner Mutter, habe er als Assistent des Philosophen Friedrich Nietzsche gearbeitet.

Die Hoffnung von Frau H., daß Freundin Teres den Sohn vor dem totalen Abtauchen bewahrt, erweist sich als trügerisch. Teres, die immer so bodenständig schien, wohnt seit längerem in der Hamburger Wohnung der Sektenchefin, gehört zu den Vertrauten der Energie-Prophetin.

Auch Teres ängstigte ihre Eltern vor der Teneriffa-Reise mit dunklen Andeutungen. Sie munkelte vom bevorstehenden Weltuntergang, von einem Raumschiff, das auf Teneriffa landen und sie in eine neue Welt bringen würde. Am Heiligen Abend soll sie unter dem Weihnachtsbaum verkündet haben: »Heide hat uns einen sanften Tod versprochen.«

Als Andreas vom Eintreffen der Mutter auf Teneriffa erfährt, reagiert er gereizt: »Ich habe es befürchtet.« Sehen will er seine Mutter an diesem Abend keinesfalls, auch nicht mit ihr telefonieren: »Vielleicht morgen.«

Besorgte Verwandte sind den Atma-Jüngern zutiefst zuwider, erst recht, seit verzweifelte Angehörige in Deutschland die Polizeiaktion auslösten, die zur Verhaftung der Sektenchefin führte. Frau H. steht zudem im Verdacht, mit einem Anruf beim Bundeskriminalamt die zweite vorübergehende Festnahme von Sektenmitgliedern bewirkt zu haben. Sie gilt als Unperson.

Die harte Front bekam schon der Ehemann der Stuttgarter Hausfrau zu spüren, der nach den ersten Meldungen von verhinderten Selbstmorden nach Teneriffa geflogen war, um seine Kinder aus der Finca zu holen. Die Frau wies ihn ab, die Kinder blieben auf der Insel.

Am nächsten Morgen hat sich Andreas überraschend zur Abreise und zu einem Treffen mit seiner Mutter entschlossen, auch Freundin Teres kommt mit. Das Wiedersehen mit dem Sohn verläuft anders, als Frau H. hofft.

Andreas will Abstand halten, läßt sich nur ungern in den Arm nehmen. »Kannst du mich nicht verstehen?« fragt die Mutter. Antwort: »Nein.« - »Ich hatte einfach nur Angst um dich.« - »Ich habe dir doch schon am Telefon gesagt, daß das alles Quatsch ist.«

Auf der Fahrt zum Flughafen schweigen er und seine Freundin. Erst als die Mutter kurz vor dem Abflug der beiden nach Deutschland ihre Erleichterung über die vermeintliche Befreiung zeigt, lachen auch Andreas und Teres einmal. Doch tags darauf ist wieder alles anders. Andreas wirft seiner Mutter am Telefon vor, sich ungefragt in seine Angelegenheiten eingemischt zu haben, droht sogar mit einer Strafanzeige. »Du bist nicht mehr meine Mutter«, schreit er mit vor Wut verzerrter Stimme in den Apparat, »ich rede nie mehr mit dir.«

Auf der Finca hatte sich Andreas nach einem ähnlichen Wutanfall sofort entschuldigt: »Das war nicht Andreas, das war die Atma-Energie.«

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