ZOOLOGIE Multikulti im Tierreich
Für Wolfgang Bethe, den Präsidenten des Landesjagdverbandes Brandenburg, stellt das Tier mit den spiralig geschwungenen Hörnern »eine interessante Bereicherung unserer Wildbahnen dar«. Der Zoologe Antal Festetics, Professor an der Universität Göttingen, hält den Mufflon dagegen für eine unerfreuliche »Faunenverfälschung«.
»Ist Muffelwild exotisches Wild?« erkundigte sich in ihrer Dezember-Ausgabe die Zeitschrift »Jäger« und belebte damit einen erbitterten Streit unter Förstern, Jägern und Wissenschaftlern. Erst Anfang dieses Jahrhunderts sind Mufflons aus Korsika und Sardinien in deutschen Revieren ausgesetzt worden. Seither tummeln sich die Wildschafe von der Unterart Ovis ammon musimon im Weserbergland, in Schleswig-Holstein und der Lüneburger Heide, aber auch in Brandenburg und Thüringen. Jetzt geht es um das Bleiberecht der korsischen Immigranten.
In Hessen soll der Verwaltungsgerichtshof Kassel darüber entscheiden, ob die Mufflons im Taunus als »überzähliges Schalenwild« zum Totalabschuß freigegeben werden. »Der Mufflon wartet auf den Schaf-Richter«, kalauerte die »Frankfurter Rundschau«.
Nicht nur Ovis ammon musimon soll es ans Fell gehen. Auch vielen anderen Zuzüglern - im Wissenschaftsjargon Neozoen genannt - drohen Ausweisung oder Sterbehilfe. Weil die Überfremdung der heimischen Fauna zu Wasser und zu Lande ständig zunimmt, wehren sich bodenständige Naturfreunde gegen die Zuwanderer.
Die Ursachen für den Zustrom immer weiterer Fremdlinge sind vielfältig. Exotische Krebse und Muscheln reisen im Ballastwasser von Tankern nach Europa; Reptilien, Vögel und andere Tierarten entfliehen zoologischen Gärten, Zuchtbetrieben oder Privatgehegen. Erst einmal in Freiheit, verbreiten sich Flüchtlinge oft rasch und weiträumig. In Deutschland siedeln die ursprünglich aus Amerika stammenden Waschbären; ein Pelztierfarmer hatte vier Exemplare 1934 bei Frankenberg in Hessen ausgesetzt. Südamerikanische Nutrias graben seit den zwanziger Jahren Baue in Bachufer und Dämme.
Daß inzwischen afrikanische Halsbandsittiche und Flamingos in Nordrhein-Westfalen brüten, Streifenhörnchen aus Asien die Parks von Paderborn bevölkern, riesige Ochsenfrösche bei Stuttgart quaken oder Goldschakale, vom Balkan kommend, durch Österreich und Italien schnüren - ein derart tierisches Durcheinander wirkt auf puristische Artenschützer irritierend.
Sie wurmt es, daß Amerikanische Nerze in Schottland das Brutgeschäft vieler Seevögel stören oder Känguruhs in England Autounfälle verursachen. Dabei hat der Import exotischer Tierarten in Europa eine lange Tradition. Meist waren es jagende Feudalherren, die sich landesfremdes Viehzeug in ihre Reviere holten.
So brachten die Römer vor 2000 Jahren Fasanen nach Deutschland, um sie als gebratene Jagdbeute ihren Gästen zu servieren. Heute wird der prächtige Vogel in Fasanerien für die Jagd großgezogen, weil ihm intensive Landwirtschaft und Füchse in freier Wildbahn an die Federn gehen.
Elisabeth Emmert, Vorsitzende des Bundesverbandes der Ökologischen Jagdvereine, möchte den Fasan seinem Schicksal überlassen: »Dieses in Mitteleuropa nicht heimische Faunenelement«, urteilt die Dame, »dient letztlich nur jagdlichen Zwecken. Aus Gesichtspunkten des Artenschutzes oder der Erhöhung der Artenvielfalt ist das Auswildern nicht zu rechtfertigen.«
Auch die Geweihträger Dam- und Sikawild haben wie der Mufflon ihre Verbreitung in Deutschland vor allem feudalen Jagdherren zu verdanken. Damhirsche mit ihren mächtigen Schaufeln stammen aus Kleinasien. Die stärksten ziehen in Schleswig-Holstein ihre Fährte. Der Sikahirsch, etwas kleiner als das Rotwild, wurde aus Japan bis nach Westeuropa exportiert.
Ihre einstmals natürlichen Feinde, von Jägern und Bauern so gut wie ausgerottet, tauchen mittlerweile in Deutschland wieder auf: Wölfe kommen aus Polen, Luchse kehrten in den Bayerischen Wald zurück. Nun fürchten Jäger, daß sich diese Raubtiere an Birk- und Auerwild vergreifen, die ohnehin durch starke Biotopveränderungen gefährdet sind.
Doch dem Zuzug ist kaum Einhalt zu bieten: Fremdlinge wie Karmingimpel, Marderhund und Beutelmeise bereichern die ansässige Fauna. Mitunter kommt es zu Durchmischungen: Heimische Graugänse paaren sich mit Kanadagänsen, Mufflons mit Heidschnucken - Multikulti im Tierreich.
Besonders breitgemacht hat sich die Türkentaube, die es in gut 20 Jahren geschafft hat, auf fast allen Dächern Mitteleuropas umherzugurren. In Deutschland gehört sie inzwischen zu den jagdbaren Tieren, allerdings genießt sie nach dem Bundesjagdgesetz zum Zwecke ungestörten Brütens im Mai und Juni Schonzeit.
Ob die rund 400 neuen Arten, die in Mitteleuropa bislang registriert wurden, eine Gefahr oder eine Bereicherung für die heimische Tierwelt darstellen, darüber tobt der Streit unter den Experten - »Faunenbewahrer« contra »Faunenverfälscher«. Im württembergischen Fellbach und in Stuttgart haben 120 Biologen, Ökologen, Landwirte und Naturschützer schon 1995 versucht, das »unentwirrbar scheinende Knäuel« ungelöster Fragen ("Bild der Wissenschaft") aufzudröseln.
Über eine Definition, wer als Neubürger zu gelten hat, sind die Fachleute noch nicht hinausgelangt. Als echte Neozoen sollen danach Wildtiere gelten, die:
* sich erst nach 1492 (dem Jahr der Entdeckung Amerikas) außerhalb ihrer Heimat ausgebreitet haben;
* mit Hilfe des Menschen - absichtlich oder nicht - eingeschleppt wurden und
* ohne Nachschub einen Bestand gebildet haben, der sich selbst erhält - was etwa bei der an der Ruhr entdeckten Schmuckschildkröte noch nicht gesichert ist, weil sie erst mit zehn Jahren geschlechtsreif wird.
Umstritten bleibt aber, wem auf Dauer Asylrecht zu gewähren sei und wer besser wieder verschwinden sollte. So wollen die Faunenbewahrer der importierten Regenbogenforelle an die Kiemen gehen, weil sie scheinbar den Fortbestand der in Deutschland ansässigen Bachforelle gefährdet. Wegen angeblichen Eierdiebstahls soll der Waschbär kräftiger bekämpft werden. Halsbandsittiche sind schlecht gelitten, weil sie als Höhlenbrüter den Spechten die Brutplätze wegnehmen; die freilich finden so viele tote Bäume, daß sie mehr Höhlen schnitzen, als sie bewohnen können.
Die Anhänger einer natürlichen Dynamik im Tierreich haben mit diesen »konservativ-anthroponationalistisch denkenden Naturschützern« - so der Münchner Zoologe Josef Reichholf - nichts am grünen Hut. Reichholfs Rostocker Kollege Ragnar Kinzelbach meint: »Artensterben und Faunenvermischung sind Anpassungen an den Menschen. Sie demonstrieren nicht den Zusammenbruch des Ökosystems, sondern ganz im Gegenteil dessen Funktionsfähigkeit.«
Kinzelbach wirft den traditionellen Naturschützern - von ihren Gegnern »Hermann-Löns-Fraktion« gescholten - vor, sie wollten die Natur in einem willkürlich bestimmten Zustand konservieren.
Solch wissenschaftlich-ideologischer Disput ist dem Hamburger Biologen und Jagd-Journalisten Karl-Heinz Betz fremd: »Seit eh und je hat der Mensch Tiere und Lebensräume manipuliert; wenn sich hier neue Arten ansiedeln oder neue Arten angesiedelt werden, wäre es töricht, das rückgängig machen zu wollen. Ohnehin sind Naturlandschaften mit autochtoner Fauna in Deutschland Vergangenheit.«
Besonders heftig wird die Ausländerraus-Diskussion in der Schweiz geführt, wo auch das Muffelwild durch die Berge kraxelt. Nationalparkdirektor Heinrich Haller will »unsere Fauna und Flora in ihrem Ursprung erhalten und verhindern, daß irgendwelche Exoten die einheimischen Wildtiere verdrängen«. Der Tierarzt und Wissenschaftsautor Heini Hofmann nennt das »abstruse Überfremdungsängste«.
»Nicht nur menschliche Asylsuchende müssen leiden«, klagt Hofmann. Die Zürcher »Weltwoche« zog gleichfalls politische Parallelen: »Rassistische Wildbiologen«, schrieb das Blatt, »rufen zum Kampf gegen tierische Immigranten auf.«