TIERE »Die Wilden mit den gelben Augen«
Die Wildnis könnte ursprünglicher nicht scheinen. Vor zerklüfteten Schneegipfeln, im letzten Abendrot, reckt ein mächtiger Wolf den Kopf zum Geheul. Zwischen Farnen und Felsgestein halb verborgen, stimmt das ganze Rudel ein: ein schaurig-schöner Chor, dem eine Gruppe von Schulkindern mit offenem Mund lauscht.
»Darf me de strichle?« fragt auf schwyzerdütsch die achtjährige Colette - Isegrim ist ausgestopft. Die Jungen und Mädchen der Dorfschule von Schönenbuch bei Basel sind dem nachgestellten Räuber-Rudel zum Greifen nah, im schummrigen Innern eines alten Postbusses, mit dem der World Wide Fund for Nature (WWF) seit Ende Februar auf Wolfskampagne durch die Kantone kreuzt.
Vor naturgetreuer Kulisse, in der sogar den Duftmarken nachgeschnüffelt werden kann, will WWF-Mitarbeiter Michel Terrettaz »Mythen und Gerüchten auf den Pelz rücken« und Terrain für den Beutegreifer machen, denn: Der Räuber ist auf dem Weg zurück in den Alpenraum.
Von Italien her kommend, sind einzelne Wölfe bereits in den Bergkanton Wallis eingewandert, im Tessin und in Graubünden werden weitere Zuzügler erwartet. Auch in den französischen Seealpen ist, erstmals nach seiner Ausrottung zu Beginn dieses Jahrhunderts, der Wolf wieder los - ein Ereignis, das Faszination und Furcht zugleich verbreitet.
Verhaßter noch als die beiden anderen ehemals in den Alpen weitverbreiteten Großräuber Braunbär und Luchs, waren die Grauköpfe seit dem Mittelalter erbarmungsloser Verfolgung und landschaftlichen Veränderungen zum Opfer gefallen.
Die Abholzung der Bergwälder und der Schwund wilder Beutetiere nahmen den Wölfen Rückzugsmöglichkeiten und Nahrung. Jäger und Bauern stellten den Schafsdieben und Konkurrenten mit Gift, Fallen und Waffen nach, bis der Wolf, wie die beiden anderen Beutegreifer, als endgültig ausgerottet galt: Das letzte schweizerische Exemplar, berühmt geworden als mörderisches »Monstrum aus dem Wallis«, wurde 1947 von einem Wilderer erschossen und verstaubt seither im Museum der Walliser Kantonshauptstadt Sion.
Nun ziehen einsame Wölfe aus dem Apennin, wo ihr Bestand durch gesetzlichen Schutz und eine WWF-Kampagne innerhalb weniger Jahrzehnte auf etwa 400 Tiere angewachsen ist, in den südlichen Alpenbogen ein: Die Lebensbedingungen, so der Berner Wildbiologe Urs Breitenmoser, »sind dort so günstig wie seit Jahrhunderten nicht mehr«.
Hirsch, Reh, Gemse und Wildschwein - Leibspeisen des Hetzjägers - sind im Überfluß vorhanden, erläutert der Wissenschaftler, der schon die Wiederansiedelung der Luchse in der Schweiz betreut hat und jetzt für einen nationalen »Wolfsmanagementplan« verantwortlich ist. Die Wälder, die der Wolf als Rückzugsgebiete braucht, breiten sich in den Alpen aus. Gleichzeitig schwindet die Bevölkerung, weil die Landwirtschaft zunehmend unrentabel wird.
Dennoch ist die Zukunft des einst so zahlreichen Räubers, der allmählich auch in anderen europäischen Ländern wie Deutschland und Spanien seine Lebensräume wieder erweitert, nicht gesichert.
Die Wiederkehr des Wolfs hat in der Schweiz heftige Kontroversen ausgelöst: Als eingewanderte Wölfe in den Jahren 1995 und 1996 rund hundert Schafe im Wallis töteten, brach Empörung los - obwohl von den insgesamt über 500 000 Tieren in der Schweiz alljährlich weit mehr durch Unwetter umkommen. »Immer noch sieht die Landbevölkerung den Wolf als hemmungslosen Killer an«, so
* Phantasiedarstellung eines Überfalls auf eine ungarische Hochzeitsgesellschaft, Holzstich 1894.
Breitenmoser, »sein gesetzlich verordneter Schutz wird als Restriktion empfunden.«
So leben in den Gebirgsdörfern uralte Ängste wieder auf, während städtische Naturfreunde einen neuen romantischen Mythos hegen, der den Wolf verklärt.
Über die Bereicherung der Tierwelt, das ergab eine Umfrage des Schweizer Magazins »Facts«, freut sich vor allem die in den Städten lebende jüngere Generation. Bei ihr hat sich »das herkömmliche Bild vom bösen Wolf gewandelt«, wie Heinz Stalder sagt, WWF-Biologe in Zürich: »Der Wolf ist zum Symbol für wiedergeborene, unberührte Natur geworden.«
Doch Schäfer und Jäger beschimpfen die Wolfsfreunde als grüne Spinner und greifen zur Büchse. Vor allem im Wallis protestieren die Landleute gegen die unerwünschten Gäste, 50 Jäger machten sich - vergebens - auf die Spur eines Einwanderers. »Wir hier wollen keine Wölfe, wir kämpfen gegen sie«, sagt Daniel Lattion, dessen Herde bei Liddes grast, einem Dorf, das der Räuber bereits heimgesucht hat. »Wolf und Schaf, das geht nicht zusammen«, meint Armel Perrion, dem die Raubtiere Dutzende von Tieren rissen. Der WWF hatte Mühe, die zornigen Schäfer zur Annahme von Entschädigungszahlungen zu bewegen, mittlerweile kommt Bern für die Übergriffe auf.
Daß die Wölfe von den Naturschützern ausgesetzt worden seien, glaubt Narcisse Seppey, oberster Jagdaufseher des Wallis. Wildhüter werden nun in einem Sonderkurs »Großraubtiere« auf die Ankunft der Wölfe vorbereitet: »Wir sind umzingelt«, sagt Teilnehmer Bruno Auwalder. In den vergangenen 20 Jahren haben die Grenzgänger auf ihrem Weg aus den Abruzzen nordwärts jährlich rund 25 Kilometer zurückgelegt. »Der Wolf ist nicht mehr aufzuhalten«, konstatiert nun die »Basler Zeitung«.
Aufregung und Medienrummel herrschen auch im 200 Kilometer entfernt gelegenen französischen Nationalpark »Le Mercantour«, wo der italienische »Canis lupus« ebenfalls die Almen wieder besiedelt hat. In beiden Ländern hat sich die Schafhaltung als bequemer Nebenerwerb eingebürgert, der mit staatlichen oder EU-Subventionen großzügig gefördert wird. Sich selbst überlassen, grasen die Tiere in großen Herden auf den alpinen Hängen des Mercantour oberhalb der Côte d''Azur.
Nachdem schon Hunderte von Schafen von den Wölfen gerissen wurden - Paris zahlt für jedes Opfer rund 360 Mark -, demonstrierten im vergangenen Herbst Schäfer mitsamt ihren Tieren auf der Strandpromenade von Nizza. Mittlerweile bilden die Immigranten aus Italien schon 4 Rudel von insgesamt etwa 40 Tieren, und unter den 300 Schafzüchtern der Region herrscht »die blanke Wut«, wie Louis Giacomo aus dem Dorf Belvédère es ausdrückt, der als erster Schäden zu beklagen hatte.
Die Spannungen zwischen den Gegnern und Anhängern der »Wilden mit den gelben Augen«, so berichtete »France-Soir«, seien stetig gewachsen. Gaston Franco, Bürgermeister des Städtchens Saint-Martin-Vésubie, Hauptort des Mercantour, erklärt sich offen »für den Wolf« und wünscht sich ein friedliches Miteinander ("cohabitation"). Schon schmiedet der Lokalpolitiker Pläne für ein touristisches und wissenschaftliches »Wolfszentrum«.
Ungeniert sagen hingegen Schafzüchter und Jäger den laut Berner Konvention geschützten Wölfen den Krieg an. Mit dem Lastwagen erwischt und totgefahren habe er auf der Landstraße eine Wölfin, erzählt der Bauer Jacques Rigussini mit Genugtuung: »Super! Der Wolf hat mir schon zweimal ein Schaf gefressen, das reicht.«
Zu den entschiedensten Gegnern der Caniden gehört Hervé Raschiotto von der Landwirtschaftskammer des Département Alpes-Maritimes. Die Wölfe gingen bei ihren Attacken grausam und heimtückisch vor, sagt er, überdies seien ihre Rudel »faschistisch organisiert«.
Den Konflikt um die Wölfe schüren auch die Jäger: Sie beklagen die Abnahme der üppigen, eigens für die Jagd aus Korsika eingeführten Mufflonbestände im Mercantour und wollen das Revier nicht mit den Wölfen teilen.
Die extrem scheuen Tiere lassen sich jedoch auch im Nationalpark kaum blicken. So freut sich die Biologin Marie-Lazarine Poulle, die in Saint-Martin am Wolfsprojekt des EU-Artenschutzprogramms »Life« arbeitet, über jedes Trittsiegel, das identifiziert und vermessen werden kann. Wissenschaftler und Wildhüter klauben die Kothaufen einzeln auf, damit im Labor der Speiseplan des Wolfs analysiert werden kann. Gemse, Wildschwein und der im Schnee schwerfällige Mufflon, nicht zartes Lamm, das haben die Untersuchungen gezeigt, machen den Hauptanteil im Winter aus.
Um den Wolf von den Herden fernzuhalten, versucht die Life-Gruppe, den Schäfern wehrhafte Schutzhunde anzudienen: Wie in den Abruzzen, wo sie zu jeder Herde gehören, könnten die Hunde Übergriffe vereiteln. Doch der Umgang mit den weißpelzigen Wächtern muß gelernt werden, und auch sie können nicht ohne Aufsicht mit den Schafen unterwegs sein.
So wechseln an den Felswänden entlang den Serpentinen, die sich ins Hochgebirge des Mercantour winden, die weißgepinselten Schmähparolen auf den Wolf ("A bas les loups!") mit den Hochrufen ("Vive les loups!").
Die Aufregung über den listigen Beutegreifer hat gerade in Frankreich Tradition: Von der katholischen Kirche, deren Symbol das Unschuldslamm ist, wurde er verteufelt und als Inkarnation des Bösen verfolgt. Die Wahnvorstellung vom reißenden Werwolf, in den sich Menschen verwandeln konnten, kostete zu Zeiten der Inquisition unzählige Menschen das Leben: Allein 600 angebliche Werwölfe wurden in den Jahren 1598 bis 1600 von einem Richter im französischen Jura ins reinigende Feuer geschickt.
Als »Bestie von Gévaudan« wurde ein Wolf legendär, der im 18. Jahrhundert im Languedoc und in der Auvergne gewütet haben soll. Gigantische Treibjagden auf den mutmaßlichen Frauen- und Kinderfresser, an denen sich die besten Jäger des Königs und bis zu 20 000 Bauern beteiligten, machten das Fabelwesen zur Berühmtheit.
Noch heute werde spekuliert, ob »die Bestie« ein Wolf, ein Bastard von Hund und Wolf oder eher ein Sadist oder menschlicher Kinderschänder gewesen sei, erzählt André Galtier. Der 70jährige Leutnant der Wolfsgarde ist mit seinem historischen Amt selbst ein Relikt aus den alten Zeiten der Wolfshatz: Karl der Große richtete einst das Korps ein, das die Dörfler und ihre Herden vor »Ysengrin« zu schützen beauftragt war.
Ansässig in Saint-Martin-Vésubie, mußte Galtier sich bislang damit begnügen, als eine Art Jagdpolizist zu fungieren und allerlei wildes Kleingetier zu beaufsichtigen. Nun sieht er seine Zeit gekommen, nicht als Verfolger, sondern als Sympathisant seines einstigen Gegners. Den schätzt er - wenn er in Maßen auftritt - »weil er sich die Schwachen und Kranken heraussucht und so die Wildbestände reguliert«.
Dabei gehe das Rudel »schlau und ökonomisch vor«, weiß Galtier: »Der Wolf beobachtet, denkt nach und entscheidet.« Deshalb werde er alle Nachstellungen und Wilderei überleben, glaubt der Wolfsgardist.
Die italienischen Nachbarn, die eine Wölfin als Amme der Gründer Roms wertschätzen, praktizieren indessen ein friedliches Zusammenleben mit den wieder verbreiteten Raubtieren. In den Höhen des süditalienischen Kampaniens sind Wölfe mittlerweile ebenso anzutreffen wie vor Genua und bei Turin.
»Sogar mitten in der Toskana, wo heute viel Ackerland brachliegt, kann man sie
* Im Wolfsgehege Langenberg bei Zürich.
nachts heulen hören«, berichtet der Wolfsforscher Erik Zimen, der Projekte in den Abruzzen und ein Wolfsgehege im Bayerischen Wald betreute und zu Forschungszwecken selber im Rudel mitheulte.
Auch in Spanien, am Rande großer Städte wie León, würden die Wölfe geduldet, berichtet Zimen. Die anpassungsfähigen Räuber begnügen sich dort mit Kleingetier wie Kaninchen und Mäusen oder auch mit Aas: »Fehlt den Leuten mal ein Schaf oder eine Ziege«, sagt Zimen, »wird das eher gelassen hingenommen.«
Überlebt haben die Wölfe vor allem in Rumänien, wo sie sich sogar unbehelligt auf Müllhalden bedienen. In den Karpaten entwickeln derzeit deutsche Wolfsschützer und -forscher, gefördert von der Stiftung Europäisches Naturerbe, vom rumänischen Forschungsministerium und vom Outdoor-Ausrüster Jack Wolfskin, gemeinsam mit der Landbevölkerung einen devisenbringenden Wolfstourismus. Weil der Wolf »nicht unbedingt nur ein Tier der Wildnis ist«, meint Zimen, fehle es auch in Deutschland nicht an geeignetem Lebensraum: »Ob bei Kassel oder vor Berlin, es gibt Wald genug und mehr Wild als je zuvor.«
Friedliche Koexistenz gelingt jedoch nur, wenn die Schafe traditionell gehütet werden und sich ein zeitgemäßes Bild vom Wolf durchsetzen kann. Nicht als blutrünstige Bestien, sondern als gesellige Großfamilie mit hochentwickeltem Sozialverhalten hat Zimen die Wölfe erlebt.
Die gemeinsame Jagd macht Arbeitsteilung und klare Regeln des Zusammenlebens erforderlich: Der dominierende Alpha-Rüde ist keineswegs Alleinherrscher, sagt Zimen, sondern »abhängig von der Stimmung im Rudel«. Vorrang habe das Matriarchat: »Die wirklich zentrale Figur ist die Alpha-Wölfin: Sie schart als Helferin für die Aufzucht der Jungen die erfahrenen Rüden um sich und läßt jagen.«
Durch Bienenstiche oder Pferdehufe seien im Laufe der Jahrhunderte weit mehr Menschen zu Tode gekommen als durch die Reißzähne des Wolfs. Wer wie Zimen die scheuen Wölfe in freier Wildbahn erlebt hat, dem kommen »all die Gruselstorys völlig absurd vor«. Wenn in den Abruzzen ein Schäfer mit dem Stock auf sie zuläuft, hat der Verhaltensforscher Wölfe fortrennen sehen, »so schnell sie können«.
»Wenn wir mit einem relativ harmlosen Tier wie dem Wolf nicht zurechtkommen«, fragt sich Zimen, »wie können wir verlangen, daß in Indien die Tiger und in Afrika die Elefanten geschützt werden?«
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Kartenausriß - Verbreitung der Wölfe
[GrafiktextEnde]
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Kartenausriß - Verbreitung der Wölfe
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* Phantasiedarstellung eines Überfalls auf eine ungarischeHochzeitsgesellschaft, Holzstich 1894.* Im Wolfsgehege Langenberg bei Zürich.