TERRORISMUS Abgang ins Ungewisse
Ihren Abgang besiegelte die Rote Armee Fraktion (RAF) mit rund hundert Anschlägen - pro Zeile. Acht Seiten Schlußkommuniqué, säuberlich in Kapitel aufgeteilt, die eigenen Toten aufgelistet, am Ende gestempelt mit dem RAF-Emblem, einer stilisierten Maschinenpistole, Marke Heckler & Koch, in fünfzackigem Stern.
Die letzte Wortmeldung der Baader-Meinhof-Erben ist eine Mischung aus wüsten Anmaßungen, Selbstgerechtigkeit und späten Einsichten. Die verbliebenen Kader rühmen noch postum den bewaffneten Kampf und beteuern die »Legitimation der Revolte«, auch wenn man »keinen Weg zur Befreiung« habe aufzeigen können. Für die Opfer finden die Verfasser nicht ein Wort des Bedauerns. Nur daß sie es, anders als die baskische Eta oder die irische IRA, versäumt haben, den Terror-Kommandos einen legalen, politischen Flügel an die Seite zu stellen, gestehen die Autoren als Fehler ein.
Ihren Nachruf aus dem politischen Jenseits stellte die RAF am vergangenen Montag der Nachrichtenagentur Reuters zu.
Seit Jahren war die Konkursmeldung von der linken Szene und von Staatsschützern gleichermaßen erwartet worden. Heimlich hatten die Behörden Wirtschaftsführern und Politikern bereits Entwarnung signalisiert. Anschläge gegen Personen seien nicht mehr zu befürchten. Bayern erklärte im Januar 1997 den einstigen Staatsfeind Nummer eins sogar für »nicht mehr existent«.
Dabei hatte der 28 Jahre währende Kampf der »6 gegen 60 Millionen« (Heinrich Böll) das Land verändert wie kaum ein anderes Ereignis der westdeutschen Nachkriegsgeschichte. Der Terror-Herbst 1977 mit der spektakulären Entführung und späteren Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer war die Geburtsstunde des deutschen Fahndungsstaates.
Als die Vision vom Ende in der letzten Woche Wirklichkeit wurde, war von Genugtuung oder Freude wenig zu spüren. Kein Wort des Kanzlers, nur eine knappe Meldung in der »Bild«-Zeitung und ein paar Kommentare aus der zweiten Reihe. Eine zaghafte Diskussion über eine mögliche Amnestie oder die Rücknahme der Anti-Terror-Gesetze währte nur wenige Tage.
Bei den zuständigen Sicherheitsbehörden mischt sich in die Erleichterung über den stillen Abgang der Linksguerrilla eine gehörige Portion Frust. Denn die Niederlage der RAF markiert auch das eklatante Versagen hochgerüsteter Fahndungsabteilungen. Keines der Verbrechen seit 1985, zu denen sich die RAF bekannte, ist auch nur annähernd aufgeklärt - ausgenommen der Bombenanschlag auf die Frankfurter U. S. Air Base (2 Tote, 23 Verletzte) im August jenes Jahres.
Wer zur dritten Generation der Guerrilla gehört, der neben dem Siemens-Manager
Karl Heinz Beckurts, dem Chef des Rüstungskonzerns MTU Ernst Zimmermann und dem Spitzendiplomaten Gerold von Braunmühl auch der Chef der Deutschen Bank Alfred Herrhausen und Treuhandboß Detlev Karsten Rohwedder zum Opfer fielen, liegt völlig im dunkeln. Die Morde, so fürchten Ermittler, könnten für immer unaufgeklärt bleiben. Alt-Kanzler Helmut Schmidt mahnt, »Grund zur Genugtuung« könne es erst geben, wenn »alle Täter vor Gericht gestellt wurden«.
Nach insgesamt sechs Personen, vier Frauen und zwei Männern, fahndet der Generalbundesanwalt per Haftbefehl. Als sich 1996 der als Spitzenmann der RAF gesuchte Christoph Seidler den Ermittlern stellte, wurde das Fahndungsfiasko offenbar. Der 40jährige Arztsohn galt als Kopf des Kommandos, das Bankchef Herrhausen 1989 in seiner gepanzerten Limousine in die Luft gesprengt hatte.
Mittlerweile ist höchst fraglich, ob die Karlsruher Ermittler gegen Seidler überhaupt noch Anklage erheben werden. Der Bundesgerichtshof hat die Bundesanwälte kräftig abgewatscht. Die Richter sehen es nicht einmal als erwiesen an, daß Seidler, der 1984 in den Untergrund abgetaucht war, jemals zur RAF gehörte.
Auch die gesuchten Barbara Meyer, Sabine Elke Callsen und Andrea Klump gehören nach Überzeugung von RAF-Experten des Verfassungsschutzes nicht zur Truppe. Nur bei Daniela Klette, Ernst- Volker Staub und Horst Ludwig Meyer sind sich die Anti-Terror-Profis relativ sicher. »Wer der Kommandoebene heute wirklich noch angehört«, sagt der hessische Verfassungsschutzchef Hartmut Ferse, »ist in Teilen Kaffeesatzleserei.«
Ihr Wissen über die RAF beziehen die Fahnder schon seit Jahren fast ausschließlich durch sporadische Wortmeldungen aus dem Untergrund. Die Frage, warum die Terroristen 1996 plötzlich zu korrekter Groß- und Kleinschreibung übergingen, oder die Überlegung, ob Formulierungen wie »staatliche Organe der BRD« auf den Einzug eines Ostdeutschen in die RAF-Spitze hindeuteten, beschäftigte Dutzende von Analytikern.
Vor zwei Jahren schreckten Düsseldorfer Verfassungsschützer ihre Kollegen mit der kühnen These, möglicherweise arbeite im Untergrund »nur noch ein einzelnes Mitglied« an den Texten - ein letzter »Lordsiegelbewahrer«? (Fahnder-Spott). Der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Peter Frisch, will sich nicht festlegen, »ob das nur noch eine Handvoll sind oder doch noch mehr als zehn«.
Selbst als GSG-9- und BKA-Beamte 1993 im mecklenburgischen Bad Kleinen die beiden RAF-Kader Wolfgang Grams und Birgit Hogefeld stellten, führte dies nicht zu einem Fahndungsdurchbruch. Die beiden trugen zwar Wohnungs- und Fahrradschlüssel, Hogefeld sogar eine in Göttingen ausgestellte Bahncard bei sich, doch wo und wie die Gesuchten lebten, ist bis heute ungeklärt. Hogefeld stand mit ihrer Mutter im hessischen Taunusstein in regem Briefkontakt und hatte mit ihr sogar Selbstgebackenes und Marmelade ausgetauscht. Massenhaft Hinweise auf eine normale bürgerliche Existenz. Den Fahndern halfen sie nicht weiter.
»Wir stochern im dichten Nebel«, räumt ein Terrorismusspezialist ein. Kein Nachbar, kein Zeitungsverkäufer, kein Bäcker meldete sich, nachdem Fotos der beiden veröffentlicht worden waren. Das Bundeskriminalamt (BKA) griff, wohl aus Verzweiflung, immer wieder auf die Fahndungsmethoden der siebziger Jahre zurück: Wer zahlt Strom und Miete in bar, wer bevorzugt abgelegene Gehöfte in der Provinz? Greifbare Ergebnisse: keine.
Einigermaßen klar scheint nur, wie sich die RAF bis zuletzt finanzierte. 1990 erbeuteten die Terroristen die Pfingstsamstagseinnahmen eines Duisburger Massa-Marktes - gewöhnliche Gaunerei im Dienst der Revolution.
Wie klamm die Staatsschützer sind, zeigte sich vergangene Woche auch bei der Begutachtung des RAF-Schreibens. Der ehemalige BKA-Chef Horst Herold zweifelte in einer ersten Reaktion an der Authentizität des Werkes - es war ausgerechnet an Hitlers Geburtstag bei Reuters im Briefkasten gelandet. An einem solchen Tag, so Herold, »löst sich eine RAF, wie ich sie gekannt habe, nicht auf«.
Doch an der Echtheit der RAF-Abmeldung gibt es - zumindest formal - mittlerweile keinerlei Zweifel mehr. Die kriminaltechnische Untersuchung ergab winzige Eigenheiten des verwendeten Druckstocks für das RAF-Emblem. Er war schon bei früheren Erklärungen benutzt worden. Auch sonstige Spezifika wie Briefmarken mit Frauenköpfen oder die Verwendung eines Baumnamens ("Platanenstraße") im fiktiven Absender sind typisch.
Zur Enttarnung des oder der anonymen Autoren taugen solche Erkenntnisse wenig. Auch der Inhalt des Schreibens lädt eher zu Spekulationen ein. Die Erklärung trägt die Datumszeile März 1998. Doch erst in der vorvergangenen Woche wurde das Schreiben in Chemnitz abgeschickt - warum? Unter den aufgezählten »Märtyrern« des Kampfes findet sich der Name Gerd Albartus. Der war Aktivist der Revolutionären Zellen und zu keiner Zeit Mitglied der RAF. Hinzu kommt: Albartus wurde im Nahen Osten von seinen eigenen Genossen hingerichtet - weil er im Verdacht stand, ein Verräter zu sein.
Die Besonderheiten der Kapitulationserklärung lassen die Sicherheitsbehörden schon wieder neue Gefahren wittern. Weil man überhaupt nicht wisse, wer hinter dem Papier stecke, könne man auch nicht einschätzen, wer sich daran gebunden fühle. Generalbundesanwalt Kay Nehm und Verfassungsschutzchef Frisch fürchten, andere Linksgruppierungen könnten die RAF-Nachfolge antreten und ein »eigenes Gewaltkonzept« auflegen. Klar, daß da an Personalabbau nicht zu denken ist.
Der durchgängig selbstgerechte Duktus des RAF-Schlußbriefes macht den Sicherheitspolitikern die harte Haltung leicht. Die Revolution bleibt im Programm.
Dabei hatten inhaftierte RAF-Kader wie Helmut Pohl oder Birgit Hogefeld die Gruppe schon vor zwei Jahren gemahnt, endlich Schluß zu machen. In der vergangenen Woche begrüßte die in Frankfurt-Preungesheim einsitzende Hogefeld die überfällige Entscheidung ihrer ehemaligen Mitkämpfer, kritisierte aber, es fehlten »Worte des Bedauerns« für die Opfer.
Eine Terror-Truppe will nicht mehr, wohin mit den Altlasten des bewaffneten Kampfes? Die »ehemaligen Militanten der RAF« (Abschiedsbrief) bleiben Gejagte.
Schon wenige Tage nach der Kapitulation diskutierten immerhin staatliche Anti-Terror-Experten über ihre zukünftige Strategie: Weiter kompromißlos fahnden oder eine Neuauflage des Aussteigerprogramms des Verfassungsschutzes wagen?
Beinahe im Alleingang hatte ein Oberamtsrat, Deckname Hans Benz, seit 1987 ein halbes Dutzend Gesuchte aus der Illegalität zurückgelockt - unter ihnen auch Christoph Seidler. Die Verantwortlichen in Bonn haben das politisch heikle Projekt mittlerweile gestutzt, viel läuft nicht mehr. Zudem ist unter den Selbststellern bisher nie ein Mitglied des harten Kerns der RAF gewesen. Und stellen würden sich wohl auch künftig nur die zu Unrecht zu den Mördern Gezählten - für die tatsächlichen Täter können die Staatsschützer wenig tun.
Die ständige Angst vor Aussteigern, Verrat und V-Leuten könnte die Benz-Variante für die letzten Illegalen auf lange Sicht vielleicht doch noch interessant machen. Denn schon vor zwei Jahren meldeten die Desperados fast bedauernd aus dem Untergrund, sie könnten sich »schließlich nicht in Luft auflösen«.
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Ehemals führende RAF-Terroristen in deutschen Gefängnissen
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Ehemals führende RAF-Terroristen in deutschen Gefängnissen
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* RAF-Foto des Entführten von 1977.