MILITARY Schock für die Haudegen
Schon im Alter von zwei Jahren war sie die Chefin auf der Weide. Das bekamen auch die Züchter zu spüren, als sie im Herbst ihre jungen Pferde zurück in den Stall holen wollten. Brilliante galoppierte einfach davon - und die Herde rannte hinterher.
Neun Jahre später hat die braune Holsteiner Stute noch immer das Kommando. Beim Springen über Hindernisse überläßt Reiterin Inken Johannsen, 23, dem Pferd die Führung. Noch nie sind die beiden gestürzt: »Brilliante paßt gut auf uns auf.«
Wie geschickt die Stute wirklich ist, bewies sie jetzt im Heidedörfchen Luhmühlen. Am vorletzten Wochenende gewann das Gespann dort die härteste Reitprüfung Deutschlands, die einmal im Jahr abgehaltene internationale Military. Locker schlug die Hobbyreiterin aus Tornesch bei Hamburg die weltbesten Geländereiter aus dem Feld, darunter auch Profis wie den amtierenden Olympiasieger aus Neuseeland.
»Brilliante ist derzeit unser bestes Militarypferd«, schwärmt Bundestrainer Martin Plewa, »diesem Traumpaar gehört die Zukunft.«
Verblüfft registrierte die Reiterwelt, wie spielerisch die beiden ihren Sensationssieg zustande brachten. Denn gemeinhin gilt der Pferde-Dreikampf, auch Vielseitigkeitsreiterei genannt, als Knochenarbeit. Die Pferde müssen nicht nur eine präzise Dressur zeigen und den üblichen Hindernisparcours für Springreiter fehlerfrei bewältigen; den Höhepunkt bildet eine Art Hürdenlauf durchs Gelände, bei dem die Rösser über meterdicke Baumstämme springen, Mauern oder Gräben überwinden und durch knietiefe Teiche galoppieren.
Besonders diesen sechs Kilometer langen Querfeldeinritt bekämpfen selbsternannte Tierfreunde als Schinderei. Immer mal wieder ketten sie sich an die massiven Naturhindernisse. Um so überraschter waren nun die eigens nach Luhmühlen gereisten Tierschutzbeauftragten der Bundesländer, als sie sahen, mit welcher Leichtigkeit Brilliante über die Hindernisse hinwegflog.
Kein Wunder, daß ihre Reiterin im Wettkampf so gelassen blieb. Noch eine halbe Stunde vor Beginn der alles entscheidenden Springprüfung schlief sie seelenruhig auf einer Parkbank: »Ich war einfach ziemlich müde.«
Das kam auch von dem anstrengenden Training. In den Wochen vor dem Wettkampf fuhr sie regelmäßig spätabends nach der Arbeit mit ihrem Pferd in die Lüneburger Heide, um das ausdauernde Galoppieren zu üben: »Einmal wäre ich fast am Steuer eingepennt.« Zur Entspannung ging die Reiterin viel mit ihrem Pferd im Wald spazieren, was aber ebenfalls nicht ohne Zwischenfälle ablief. »Als ein Hund aus dem Gebüsch sprang, hat sich Brilliante losgerissen«, erzählt die Reiterin, »zum Glück konnte ein Motorradfahrer sie auf der Bundesstraße einfangen.«
Die Industriekauffrau entspricht so gar nicht dem Klischee einer verwöhnten Tochter, deren reiche Eltern reihenweise teure Auktionspferde in den Stall stellen. Familie Johannsen züchtet Holsteiner Pferde noch selber, und zwar seit Generationen. Auch Brilliante kam auf dem elterlichen Bauernhof zur Welt. Inken Johannsen hat die Stute selber angeritten und ausgebildet.
»Oft habe ich daran gezweifelt, daß ich das hinkriege«, erinnert sie sich. Schließlich sei Brilliante mitunter ziemlich zickig. Lange Zeit weigerte sich die Stute beharrlich, mit ihrer Reiterin ins Wasser zu springen: »Wenn sie etwas nicht will, kann ich sie nicht zwingen.« Nur mit viel Geduld klappte es irgendwann doch noch.
Als auf ländlichen Turnieren das Ausnahmetalent des Pferdes sichtbar wurde, kamen lukrative Angebote. Ein bekannter Spring-Altmeister bot 150 000 Mark. Die Reiterin wurde unsicher. »Ich bin nicht so stark«, erklärte sie ihren Eltern, »vielleicht könnte ein Berufsreiter viel mehr aus dem Pferd herausholen.« Der Familienrat, zu dem auch ihre vier Brüder gehören, tagte - und lehnte ab.
Eine richtige Entscheidung, lobt der Military-Bundestrainer. »Kein Profi könnte das Pferd besser reiten, im Gegenteil«, urteilt Plewa. Johannsens Schwäche sei in Wahrheit ihre Stärke. »Sie reitet kompromißbereiter und läßt diesem sensiblen Pferd den Freiraum, sich zu entfalten.«
Der Jungstar ist nicht die einzige erfolgreiche Vielseitigkeitsreiterin. Bereits im letzten Jahr wurde die deutsche Berufsreiterin Bettina Overesch mit ihrem Erfolgsschimmel Watermill Stream Europameisterin. Gemeinsam gelang den Amazonen in Luhmühlen diesmal sogar ein einmaliger Durchmarsch: Auf den ersten zehn Plätzen
* Während der Military in Luhmühlen am 11. Juli.
landete nur ein Mann, der Neuseeländer Andrew Nicholson.
Für die Haudegen des Pferdesports ist das ein Schock. Lange Zeit war die Military, entstanden einst aus der Soldaten-Reiterei, nur etwas für harte Kerle. »In der Vergangenheit wurde im Gelände viel brutaler aufgebaut, die Hürden waren höher, schwerer und breiter«, sagt Plewa. »Früher mußte der Reiter sein Pferd vor allem mit Kraft, Mut und Kampfgeist über die Hindernisse bringen, und darin waren die Männer den Frauen meist überlegen.«
Doch in den letzten Jahren hat sich der Macho-Sport Military radikal verändert. Die Geländehindernisse sind heute weniger klotzig, müssen dafür aber mit größerer Geschicklichkeit gemeistert werden; plötzlich sind eher weibliche Tugenden gefragt. »Heute wollen wir intelligente Pferde sehen, die vieles von alleine machen«, erläutert Plewa. »Gerade für solche Tiere ist es aber enorm wichtig, daß die Reiter zu ihnen eine Vertrauensbasis aufbauen; und das kriegen die Frauen offenbar besser hin.«
Der deutsche Military-Chef, ein gelernter Gymnasiallehrer, hält es für möglich, daß seine nächsten Weltmeisterschafts- und Olympiamannschaften nur noch aus Frauen bestehen - was einer Kulturrevolution gleichkäme.
Zumindest Inken Johannsen wird bei der Reiter-WM in Rom in diesem Herbst wohl dabeisein. An ihrem Alltag ändert sich durch den sportlichen Erfolg allerdings kaum etwas. Leben kann die neue deutsche Military-Meisterin von der Reiterei nicht. Am Tag nach ihrem Sieg ging sie schon wieder arbeiten und schrieb an ihrer Diplomarbeit in Betriebswirtschaftslehre.
Vielseitigkeitsreiter zählen zu den armen Schluckern des Sports. Obwohl sie für die schweren Prüfungen jahrelang mit ihren Pferden trainieren und Tausende von Mark in die Ausrüstung investieren müssen, sind die Siegprämien meilenweit von den Gagen der Tennis-Millionäre entfernt. Für ihren Sieg bei der Military in Luhmühlen, die als eine der schwersten der Welt gilt, kassierte Inken Johannsen 11 000 Mark.
Von dem Preisgeld will sie sich nun als erstes, für 200 Mark, einen neuen Reithelm kaufen. Der Sturzhelm, den sie während des Geländeritts in Luhmühlen trug, war eine Nummer zu groß. Beim Sprung ins Wasser rutschte er ihr ins Gesicht: »Ein paar Meter konnte ich überhaupt nicht sehen, in welche Richtung wir galoppieren.«
* Während der Military in Luhmühlen am 11. Juli.