GEDENKEN Unser Haus in Oswiecim
Der Sommer 1939 war eigentlich wie immer«, erinnert sich Felicia Haberfeld, 87. In Os wiecim, einer kleinen Stadt am Ufer des Sola-Flusses im Südwesten Polens, lebten Juden und Katholiken einträchtig vor sich hin.
Still blieb es an Samstagen und Sonntagen; die Geschäfte ruhten in der ganzen Stadt mit ihren 14 000 Einwohnern - am Sabbat wegen der Juden, am Sonntag wegen der Christen. »Wir sind gut miteinander ausgekommen«, sagt Felicia Haberfeld, »jeder hat den anderen respektiert.«
Os wiecim hatte auch einen deutschen Namen: Auschwitz. Aber der stand nur auf alten Landkarten und bedeutete noch gar nichts.
Im Juli 1939 bereitete sich Felicia Haberfeld auf die längste Reise ihres Lebens vor: zur Weltausstellung nach New York, wo ihr Mann Alfons die Produkte seiner Firma präsentieren und sich umsehen wollte, was die Konkurrenz so macht. Sie waren seit drei Jahren verheiratet und hatten eine zweijährige Tochter, Franciszka Henryka, die bis zur Rückkehr der Eltern bei den Großeltern in Krakau bleiben sollte.
Ein einziges Foto ist der Mutter von ihrer Tochter geblieben: »Sie wäre heute 61.«
Felicia Haberfeld lebt in einem schönen Haus in der Blackburn Avenue in einer der besseren Gegenden von Los Angeles, geht im »Farmer's Market« einkaufen oder bei »Canter's« in der Fairfax Avenue essen, doch in Gedanken ist sie oft in Os wiecim. Wenn ihr Sohn Stephen, der 1944 in Baltimore an der Ostküste geboren wurde, seine Mutter anruft, dann lautet ihre erste Frage fast immer: »Hast du etwas Neues aus Os wiecim gehört?«
Ja, es gibt etwas Neues aus Auschwitz: ein Fax vom stellvertretenden Bürgermeister. Kazimierz Plonka teilt den »sehr geehrten Herrschaften« in Los Angeles mit, daß der Rat der Stadt beschlossen habe, ohne weiteren Aufschub das »Haberfeld-Haus« zum Verkauf auszuschreiben. Jetzt, sagt Stephen, »kann nur noch ein Wunder helfen«.
Seit acht Jahren kämpfen die Haberfelds darum, das einst herrschaftliche, inzwischen hinfällige Gebäude zu retten - um es für einen symbolischen Zins von einem Dollar pro Jahr an jemanden zu verpachten, der das Haberfeld-Haus wieder mit Leben erfüllt. Denn Os wiecim, sagt Felicia Haberfeld, »war nicht immer ein Ort des Todes«.
Die Tochter aus einer wohlhabenden und kaisertreuen jüdischen Familie, 1911 in Krakau geboren, hatte ein privates Gymnasium besucht und an der Krakauer Universität deutsche Literatur studiert - ihre Abschlußarbeit schrieb sie über »Heinrich Heines Urteil über die Romantik und die Romantiker«.
1936 machte sie eine »gute Partie«, sie heiratete Alfons Haberfeld, den Erben und Direktor der »Dampffabrik feiner Liqueure - Jakob Haberfeld« in Os wiecim, gegründet 1804. Mit 50 Arbeitern und Angestellten war der Betrieb relativ groß, und die Haberfelds zählten zu den angesehenen Bürgern der Stadt.
Eine Reise nach New York war in jenen Tagen ein Luxus, den sich nur wenige leisten konnten. Man fuhr mit dem Schiff, hin mit der MS »Batory«, zurück mit der MS »Pilsudski«. Während der Rückreise brach der Krieg aus. »Wir schauten uns gerade einen Film mit Fred Astaire und Ginger Rogers im Bordkino an«, erzählt Frau Haberfeld, »als man uns sagte, daß wir nicht nach Polen zurückkönnen.«
Das Schiff dampfte zuerst nach Inverness in Schottland, von dort nach Newcastle-upon-Tyne, wo die Passagiere nach sechs Wochen von Bord gehen durften. »Die Katholiken kamen in Klöstern unter, die Juden bei jüdischen Familien.«
Im Dezember 1939 reisten die Haberfelds wieder in die USA zurück, nachdem sie alles, was entbehrlich war, verkauft hatten, um die Schiffspassage zu bezahlen. 1942 traf ein letztes Lebenszeichen von Felicias Eltern aus Krakau in den USA ein, eine Postkarte.
Alfons Haberfeld, Absolvent der Wiener Hochschule für Welthandel, nahm jeden Job an, den er bekommen konnte. Er rollte Fässer in einer Brauerei und packte Kleider im »Schmattesbusiness« (Textilhandel). Die Rezepte für die Liköre, die er in Polen produziert hatte, waren an einem sicheren Ort verwahrt: in seinem Kopf. Eines Tages schrieb er sie in ein Buch, auf deutsch, damit sie keiner verstehen und klauen konnte.
Haberfeld wußte unter anderem, »wie man Eierlikör herstellt, der sich in der Flasche nicht in seine Bestandteile auflöst«. Damit wurde er nicht reich, aber es reichte, um die Familie anständig zu versorgen und dem Sohn Stephen den Besuch von Princeton und der Harvard Law School zu ermöglichen.
Doch Amerika war nur ein Warteraum: »Mein Mann hatte immer eine fertig gepackte Tasche neben seinem Bett, um nach Polen zurückgehen zu können, wenn es soweit war.« 1967 fuhr das Ehepaar zu Besuch nach Os wiecim. Was sie dort sahen, machte ihren Traum von der Heimat zunichte. Die Fabrik und das Haus waren 1945 »nationalisiert« worden und in einem Zustand wie zahllose andere Gebäude »im Volksbesitz«.
Wieder in Los Angeles, packte Alfons Haberfeld die Tasche aus, diesmal »for good«. Die Wirklichkeit hatte ihn eingeholt, 28 Jahre nachdem er Os wiecim verlassen hatte. »Er war nicht mehr derselbe«, sagt seine Frau; 1970 starb Haberfeld, 66 Jahre alt, »an gebrochenem Herzen«.
Dann passierte mehr als 20 Jahre lang nichts. Im Mai 1991 aber, in Polen hatte der Kommunismus inzwischen kapituliert, schrieb ein alter Freund der Familie aus Os wiecim, daß die Stadtverwaltung Fabrik und Haus versteigern wollte.
»Wir erhielten den Brief an einem Donnerstag«, erinnert sich Stephen, »die Auktion war für den Dienstag darauf terminiert. Am Samstag war ich im Flugzeug nach Frankfurt, am Sonntag traf ich in Krakau ein und fand gleich einen polnischen Anwalt, der Englisch konnte, und am Montag saß ich dem Stadtpräsidenten von Os wiecim in seinem Büro gegenüber.« Er war damals der jüngste polnische Bürgermeister, ein Mann der Solidarnos c.
Stephen Haberfeld überredete den Bürgermeister, die Versteigerung abzusagen und der Familie ein Vorkaufsrecht zu gewähren: »Man hat uns großzügig erlaubt, unser Eigentum zurückzukaufen.« Seitdem bemüht sich Stephen Haberfeld, einen Sponsor zu finden. Das Problem ist nicht der Kaufpreis, den die Stadt verlangt, sondern es sind die Kosten der Renovierung.
Von den Juden, die vor dem Krieg in Os wiecim gelebt haben, sagt Felicia, »ist nichts übriggeblieben«. Das Haberfeld-Haus wäre »ideal für ein Museum, eine Bibliothek, ein Kulturzentrum«, man könnte es auch zu einem Hospiz ausbauen für Jugendliche, die Auschwitz besuchen. Nur: »Wir können es nicht tun, das kann nur eine Stiftung oder eine Organisation.«
Die Lauder Foundation etwa könnte es, die unter anderem Geld für das »Auschwitz Preservation Project« sammelt, bislang rund 25 Millionen Dollar. Sie fühlt sich jedoch nur für die toten Juden zuständig. »Wir kümmern uns nur um das Lager«, sagt Kalman Sultanik von der Stiftung, »nicht um Os wiecim.«
Die Stadt aber will die Sache vom Tisch haben. »Wir haben jetzt acht Jahre gewartet, niemand kann uns vorwerfen, wir hätten keine Geduld gehabt«, sagt Vizebürgermeister Plonka. Nun soll das Haus »für ein paar Groschen« zum Kauf angeboten werden, genau sind es 353 000 Zloty, rund 180 000 Mark. »Wenn wir keinen Käufer finden, muß das Haus abgetragen werden.« Der Abriß würde über eine halbe Million Zloty kosten, ein Vermögen für das arme Os wiecim.
»Jedes Jahr kommen Hunderttausende von Touristen nach Auschwitz, aber wir haben nichts davon«, klagt Tomasz Matula, der zweite stellvertretende Bürgermeister, »die meisten wissen gar nicht, daß es eine Stadt Os wiecim gibt.« Nur selten verirre sich ein Lager-Besucher auf die andere Seite des Flusses.
»Haben die Juden vergessen, daß hier mal Juden gelebt haben?« fragt Plonka, Jahrgang 1937: »Os wiecim ist älter als Auschwitz, aber sie kommen nicht nach Os wiecim, sie kommen nur nach Auschwitz.« Sein Kollege Matula, 1966 geboren, glaubt zu wissen, warum das so ist. »Ich habe den Eindruck, daß die Juden Os wiecim wie einen Friedhof behandeln.«
So liegt es an den Juden, daß das Lager boomt und die Stadt darbt. Doch warum sollten Juden Os wiecim besuchen? Kein Stein, keine Tafel, keine Plakette an einer Hauswand erinnert daran, daß bis 1939 über die Hälfte der Bürger Juden waren.
Dafür wissen die beiden Vizebürgermeister ganz genau, warum es mit der Ökonomie der Stadt nicht vorangeht. »Eine gewisse Lobby macht alles, damit die Stadt sich nicht entwickelt. Ausländische Investoren werden entmutigt«, sagt Matula. Vor allem deutsche Unternehmer, die sonst gern in Polen arbeiten lassen, würden »durch den Namen abgeschreckt«.
Und er kann nicht verstehen, warum die Herkunftsbezeichnung »Made in Auschwitz« gerade in Deutschland nicht gut ankommen würde. »Am Ende«, sagt Plonka, »entscheidet das jüdische Kapital, wo investiert wird und wo nicht.« Dabei habe Os wiecim eine hervorragende Infrastruktur, viel besser als die meisten polnischen Städte. 93 Prozent der Haushalte seien an die Kanalisation angeschlossen, über 80 Prozent hätten Zentralheizung.
»Und schauen Sie sich nur unsere Lage an«, sagt Plonka, »hier ist Katowice, hier ist Kraków, wir liegen genau in der Mitte. Os wiecim war schon immer ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt.« Genau aus diesem Grund haben die Nazis das Lager Auschwitz neben die Stadt Os wiecim gestellt, wegen der guten Verkehrsanbindung.
Die Haberfelds können Auschwitz nicht vergessen, wo ihre Angehörigen ermordet wurden, aber auch Os wiecim nicht, wo die Familie bis 1939 »ganz normal gelebt« hat. Deswegen wollen sie ihr Haus retten und verschenken, zur Erinnerung an das Leben vor dem großen Sterben. Aber niemand will es haben.
Einer immerhin in Os wiecim hat die Haberfelds vor dem Vergessen bewahrt. In einer Siedlung am Stadtrand, die deswegen »Manhattan« genannt wird, weil sie aus sieben zehnstöckigen »Hochhäusern« besteht, lebt Miroslaw Ganobis, geboren 1970, gelernter Elektromonteur. Die Eltern seiner Mutter stammen aus Lemberg, und die Oma, erinnert er sich, »erzählte immer wieder von den jüdischen Nachbarn, die in derselben Straße gelebt haben«. Es muß doch, sagte sich Ganobis eines Tages, »auch in Os wiecim Juden gegeben haben, warum sind sie nicht mehr da?«
Und so machte er sich als 18jähriger auf die Spurensuche. Doch wo immer er anklopfte, wurde ihm »die Tür vor der Nase zugeschlagen«. Ganobis ließ nicht locker, verschaffte sich Zugang zu Kellern und Speichern, wühlte in alten Ablagen und stieß immer wieder auf einen Namen: Haberfeld.
Inzwischen ist er ein Experte für die Geschichte der Familie und des Unternehmens, das 135 Jahre lang Schnäpse und Liköre herstellte und in ganz Europa verkaufte. Er besitzt über 60 Originalflaschen aller Größen, an die 100 Etiketten der verschiedenen Likörsorten und einen Ordner mit Rechnungen, Briefen, Bauplänen, dazu Wandkalender der Firma, Plakate und Reklametafeln.
1991 nahm Ganobis einen Job in der ehemaligen Fabrik an, in der noch bis 1994 Bier und Limonade in Flaschen abgefüllt wurden, um auf dem Gelände nach weiteren Originalstücken zu suchen.
Alles ist sorgfältig verpackt und wartet nur darauf, von einem historischen Institut abgeholt zu werden. Ganobis möchte seine Sammlung für eine Ausstellung hergeben, am liebsten in Deutschland, denn dort, hat er gehört, »ist das Interesse an jüdischer Geschichte viel größer als in Polen«.