KRIMINALITÄT Eiskalt und dreist
Den Brummifahrern nahmen''s die Diebe im Schlaf. Irgendwann Anfang 1997 tauchten sie erstmals an niedersächsischen Autobahnraststätten auf, knackten die Kabinentüren abgestellter Laster und verschwanden, so schnell wie sie gekommen waren, wieder in der Nacht. Die einzigen Spuren, die sie hinterließen, waren ausgeplünderte Handschuhfächer und herausgetrennte Seitenscheiben.
Mittlerweile haben sich die flinken Gauner zu einer Landplage an deutschen Autobahnen und zum Alptraum der Polizei entwickelt. »In den letzten anderthalb Jahren haben wir in Niedersachsen rund 300 derartige Autoaufbrüche registriert«, schätzt der Osnabrücker Kriminaldirektor Ernst Hunsicker, 54. Der vermutete Gesamtschaden beträgt bislang 250 000 Mark.
Die Kollegen aus Nordrhein-Westfalen, Hessen und Baden-Württemberg melden einen ähnlichen Trend. Hunsicker: »Im gesamten Bundesgebiet dürften wir bereits über 1000 Fälle erfaßt haben. Die Dunkelziffer liegt wohl noch sehr viel höher.« Die Tendenz weist steil nach oben:
* In der Nacht zum 9. Januar wird an der Raststätte Grönegau der Fahrer eines niederländischen Sattelzuges ausgeraubt. Während der Fahrer schläft, lassen die Täter eine Geldbörse mit 250 Mark, 150 Gulden und Zlotys mitgehen;
* in der Nacht zum 5. März erleichtern Räuber in der Nähe der Raststätte Dammer Berge einen französischen Lkw-Fahrer, der in der Fahrerkabine schläft, um 200 Mark;
* am 4. August berichtet ein polnischer Lkw-Fahrer, er sei auf der Raststätte Lappwald bei Bad Helmstedt überfallen worden. Als er am Morgen aufwachte, fehlten 2000 Mark. Der Pole klagt zudem über Übelkeit und Kopfschmerzen - ein Indiz dafür, daß die Täter ein Betäubungsgas eingesetzt haben;
* allein Mitte Juni werden im Bereich Karlsruhe zwölf Einbrüche auf Tank- und Rastanlagen angezeigt.
Die Ganoven arbeiten offenbar europaweit. Aus Italien, Frankreich und den Niederlanden wurden ähnliche Attacken gemeldet. »In Holland hat man«, so Hunsicker, »schon 60 Fälle registriert.«
Nach Einschätzung der Fahnder handelt es sich bei der Serie um das Werk einer straff organisierten Bande aus dem Münsterland: Zu ihr sollen rund 50 Männer im Alter zwischen 20 und 40 Jahren gehören, die aus dem ehemaligen Jugoslawien stammen. Bis heute wurden die Kennzeichen von 35 verdächtigen Autos registriert.
»Es sind immer dieselben Personen, die der Polizei auffallen«, klagt Hauptkommissar Heinrich Schonhöft. Die Ermittler seien jedoch machtlos, da die Verdächtigen selten mehr als einen Schraubenzieher und gebogene Drähte bei sich führten, wenn sie kontrolliert würden. Schonhöft, Leiter der Osnabrücker Autobahnpolizei, schickt seine Leute jetzt häufi-
* Michendorf an der A10 bei Potsdam.
ger auf Streife. Dreimal wöchentlich machen sie Jagd auf die Autobahnpiraten und haben laut Eigenbilanz »jede Nacht einen Aufgriff«.
In Schonhöfts Revier sind die Überfälle zurückgegangen - die Täter haben ihre Aktionen in andere Regionen verlagert. Da Polizei-Arbeit Ländersache ist, gibt es noch keine bundesweite Koordinierung der Einsätze. Lediglich die niedersächsischen Bereiche Delmenhorst, Osnabrück, Ahlhorn und Lingen haben sich zu einem Fahndungsverbund zusammengeschlossen.
Die Vorgehensweise der mobilen Wegelagerer scheint einem bestimmten Muster zu folgen: Zuerst wird die Lage auf den Rastplätzen sondiert. Dann pirschen sich die Männer bevorzugt an abseits parkende Lastwagen, Wohnmobile oder Wohnwagen heran und betäuben die schlafenden Fahrer mit Äther, das durch die Fensterritzen gesprüht wird. Neuerdings setzt die Bande einen Blasenkatheter mit einer sehr feinen Einspritzdüse ein, die mühelos die Gummilitze jedes Wagenfensters durchstößt.
Der Rest ist Routine von wenigen Minuten: Mit einem Draht wird die Tür geöffnet und bevorzugt Geld, Scheckkarten und Handys mitgenommen. Ein Komplize macht sich dann mit der Beute davon.
Besonders abgesehen haben es die Diebe auf Lkw mit ausländischem Kennzeichen. »Die Täter«, vermutet Hunsicker, »gehen wohl davon aus, daß Ausländer sich schwerer damit tun, hier eine Anzeige zu erstatten.« Hunsickers Leute haben ein Flugblatt verfaßt, das auf Rasthöfen verteilt wird. »Bei verdächtigen Beobachtungen verständigen Sie bitte sofort die Polizei«, heißt es da auf deutsch, englisch und russisch. Daneben steht der gute Rat: »Verschließen Sie die Fenster.«
Daß den 50 Räubern damit beizukommen ist, glaubt auch der Osnabrücker Kriminaldirektor nicht. »Die sind polizeifest«, weiß Hunsicker, »eiskalt und dreist.«
* Michendorf an der A10 bei Potsdam.