MUSICALS Cats und Koteletts
Für 212 Mark bekommen die Kunden der Firma Hafermann-Reisen aus Witten einiges geboten: vom Ruhrgebiet mit dem Bus nach Hamburg, Abendvorstellung im Musical »Cats«, danach Reeperbahn-Bummel, ein Essen in der Kneipe »Das Herz von Sankt Pauli« und schließlich die Übernachtung im Mittelklassehotel »Forte«.
Trotz Tiefstpreisen ist die Nachfrage nach solchen Trips »rückläufig«, berichtet der Reiseveranstalter, der sich auf Musical-Tourismus spezialisiert hat. Die Zeiten sind vorbei, in denen der Marktführer Stella AG die Tickets 18 Monate im voraus verkaufte, zu Höchstpreisen von 180 Mark.
Die deutschen Hilton-Hotels haben schon vor einiger Zeit ihre zentrale Vermarktungsstelle für Musical-Reisen aufgegeben, die Queens-Gruppe trommelt nicht mehr so laut für ihr Angebot »Musical & Queens-Hotels« (Übernachtung in Verbindung mit einer Musical-Karte ab 99 Mark): Das Interesse, begründet die Hotelkette, sei »geringer als früher«.
»Musicals haben einen gewissen Zenit erreicht«, glaubt auch der Hamburger Freizeitforscher Horst Opaschowski. Die Kapazitäten verdoppelten sich in den letzten vier Jahren und wachsen sogar weiter (siehe Grafik), scharenweise ziehen singende Theatertrupps durchs Land. Ihnen fehlt nur eins: ausreichend Publikum.
Allein in Hamburg laufen neben den drei Dauermusicals »Cats«, »Das Phantom der Oper« und »Buddy« derzeit drei weitere tägliche Aufführungen: »West Side Story«, »Let's twist« und »Freak out«. Im vergangenen Jahr hatten Musical-Touristen in Hamburg gut 500 000 Übernachtungen gebucht.
In diesem Jahr sind die Säle nicht mehr so leicht zu füllen. Das merkt vor allem Stella, die mit dem Betrieb von sieben Musicals - darunter Rennern wie »Starlight Express« und »Miss Saigon« - eine dominante Stellung in der Branche hält.
Der frühere Stella-Eigentümer Rolf Deyhle hatte noch im März einen Auslastungsgrad um 95 Prozent verkündet. Inzwischen korrigierte Stella die Zahlen: Im Jahr 1997 waren 86,4 Prozent aller Plätze belegt, im ersten Halbjahr dieses Jahres fiel die Auslastung auf 83,7 Prozent.
Auch diese Angaben werden von manchen bezweifelt. »In keiner Branche wird mehr gelogen als im Musical-Geschäft«, sagt Egbert Miebach, der als Geschäftsführer der Buddy KG in Hamburg ein Stück über den verstorbenen Rockstar aufführen läßt. Die Zahl der verkauften »Buddy«-Karten hütet Miebach als Betriebsgeheimnis. Er versichert nur, daß er »schwarze Zahlen« schreibe.
»Stagnation auf hohem Niveau«, kommentiert der Stella-Vorstandsvorsitzende Günter Irmler die Lage. Trotzdem will er in diesem Jahr 3,8 Millionen Karten verkaufen, 300 000 mehr als im Vorjahr.
Mit immer neuen Marketing-Kniffen versucht er, die Tickets loszuschlagen. So wollte Irmler die Telefongesellschaft Otelo für den Kartenverkauf einspannen. Stella würde von der Telekom zu Otelo wechseln, lockte er, wenn Otelo 40 000 Tickets im Wert von vier Millionen Mark übernehme. Otelo lehnte ab.
Im Juli und August verramschte Irmler 20 000 Eintrittskarten an den Lebensmittelfilialisten Spar. Der hat damit ein Preisausschreiben veranstaltet: Die Gewinner - Teilnahmekarten in den Spar-Läden - bekamen zwei Tickets für ein Stella-Musical nach Wahl.
Allerdings brachte der Deal keine Mark in die Firmenkasse von Stella. Der Lebensmittelkonzern bekam die Karten umsonst; er mußte als Gegenleistung im Juli und August in seinen Supermärkten und in Zeitungsanzeigen - neben dem Kotelett für 7,99 Mark pro Kilo - auf die Musicals hinweisen.
Im Mai und Juni lief das Geschäft nicht überragend. Vorletzte Woche bekamen die knapp 40 Anleger, die vor zwölf Jahren etliche Millionen Mark in die Produktion von »Cats« gesteckt hatten, die übliche Zwei-Monats-Abrechnung, und plötzlich gab es lange Gesichter: Im Mai und Juni spielte »Cats« einen Verlust von 593 283 Mark ein. In früheren Jahren strichen die Geldgeber alle zwei Monate über eine halbe Million Mark Gewinn ein.
»Man wird kein volles Haus mehr kriegen«, glaubt »Buddy«-Macher Miebach. Dienstag, Mittwoch und Donnerstag seien »schwere Tage geworden«, da sind Karten für 170 Mark nicht mehr abzusetzen. So kommen Jugendliche schon für 35 Mark zu »Buddy«. Konkurrent Irmler vermarktet über das Deutsche Jugendherbergswerk Karten für 26,50 Mark.
Seit 1996 wird die Branche von Pleiten heimgesucht. Der Superstar der Musical-Zunft, der britische Komponist Andrew Lloyd Webber, scheiterte mit seiner 18-Millionen-Mark-Produktion von »Sunset Boulevard« in Niedernhausen bei Wiesbaden. In Offenbach war die Rockoper »Tommy« nach 13 Monaten am Ende; in Köln wurde »Gaudi« eingestellt, in Mönchengladbach »Gambler«. In Berlin floppten nacheinander »Shakespeare & Rock'n'Roll« und »Space Dream«.
»Schamlos billig und primitiv« seien die Musicals in der Hauptstadt, schimpfte die »Berliner Zeitung«; der »taz« mißfielen an »Gambler« unter anderem die »strunzdummen Texte«. Angelockt von üppigen Stella-Gewinnen, hatten Musical-Produzenten ein schnelles Geschäft gewittert und für drittklassige Aufführungen Karten in dreistelliger Preislage verlangt.
Unverdrossen bereitet der Stella-Chef die nächsten Produktionen vor, zwei für viel Geld erworbene Walt-Disney-Lizenzen: Im Mai nächsten Jahres soll in Berlin »Der Glöckner von Notre-Dame« starten, ein Jahr später in Frankfurt »Der König der Löwen« - ein Stück, von dem der entthronte Musical-König Deyhle noch vor wenigen Monaten schwärmte: »Das kann hundert Jahre laufen.«
Auch andere Veranstalter wollen expandieren. Vier Musical-Theater mit fast 6700 Plätzen sind allein 1999 geplant. Weil Duisburg, Bochum und Essen schon ein Musical haben, will zum Beispiel auch Oberhausen eins haben. Mit dem zunächst vorgesehenen Stück »Der Herr der Ringe« hat es nicht geklappt, nun verpflichtete die Stadt im Ruhrgebiet den Rocksänger Peter Maffay ("Über sieben Brücken mußt du geh'n") für das Musical »Tabaluga & Lilli«.
Maffay und ein Tochterunternehmen der Stadt Oberhausen sind Gesellschafter der Theatro Centro GmbH, die Investoren eine abenteuerliche Rendite von 29,74 Prozent verspricht. Axel Prümm, Chefredakteur des Branchendienstes »kapitalmarkt intern«, warnt die Anleger: Ein solches Beteiligungsangebot gehöre »in den Papierkorb«.
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Entwicklung des Musical-Marktes in Deutschland
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