»Wir transportieren nur Luft« - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 75 / 134

RUSSLAND »Wir transportieren nur Luft«

In St. Petersburg gehen die Lichter aus: Lebensmittelläden sind leer, viele Betriebe geben auf, Spitzenverdiener müssen sich in das graue Heer der Arbeitslosen einreihen.
• aus DER SPIEGEL 39/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Punkt zwölf, kaum ist der tägliche Kanonenschuß aus der alten Petersburger Festung verhallt, läßt Unternehmer Anatolij Bolotow die Maschine stoppen: Noch ein kurzes Zischen, eine Wolke aus Wasserdampf, dann spuckt die altersschwache Presse in der Mitte der Werkhalle zum letztenmal vier Kubikmeter weißen Schaumstoff aus, ein Würfel Polystyrol.

Bolotow ist am Ende. Mit neun Mann, einem alten Ofen und der in Belorußland erbettelten Presse hat er zwei Jahre lang in einem Schuppen am Stadtrand Wärmedämmplatten produziert. Jetzt sind die Jutesäcke mit den Schaumstoffkügelchen leer, und mit Nachschub ist nicht zu rechnen, denn nach dem Rubelkollaps vor fünf Wochen hat Bolotows Bank sämtliche Überweisungen an die Lieferanten eingestellt.

Bolotows in Dollar angelegte Krisenreserve ist aufgebraucht. Kredit geben die St. Petersburger Bankhäuser schon seit Wochen nicht mehr, sie kämpfen ums eigene Überleben. Doch selbst wenn er Geld bekäme - der Preis des Granulats ist seit Beginn der Rubelkrise auf fast das Doppelte gestiegen, Bolotows Produkte sind zu solchen Preisen nicht mehr abzusetzen.

Zum drittenmal steht Bolotow am Abgrund. 1995 hat er durch die Pleite der örtlichen ABI-Bank 10 000 Dollar verloren. Zwei Jahre darauf büßte er rund das Vierfache ein, als die Mafia eine schon bezahlte Warenlieferung aus Finnland unterwegs raubte. Zweimal konnte er sich wieder sanieren. Aber jetzt ...

In den letzten 18 Monaten hat Bolotow nur noch gearbeitet, um 60 000 Dollar Zinsen zu zahlen - für einen Bankkredit, der halb so hoch war. »Es ist vorbei mit dem Unternehmertum«, sagt Bolotow. Er wird versuchen, die Maschinen und seinen schneeweißen Volvo zu verkaufen. Was danach kommt, das weiß er nicht. Zum erstenmal seit vielen Jahren ist Bolotow ratlos.

Gouverneur Wladimir Jakowlew sagt, Leute wie Bolotow seien gefährliche Panikmacher. St. Petersburg, die geistige Hauptstadt des neuen Rußland mit all ihrer leidvollen Kriegs- und Blockadeerfahrung, werde sich von der unverschuldeten Notlage nicht erschüttern lassen. Weder drohe eine Hungersnot noch eine Energiekrise, auch die Renten und die Gehälter der Stadtbediensteten würden weiterhin pünktlich gezahlt.

Um ein Zeichen zu setzen, hat Jakowlew, ganz wie seine Vorgänger zur Sowjetzeit, Schulklassen und Soldaten zum kollektiven Ernteeinsatz auf die Felder rund um St. Petersburg abkommandiert. Er ließ Eier, Zucker und Öl aus der Provinz herbeischaffen und zu Vorzugspreisen direkt vom Lastwagen herunter an die Bevölkerung verkaufen.

Lebensmitteltransporte in die umgekehrte Richtung dagegen stoppt die Polizei am Stadtrand. Das alles sieht nicht nach sicherer Versorgungslage aus.

Dem Einzelhandel hat Jakowlew eine Gewinnspanne von maximal 15 Prozent verordnet, um Spekulanten das Handwerk zu legen, wie es heißt. Die Bäckereien haben sich der Kommandowirtschaft aber nicht gebeugt und trotzdem die Brotpreise erhöht.

Die Medien sind angewiesen, die Bevölkerung ruhigzustellen, so gut es geht. In Streßzeiten, so warnt der populäre »St. Petersburger Anzeiger«, sei der Verstand zuweilen regelrecht blockiert und der Blick auf die Wirklichkeit drastisch eingeengt: »Glauben Sie keinen Gerüchten, fassen Sie vor allem keine voreiligen Beschlüsse, lassen Sie sich zu keinen Hamsterkäufen hinreißen.«

Die Warnungen kommen zu spät. Die Russen und speziell die St. Petersburger wissen aus Erfahrung, daß sie in schlechten Zeiten auf sich allein gestellt sind und von der Obrigkeit keinerlei Hilfe erwarten können. Das Volk hat mit seinen letzten Rubel die Regale der billigeren Lebensmittelgeschäfte leergeräumt.

Es ist nicht mehr strittig: In St. Petersburg gehen die Lichter aus. Der prachtvolle Newski-Prospekt, die Flaniermeile zwischen Moskauer Bahnhof und Admiralität, hat nach außen hin zwar seine Eleganz bewahrt. Doch hinter den pompösen Jugendstilfassaden der Bankhäuser, Handelskontore und Boutiquen regiert die Panik.

Nach dem Zusammenbruch vieler Banken müssen sich Kaufleute, Fonds-Manager, Computerdesigner, Werbefachleute und Zeitungsmacher in das graue Heer der Arbeitslosen einreihen. St. Petersburger Privatfirmen haben bis zu 80 Prozent ihrer Mitarbeiter - von denen einige bis zu 5000 Dollar im Monat verdienen - entlassen oder für vorerst vier Monate in unbezahlten Urlaub geschickt.

Die mondänen Restaurants auf dem Boulevard sind leer. Die Vitrinen im Delikatessenladen der Gebrüder Jelissejew sind noch gut gefüllt, doch seit die 118-Gramm-Dose Astrachaner Kaviar 490 Rubel kostet - also eine durchschnittliche russische Monatsrente -, bleiben sogar die betuchten Stammkunden weg.

Die einzigen Etablissements, die von dem Währungsverfall profitieren, sind das Kasino »Premier« und der Hollywood-Club. Die Verlierer der letzten Wochen möchten an den Spieltischen das Blatt noch einmal wenden. Aber auch hier sind die Tage der feinen Lebensart gezählt.

»Kaufen Sie jetzt - wir halten den früheren Rubelkurs«, wirbt die Luxusboutique Disegni an ihren Schaufenstern. Die Baltiiskaja Gruppa, einer der größten Lebensmittelimporteure der Stadt, macht seit dem Crash wöchentlich 700 000 Mark Verlust. Marvel, die Computerfirma des schnieken Jungunternehmers Sergej Girdin (Jahresumsatz: 50 Millionen Dollar), sitzt auf Halden von Siemens- und IBM-Rechnern.

Die Reisebüros werben für Butterfahrten nach Kotka, der ersten finnischen Stadt hinter der nahen Grenze. »Das geht bestenfalls noch einen Monat gut«, glaubt Wiktor Petrow, Vizepräsident der Firma Solwex Tournee. Dann ist das Geld alle.

Der Zwei-Wochen-Trip nach Zypern war im August bei Solwex Tournee noch für 9000 Rubel zu haben. Jetzt kostet er das Doppelte.

Doch nach Urlaub steht sowieso kaum jemandem der Sinn. Die Agentur habe die Charterflüge nach Spanien, Sizilien und an die Côte d'Azur auf Wochen im voraus bezahlen müssen, barmt Petrow, »dabei transportieren wir nur noch Luft«.

Überall Untergangsstimmung. Der Ökonom Jewgenij Lebedew, 27, hat mit seinem Bruder Jurij in den Ruinen einer Metallfabrik an der Rybinsker Straße einen Baumarkt nach westlichem Muster gegründet. Seine Firma besitzt Läden in noch 20 weiteren russischen Großstädten.

Das Geschäft lief jahrelang bombig. Als der Rubel einbrach, hatte Lebedew gerade eine Bahnladung deutschen Gipskarton in Richtung Samara an der Wolga auf die Reise geschickt. Er ließ die Waggons unverzüglich stoppen und zurückbeordern. »Lieber noch einmal 18 000 Rubel pro Waggon für den Rücktransport an die Eisenbahn zahlen, als zehn Millionen Rubel aus Samara kassieren, die bei der Ankunft in St. Petersburg nur noch halb soviel oder weniger wert sind.«

Lebedew hat die Hälfte seiner 300 Mitarbeiter bereits entlassen. Seine ausländischen Lieferanten haben zwar zugesagt, ihm bei der Umschuldung zu helfen, doch es fehlt ihm langfristig an Kapital, um den Betrieb fortzuführen.

Daß die großen Containerterminals im Frachthafen plötzlich wie leergefegt und die früher notorisch verstopften Grenzübergänge nach Finnland über Nacht verwaist sind, das ist für Lebedew ein böses Omen: »St. Petersburg war immer Rußlands Fenster nach Westeuropa, jetzt ist das Fenster zugeschlagen.«

Der neue Unternehmerstand, so hatte Präsident Boris Jelzin noch im Frühjahr frohgemut in Moskau erklärt, sei der Motor der neuen Wirtschaft, »die Grundlage für Rußlands Stabilität« und das »sicherste Bollwerk gegen alle revolutionären Erschütterungen«. Wenn das so stimmt, dann ist es um Rußlands Zukunft schlecht bestellt.

Zuverlässiges Signal für kommendes Ungemach: Viele jüdische Unternehmer haben ihre Läden und Firmen - zum Teil zu Ramschpreisen - verkauft, um sich ins Ausland abzusetzen. Der Regierungswechsel in Moskau sei »wie die ersten Monate des Revolutionsjahres 1917«, menetekelt ein bekannter Kaufmann, »die Roten werden uns wieder an den Kragen gehen«.

Der akademische Teil der St. Petersburger Mittelschicht dagegen fühlt sich indes unter der neuen Moskauer Führung ganz gut aufgehoben. Die alte Intelligenzija, die sich unter den Jelzin-Reformern verarmt und zu Proletariern herabgestuft fühlte, sieht in dem neuen Ministerpräsidenten, dem Professor Jewgenij Primakow, einen der Ihren.

Die Bildungsbürger bewerten den Premier nach ihren eigenen Kriterien. »Endlich ein Regierungschef, der ein sauberes und vornehmes Russisch spricht«, sagt Galina Ossinskaja, Abteilungsleiterin im Russischen Museum. Sie hofft, daß die klassischen architektonischen Schönheiten von St. Petersburg, die seit der Wende doch sichtbar verkommen sind, wieder die Förderung erfahren werden, die sie früher mal bekamen.

Sonst hat sie angeblich keine Sorgen. »Ich mache es wie unser Vater. 1941, bei Ausbruch des Krieges, haben die St. Petersburger Nudeln, Salz und Zucker gehortet, nur mein Vater nicht. Als er sich endlich zum Einkauf entschloß, waren die Läden leer. Nur Schokolade war noch zu haben, die hat er dann komplett aufgekauft.« Auch jetzt gibt's noch Schokolade zu kaufen, nur doppelt so teuer wie vorher.

Zur Ausgabe
Artikel 75 / 134

Mehr lesen über