Menschen sind auch nur Pferde - DER SPIEGEL
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TIERE Menschen sind auch nur Pferde

Monty Roberts ist der Mann, der mit den Rössern spricht - wie im neuen Film vom »Pferdeflüsterer«. Auf seine sanfte Tour hat er wilde Pferde gezähmt und seelenkranke Gäule geheilt. Nun will der berühmteste Cowboy der Welt auch den Menschen helfen.
• aus DER SPIEGEL 39/1998
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Sanft streichelt der breitschultrige Reiter seinem Pferd über den Hals. »Braver Dually«, flüstert er ihm ins Ohr. Der braune, muskulöse Wallach schnaubt zufrieden ab. Über verbranntes Gras galoppieren sie in den Sonnenuntergang.

Plötzlich stoppt der Mann sein Pferd. Er streckt den rechten Arm aus und zählt ab, wie viele seiner Finger zwischen Sonnenscheibe und Horizont passen. »Nach meiner Cowboyuhr«, murmelt er, »wird es in 20 Minuten dunkel, wir müssen uns beeilen.«

»Schnitt!« ruft der Kameramann. »Könnten wir die letzte Szene noch einmal wiederholen?« Wortlos wendet der Reiter ab, den Hügel runter. Jetzt spielt er die Marlboro-Rolle perfekt, nur die glühende Zigarette fehlt. Die Fernsehleute aus Germany sind zufrieden: »Danke, Monty, es reicht.«

Monty Roberts steigt erschöpft vom Pferd. Sein Rücken schmerzt. Er klopft sich den Staub von der Jeans und nimmt einen kräftigen Schluck Diät-Pepsi. »Das war mein vierter Fernsehauftritt heute«, stöhnt er, »ein ganz normaler Tag im Leben von Monty Roberts.«

Der 63jährige Kalifornier ist der berühmteste Cowboy der Welt. Seine Autobiographie hat sich bis jetzt rund zweimillionenmal verkauft, in 13 Sprachen wurde das Buch übersetzt. Seit über einem Jahr stehen seine Erinnerungen auf der Bestsellerliste der »New York Times«, fast ebensolang auch auf der des SPIEGEL.

Er ist der Mann, »der mit den Pferden spricht«. Wie Hexerei wirken auf Laien seine Trainingsmethoden, mit denen er - ohne jede Gewalt - selbst wilde Pferde zähmt. Auch vor aggressiven Pferden, die sich nach übler Behandlung in Bestien verwandelt haben, hat er keine Angst. Viele solcher Tiere hat er schon geheilt.

Die sanfte Tour kommt an. Sich mit der gequälten Kreatur zu versöhnen ist offenbar ein tiefes Bedürfnis des naturentfrem-

deten Zivilisationsmenschen. Sonst hätte

auch Greenpeace nicht einen solchen Wal-Erfolg.

Der Roberts-Rummel trägt fast schon religiöse Züge. Wie eine Mischung aus Pop-Star und Erweckungsprediger reist er durch die Lande. Vor Tausenden von Fans demonstriert er seine Dompteurnummern - und überschreitet auch schon mal die Grenze zum Gauklertum.

Ein heißer Augustabend in Denver, Colorado. An die 4000 Besucher schwitzen in der städtischen Reitarena. Monty Roberts läuft auf und ab, macht Lockerungs- und Atemübungen. Zwei junge Pferde will er nacheinander einreiten, jedes in weniger als 30 Minuten.

Doch die beiden Rösser sind zu abgelenkt, sie spielen nicht richtig mit. Das eine buckelt den Reiter ab; das andere wühlt im Sand nach Grashalmen. Aber Entertainer Roberts läßt im Publikum keine Irritationen aufkommen: »Sie haben heute etwas Einmaliges erlebt.« Dann herzt er seine Frau Pat, mit der er seit über 40 Jahren verheiratet ist - Riesenbeifall. Manche Zuschauer himmeln ihn an, als wäre er soeben übers Wasser gelaufen. Fehlt nur noch die Taufe mit Pferdeurin.

Bei einem Auftritt Anfang September im englischen Frensham klappt es besser. Roberts soll ein Problem-Pferd behandeln. Seit der 17jährige Fuchswallach sich bei einem Verkehrsunfall im Pferdeanhänger schwer verletzt hat, kriegt er jedesmal die Panik, wenn er verladen werden soll. In aller Ruhe läßt Roberts das Tier so lange abwechselnd zwei Schritte vor und zwei Schritte zurücktreten, bis es ihm gelangweilt in den Anhänger folgt.

Die Farm des Wunderheilers, zwei Autostunden nördlich von Los Angeles im Santa-Ynes-Tal gelegen, ist längst zu einer Art Wallfahrtsort geworden. Neuerdings trainiert der Pferdemann dort sogar Manager von Weltkonzernen.

Führungskräfte von Disney, AT&T oder General Motors waren schon da. Die Manager von VW Amerika kamen gleich mit drei Bussen angereist. »Anfangs schauten wir uns nur gegenseitig an und fragten uns: Wo stehen die Cocktails?« erzählt Unternehmensanwalt Joseph Folz. Dann waren die Wirtschaftslenker aber doch sehr beeindruckt.

Neugierig guckten sie zu, wie die jungen Pferde Monty Roberts gehorchten, ohne daß er brüllte oder eine Peitsche schwang. »Ich zwinge sie zu nichts«, sprach der Pferdemann, »sondern schaffe eine Atmosphäre, in der sie für mich arbeiten wollen.«

Die Automanager hatten verstanden. Clive Warrilow, Chef von VW Amerika, ist inzwischen einer der größten Bewunderer von Roberts. »Unsere Unternehmenskultur basiert jetzt auf Ermutigung und nicht mehr auf Zwang«, erklärt Warrilow, »genau wie es Monty Roberts mit seinen Pferden vormacht.« Den Herren in der VW-Konzernzentrale in Wolfsburg ist diese Bekehrung allerdings eher peinlich.

Als die Führungskräfte von Ford zusahen, wie zärtlich Roberts mit den Rössern umging, kam es zu einem Zwischenfall. Fünf Ford-Frauen hatte die Vorführung so bewegt, daß sie in Ohnmacht fielen. Sie waren wohl, so wurde gleich geraunt, als Mädchen mißhandelt worden.

Auch als Sozialarbeiter der Nation ist der Cowboy mit dem melancholischen Gesichtsausdruck immer öfter gefragt. Schließlich sind Menschen auch nur Pferde. Jede Woche kriegt er 100 Briefe, darunter seitenlange Lebensbeichten. Junkies wollen von ihm wissen, wie sie von der Nadel wegkommen. Eßgestörte bitten um Rat. Lehrer möchten lernen, wie sie ihre Schüler besser motivieren können.

Mit viel Pathos erzählt Roberts die Geschichte von dem wettergegerbten Cowboy, der nach einer Vorführung in Memphis, Tennessee, zu ihm kam. Schluchzend habe der zerzauste Typ gestanden, daß er ständig seine kleinen Töchter schlage. Daraufhin habe er den weinenden Cowboy in den Arm genommen, eine Jugendfürsorgerin aus dem Publikum habe ihre Hilfe angeboten - alles wird gut.

»Gewalt ist niemals die richtige Antwort«, predigt Monty Roberts. »Ich glaube, daß meine Methode bei Menschen noch mehr helfen kann als bei Pferden.«

Gehen allmählich die Pferde mit ihm durch? Roberts genießt es geradezu, von einem Termin zum nächsten zu hetzen. Jeden Abend schluckt er Melatonin-Tabletten, damit er mit nur fünf Stunden Schlaf auskommt. »Das ist jetzt meine Stunde im Sonnenschein«, sagt er. »Fast mein ganzes Leben mußte ich meine Ideen vor anderen Menschen verstecken.«

Als er 1935 geboren wurde, arbeiteten seine Eltern auf einer Rodeoanlage in der kalifornischen Kleinstadt Salinas. Monty war ein Wunderknabe. Mit vier Jahren ritt er die schwierigsten Dressurmanöver und gewann sein erstes Turnier. Als Achtjähriger doubelte er Kinderstars in Hollywoodfilmen; anstelle der kleinen Liz Taylor ließ er sich in Mädchenkleidern vom Pferd fallen.

Doch dann wollte sein Vater Marvin Roberts einen richtigen Kerl aus ihm machen. Monty sollte lernen, wie man Pferde dazu bringt, hundertprozentig zu gehorchen - mit Gewalt und Härte.

Wie es bei den Cowboys damals üblich war, prügelte Montys Vater seine Pferde in die Unterwerfung. Beim Anreiten brach er ihren Willen. Zunächst wurden die jungen Pferde mit Stricken an Holzpfosten festgebunden. Dann schlug er mit Seilen und Säcken auf sie ein. Die Tiere gerieten in Panik, warfen sich vor und zurück, versuchten fortzulaufen und fielen dabei hin. Die Pferdefolter dauerte Tage, viele Tiere scheuerten sich blutig.

Dann wurden die Pferde gesattelt, ein Hinterbein hochgebunden. Wer bockte, wurde erst recht geschlagen. So humpelten sie durch die Reitbahn. Manche Tiere lagen schließlich, wie Pakete verschnürt, im Staub. Sie rührten sich nicht mehr. Jegliche Widerstandskraft in ihnen war erloschen. »Pferde sind gefährliche Maschinen, das darfst du niemals vergessen«, bekam Monty von seinem Alten eingebleut. »Wenn du ihnen nicht weh tust, tun sie dir weh.«

Doch Monty schreckte die Brutalität des Vaters ab. Der junge Roberts probierte einen anderen Weg. Er brachte ein paar rohe Pferde in einen Korral, beobachtete stundenlang ihr Verhalten. Langsam versuchte er, ihr Vertrauen zu gewinnen. Nach drei Tagen hatte er einen Wallach dazu gebracht, ihm überall hin zu folgen. Dann sattelte Monty ihn. Das Pferd blieb friedlich wie ein Lamm.

Voller Stolz demonstrierte Monty seinem Vater, was ihm gelungen war. Aber der bekam einen Wutanfall. »Was habe ich da bloß in die Welt gesetzt?« brüllte er, nahm sich eine Stahlkette und ließ sie auf seinen Sohn niedersausen. Monty verlor vor Schmerz fast das Bewußtsein.

Mit 14 reiste er in die Gebirgssteppe von Nevada, um für Pferderennen Mustangs zu fangen. Wochenlang beobachtete er, umgeben von Pumas und Klapperschlangen, in welcher Weise die wilden Pferde miteinander kommunizierten.

Einmal sah er gebannt zu, wie eine Leitstute einen Junghengst disziplinierte, der sich schlecht benommen hatte. Immer wieder vertrieb sie den Rabauken aus der Herde. »Für ein Fluchttier bedeutet das die Todesstrafe«, so Roberts. »Wer von seiner Herde getrennt wird, fällt den Raubtieren zum Opfer.« Erst nach Stunden ließ die Leitstute den Bösewicht zurückkehren - und schabte ihm über den Hals: »Nach dem Fegefeuer folgte der Himmel.«

Nach und nach glaubte Roberts die wichtigsten Vokabeln der Pferdesprache (die er »Equus« nannte) entschlüsselt zu haben. Zu Hause versuchte er, die Körper- sprache von Leitstuten nachzuahmen - mit verblüffendem Erfolg.

Doch als er anderen Pferdeleuten seine Experimente vorführte, wurde er ausgelacht oder als Betrüger beschimpft. Obwohl er auf Rodeos in den härtesten Prüfungen siegte (und sich dabei seinen Rücken ruinierte), hatte er bei den Cowboys seinen Ruf als Spinner und Softie weg. »Ich schwor mir, keinem Menschen mehr etwas von meinen neuen Ideen zu zeigen.«

Eisern hielt sich Monty Roberts, inzwischen ein erfolgreicher Trainer für Rennpferde, an seinen Schwur - bis sich 1988 die englische Königin bei ihm meldete. Irgend jemand hatte ihr von seinen Künsten geflüstert. Queen Elizabeth II. lud ihn auf Schloß Windsor ein.

Hundert geladene Gäste warteten gespannt auf seine Vorführung. In der Loge saß die königliche Familie. »Ich war so nervös wie noch nie«, erinnert sich Roberts. Als erstes wurde eine extrem scheue Vollblutstute hereingelassen. Ihre Augen waren vor Furcht weit aufgerissen. Knapp eine halbe Stunde später trug sie ihren ersten Reiter gelassen durch die Bahn. Die Windsors waren begeistert. »Das gehört zum Schönsten, was ich je in meinen Leben gesehen habe«, sprach die Königinmutter mit Tränen in den Augen. Spontan umarmte Roberts die alte Dame. Entsetzt stürmten ihre Leibwächter herbei.

Queen Elizabeth ließ für den Cowboy eine Tour durch Großbritannien organisieren. »Diese Auftritte brachten mir erstmals breite Anerkennung«, sagt er. An die 10 000 Pferde hat er bis heute auf seine sanfte Art zugeritten.

Was ist sein Geheimnis? Was hat er, was normale Reiter nicht haben? Was macht er anders? »Wir können die Pferde schlecht in die Schule schicken, um Englisch zu lernen«, meint Roberts. »Wir müssen uns schon bemühen, in ihrer Sprache zu sprechen. Das werde ich gleich tun.«

Diesmal will er zu Hause auf seiner Farm eine 18 Monate alte Vollblutstute anreiten, die bald ihr erstes Rennen laufen soll. Wie ein Zirkusdirektor in seiner Manege steht er in seinem »round pen«. Dabei handelt es sich um einen kreisrunden, tennisplatzgroßen Sandplatz, der von zweieinhalb Meter hohen Wänden umschlossen ist. Der round pen ähnelt einem überdimensionalen Holzfaß.

Felipe Castro, sein mexikanischer Helfer, führt die junge Stute herein. Ängstlich läuft sie herum, vor Aufregung schlägt sie mit dem Schweif. Roberts streichelt sie am Kopf. Dann weicht er ein paar Schritte zurück, richtet sich auf und schaut dem Tier streng in die Augen. Auf einmal hebt er seine Arme und spreizt seine Finger, die für das Pferd aussehen wie die Krallen einer Raubkatze.

Die Stute flieht erschrocken. Runde um Runde galoppiert sie um ihn herum. Mit einem Seil, das er in ihre Richtung schleudert, scheucht er sie weiter die Wand entlang. »Einen Puma hätte sie längst abgeschüttelt, aber ich bin immer noch da«, erklärt Roberts. »Jetzt muß sie sich was überlegen.«

Während sie weiter rennt, richtet sie ein Ohr auf den Mann in der Mitte. »Das ist das erste Zeichen des Respekts. Als nächstes wird sie anfangen zu kauen und sich das Maul zu lecken.« Eine Minute später fängt die Stute an zu kauen und sich das Maul zu lecken. »In ihrer Sprache sagt sie: Erlöse mich davon, weglaufen zu müssen, nimm mich in deine Herde auf. Gleich wird sie den Kopf senken.« Kurz darauf nimmt die Stute den Kopf herunter und bläst in den Sand vor ihren Hufen. »Jetzt sagt sie - bitte, sei mein Leittier.«

Nun ändert Monty Roberts seine Körperhaltung, schaut sie nicht mehr direkt an, wendet sich ab, senkt seine Arme, bleibt regungslos stehen. Die Stute stoppt ihren Lauf. Zögernd geht sie auf ihn zu. Langsam dreht er sich um und streichelt sie zwischen den Augen. Zufrieden trottet sie jetzt hinter ihm her, wie ein Schoßhund, der seinem Herrchen folgt.

»Sie hat sich mir angeschlossen, das ist wahrscheinlich der aufregendste Moment in ihrem bisherigen Leben«, verkündet Roberts. »Das Satteln ist jetzt nur noch eine Formalität.«

Mit seiner Technik hat Roberts sogar schon einen Mustanghengst angeritten - in der freien Wildbahn. Drei Tage und Nächte ritt er hinter dem Pferd her, ehe er dessen Vertrauen gewonnen hatte (oder das Tier, wie Spötter meinen, erschöpft aufgab). Ausführlich schildert er dieses Abenteuer in seinem neuen Buch, das Anfang Oktober in Deutschland erscheint*.

»Mit Hokuspokus hat das alles aber nichts zu tun, ich habe keine magischen

* Monty Roberts: »Shy Boy«. Gustav Lübbe Verlag, Bergisch Gladbach; 240 Seiten; 49,80 Mark. --- S.260

Fähigkeiten«, behauptet Roberts. »Ich war nur der erste Mensch, der ihre stumme Sprache verstanden hat. Aber auch jeder andere kann nach meiner Methode lernen, mit den Pferden zu kommunizieren.«

Ein solches Versprechen hilft sicher, den Verkauf der eigenen Lehrvideos anzukurbeln. Doch in Wahrheit kann keine Rede davon sein, daß Monty Roberts wirklich Dialoge mit Pferden führt. »Es ist leider eine herrliche Phantasie, zu glauben, die Pferde würden mit einem sprechen«, erklärt der Freiburger Ethologe Klaus Zeeb, der über 40 Jahre lang das Verhalten dieser Tiere erforscht hat.

Wenn ein Pferd etwa nach einigen Galopprunden den Kopf herunterstreckt, so ist das meist einfach nur ein Zeichen der Entspannung,. »Eine Unterlegenheitsgeste sieht völlig anders aus«, erklärt Zeeb, »im übrigen nehmen Pferde einem Menschen gegenüber ohnehin niemals eine Demutshaltung ein.«

Dennoch verhält sich Roberts intuitiv sehr geschickt. Indem er die Pferde abwechselnd forttreibt und dann wieder zu sich läßt, lernt er sehr genau die Reaktionen des einzelnen Tieres kennen. »Monty Roberts hat ein phänomenales Einfühlungsvermögen und gewinnt deshalb schnell das Vertrauen selbst eines scheuen oder mißtrauischen Tieres«, urteilt Zeeb. »Roberts Instinkt können seine Anhänger aber auch durch noch so viele Lehrgänge nicht lernen.«

Immerhin lobt der Verhaltensforscher Roberts für seine gewaltfreie Botschaft. »Im Gegensatz zu vielen Berufs- und Hobbyreitern«, so Zeeb, »hat er begriffen, daß man Pferden ohne Gewalt und Unterwerfung viel schneller etwas beibringen kann.«

Das wußte allerdings vor 2400 Jahren auch schon Xenophon, der Urvater aller Reitlehrer. »Was das Pferd gezwungen tut, das versteht es nicht«, brachte er seinen Schülern bei. »Es ist auch nicht schön, ebensowenig wie man einen Tänzer anpeitscht oder sporniert.«

Doch im rauhen Westen gerieten die Lehren des alten Griechen in Vergessenheit. Besonders in Amerika ist es bis heute noch weit verbreitet, Pferden auf grausame Weise den Willen zu brechen.

Besonders ärgert Roberts, daß eine solche Hau-drauf-Methode ausgerechnet in dem neuen Hollywood-Liebesfilm »Der Pferdeflüsterer« propagiert wird. Der fiktive Cowboy Tom Booker - gespielt von Robert Redford - soll ein wildgewordenes Pferd therapieren, das jegliches Vertrauen zu Menschen verloren hat. Zuerst versucht der Held es durch gutes Zureden. Als er damit nicht weiterkommt, fesselt und unterwirft er das Tier.

»Als hätte mein Vater Regie geführt«, schimpft Monty Roberts. »Dieser Film verbreitet eine furchtbare Botschaft« (siehe Seite 263).

Erst kürzlich hat Roberts ein Pferd kuriert, das mindestens ebenso durchgeknallt war wie in dem Redford-Film. Blushing ET war von seinem Besitzer extrem schlecht behandelt worden. Nun griff es ohne Vorwarnung mit gebleckten Zähnen an. Kaum noch jemand traute sich in seine Nähe. »Seine Gewalt entlud sich explosionsartig, es war gefährlich hoch zehn«, sagt Roberts.

Erst nach Tagen kam ihm die rettende Idee: Er näherte sich Blushing ET von einem Pferd aus - das war der Durchbruch. »Pferde, die von Männern am Boden mißhandelt wurden«, so Roberts, »reagieren ganz anders auf einen Mann zu Pferd.«

Einen seiner schwierigsten Fälle löste er in Deutschland. Dem Vollbluthengst Lomitas stand eine große Zukunft auf der Rennbahn bevor. Er hatte schon einige Galopprennen gewonnen, da trat Anfang 1991 ein Problem auf: Lomitas wollte nicht mehr in die Startbox. In Köln kam es zum Desaster: Zwölf Männer versuchten minutenlang, ihn in die Startbox zu bugsieren; Lomitas war stärker. Das Rennen begann ohne ihn. Hinterher wurde über den Hengst ein lebenslanges Startverbot verhängt.

Verzweifelt rief der (Anfang Juni verstorbene) Rennstallbesitzer Walther J. Jacobs ("Jacobs Kaffee") aus Bremen, dem der Hengst gehörte, den kalifornischen Pferdepsychologen um Hilfe. Der Kaffee-König hatte von Roberts Audienz bei der Queen erfahren. Noch heute erinnert sich Monty Roberts genau an seine erste Begegnung mit Lomitas: »Selten habe ich ein so selbstbewußtes und so perfekt gebautes Pferd gesehen.«

Innerhalb von einigen Stunden brachte er den Hengst dazu, ihm überall hin zu folgen - wenn es sein mußte, sogar in die unheimliche Startbox.

Das Startverbot wurde aufgehoben, zehn Tage später gewann Lomitas wieder ein Rennen. Am Ende der Saison war er das Pferd mit der bis dahin höchsten Gewinnsumme in der deutschen Rennsport-Geschichte. Walther Jacobs schloß mit Monty Roberts einen Exklusivvertrag ab. Alle paar Monate fliegt er seither nach Deutschland, um die jungen Jacobs-Rennpferde auszubilden.

Um Roberts eigene Vollblüter kümmert sich derweil Crawford Hall. Jeden Morgen ist der Mann in dem Elektrorollstuhl der erste auf der Anlage und fährt durch die Ställe. 1974 hat ihn ein junges Pferd abgeworfen, er brach sich das Genick. Monty Roberts machte den langjährigen Freund zum Trainingsleiter seiner Farm.

Aufmerksam sieht der Mann mit dem türkisblauen Anorak und dem hellen Sonnenhut zu, wie die Pferde mit ihren Jockeys über die Rennbahn jagen. Eine Reiterin versucht verzweifelt, ihren Hengst zu bremsen. »Soll sie ihn doch laufen lassen«, nuschelt Hall. »Wohin soll er schon fliehen? Rechts ist der Atlantik und links der Pazifik.« Das sagt er in solchen Fällen immer.

Der gelähmte Hall redet viel und gern. Auch darüber, was er an Monty Roberts am meisten bewundert. »Kein anderer kann sich so schnell auf ein neues Pferd einstellen wie er«, sagt er. »Setze ihn auf ein unbekanntes Tier. Innerhalb kürzester Zeit kennt er dessen Stärken und siegt auf Turnieren.«

Crawford Hall rollt über den Hof und begrüßt die ersten Monty-Touristen des Tages, darunter eine Familie aus Bayern und eine Heilpädagogin aus Tübingen. Klar, alle haben seine Autobiographie gelesen. Ihr Meister erscheint. Geduldig signiert er Bücher und T-Shirts.

Und dann gibt es noch eine Zugabe. Monty Roberts sattelt Dually. Der Wallach ist darauf trainiert, Rindviecher von ihrer Herde zu trennen. Monty ruft den kleinen Till aus Bayern in die Reitbahn: »Till, kannst du mal die Kuh spielen?«

Das Kind soll versuchen, seitwärts an dem Pferd vorbeizulaufen. Keine Chance. Wie ein genialer Torwart, der beim Elfmeter immer die richtige Ecke ahnt, hechtet Dually katzengleich nach links oder nach rechts und versperrt Till jedesmal den Weg.

Reiter Monty Roberts freut sich wie ein kleiner Junge beim Kriegenspielen. »Ich weiß ja auch nicht, ob es im Himmel Pferde gibt«, sagt er lächelnd. »Aber falls es dort keine gibt, will ich da gar nicht hin.«

Olaf Stampf

* Monty Roberts: »Shy Boy«. Gustav Lübbe Verlag,Bergisch Gladbach; 240 Seiten; 49,80 Mark.

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